Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Meine Zukunft gab es in dieser Zeit vorsichtshalber gar nicht. Ich war mit voller Wucht zu Hause angekommen, wohnte dort, wo ich die ganze Kindheit gewohnt hatte — trotzdem war nichts wie früher. In dieser Situation bekamen wir in der Wohnung einen Zuwachs — bei uns zog unverhofft Mutters langjähriger offizieller Liebhaber ein. Er war ein gebildeter und begabter Mann, er war Schriftsteller und ein guter Erzähler. Über manche privaten Dinge erzählte er aber auch meiner Mutter nichts. Wahrscheinlich dümpelte sein innereheliches Parallelleben auch noch weiter — irgendwo im Prager Normbereich. Bis zu dem aktuellen Haßausbruch seiner Gattin jedenfalls. Die seit Jahren Betrogene war inzwischen tablettenabhängig und trank. Trinken tat sie nur quartalsweise — dann aber richtig.
— Sie bewirft mich einfach mit Tassen und Tellern! Auf diesem Niveau spielt sich das jetzt ab bei uns! Soll sie die Teller auf den Boden schmeißen, wenn ich nicht zu Hause bin!
Daß sich in meiner Nähe ein zweiter erwachsener Mann aufhielt, bedeutete für mich eine aufregende Abwechslung. Im Gegensatz zu meinem Onkel handelte es sich um ein Wesen mit stark behaarten Armen und einem festen Händedruck. Meine Mutter und ihr Freund verstanden sich stundenweise ausgezeichnet, waren es aber absolut nicht gewohnt, miteinander in einer Wohnung auszukommen. Als meine Mutter dreckige Socken neben dem Telefon liegen sah, sagte sie nachdenklich:
— Nein, das geht nicht, so geht das nicht.
Nach Hause konnte sie ihren Liebsten trotzdem nicht schicken. Bald fing der Mann an zu jammern, daß er das und jenes im Fernsehen nicht sehen konnte, und enthüllte damit, wie brav er seine Abende zu Hause offenbar sonstzu verbringen gewohnt war. Ab und zu sah er beim Onkel fern, litt aber unter dessen Stimmungsdiktatur und seiner Sturheit. Die Schrankburg wollte er bald nicht mehr betreten. Den ganzen Abend mit meiner Mutter reden konnte er aber auch nicht — und zum Lesen mußte er angeblich allein im Raum sein.
Er fand eine exzellente Lösung. Er legte sich in die Badewanne, okkupierte das Bad für Stunden und las einfach dort. Und weil er kein abgekühltes Wasser mochte, zog er dauernd den Stöpsel heraus und ließ warmes Wasser nachlaufen. Die Badezimmertür war verschlossen, das Fenster zum Lichtschacht wie gewohnt auch. Und unser uralter, oft zündfauler Durchlauferhitzer verbrauchte nach und nach den nur begrenzt vorhandenen Sauerstoff.
In den Phasen des akuten Sauerstoffmangels verringerte sich wenigstens die Wahrscheinlichkeit, daß der Durchlauferhitzer aus Verpuffungsübermut explodierte. Die immer wieder erfolgenden Explosionen, bei denen meistens das Abzugsrohr abgeschossen wurde, waren für den jeweiligen Badenden auch nicht ungefährlich. Mutters Freund lag also eines Tages friedlich in der Wanne und atmete beim Lesen vor sich hin — und als aus den Wasserdämpfen die letzten Sauerstoffreste ausgebrannt und ausgeatmet waren, dafür aber der Kohlenmonoxidgehalt angestiegen war, fühlte der eingeweichte Mann plötzlich, daß sein Bewußtsein ihn im Stich lassen wollte. Er schaffte es, mit den letzten Kräften aufzustehen, sein Buch vor den Wassermassen zu retten und zwei Schritte in Richtung Flur zu tun. Dann fiel er gegen die milchverglaste Tür.
