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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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— Was ist mit dir?

— Mir geht es nicht gut, bin bedrückt.

— So ein schönes Wetter, schade! Du brauchtest mehr Vitamine.

Mich konnte nur eines trösten: Wenn ich an so einem schönen Tag in der Stadt geblieben wäre, wäre nicht unbedingt meine Schrumpfbrust als Mittelpunkt meiner Sorgen dran, sondern eher mein unter Überdruck geratener Festkörperschädel. Ich tickte sowieso paradox: Wenn ich mich innerlich geschwächt fühlte, wurde automatisch mein gesamtes Inneres widersinnig produktiv. Ich wurde aus seelischen Schlammfängern und Fettabscheidern mit den unbekömmlichsten Substanzen versorgt und trotz der zwischengeschalteten Schieber und Rückstauklappen von gewaltigen Gefühls-Eruptaten belästigt. Vielleicht waren diese Vorgänge mondphasenabhängig, also weibisch, wer weiß. Ich wurde auf jeden Fall periodisch von schwer benennbaren Sensationen heimgesucht, für die ich irgendwann einen brauchbaren Behelfsbegriff gefunden hatte: DIE FISCHVERGIFTUNG. Ich fühlte mich regelmäßig fischvergiftet, ohne dafür verdorbenen oder überhaupt Fisch essen zu müssen. Da diese Benennung auf der sachlichen Ebene nicht vermittelbar war, benutzte ich sie nur intern für mich.

Meiner Mutter ging es bei unseren gelegentlichen Knödelessen auch nicht blendend. Ich sah ihr die Gerinnung ihrer anfänglichen Freude genau an. Sie wollte einen schönen Tag an der Seite ihres hoffnungsvollen Sohnes genießen, bekam aber nur ein gequältes Gegenüber zu sehen — und als Nachspeise noch eine unbegründete Kontaktsperre vorgesetzt. Ich wußte genau, daß sie neben mir ertrank. So wie es mir ging, hatte ich aber absolut keine Wahl — ich sah sie sinken und war darauf vorbereitet, sie untergehen zu lassen.Etwas in mir wollte sie sowieso endlich aus meinem Leben jagen. Sie jedenfalls an einen Punkt befördern, an dem es kein Zurück mehr gegeben hätte. Dazu gab es, wenn ich mir das reichhaltige Waffenarsenal vor Augen führte, das jede Küche, jeder Werkzeugkasten enthielt, unterwegs jeder Pflasterstein- oder Eisenschrotthaufen beherbergte, allerlei Möglichkeiten. Wie hätte mich meine Mutter im ersten Moment nur angesehen, wenn ich die griffbereite Speisegabel in meine Rechte genommen und ihre Hand plötzlich an die Tischplatte gegabelt hätte?

Theoretisch hätten wir uns auch umarmen und uns gegenseitig trösten können. Das lag aber weit außerhalb unserer eingeschnürten Welt. Wir konnten uns inzwischen nicht einmal leicht berühren. Ich erlebte sowieso gerade eine berührungsminimalistische Zeit, und meine Mutter war fast das letzte Wesen, das ich mit gutem Gefühl hätte hautnah spüren wollen. Manchmal ließ ich sie tagelang zappeln, sprach mit ihr möglichst nicht — oder sprach mit anderen Menschen und beachtete sie demonstrativ nicht — , bis sie plötzlich» grundlos «in Tränen ausbrach. Das passierte ihr einmal sogar im Beisein von Besuchern. Weil es für ihre Heulerei keinen sichtbaren Anlaß gab, schämte sie sich dafür und entschuldigte sich bei allen mehrmals — wirr und unlogisch.

In der Folgezeit nahm ich zweimal den Anlauf zu einem GESPRÄCH. Ich wollte erklären, daß es mit uns so nicht weiterginge. Kein leichtes Unterfangen: Man muß bedenken, daß es bei uns zu Hause nicht üblich war, Kontroversen auszutragen, und daß Menschen, die sich stritten und einander sogar wie primitive Grobiane angeiferten, aus tiefster Seele verachtet wurden. Wenn ich in fremder Umgebung erwachsene Menschen laut losschimpfen hörte, zuckte ich in Erwartung einer unvermeidlichen und garantiert vernichtenden Gewaltexplosion zusammen. Ich hatte es also niemals gelernt. Aussprachen als gesunde Reinigungsrituale zu betreiben. Jedes meiner hektisch angesetzten Klärungsgespräche mit meiner Mutter blieb daher in einem vollkommen hilflosen Stadium stecken.

Ich hatte mir einige wenige Sätze zurechtgelegt, mehr aber nicht. Was meinen Ausführungen fehlte, war in erster Linie eine ruhige Einleitung. Daran hätte sich eine lautere, von mir aus wütende Auseinandersetzung anschließen können. Ich war vor dem eigentlichen Start der Aktion aber leider so nervös geworden, daß ich — als Eröffnung sozusagen — sofort hochgereizt, angespannt loslegte und viel zu schnell sprach. Ich blubberte dabei vor inhaltlich unbegründeter, scheinbar nicht begründbarer Feindseligkeit.

— Laß mich mich sein, misch dich nicht… ich kann nicht dein ein und alles… du willst zu viel, ich kann nicht…

Auf mich selbst wurde ich natürlich genauso wütend, weil ich noch zusätzlich zu stottern begann. Meine Mutter erschrak über die geballte Ladung Lieblosigkeit, die sie von mir in dieser Form noch nie zu hören bekommen hatte.

— Was hast du bloß gegen mich, das ist furchtbar!

Da ich mich aber als schwach und unsicher präsentierte, deutete sich auf ihren Lippen bald so etwas wie ein leichtes Siegeslächeln. Und wenn sie mich auch nicht wirklich auslachte, wußte sie, daß der Boden für eine kleine Gegenoffensive reif war.

— Du hast keinen Grund, mit mir so häßlich zu sprechen. Sag es doch ruhig. Ich habe dir überhaupt nichts angetan.

Sie hatte nicht ganz unrecht, eine übergeordnete Wissende war sie trotzdem nicht. Vielleicht waren die Wände unserer Wohnung, unsere Schränke, Vorhänge, Wasserhähne oder unser dummhellblaues Linoleum im Flur schuld an allem. Oder die Wohnungsnot, die Gravitation, Magnetismus, Oberflächenkohäsion oder die stellenweise boshaft schwingende Erdkernenergie. Um vor Wut nicht zu platzen, kam ich irgendwann auf die rettende Idee, mit Fäusten gegen die Wände zu schlagen. Ich genoß den Schmerz, ichgenoß außerdem, welchen Aufprall meine Handgelenke ertragen konnten, ohne zu zersplittern. Weil ich nicht in der Lage war, meine Mutter mündlich in die Mangel zu nehmen, entwarf ich einige Briefe. Ich entwarf diese Schriftstücke ruhig und geduldig, überarbeitete sie mehrmals, am Ende waren sie so unaufgeregt, wie es mir nur möglich war. Und ich war fest davon überzeugt, der Inhalt der Schreiben würde meiner Mutter sofort einleuchten. Kurzzeitig hatte ich sogar die Hoffnung, wir würden uns schreibend näherkommen. Ich hatte mich gewaltig geirrt. Meine Mutter war schon von meinem ersten Brief, den ich als abgebbar und gut verdaulich eingestuft hatte, so verletzt, daß sie mir eine dreimonatige Schweigekur vorschlug.

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