Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Entsetzen lähmte ihn. Vor seinen Augen drehte sich alles, dann wurde es schwarz. Etwas sickerte durch seinen Kopf, zäh und schwer. Es kroch ihm durch den ganzen Körper, füllte seine Brust mit so stechender Kälte, dass ihm die Luft wegblieb.
»Na, was tust du jetzt?«, rief Arane Nill triumphierend zu. »Du liebst ihn doch, oder nicht? Ha! Wie erbärmlich!«
Lauernd schlich Arane um Scapa herum. Er stand reglos im Schnee. Seine Augen blinzelten.
»Na los doch, willst du den König von Korr töten? Hier steht er vor dir! Kannst du Scapa töten, Scapa, den du liebst?«
Nills Hand zitterte heftig. Schatten überzogen Scapas Gesicht. Seine Finger verkrampften sich, an seinem Hals traten die Adern hervor. Die dunkle Macht der Krone, sie durchströmte ihn ... Keuchend beugte er sich vor, als würde ihm die Last der Krone zu schwer, als zöge sie sich enger und immer enger um seinen Kopf. Zugleich zuckte ein verkrampftes, wahnsinniges Lächeln auf seinen Lippen. Was für eine Macht!
»Nein!«, japste er. Zitternd tastete er sich über die Brust.
»Scapa«, sagte Arane neben ihm. »Nimm ihr das Messer weg! Töte die Elfe!«
Mit steifen Schritten kam er auf Nill zu.
Sie stolperte zurück. »Nein«, flüsterte sie.
Er hörte nicht. Nill biss die Zähne so fest zusammen, dass es wehtat. Tränen stiegen ihr in die Augen.
»Deine Liebe, sie macht dich blind!«, schrie sie. »Du siehst nicht, was um dich geschieht, du willst nicht sehen!«
Scapa sagte nichts.
Hinter ihm lachte Arane. »Die Liebe macht wohl dich blind, Elfenbrut! Scapa hört nicht auf Elfen!«
Stumm schüttelte Nill den Kopf. Scapas Blick war kälter und hasserfüllter denn je. Nill hielt das magische Messer auf ihn gerichtet und wich mit jedem seiner Schritte weiter zurück.
»Töte sie!«, schrie Arane. »Töte sie! Bring mir den Steindorn! Bring ihn mir!«
Seine Hand schnellte vor und packte Nills Arm.
Nill entfuhr ein Schluchzen. »Nein!« Er riss ihr das steinerne Messer aus der Hand. Sein eigener Dolch fiel zu Boden. Und plötzlich sah sie, dass ihm Tränen in die leeren Augen stiegen.
Seine Lippen öffneten sich. Fast schien es, als husche ein Lächeln über sein Gesicht, als er durch sie hindurchblickte. »Es tut mir Leid, Nill.«
Er hob das glühende Messer und durchschnitt sich die Pulsadern.
Kein Schrei kam Nill über die Lippen. Kein Ton.
Nur ihre Augen weiteten sich und der Boden sank unter ihr fort.
Scapa strauchelte, dann knickten seine Knie ein und er fiel auf die Erde. Sanft saugte der Schnee das Blut auf, das ihm über den Arm strömte. Aus der Steinkrone quollen ölige Schatten und versickerten im Boden.
Nill stürzte neben ihn. Die Finsternis war aus seinem Gesicht gewichen. Es war weiß und klar wie der Himmel über ihm. Er rang nach Luft und seine Augen blickten, als sähe er etwas Riesiges auf sich zukommen. Nill berührte seine Wangen.
»Arane«, hauchte er. Sein Atem verdampfte über ihm. »Ara-Arane – jetzt bist du frei!« Und seine Züge entspannten sich und ein blasses Lächeln zog ihm über die Lippen.
Arane schrie. Sie taumelte auf Scapa zu und stieß Nill so heftig zur Seite, dass sie in den Schnee fiel.
»SCAPA!« Sie schlang die Hände um seinen Kopf und presste das weinende Gesicht an ihn. Ihre Finger schlossen sich um die Schnittwunde, aber das Blut strömte unaufhaltsam. »Nein, nein! SCAPA!« Der Boden begann zu beben. Nill merkte es nicht.
Betäubt sah sie zu, wie Arane aufschrie und sich an Scapa klammerte.
Von überall brachen Hirsche aus dem Wald. Einer von ihnen galoppierte an Nill vorbei und schnaubte sie an; sie wusste nun, dass er ihr gefolgt war und Verstärkung geholt hatte.
Die Hirsche preschten auf Arane zu. Sie blickte nicht auf. Ihre Hände schlossen sich um Scapas und sie umschlang seine Finger. Die Hirsche begruben sie unter ihren Hufen.
