Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Du bist grausam. Solche Grausamkeiten sogar aufzuschreiben — das macht man einfach nicht.
Wenn ich mir die damaligen Briefe heute ansehe, finde ich sie vollkommen harmlos, beinah liebevoll. Sätze wie» du hältst mich immer noch an der Nabelschnur fest «oder» die Aggression, die du mir verbietest, wende ich gegen mich selbst «würde ich auch heute ohne weiteres unterschreiben. Wie wir aus der Krise herauskommen sollten, war nach diesem Mißerfolg vollkommen unklar. Einer von uns hätte sich natürlich umbringen können. Beim Phantasieren, wie ich es meinerseits am besten bewerkstelligen könnte, war ich beinah glücklich.
In dieser Zeit erfüllte ich mir einen meiner nächsten Lebensträume und wurde Hilfsschlosser in einer kleinen kommunalen Werkstatt. Wirklich erlöst fühlte ich mich durch die manuelle Arbeit nicht, gesprächiger wurde ich auch nicht, wenigstens war ich aber kaum zu Hause. Ich lernte schweißen, erwarb später sogar einen Schweißerpaß und war in meinem verstockten Inneren stolz, daß ich mir ein echtes Handwerk beibringen durfte. Die Arbeit mit Metall, das nicht so leicht zerbrach wie Holz und durch brutale Hammerschläge und andere Gewaltmaßnahmen formbarwar, entsprach mir ungemein. Wenn ein Bauteil sich durch Wärme verzogen hatte, Wellen schlug oder nicht rechtwinklig war, fummelte man nicht lange und machte aus dem Werkstück» keine Schweizer Uhr«- wie der Meister sagte. Man nahm einfach einen schweren Hammer und ging zu unserer zentral gelegenen, sieben Zentimeter dicken Stahlplatte. Dort wurde das Ding einfach mit Gewalt und ohne jeden Widerspruch GERICHTET. Ich liebte außerdem die Arbeit mit dem Winkelschleifer, und mir wird bis heute warm ums Herz, wenn ich den Geruch in die Nase bekomme, der sich beim glühenden Abrieb der Schleifscheiben ausbreitet.
Wenn ich nach Hause kam, gab es trotz meiner vielen handwerklichen Erlebnisse kaum etwas zu erzählen. Die Arbeit machte mich müde, und meine Mutter meinte, ich würde nicht nur Vitamine, sondern auch mehr Energie gebrauchen können. In meine Suppen schmiß sie deswegen immer einen Löffel Schweineschmalz. Gesprächiger machte mich das Schmalz leider auch nicht. Ich saß oft zusammengesackt an unserem Teilfamilientisch und wälzte lange den — den ganzen Tag gehegten — Vorsatz, eine Anekdote, eine Besonderheit oder überraschende Neuigkeit zum besten zu geben. Ich wollte, daß wir miteinander wieder lachten. In der Regel blieb es bei meinem stummen Wunsch und bei meinen Preßqualen. Ich war ein Mann des Metalls geworden, trotzdem war ich gleichzeitig das, was ich von früher nur allzugut kannte — klein Georg lieb zu Haus. Ein nettes Kind, fröhlich wie früher, war ich aber eindeutig nicht mehr. Mir blieb nichts anderes übrig, als auf ein Wunder zu warten. Zwischendurch freute ich mich über ganz winzige warme Gefühlssignale aus meinem Inneren, versuchte, auf kleinste Gleichgewichtsfunken zu achten, und redete mir ein, mich in einem etwas langgezogenen Inkubationsstadium zu befinden. In der angenehm schmuddeligen Werkstatt war ich mit der Realität fest verdrahtet, trotzdemwar mir klar, daß mich meine Hämmer, Winkelschleifer, Lederschürzen und Schweißbrillen als Menschen nicht wirklich voranbringen konnten. Mein kleines Land kam mir sowieso wie eine unsicher gelagerte, kippelige Metallplatte vor, ich war ein kleiner, darin eingenieteter Wurm, und was sich außerhalb meines begrenzten Horizonts in der großen Welt tat, war für mich absolut unerreichbar. Aber auch hinter den Rändern des kleinen tschechischen Kessels konnte es nicht einfach nur Glück geben, dachte ich. Erdbeben, Überflutungen, Vulkanausbrüche, Meteoriteneinschläge — und vieles mehr. Unmengen an Verzweiflungskeimlingen hockten überall auf der Welt geduldig wie Zecken, ganze Armeen davon warteten in stabilen Startlöchern auf ungeschützt-poröse Wirtsorganismen, jede Art von Unheil war jederzeit lieferbar — frei Haus, besonders für die Ärmsten unter den Geschwächten, versteht sich. Zusätzliche menschliche Begleit- und Normalkatastrophen — das Portemonnaie samt Personalausweis verloren! — , Morde, Schlangenbisse, Meniskusprobleme nicht mitgerechnet. Aber auch in meiner engen Hauptstadt war ich inzwischen so gut wie geliefert, hatte ich das Gefühl. Bei einem meiner nächtlichen Spaziergänge pöbelten mich einmal drei angetrunkene Frauen an.
