Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #6
- Год: 2018
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Ein Hauch von Schnee und Asche: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
»Du musst fast verhungert sein. Soll ich dir etwas machen?«
»Nein. Ich meine … ja, bitte.« Jetzt, da seine restliche Schläfrigkeit von ihm abfiel, stellte er fest, dass er tatsächlich Hunger hatte. Seit ihrem Halt an dem Bach heute Morgen hatten sie nicht mehr angehalten, weil Jamie zu Hause sein wollte, bevor es dunkel wurde. Er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt etwas gegessen hatte, doch bis zu diesem Moment hatte er keinerlei Hunger verspürt.
Er fiel heißhungrig über das Brot, die Butter und die Marmelade her, die sie ihm brachte. Das Essen nahm seine ganze Konzentration in Anspruch, und es dauerte mehrere Minuten, bevor ihm beim Schlucken eines letzten butterigen, süßen Bissens der Gedanke kam zu fragen: »Wie geht es deiner Mutter?«
»Gut«, sagte sie und lieferte dabei eine gelungene Imitation von Claires steifster englischer Oberlippe. »Gut, wirklich.« Sie zog eine Grimasse, und er lachte, wenn auch leise mit einem automatischen Blick in Richtung des Bettchens.
»Und stimmt es?«
Brianna zog eine Augenbraue hoch und sah ihn an.
»Glaubst du das?«
»Nein«, räumte er ernüchtert ein. »Aber ich glaube nicht, dass sie es dir sagen wird, wenn es nicht so ist. Sie wird nicht wollen, dass du dir Sorgen machst.«
Als Antwort auf diese Vermutung stieß sie einen rüden Kehllaut aus. Dann drehte sie ihm den Rücken zu und hob den langen Schleier ihres Haars beiseite.
»Kannst du mir die Schnüre aufmachen?«
»Du hörst dich genau wie dein Vater an, wenn du dieses Geräusch machst – nur die Tonlage ist höher. Hast du das geübt?« Er löste die Schnüre und ließ dann impulsiv seine Hände in das offene Kleid gleiten, bis sie auf der Rundung ihrer warmen Hüften zu liegen kamen.
»Jeden Tag. Und du?« Sie lehnte sich mit dem Rücken an ihn, und seine Hände wanderten höher, bis sie wie automatisch ihre Brüste umfassten.
»Nein«, gab er zu. »Es tut weh.« Es war Claires Vorschlag gewesen – dass er versuchen sollte zu singen und höhere wie auch niedrigere Töne als sonst probierte, um eventuell seine Stimmbänder zu lockern und zumindest einen Teil seiner ursprünglichen Resonanz zurückzuerlangen.
»Feigling«, sagte sie, doch ihre Stimme war beinahe so sanft wie das Haar, das ihm über die Wange strich.
»Aye, das bin ich«, sagte er genauso leise. Es schmerzte tatsächlich, doch es war nicht der körperliche Schmerz, der ihm Probleme bereitete. Es war das Gefühl, ein Echo seiner alten Stimme in seinen Knochen zu spüren – ihrer Leichtigkeit und Kraft – und dann die rauhen Töne zu hören, die unter solchen Schwierigkeiten aus seiner Kehle drangen, krächzend, grunzend und quietschend. Wie ein Schwein, das an einer Krähe erstickt, dachte er verächtlich.
»Sie sind die Feiglinge«, sagte Brianna zwar leise, doch mit einem Hauch von Stahl in der Stimme. Sie spannte sich in seinen Armen ein wenig an. »Ihr Gesicht – ihr armes Gesicht! Wie konnten sie nur? Wie kann jemand so etwas tun?«
Plötzlich sah er Claire vor seinem inneren Auge, nackt am Ufer des Teiches, schweigend wie die Felsen, ihre Brüste blutüberströmt, weil sie sich gerade die Nase gerichtet hatte. Er wich zurück, riss seine Hände geradezu fort.
»Was?«, sagte Brianna erschrocken. »Was ist?«
»Nichts.« Er zog die Hände aus ihrem Kleid und trat einen Schritt zurück. »Ich – äh, haben wir vielleicht noch Milch?«
Sie warf ihm einen merkwürdigen Blick zu, ging jedoch in die angebaute Vorratskammer an der Rückseite des Hauses und holte einen Krug Milch. Er trank sie gierig und spürte ihre Augen auf sich, wachsam wie die einer Katze, während sie sich entkleidete und ihr Nachthemd anzog.
Sie setzte sich auf das Bett und begann, ihr Haar auszubürsten, bevor sie es für die Nacht einflocht. Einem Impuls folgend, streckte er die Hand aus und nahm ihr die Bürste ab. Ohne etwas zu sagen, fuhr er mit einer Hand durch ihr dichtes Haar, hob es hoch und strich es ihr aus dem Gesicht.
»Du bist wunderschön«, flüsterte er und spürte, wie ihm erneut die Tränen in die Augen stiegen.
