Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Ich zuckte zusammen, denn jetzt wusste ich genau, wie sich das angefühlt hatte. Die bloße Schilderung ließ meine eigene Nase dröhnen. Ich zog sie hoch, betupfte sie vorsichtig mit dem Handrücken und schenkte mir Wein nach.
»Wie bist du entkommen?«
»Habe ihm die Muskete abgenommen und sie beide damit erschlagen.«
Er sprach ruhig und beinahe tonlos, doch seine Stimme hatte einen merkwürdigen Beiklang, der meinen Magen beklommen rumoren ließ. Er war noch zu frisch, dieser Anblick der Blutstropfen, die im Licht der Morgendämmerung in den Härchen auf seinem Arm glänzten. Zu frisch, dieser Unterton – was war es? Genugtuung? – in seiner Stimme.
Plötzlich war ich so unruhig, dass ich nicht mehr stillsitzen konnte. Sekunden zuvor war ich noch so erschöpft gewesen, dass es mir die Knochen erweichte; jetzt musste ich mich bewegen. Ich stand auf und beugte mich über die Fensterbank. Der Sturm war im Anmarsch; der Wind wurde stärker und wehte mir das frisch gewaschene Haar aus dem Gesicht, und in der Ferne blitzte es.
»Es tut mir leid, Sassenach«, sagte Jamie mit sorgenvoller Stimme. »Ich hätte es dir nicht erzählen sollen. Geht es dir so nahe?«
»Ob es mir nahegeht? Nein, nicht das.«
Meine Worte klangen ein wenig kurz angebunden. Warum hatte ich ihn nur ausgerechnet nach seiner Nase gefragt? Warum jetzt, wo ich doch jahrelang ganz zufrieden gelebt hatte, ohne es zu wissen?
»Was denn dann?«, fragte er leise.
Was mir naheging, war die Tatsache, dass der Wein seine Aufgabe, mich zu betäuben, wunderbar erledigt hatte; jetzt hatte ich die Wirkung ruiniert. Sämtliche Bilder der vergangenen Nacht waren wieder in meinem Kopf, in bunten Technicolorfarben getüncht durch jenen simplen Satz, dieses ach-so-sachliche: »Ich habe ihm die Muskete abgenommen und sie beide damit erschlagen.« Und sein unausgesprochenes Echo: Ich bin es, der für sie tötet.
Am liebsten hätte ich mich übergeben. Stattdessen trank ich noch mehr Wein, ohne ihn auch nur zu schmecken, schluckte ihn hinunter, so schnell ich konnte.
»Was mir nahegeht – nahegeht! Was für ein albernes Wort! Was mich absolut zum Wahnsinn treibt, ist die Tatsache, dass ich irgendjemand hätte sein können, irgendetwas – ein warmer Fleck mit weichen Stellen zum Drücken, der zufällig gerade da war – Gott, ich bin für sie nicht mehr gewesen als ein Loch!«
Ich schlug mit der Faust auf die Fensterbank; aufgebracht über den wirkungslosen, dumpfen Knall, ergriff ich meinen Becher und schleuderte ihn gegen die Wand.
»Mit Black Jack Randall war es anders, oder?«, wollte ich wissen. »Er wusste, wer du warst, nicht wahr? Er hat dich gesehen, als er dich benutzt hat – es wäre nicht dasselbe gewesen, wenn du irgendjemand gewesen wärst – er wollte dich.«
»Mein Gott, und du glaubst, das war besser?«, entfuhr es ihm, und er sah mich mit weit aufgerissenen Augen an.
Ich hielt keuchend inne, und mir war schwindelig.
»Nein.« Ich ließ mich auf den Hocker sinken und schloss die Augen. Ich spürte, wie sich das Zimmer um mich drehte, und sah bunte Lichter wie die Leuchten eines Karussells hinter meinen Augen. »Nein. Das glaube ich nicht. Ich glaube, dass Jack Randall ein perverser, verdammter, Eins-a-Soziopath war, und das – das –« Ich wedelte mit der Hand, denn mir fiel kein passendes Wort ein. »Das waren nur … Männer.«
Ich sprach das letzte Wort mit einer Verachtung aus, die selbst für mich deutlich war.
»Männer«, sagte Jamie, und seine Stimme klang seltsam.
»Männer«, sagte ich. Ich öffnete die Augen und sah ihn an. Meine Augen fühlten sich heiß an, und ich hatte das Gefühl, dass sie rot glühen mussten wie die eines Opossums im Fackelschein.
