Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Ihr Geister des Waldes, hört mich jetzt, wie ihr mich immer gehört habt! Ich brauche euch, hört mich! Bringt mich zum Weißen Kind. Bringt mich zur Königin! Wo ist sie? Ist sie in den Wäldern? Ist sie hier? Verratet es mir, sprecht mit mir, wie ihr es früher getan habt!«
Verzweifelt erinnerte sie sich an alle Ahnungen, die ihr in der Stille der Wälder je zugeflüstert worden waren. Sie sah den Hühnerstall vor sich, der vor fünf Jahren im Sturm von einer Birke zerschlagen worden war, und aus dem man die Hühner rechtzeitig hatte retten können. Sie erinnerte sich an die vom Regen überfluteten Felder, von denen sie Agwin schon vier Tage zuvor erzählt hatte. Sie erinnerte sich an Grenjo, Grenjo tausendmal, wie das Raunen des Waldes sie zu ihm geführt hatte. Sie sah ihn beim Fischen am Fluss, Hunderte von Metern vom Dorf entfernt. Sie lief ihm entgegen, als er abends aus den Wäldern heimkehrte, und verfehlte nie die Richtung, aus der er auftauchte.
»Sprecht mit mir, ihr Geister!«, hauchte Nill.
Der Wind wisperte weit über ihr im Geäst. Die Zweige der Fichten und Tannen strichen rauschend vor und zurück. Nill senkte die Stirn gegen den warmen Steindorn und blieb reglos auf der Erde knien.
Ihr Atem ging ruhiger. Der Wald breitete seine Stille über ihr aus wie weite, weiche Schwingen. Nill versank darin, wie sie es unzählige Male getan hatte, und glitt davon. Sie antwortete den Bäumen, wie sie es ebenfalls ihr ganzes Leben lang getan hatte. Doch nun war sie sich dessen das erste Mal bewusst. Bitte, flüsterte sie in Gedanken. Führt mich zum Weißen Kind.
Und die Wälder hauchten: Hier ...
Sie hatten auf einer kleinen Lichtung Halt gemacht.
Rings um Arane und Scapa stieg der Boden an, sodass sie wie in einer großen Mulde versteckt waren. Die Erde war durchädert von den Wurzeln der mächtigen Tannen, die sich rauschend und knarrend um sie schlossen.
Sie hatten das rote Stoffdach hinter sich gelassen.
Arane hatte auch ihre Leibgarde zurückgeschickt.
Nach dem, was mit König Ileofres geschehen war, schien jede Furcht von ihr abgefallen zu sein. Die Krone Elrysjar machte sie unverwundbar, das hatte sie heute selbst gesehen. Sie hätte sich inmitten des Schlachtgetümmels zu erkennen geben können, ohne um ihr Leben fürchten zu müssen! Jeder, der sie anzugreifen wagte, würde verbrennen.
»Es ist so schön hier«, sagte Arane in die schneidend kalte Luft und drehte sich langsam im Kreis.
Der Saum ihres Kleides schleifte über den Schnee.
Ihre Pferde standen etwas abseits auf der Lichtung und schnaubten ungläubig über die plötzliche Stille nach ihrer Hetzjagd durch die Wälder.
Arane atmete tief ein. »Hier werden wir unser Nachtlager aufschlagen. Und morgen früh gehört das Reich der Dunklen Wälder mir.«
Scapa saß im Schnee. Sie waren lange durch die Wälder galoppiert, um diesen verborgenen Ort zu finden, und im Gegensatz zu Arane hatte er bei jedem Pfeil und jedem Krieger, an dem sie vorbeigeprescht waren, um sein Leben fürchten müssen. Aber jetzt, jetzt hatte er merkwürdiger Weise gar keine Angst mehr.
Er ließ sich rücklings in den dünnen Schnee sinken. Über ihm flimmerte es weiß vor fallenden Flocken. Die Tannenspitzen wogten vor und zurück, als könnten sie jeden Augenblick auf ihn niederstürzen.
Doch das taten sie nicht. Sie drohten bloß und unternahmen nichts. Es blieb ganz still ...
Arane stand über ihm. Sie sah auf ihn herab, doch sie lächelte nicht. Sehr nachdenklich wirkte sie und hatte jenen dunklen Blick, vor dem sich Scapa schon so oft erschreckt hatte. Aber er sagte nichts und auch Arane schwieg. Die Stille dieses Wintertages, der vorgetäuschte Frieden waren zu vollkommen.
Zögernd blieb Nill stehen. In der einen Hand hielt sie den Steindorn, mit der anderen zog sie ihr Kurzschwert.