Nill sackte in die Knie. Alles verschwamm in einem dichten Tränenschleier.
Er war tot. Damit die Krone zerstört wurde.
Scapa ...
Als man die Königin fand, lag sie im aufgewühlten Schnee. Ihr Kleid war zerfetzt und ihr Haar umgab sie wie eine aufgehende Sonne. Trotz der Knochenbrüche und Wunden war ihr Gesicht von dem Frieden erfüllt, nach dem sie immer gesucht hatte. Ihre Hand schloss sich fest um die des Jungen, der die Krone trug. Auf seinen blutleeren Lippen lag ein Lächeln.
Elfenlied
Es war ein stiller Wintermorgen. Der Himmel war strahlend blau und keine Wolke zeigte sich. Hier und da schimmerte Sonnenlicht durch die Bäume und ließ die Schneedecken glitzern. Unweit des Elfendorfes spiegelte sich der Himmel auf dem See wider. An ferneren Ufern, wo hohes, verblichenes Schilf wucherte, überzog eine dünne Eisschicht das Wasser. Eine Schar Wildgänse erhob sich schnatternd und flog in einem Bogen über den See hinweg.
Die Elfen hatten ein Floß auf die Wasseroberfläche am Ufer geschoben. Getrocknete Kränze aus Ranken und Wurzelgeflecht schmückten die beiden Toten, die auf dem Floß lagen.
Es sah aus, als würden sie friedlich schlafen. Trotz der Verletzungen konnte man sehen, dass das tote Mädchen einmal schön gewesen war, und zwischen ihre Finger und die des Jungen, die einander umschlangen, hatte man eine getrocknete Mohnblume gesteckt.
Der König der Freien Elfen trat mit einer Fackel in das seichte Wasser. Die Wellen schwappten ihm bis zu den Knien, als er das Floß erreichte. Er drehte sich zu den Versammelten um: Es waren nicht viele Elfen anwesend, aber dafür standen ein paar Wildschweine und Hirsche am Ufer. Die Stämme der Wölfe und Gurmenen hatten sich längst wieder in ihre Heimat aufgemacht. Eine Weile schweifte der Blick des Königs über die Anwesenden. Dann begann er zu sprechen. »Lasst uns die Toten niemals vergessen. Ihre Taten waren ebenso schrecklich wie tragisch. Ihrer Verbundenheit wegen, die bis in den Tod gehalten hat, wollen wir die Verstorbenen nicht voneinander trennen. Was der eine zerstören wollte, hat der andere gerettet. Sie gehören zusammen.« Lorgios verstummte und drehte sich um. Leicht führte er die freie Hand an die Stirn und verneigte sich, dann setzte er das Floß in Brand und legte die Fackel auf das trockene Rankengeflecht. Augenblicklich flammten die Kränze auf, Nill bebte. Eine panische Verzweiflung stieg in ihr auf.
»Wartet«, sagte sie. Ihre Stimme war viel zu leise.
»Nein ... Wartet!«
Mit zitternden Knien lief sie auf das Wasser zu.
Das Floß war bereits weiter auf den See getrieben.
Sie kämpfte sich durch die eisige Kälte, bis sie die Flammen erreichte. Das Wasser stieg ihr bis zu den Oberschenkeln. Funken stoben ihr entgegen. Durch Feuer und Tränen hindurch konnte sie Scapa sehen.
Er konnte nicht tot sein! Er schlief ganz friedlich, er schlief doch bloß! Sein Gesicht verschwand in der flimmernden Hitze.
Nill zog einen Dolch aus dem Gürtel und nahm ihre Haare in die Hand. Durch die Menge der Elfen ging ein überraschtes Raunen, als sich Nill die Haare abschnitt: Niemand hatte von ihren Gefühlen gewusst. Niemand außer Kaveh.
Schluchzend warf Nill ihre Haare ins Feuer. Sie kringelten sich zusammen und verglühten knisternd.
Das Floß trieb davon. Die Hitze des Feuers wallte Nill ein letztes Mal entgegen, ihr kurzes Haar flatterte ihr ums Gesicht. Immer höher stiegen die Flammen. Längst konnte man zwischen ihnen nichts mehr erkennen. Nill blieb im Wasser stehen und beobachtete, wie das Floß in Funken aufstob und verbrannte.
Nach dem Tod des Weißen Kindes hatte die Schlacht ein abruptes Ende gefunden. Die Grauen Krieger ließen ihre Waffen sinken und fielen auf die Knie. Sie weinten, weil sie frei waren, und sie weinten, weil die Krone Elrysjar und das magische Messer, die Krone Elyor, ihre Macht verloren hatten. Der größte Zauber des Elfenvolkes hatte sich aufgelöst und selbst zerstört, er war verraucht wie ein Geist und würde nie wieder zurückkehren.