Was mir durch die Glastür entgegenfiel, war seltsam — ein trockenes Buch in den verkrampften Fingern einer verschwitzten Leiche. So etwas sieht man im Leben wirklich nicht oft. Der Mann versuchte noch kurz, durch die zersplitterte Scheibe weiterzukommen — instinktiv zum Sauerstoff hin. Zwischen uns schwankte sein trockenes, nochnicht blutbeflecktes Buch in der Luft. Ich stand still, mein behaarter Stiefvater näherte sich mir zentimeterweise, aber doch erfolglos weiter, rollte dabei mit den Augen. Er hatte mehrere böse Schnitte im Gesicht und an den Händen, sein Blut kolorierte die in die unteren Glasscheiben geätzten Rosen tatsächlich rot. Zum Glück hatte er sich bei seinem Stunt keine Schlagader verletzt.
Nachdem mein Neustiefvater aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wurde er als ein Leidender wieder zu Hause aufgenommen. Und ich wußte dank des schwadenschweren Vorfalls wenigstens, wie der Tod aussieht, wenn er versucht, einem eine Publikation aus dem Jenseits zu überreichen.
im schnellen takt glitten Vorschlaghämmer knapp an ihren köpfen vorbei
Der blutbesiegelte Todessprung blieb nicht ohne Folgen. Meine Mutter wandte sich noch mehr ihrem eigentlichen von ihr niemals zu trennenden Partner zu — also mir. Ich fand kein Abführmittel dagegen, kein Gegengift, ich wußte nicht, wie ich sie von ihrer animalischen Liebe abbringen sollte. Strenggenommen tat sie nichts wirklich Verbotenes. Nur punktuell sah sie ihr Liebesobjekt — also mich — etwas zu lange und zu intensiv an. Oft deutlich über das Zeitlimit hinaus. Das heißt über die Markierung, die einem der landesübliche Anstand vorgibt. Was dieses Übermaß an Glotzenmüssen angeht, waren wir beide zwar verwandte Seelen, ich betrieb diese Unsitte aber zu anderen Zwecken und alles andere als inzestuös. Sollte ich meiner Mutter bei ihren liebeschmelzigen Blickattacken ins Gesicht spucken? Das war unmöglich. Es wäre unangemessen, unhygienisch, ungut. Zwischen uns herrschte Frieden, ich hatte keinen greifbaren Grund, sie zu benetzen oder zu schlagen. Und weil zwischen uns Frieden herrschte, sprach auch nichts dagegen, miteinander ins Kino zu gehen, jemanden zu besuchen oder einen Ausflug zu unternehmen. Besonders unsere Ausflüge waren unvergeßlich. Sie waren fast ausnahmslos grausam.
Meine Mutter liebte die Natur ähnlich wie ich, wünschte sich, ins Grüne allerdings so bequem wie möglich zu gelangen. Sie hatte keine Lust, in der mittelböhmischen Hügellandschaft stundenlang in die Pedale zu treten, vor allem hatte sie aber Angst vor den vielen unaufmerksamen, aus Liebe zu derselben Hügellandschaft oft abgelenkten Autofahrern. Wir fuhren also mit der Straßenbahn zum Stadtrand, meistens stiegen wir aber auf dem Busbahnhof in einen nach Diesel und Getriebeöl stinkenden Bus und wurden bis zum Ort unserer Wunschträume durchgerüttelt und durchgeschüttelt. Wir gehörten dabei zu einer Gemeinschaft, die bei jeder Bremsung, bei jedem nicht sauber eingelegten Gang synchron zu einer ähnlichen Zuckung nach vorn oder hinten veranlaßt wurde. Unser ständiger Begleiter war dabei der brüllende Motor, der bei den RTO-Bussen von Skoda sichtbar neben dem Fahrer, im Grunde direkt vor uns im Großraum thronte — abgedeckt mit einer gewölbten, nur leicht gepolsterten Haube.