Vor ihnen lag ein verlassenes Schlachtfeld. Weißrote Fahnen und schlichte Banner der Freien Elfen ragten schräg aus den Trümmern und flatterten zerfetzt im Wind. Rauchsäulen stiegen hier und da aus der Erde, Feuer brannten, wo flammende Pfeile eingeschlagen hatten.
Nill sah ein letztes Mal in die dunklen Augen des Hirsches. Sie dankte ihm stumm und neigte leicht den Kopf, so wie die Elfen es taten. »Ab jetzt komme ich allein zurecht. Ich stehe in deiner Schuld.« Der Hirsch schien zu verstehen. Er schnaubte, sein Atem wölkte Nill entgegen, und in einer anmutigen Geste warf er das Geweih in die Höhe. Dann wandte sich Nill dem Schlachtfeld zu.
Tote übersäten den Boden. Nills Atem ging flach, als sie an der Zerstörung vorbeiging. Ihre Füße setzten knirschend auf dem gefrorenen Boden auf. Heulend strich der Wind über das Feld. Der zerfetzte Mantel eines toten Elfs flatterte auf.
Nill tauchte in den Wald ein. Augenblicklich wurde das kalte Tageslicht gedämpft, unruhige Schatten wogten über sie hinweg. Der Steindorn in ihrer Hand verströmte eine pulsierende Wärme. Rings um Nill, aus den uralten Baumstämmen, pochten flüsternde Stimmen ... Sie zogen Nill vorwärts, weiter, weiter voran, und ihre Füße bewegten sich wie von selbst.
Später hätte Nill nicht mehr sagen können, wie lange sie durch die Wälder schritt. Es war, als schwebe sie dahin, und kein Geräusch erreichte sie mehr.
Nur einmal drang ferner Schlachtlärm zu ihr heran. Sie änderte abrupt ihre Richtung und die Stimmen des Waldes zogen sie an unsichtbaren Strängen weiter. Vor ihr erschienen finstere Tannen. Die Zweige rauschten im Wind wie Fächer. Nills Herz schlug schneller. In ihrer Hand glühte der Steindorn. Er hatte sich vorne zugespitzt wie ein scharfer Reißzahn.
Scapa sah sie zuerst. Der Schreck zog ihm die Muskeln zusammen, er stand auf und stellte sich neben Arane. Über der Lichtung war eine Gestalt erschienen. Ihre Haare flatterten im Wind. Sie hielt ein Kurzschwert in der einen Hand und in der anderen den Steindorn.
»Wen haben wir denn da?«, sagte Arane. Augenblicklich trat sie hinter Scapa und spähte an seiner Schulter vorbei auf Nill.
Mit langsamen Schritten kam sie näher. Zehn Meter trennten sie von einander.
Scapa spürte, wie Arane hinter ihm schneller atmete. Er zog nach kurzem Zögern seinen Dolch hervor.
Nill blieb stehen. Ihr Gesicht war reglos.
»Na so was, der kleine Elfenbastard!«, zischte Arane. Als Nill sie vorsichtig umrundete, ging auch Arane um Scapa herum, damit Nill ihr nie direkt gegenüberstand. »Du bist wirklich hartnäckiger als Unkraut.«
Nill schluckte. Kaum merklich hob sie das magische Messer. Sie starrte nur Arane an, nicht Scapa.
Ihn konnte sie nicht ansehen.
»Ich warne dich, verschwinde!« Aranes Stimme hallte durch die klare Luft. »Sonst lasse ich dich töten, hörst du?«
Nills Wimpern flatterten. »Du bist ja noch fast ein Kind.«
»Und was bist du, dreckige Elfenbrut?«, höhnte die Königin.
»Ich«, sagte Nill langsam, »bin die Trägerin des magischen Messers.« Und sie hob es hoch und richtete es auf das Weiße Kind. Aranes Finger gruben sich fest in Scapas Schultern.
»Ich werde dich umbringen«, hauchte Nill. Das Kurzschwert glitt ihr aus den Fingern, es fiel dumpf in den Schnee. Mit stockenden Schritten kam sie auf Arane zu.
»Tu was!«, keuchte sie Scapa ins Ohr. »Töte sie! Töte die Elfe!«
Arane stolperte zurück und starrte Nill an; dann griffen ihre Hände nach der schwarzen Krone. Ihr Gesicht verzerrte sich vor Qual, als sie Elrysjar vom Kopf hob.
Fassungslos blieb Nill stehen. In zwei Schritten war Arane wieder bei Scapa. Plötzlich spürte er, wie das Gewicht der Krone auf seinen Kopf drückte: Arane hatte ihm Elrysjar aufgesetzt.