— Den fotzen wir einfach ab! schrien sie mir nach. Renn doch nicht weg, Bürschchen, sag doch was.
Bloß nicht, schrie es in mir trotzig — in aller Stille sogar noch lauter als laut. Bloß nicht, hallte es in mir nach, laß das alles — DU HEILIGER HODENSACK-BIMBAM — nur ein Angsttraum sein. Ich bitte dich, mein lieber barmherziger Bimbam: Klapp' bloß nicht solche scheinbereiten Schenkel vor mir auf, gib meiner Welt doch nicht ein derartig MÖSENLOSES ARSCHGESICHT! Meine äußere Attraktivität sank bei Tageslicht so stark ab, daß ich in den Augen vieler Frauen immer öfter vollkommene Gleichgültigkeit erblicken konnte. Das war wirklich neu.Aufs Metall zu hauen reichte mir irgendwann nicht mehr. Ich war inzwischen körperlich etwas besser dran, wollte wieder Sport treiben — und entschied mich spontan für Karate. Bei Karate trainiert man die Schläge zwar ohne Ende, beim Kämpfen — also den regulären Kämpfen — schlägt man aber nicht zu, man tut sich also gegenseitig möglichst nicht weh. Mit dem schwarzbegürteten Meister meines Vereins hatte ich leider etwas Pech. Er war klein und hatte schwere Minderwertigkeitskomplexe, die sich ihm in sein sozialistisches Sadistengesicht fest eingeschrieben hatten. Ich beklagte mich aber nicht, lernte Karate damals eben so und nicht anders kennen. Außerdem ließen sich meine Mitkämpfer — wir alle befanden uns auf dem Weg zum fernöstlich Höheren — genauso widerspruchslos quälen wie ich. Jammern war während des Trainings verpönt, und Beschwerden waren sowieso nicht zugelassen — zu keinem Zeitpunkt, an keiner Stelle. Schmerzen in allen Schattierungen und aller Grade sollten dagegen als ein Segen hingenommen werden, und ich litt in dieser Zeit tatsächlich nicht ungern. Das, was sich unser Meister herausnahm, überstieg leider oft die physischen Widerstandsmöglichkeiten unserer Körper. Der Meister versuchte vielleicht, uns in eine märchenhafte Welt der» martial arts «zu entführen, mitten im Sozialismus ein Stück Mittelalter des alten abgeschotteten Japans aufblühen zu lassen, im Grunde befanden wir uns aber in seiner Folteroder zumindest Dekompensationskammer. Zu der verrohten Stimmung in der Stadt paßte unser pervertiertes Training allerdings einwandfrei. Daß in anderen Klubs und Vereinen kein vergleichbarer Terror herrschte, erfuhr ich erst später.
Der kleine breitschultrige Mann mochte keine Turnmatten — und fand es sowieso besser, wenn wir mit dem nackten Parkettboden in Kontakt traten. Wir mußten üben, hart auf den harten Boden zu fallen und dabei hart zu bleiben. Wir mußten dauernd die ganze Turnhallenlänge hin undher rollen, also in schneller Folge Rollen schlagen, noch eine, noch eine und noch eine — und wieder zurück. Regelmäßig und ausdauernd mußten wir außerdem spezielle Liegestütze trainieren, bei denen wir uns nur auf zwei Gelenke unserer Fäuste stützen durften — auf das des jeweiligen Zeige- und Mittelfingers. Danach wurden unsere Fäuste streng kontrolliert. Wer Druckstellen auch woanders hatte — sich also entlastet und geschummelt hatte — , mußte weitermachen, seinen Körper vor aller Augen bis zur totalen Entkräftung hochstemmen üben, was früher oder später zu einer lächerlichen Absackung führte. In der Regel mußte der Bestrafte am Ende jeder Hebung auf seinen schmerzenden Fäusten sogar noch einen kleinen Sprung vorführen, sich also kurz in die Luft hochfedern — und wieder genau auf den zwei abzuhärtenden Gelenken landen. Nach seinem finalen Kollaps gab es vorsichtshalber eine Endkontrolle.