»Ich habe einen verdammten Weltkrieg überlebt«, sagte ich mit leiser, giftiger Stimme. »Ich habe ein Kind verloren. Ich habe zwei Ehemänner verloren. Ich habe mit einer Armee Hunger gelitten, bin zusammengeschlagen und verwundet worden, ich bin herumkommandiert, verraten, eingekerkert und überfallen worden!« Meine Stimme erhob sich, doch ich war nicht in der Lage, es zu verhindern. »Und jetzt soll ich daran zerbrechen, dass ein paar heruntergekommene Taugenichtse, die sich als Männer ausgeben, ihre widerwärtigen, kleinen Anhängsel zwischen meine Beine gesteckt und damit gewackelt haben?« Ich stand auf, packte die Kante des Waschtischs und kippte ihn um, so dass alles krachend durch das Zimmer flog – die Schüssel, der Krug und die brennende Kerze, die prompt erlosch.
»Nun, das werde ich nicht tun«, sagte ich ganz ruhig.
»Widerwärtige, kleine Anhängsel?«, sagte er und sah aus wie vom Donner gerührt.
»Nicht deins«, sagte ich. »An deinem hänge ich wirklich sehr.« Dann setzte ich mich und brach in Tränen aus.
Er legte die Arme um mich, langsam und sanft. Ich zuckte nicht zusammen und fuhr nicht zurück, und er drückte meinen Kopf an sich, um mir das feuchte, verworrene Haar zu glätten, in dessen Masse seine Finger hängenblieben.
»Himmel, du bist ein tapferes kleines Ding«, murmelte er.
»Nein«, sagte ich mit geschlossenen Augen. »Das bin ich nicht.« Ich packte seine Hand und hob sie an meine Lippen, strich blind mit meinem verletzten Mund über seine Fingerknöchel. Sie waren genauso blau und geschwollen wie die meinen; ich berührte mit der Zunge seine Haut und schmeckte Seife und Staub und das Silber der Kratzer und Risse – Spuren, die gesplitterte Zähne und Knochen hinterlassen hatten. Presste meine Finger auf die Adern unter der Haut von Handgelenk und Arm, weich und elastisch, und auf die festen Umrisse der Knochen darunter. Ich spürte die Zuflüsse zu den Adern und wünschte mir, ich könnte in seinen Blutstrom eindringen und mich davontragen lassen, aufgelöst und körperlos, Zuflucht finden in den dickwandigen Kammern seines Herzens. Doch das war unmöglich.
Ich ließ meine Hand in seinen Ärmel gleiten, ging auf Erkundungsreise, klammerte mich an ihn, machte mich aufs Neue mit seinem Körper vertraut. Ich berührte das Haar in seiner Achselhöhle und streichelte es, überrascht, wie weich es sich anfühlte.
»Weißt du«, sagte ich, »ich glaube nicht, dass ich dich da schon einmal berührt habe.«
»Nein, das glaube ich auch nicht«, sagte er mit einer Spur nervösen Lachens in der Stimme. »Daran würde ich mich erinnern. Oh!« Gänsehaut überzog die weiche Haut an dieser Stelle, und ich drückte meine Stirn an seine Brust.
»Das Schlimmste ist«, sagte ich in sein Hemd hinein, »dass ich sie gekannt habe. Jeden Einzelnen von ihnen. Und mich an sie erinnern werde. Und mich schuldig fühlen werde, weil sie tot sind, und zwar meinetwegen.«
»Nein«, sagte er leise, aber sehr bestimmt. »Sie sind meinetwegen tot, Sassenach. Und wegen ihrer eigenen Bosheit. Wenn es eine Schuld gibt, soll sie auf ihnen ruhen. Oder auf mir.«
»Nicht nur auf dir«, sagte ich, immer noch mit geschlossenen Augen. Es war dunkel hier und beruhigend. Ich konnte meine Stimme hören, entfernt, aber deutlich, und fragte mich dumpf, woher die Worte kamen. »Du bist Blut von meinem Blut, und Bein von meinem Bein. Das hast du gesagt. Was du tust, ruht auch auf mir.«
»Dann möge mich dein Schwur erlösen«, flüsterte er.
Er erhob mich und zog mich an sich wie ein Schneider, der ein Stück empfindliche, schwere Seide rafft – langsam, mit spitzen Fingern, Falte um Falte. Dann trug er mich durch das Zimmer und legte mich sanft auf das Bett, im Licht des flackernden Feuers.
Er hatte sanft sein wollen. Ganz sanft. Er hatte es sorgfältig geplant, sich über jeden Schritt des langen Heimwegs Gedanken gemacht. Sie war zersplittert; er musste bedacht vorgehen, sich Zeit lassen. Vorsichtig sein, wenn er die Scherben wieder zusammenfügte.
Und dann kam er zu ihr und stellte fest, dass sie sich keine Sanftheit wünschte, kein Umworbensein. Sie wünschte sich Direktheit. Abrupt und brutal. Wo sie zersplittert war, schnitt sie ihn mit ihren gezackten Kanten, rücksichtslos wie ein Betrunkener mit einer zerbrochenen Flasche.