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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Jamie. Frank. Randall. Dougal. Die Gesichter flackerten in meinem Kopf auf, die Namen schienen mir in den Ohren zu dröhnen. Meine Handflächen schwitzten, und ich klemmte sie mir unter die Arme und hielt mich selber fest, um das Beben des Schocks zum Stillstand zu bringen. Jamie würde Randall nicht sofort gegenübertreten; das war das Wichtigste. Mir blieb ein wenig Zeit zum Überlegen, zum vorbeugenden Eingreifen. Aber wie? Während ich es meinem Unterbewusstsein überließ, mit dieser Frage zu kämpfen, zwang ich mich, langsamer zu atmen, und richtete meine Aufmerksamkeit auf naheliegendere Dinge.

»Ich wiederhole«, sagte ich. Ich richtete mich auf und strich mir das Haar zurück. »Was machst du hier?«

Seine dunklen Augenbrauen fuhren in die Höhe.

»Brauche ich etwa einen Grund, um einen Verwandten zu besuchen?«

Meine Kehle schmeckte noch nach Galle, doch immerhin zitterten meine Hände nicht mehr.

»Unter den Umständen, ja«, sagte ich. Ich nahm Haltung an, ohne meine geöffneten Schnüre zu beachten, und griff nach der Brandykaraffe. Dougal war schneller. Er nahm ein Glas vom Tablett und schenkte einen Teelöffel ein. Dann sah er mich nachdenklich an und verdoppelte die Dosis.

»Danke«, sagte ich trocken und nahm das Glas entgegen.

»Umstände, wie? Und was für Umstände sollen das sein?« Er wartete weder Antwort noch Einladung ab, sondern schenkte sich in aller Ruhe ebenfalls etwas ein und hob das Glas beiläufig zum Salut. »Auf Seine Majestät.«

Ich spürte, wie sich mein Mund verzog. »König James, vermute ich?« Ich trank meinerseits einen kleinen Schluck und spürte, wie mir die scharfen aromatischen Dämpfe die Membranen hinter den Augen versengten. »Bedeutet die Tatsache, dass du in Paris bist, dass du Colum von deiner Denkweise überzeugt hast?« Denn Dougal MacKenzie mochte zwar Jakobit sein, doch es war sein Bruder Colum, der die MacKenzies von Leoch anführte. Da seine Beine durch eine entstellende Krankheit verkrüppelt waren, führte Colum seine Männer nicht mehr in den Kampf; Dougal war der Kriegshäuptling. Doch Dougal mochte noch so sehr ihr Anführer im Kampf sein; es stand in Colums Macht zu entscheiden, ob der Kampf überhaupt stattfand.

Dougal beachtete meine Frage nicht, und da er sein Glas geleert hatte, schenkte er sich unverzüglich nach. Diesmal kostete er den ersten Schluck aus, indem er ihn genüsslich durch seinen Mund gleiten ließ und sich beim Schlucken den letzten Tropfen von den Lippen leckte.

»Nicht schlecht«, sagte er. »Ich muss Colum etwas davon mitbringen. Er braucht etwas Kräftigeres als Wein, um nachts schlafen zu können.«

Das war tatsächlich eine indirekte Antwort auf meine Frage. Colums Zustand verschlechterte sich also. Da ihm die Krankheit, die seinen Körper verfallen ließ, ständig Schmerzen bereitete, hatte Colum früher abends mit Brandy vermischten Wein getrunken, um schlafen zu können. Jetzt brauchte er puren Brandy. Ich fragte mich, wie lange es noch dauern würde, bis er sich nur noch mit Opium helfen konnte.

Denn wenn das geschah, würde es das Ende seiner Regentschaft sein. Auch ohne körperliche Ressourcen herrschte er durch seine schiere Charakterstärke. Doch wenn Colums Verstand seine Kraft an den Schmerz und die Drogen verlor, würde der Clan einen neuen Anführer bekommen – Dougal.

Ich betrachtete ihn über den Rand meines Glases hinweg. Er erwiderte meinen Blick ohne jede Verlegenheit, ein schwaches Lächeln auf den breiten MacKenzie-Lippen. Sein Gesicht ähnelte dem seines Bruders – und dem seines Neffen –, kraftvoll und kühn modelliert mit breiten, hohen Wangenknochen und einer langen, geraden Nase wie eine Messerklinge.

Als Junge von achtzehn hatte er geschworen, seinen Bruder als Anführer zu unterstützen, und er hatte diesen Eid fast dreißig Jahre lang gehalten. Und er würde ihn halten, das wusste ich, bis zu dem Tag, an dem Colum starb oder sein Amt nicht länger ausüben konnte. Doch an diesem Tag würde sich der Mantel des Anführers auf seine Schultern senken, und die Männer des MacKenzie-Clans würden ihm folgen, wohin er sie führte – auch in Bonnie Prince Charlies Armee unter der schottischen Flagge und dem Banner König James’.

