Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Da ich oft keine Lust hatte, mich zu rasieren, gab ich es bis auf weiteres auf. So wuchs mein Gesicht nach und nach zu, und ich sah innerhalb kurzer Zeit wie ein anderer Mensch aus. Meine Mutter brauchte mich irgendwann nicht mehr als ihren Rekonvaleszenzbegleiter, ich kam von ihr aber trotzdem nicht weg. Theoretisch hätte ich wieder in die Berge gehen können — meine Schreibmaschine, meine Kletterausrüstung, ein Teil meines Gepäcks und meine Gitarre waren immer noch dort — , ich fühlte mich dem Leben in den Bergen aber absolut nicht gewachsen.An manchen schönen Abenden wäre ich früher unbedingt in die Stadt gegangen, hätte mich mit jemandem verabredet — das alles kam jetzt nicht in Frage. Alle gaben mir sowieso direkt oder indirekt zu verstehen, daß ich zu Hause als Mann gebraucht wurde.
— Mein Tisch wackelt schon wieder der Abfluß — du weißt schon irgendwo unter dem Waschbecken tropft es, ich höre das…
Diese etwas hysterisch vorgetragenen Bitten waren im Flur an der Tagesordnung und inzwischen nur für mich bestimmt. Zu alledem hatte ich plötzlich keine Vorstellung davon, wofür ich in meinem Leben sonst noch zu gebrauchen war als für den Dienst an meiner Familie. Ich hätte meine Mutter, die tropfenden Wasserleitungen und meine menstruierenden Tanten nur verlassen können, wenn ich beispielsweise für eine Himalaja-Expedition geeignet gewesen wäre und man mich in die Mannschaft geholt hätte. Das Nachdenken über meine helle Zukunft hatte in meiner aktuellen Verfassung überhaupt keinen Sinn. Manchmal nahm ich meinen Schlafsack und verschwand nachts im Park. Solche kurzen Befreiungsversuche waren natürlich lächerlich. Die Gefahr, von der Polizei entdeckt oder von freigelassenen Hunden angegriffen zu werden, war außerdem groß. Es war sowieso schwer, einen sauberen und geschützten Schlafplatz zu finden. Im Park schlief ich meistens nur einige Stunden und kehrte in der Morgendämmerung wieder heim.
Ich war voller Verstockungen, erkannte mich selbst nicht wieder. Ich sprach plötzlich furchtbar undeutlich und mehr nach innen als nach außen. Daher verstand man mich akustisch immer schwerer. Auf der Straße wollte ich am liebsten niemandem begegnen, und wenn ich einen Bekannten traf, brachte es außer den artikulatorischen Qualen auch noch inhaltsbezogenen Streß mit sich. Ich mußte in Kurzform und vor allem schlüssig — also meinem vorausgesetzten intellektuellen Niveau entsprechend — erklären, wie es um meine weitere Lebensplanung stand. Am besten ging es mir noch in meinem Zimmer. Dort fühlte ich mich behütet und abgeschirmt, bekam aber auch dort Panik, wenn ich im Flur fremde Stimmen zu hören bekam. Ich wollte keine Menschen, ich wollte nur noch Musik hören, ich wollte stumm bleiben dürfen und in meinem Kopf Töne speichern.
Daß ich im Zimmer meiner Großmutter wohnte, paßte mir seit meiner Rückkehr immer weniger. Der einzige, der sich mal getraut hatte, mich wegen dieses engen Zusammenlebens anzusprechen, war der Freund unserer Familie Ludvik Vaculik. In seiner entwaffnenden Direktheit, für die er allgemein bekannt war, fragte er mich einmaclass="underline"
— Ist das nicht seltsam, mit der eigenen Großmutter in einem Zimmer zu schlafen? Wie ist das? Wie kommt ihr miteinander aus?
In seinen Reden, Reportagen und auch in seinem Manifest»2000 Worte «sprach er die Dinge ähnlich direkt an, und er ging in seinen späteren Texten — den Feuilletons und in seinem Traumbuch — mit sich selbst und anderen Menschen nicht viel anders um. Der Schriftsteller Jifi Grusa benahm sich schon damals ausgesprochen diplomatisch. Als ich einmal eine Platte mit alter spanischer Musik — für Vihuela und eine Tenorstimme — aufgelegt hatte, klopfte er bei mir an und interessierte sich nicht für meine Wohnsituation und die zwei weit voneinander stehenden Betten, sondern nur für meine Schallplatte.
— Sechzehntes Jahrhundert, unglaublich.