Meine Seele klumpte und würgte von Anfang an so extrem, daß die auf das Draußensein eingeplante Freude jedesmal nichts anderes als eine Totgeburt werden konnte. Egal, wie unbequem die Sitze im Bus waren, egal, wie schlimm wir zusätzlich in manchen Kurven hin und her geworfen oder in Schlaglöchern hochgeschleudert wurden, mir kam diese Art Unternehmung trotzdem unerträglich spießig vor. Ich wollte auf keinen Fall zu den schweigenden Langweilern und Bravlingen gezählt werden, die mit uns im Bus unterwegs waren. Wenn ich mit ihnen aber im gleichen Verkehrsmittel saß, in die gleiche Richtung fuhr und aus einer ähnlichen Plastikflasche trank, deren farbige Kappe einem als Becher diente, war ich einfach einer von ihnen.
Irgendwann stiegen meine Mutter und ich aus, und wir starteten unsere sportive Wanderung oder betraten die zu besichtigende Sehenswürdigkeit — eine Burgruine oder einen gepflegten Schloßgarten mit barocken Statuen. Da und dort gab es natürlich auch einigermaßen einladende Bierlokale. Wenn es schön war, konnte man irgendwo unter Bäumen sitzen und sich einreden, man wäre ein Teil dieser unanfechtbaren Idylle. Einmal saßen wir an einem malerischen Dorfplatz. Im Vorgarten der Kneipe saßen schon einige biertrinkende Genießer voller Vollkostvorfreude. Meine Mutter sah elegant aus, ich sah mit meinem zugewuchertenGesicht viel älter aus — so wirkten wir vielleicht wie ein nur leicht ungleichaltriges Paar. Das Wetter war optimal, und die prächtigen, früher offensichtlich reichen Gehöfte, die sich in Sichtweite befanden, waren erstaunlich gut erhalten. Wir hätten gelassen und glücklich sein können, trotzdem war es die Hölle. Die Bedrückung zwischen uns war so unmenschlich, daß ich — ausgerechnet auf diesem heilen Fleckchen der Dorfarchitektur — Lust hatte, augenblicklich zu verdunsten oder wenigstens wie ein zum Lokalkolorit passender Kuhfladen zu zerfließen. Mein Rippenkorb war wie zusammengeknebelt, mein Herz klopfte mir die ganze Zeit sowieso schon mit Wucht gegen die Luftröhre — und ich hatte bei jedem Atemzug zu tun, genügend Sauerstoff zu bekommen. Reden konnte ich deswegen kaum. Wir aßen Knödel, viel zu viele Knödel. Alle, die in dem Vorgarten saßen, aßen ebenfalls Knödel. Und das, was ich nach und nach einzeln schluckte, waren verformte kleine Schluckknödel. Sie rutschten viel zu langsam in Richtung meiner sich nicht auftuenden — oder doch? — Magengeschwüre, und die bildliche Vorstellung, die ich mir von meinem nervösen Magen gemacht hatte, bremste die Knödelklumpen unterwegs noch zusätzlich. Ich bekam anschließend das Gefühl, mit lauter glitschigen Klumpen verfüllt zu sein — mit Stöpseln, die in mir als säurebeständige Bremsklötze noch lange steckenbleiben würden. Und sicherlich würde ich schon in der nahen Zukunft auch äußerlich zu einem typisch tschechischen Knödelmann mutieren. Ich spürte regelrecht, wie in mir das großknödelförmige Ekelpaket zu keimen und zu gären begann, und ich begriff, daß Pech und Unglück mich eines Tages — mich, das glückliche Kind — ohne weiteres in ein wutgemästetes Arschloch verwandeln könnten. Etwas Grundsätzliches lief in meinem Leben vollkommen falsch. Der aktuelle Kontrast zwischen meinen knödeligen Untergangsphantasien und der harmonischen dörflichen Umgebung war in seiner Intensität gefährlich.Andere Leben, auch das der wachdösenden und ergebenen Spießer um uns herum, schienen mit der Welt dagegen einigermaßen eins zu sein.