»Umstände?«, kam ich auf seine Frage von vorhin zurück. »Nun, man würde es wohl kaum als taktvoll bezeichnen, einen Mann zu besuchen, den man als tot aufgegeben hat und dessen Frau man zu verführen versucht hat.«

Typisch Dougal MacKenzie – er lachte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was diesen Mann aus der Fassung bringen konnte, aber ich hoffte sehr, dass ich dabei sein würde, wenn es irgendwann geschah.

»Verführung?«, sagte er und verzog belustigt die Lippen. »Ich habe dir die Ehe angeboten.«

»So wie ich es in Erinnerung habe, hast du mir eine Vergewaltigung angeboten«, zischte ich. Er hatte mir letzten Winter tatsächlich angeboten, mich zu heiraten – mit Gewalt –, nachdem er sich geweigert hatte, mir dabei zu helfen, Jamie aus dem Gefängnis von Wentworth zu retten. Sein Hauptmotiv war es zwar gewesen, Jamies Anwesen Lallybroch an sich zu bringen – welches nach Jamies Tod an mich gefallen wäre –, doch er hatte auch den Nebenwirkungen der Ehe nicht abgeneigt gegenübergestanden … darunter der freien Verfügung über meinen Körper.

»Was Jamie und das Gefängnis betrifft«, fuhr er fort und ignorierte mich wie üblich, »so schien es keine Möglichkeit zu geben, ihn da herauszuholen, und ich sah keinen Sinn darin, gute Männer bei einem aussichtslosen Versuch aufs Spiel zu setzen. Er wäre der Erste, der das verstanden hätte. Und es war meine Familienpflicht, seiner Frau meinen Schutz anzubieten, falls er starb. Ich war schließlich sein Ziehvater, nicht wahr?« Er legte den Kopf zurück und leerte sein Glas.

Ich trank meinerseits einen Schluck und schluckte hastig, um nicht loszuhusten. Der Alkohol brannte sich durch meine Kehle und meine Speiseröhre, während mir gleichzeitig die Hitze in die Wangen stieg. Er hatte recht; Jamie hatte ihm seinen Unwillen, in das Gefängnis von Wentworth einzubrechen, nicht vorgeworfen – er hatte ja auch nicht erwartet, dass ich es tun würde, und mir war es nur durch ein Wunder gelungen. Doch auch wenn ich Jamie kurz von Dougals Heiratsabsichten erzählt hatte, hatte ich nicht besonders betont, dass diese Absichten durchaus auch körperlicher Natur waren. Ich hatte schließlich nicht damit gerechnet, Dougal MacKenzie je wiederzusehen.

Ich wusste aus Erfahrung, dass er keine Gelegenheit ungenutzt ließ; da Jamie zum Galgen verurteilt war, hatte er nicht einmal die Vollstreckung der Strafe abgewartet, ehe er versuchte, meiner Person und meiner zu erwartenden Erbschaft habhaft zu werden. Wenn … nein – verbesserte ich mich –, sobald Colum starb oder unzurechnungsfähig wurde, würde Dougal innerhalb einer Woche das Kommando über den MacKenzie-Clan haben. Und wenn Charles Stuart die Unterstützung fand, nach der er suchte, würde Dougal zur Stelle sein. Er hatte schließlich Erfahrung damit, die Macht hinter dem Thron zu sein.

Ich leerte das Glas und überlegte. Colum hatte geschäftliche Interessen in Frankreich, vor allem Wein und Holz. Diese lieferten zweifellos den Anlass für Dougals Besuch, waren vielleicht sogar nach außen hin sein wichtigster Grund. Doch er hatte noch andere Gründe, dessen war ich mir sicher. Und die Tatsache, dass Prinz Charles Edward Stuart in der Stadt war, zählte mit großer Sicherheit dazu.

Eines musste man Dougal MacKenzie lassen – ein Zusammentreffen mit ihm regte den Denkprozess an, schon aufgrund der schieren Notwendigkeit, jederzeit ausknobeln zu müssen, was er eigentlich im Schilde führte. Inspiriert durch seine Gegenwart und einen anständigen Schluck portugiesischen Brandy, wurde mein Unterbewusstsein zur Brutstätte einer Idee.

»Nun, sei es, wie es wolle, ich bin jedenfalls froh, dass du hier bist«, sagte ich und stellte mein leeres Glas auf das Tablett zurück.

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