In Prag zu einer eigenen Wohnung zu kommen war bei der herrschenden Wohnungsnot fast unmöglich. Anders unmöglich erschien mir die Vorstellung, Dana nur aus praktischen Gründen wieder zu begehren und mich in ihrem Tierheim einzuquartieren. Ich wollte nicht einmal, daß sie mich in meiner aktuellen Abbauphase zu sehen bekam. Und inweichem Pflegezustand sie sich gerade befand, wußte ich ungefähr. Der Tantenrat machte sich schon länger Sorgen um sie.
Meine Mutter war einmal auf die Idee gekommen, mich bei einer Wohnungsgenossenschaft anzumelden und dort auch einen Grundbetrag einzuzahlen. Dieser Mitgliedsbeitrag war aber angesichts des herrschenden Raummangels und der florierenden Bestechungswirtschaft lächerlich. Sogar beim einvernehmlichen Wohnungstausch mußte derjenige, der sich vergrößern wollte, heimlich vereinbarte Unsummen an den Tauschpartner zahlen — im voraus und in bar, versteht sich. Zu einer Wohnung wäre ich, so wie ich geschaffen und finanziell ausgestattet war, nie gekommen. Die Vegetiergemeinschaft der drei alten Männer, in der ich vor zwei Jahren untergekommen war, gab es sicher noch, das war für mich aber keine Alternative. Auch wenn der nächste Mitbewohner mit Rattengift beseitigt worden sein sollte.
Ich war voller ungeklärter Ängste, mein Herz klopfte grundlos, schwer und ausdauernd. Ich hatte niemanden, dem ich das, was in mir los war, hätte beichten können. Aber ich wußte sowieso nicht, worüber ich hätte reden sollen. Über solche Dinge wie grundloses Herzklopfen sprach man in Prag nicht. Mein ängstliches Herz klopfte besonders stark, wenn ich auf der Straße eine Frau sah, die meiner Mutter ähnelte. Dummerweise sah ich meine Mutter phasenweise recht oft. Die geringsten Merkmale, die mich an sie erinnerten, reichten mir schon — etwas an der Kleidung, an der Kopfhaltung, am Gang. Irgendwann gestand ich mir, daß ich sie haßte, vergaß diesen explosionsartig hochgeschossenen Gedanken aber sofort wieder. Er war zu absurd. Mit meinem Leben versöhnten mich kurzfristig nur meine langen Fahrradfahrten. Wenn Dana zu uns zu Besuch kommen sollte, versuchte ich irgendwo auswärts zu übernachten.Draußen in der Landschaft erwärmten mich immer wieder diffuse Fluchtwünsche, besonders wenn ich schöne, abseits stehende Bauernhäuser sah. Gleichzeitig begriff ich, wie unselbständig ich in Wirklichkeit war, wie unfähig, in meiner Seelenenge frei zu handeln, praktische Entscheidungen zu treffen, mein kindliches Dasein beispielsweise mit einem Faustschlag auf einen unserer verwackelten Eßtische zu beenden.
Inzwischen plagten mich nicht nur meine Beine und mein Herz, sondern auch mein Magen. Ich wurde von mehreren Ärzten untersucht, wurde in der Klinik von Professor G. geröntgt, abgehorcht und abgeklopft — und man stellte fest, daß ich zu viel Luft im Bauch (METEORISMUS!) hatte. Langsam, aber sicher war ich — dies war die Meinung unseres privaten Ärztekollegiums — auf dem besten Weg, Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüre zu entwickeln. In Prag waren Verdauungstraktgeschwüre damals sowieso eine Modekrankheit, gegen die bestimmt auch Danas beste Kräuter nicht geholfen hätten. Man mußte auf der Straße nur einen bestimmten Gesichtsausdruck aufsetzen, um eine Geschwür-Diagnose von einem x-beliebigen Trottel verpaßt zu bekommen. Dieser wußte auch gleich, was einem fehlte oder wovon man zuviel hatte — ZUVIEL SÄURE beispielsweise… Überall hörte man die gleichen Gespräche.
— Du auch?
— Ja, am Zwölffingerdarm. Und deine Geschwüre?
— Alles weg, habe inzwischen nur einen halben Magen. Mein Bruder hat so gut wie gar keinen.
Bald war ich soweit, daß man mich bei unserem, mit unserer Familie befreundeten Nervenspezialisten in der psychiatrischen Klinik in Bohnice aufnehmen wollte — zu einer Art Chefarztbehandlung, versteht sich. Auf den Röntgenaufnahmen meines mit weißer Kontrastmasse gefüllten Magens waren nämlich keine Geschwüre zu entdecken gewesen. Vor mir öffnete sich langsam die Perspektive einer Odyssee durch alle empfehlenswerten Kliniken des Landes.