»Du auch.« Sie legte die Hände auf seine Schultern und zog ihn langsam vor sich auf die Knie. Sie blickte ihm suchend in die Augen – und er tat sein Bestes, den Blick zu erwidern. Dann lächelte sie schwach und streckte die Hand aus, um das Band zu lösen, mit dem er seine Haare zusammengebunden hatte.
Sie fielen ihm als staubiges, schwarzes Gewirr auf die Schultern, das nach Verbranntem roch, nach altem Schweiß und Pferden. Er protestierte, als sie ihre Bürste nahm, doch sie ignorierte ihn und ließ ihn den Kopf über ihren Schoß beugen, während sie ihm Kiefernnadeln und Kletten aus den Haaren pickte und langsam die Knoten löste. Sein Kopf senkte sich weiter und weiter, und schließlich fand er sich mit der Stirn auf ihrem Schoß wieder und atmete ihren Geruch ganz aus der Nähe ein.
Er fühlte sich an mittelalterliche Gemälde erinnert, auf denen die Sünder mit gesenktem Kopf knieten und ihre Sünden beichteten und bereuten. Presbyterianer beichteten nicht im Knien – Katholiken taten es, dachte er, genauso, im Dunklen … anonym.
»Du hast mich gar nicht gefragt, was passiert ist«, flüsterte er schließlich in den Schatten zwischen ihren Oberschenkeln. »Hat dein Vater es dir erzählt?«
Er hörte sie Luft holen, doch ihre Stimme war ruhig, als sie antwortete.
»Nein.«
Mehr sagte sie nicht, und es war still im Zimmer bis auf das Geräusch der Bürste in seinem Haar und das zunehmende Rauschen des Windes draußen.
Wie mochte es Jamie ergehen?, fragte sich Roger plötzlich. Würde er es wirklich tun? Versuchen … Er scheute vor dem Gedanken zurück und war nicht in der Lage, ihn zu Ende zu denken. Sah stattdessen Claire vor sich, die aus der Morgendämmerung hervortrat, das Gesicht zu einer Maske geschwollen. Immer noch sie selbst, doch so isoliert wie ein ferner Planet, der im Begriff war, auf seiner Umlaufbahn in die äußeren Regionen des Weltraums aufzubrechen – wann mochte er wieder in Sicht kommen? Claire, die sich auf Jamies Drängen hin bückte, um die Toten zu berühren, um den Preis ihrer Ehre mit eigenen Augen zu sehen.
Es war nicht die Möglichkeit einer Schwangerschaft, dachte er plötzlich. Es war Angst – doch nicht davor. Es war Jamies Angst, sie zu verlieren – dass sie gehen und sich ohne ihn in das dunkle, einsame All aufschwingen würde, wenn er sie nicht irgendwie an sich binden konnte, sie an seiner Seite halten konnte. Doch Himmel, was für ein Risiko – wie konnte er es riskieren mit einer Frau, die so verstört war, so misshandelt worden war?
Wie konnte er nicht?
Brianna legte die Bürste hin, ließ aber eine Hand sanft auf seinem Kopf liegen und streichelte ihn. Er kannte diese Angst selbst nur zu gut – erinnerte sich an die Kluft, die einmal zwischen ihnen gelegen hatte, und den Mut, der nötig gewesen war, um sie zu überwinden. Um ihrer beider willen.
Er mochte ja in mancher Hinsicht ein Feigling sein – aber nicht in dieser.
»Brianna«, sagte er und spürte den Kloß in seinem Hals, die Narbe, die der Strick hinterlassen hatte. Sie hörte die Not in seiner Stimme und sah ihn an, als er den Kopf hob, bewegte die Hand auf sein Gesicht zu, und er ergriff sie, drückte ihre Handfläche an seine Wange und rieb sie darüber.
»Brianna«, sagte er noch einmal.
»Was? Was denn?« Ihre Stimme war leise, um das Kind nicht zu wecken, aber drängend.
»Brianna, wirst du mich anhören?«
»Das weißt du doch. Was ist denn?« Ihr Körper presste sich an ihn, wollte sich um ihn kümmern, und er begehrte ihren Trost so sehr, dass er sich am liebsten hier auf den Teppich vor dem Kamin gelegt und seinen Kopf zwischen ihren Brüsten vergraben hätte – doch jetzt noch nicht.
»Nur – hör dir an, was ich sagen muss. Und dann – bitte, Gott – sag mir, dass ich es richtig gemacht habe.« Sag mir, dass du mich immer noch liebst, meinte er, doch das konnte er nicht aussprechen.
»Du brauchst mir nichts zu sagen«, flüsterte sie. Ihre Augen waren dunkel und sanft, erfüllt von einer grenzenlosen Vergebung, die er sich noch nicht verdient hatte. Und irgendwo jenseits ihres Gesichts sah er ein anderes Augenpaar, das in betrunkener Verwirrung zu ihm aufstarrte, die sich abrupt in Angst verwandelte, als er zum Todesstoß ausholte.