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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Da blieb Jamie stehen und drehte sich zu ihm um. Randalls Gesicht war gespenstisch weiß und hatte auf jedem Wangenknochen einen leuchtend roten Fleck. Er hatte seine Perücke abgenommen und hielt sie mit den Händen umklammert, und der Schweiß klebte ihm das feine dunkle Haar an die Schläfen.

»Nein.« Die Stimme, die über mir erklang, war leise, beinahe ausdruckslos. Ich blickte auf und sah, dass sein Gesicht nach wie vor dazu passte, doch in seinem Hals schlug ein schneller, erhitzter Puls, und die kleine dreieckige Narbe über seinem Kragen brannte rot.

»Offiziell nennt man mich Lord Broch Tuarach«, sagte die leise schottische Stimme über mir. »Und über den Rahmen des Offiziellen hinaus werdet Ihr nie mehr mit mir sprechen – bis Ihr an der Spitze meines Schwertes um Euer Leben fleht. Dann dürft Ihr meinen Namen benutzen, denn er wird das letzte Wort sein, das Ihr jemals sprecht.«

Mit plötzlicher Heftigkeit fuhr er herum, und sein flammendes Plaid folgte ihm wehend und versperrte mir den Blick auf Randall, als wir um die Ecke des Korridors bogen.

Die Kutsche wartete noch an der Pforte. Da ich Angst hatte, Jamie anzusehen, stieg ich ein und beschäftigte mich damit, mir die gelben Seidenfalten um die Beine zu legen. Das Klicken des Türschlosses ließ mich abrupt aufblicken, doch ehe ich den Griff erreichen konnte, setzte sich die Kutsche mit einem Ruck in Bewegung, und ich wurde in meinen Sitz zurückgeworfen.

Fluchend kämpfte ich mich zum Knien hoch und warf einen Blick aus dem rückwärtigen Fenster. Er war fort. Nichts bewegte sich auf der Auffahrt außer den wogenden Schatten der Zypressen und Pappeln.

Ich hämmerte hektisch gegen die Decke der Kutsche, doch der Kutscher trieb lediglich seine Pferde lauthals zu größerer Geschwindigkeit an. Um diese Uhrzeit herrschte nur wenig Verkehr, und wir rasten durch die engen Straßen, als wäre der Teufel hinter uns her.

Als wir auf der Rue Tremoulins anhielten, sprang ich aus der Kutsche, panisch und wütend zugleich.

»Warum habt Ihr nicht angehalten?«, wollte ich von dem Kutscher wissen. Er zuckte in der sicheren Höhe seines Kutschbocks mit den Schultern.

»Der Herr hat mir aufgetragen, Euch ohne Aufenthalt nach Hause zu fahren, Madame.« Er ergriff seine Peitsche und berührte sacht die Kruppe des vorderen Pferdes.

»Halt!«, rief ich. »Ich will wieder zurück!« Doch er zog einfach nur den Kopf ein wie eine Schildkröte und stellte sich taub, während die Kutsche davonratterte.

Vor Ohnmacht kochend, wandte ich mich dem Hauseingang zu, wo Fergus’ kleine Gestalt erschien und bei meinem Anblick fragend die Augenbrauen hochzog.

»Wo ist Murtagh?«, fuhr ich ihn an. Der kleine Schotte war der Einzige, der mir einfiel, der Jamie erstens finden und ihn zweitens aufhalten konnte.

»Ich weiß es nicht, Madame. Vielleicht da unten?« Der Junge nickte in Richtung der Rue Gamboge, wo es mehrere Wirtshäuser gab, angefangen von solchen, in denen eine Dame auf Reisen wohl mit ihrem Ehemann speisen würde, bis hin zu den Spelunken am Fluss, die selbst ein bewaffneter Mann nur ungern allein betrat.

Ich legte Fergus eine Hand auf die Schulter, sowohl, um mich zu stützen, als auch, um meinen Worten Nachdruck zu verleihen.

»Lauf und such ihn, Fergus. So schnell du kannst!«

Alarmiert über meinen Ton, hüpfte er von der Stufe und war fort, ehe ich »Sei vorsichtig!« hinzufügen konnte. Doch er kannte die unteren Schichten des Pariser Lebens so oder so viel besser als ich; niemandem lag es mehr, sich durch die Menge in einem Wirtshaus zu winden, als einem ehemaligen Taschendieb. Zumindest hoffte ich, dass er ein ehemaliger Taschendieb war.

Aber ich konnte mich nur einer Sorge ausgiebig widmen, und meine Visionen, wie Fergus ergriffen und gehängt wurde, verblassten vor der Vision, die Jamies letzte Worte an Randall ausgelöst hatten.

Er konnte, er konnte doch nicht in das Haus des Herzogs zurückgegangen sein? Nein, beruhigte ich mich. Er hatte ja kein Schwert. Was auch immer er empfinden mochte – und mir sank die Seele in die Knie bei dem Gedanken, was er empfand –, er würde nicht überstürzt handeln. Ich hatte ihn schon öfter im Kampf erlebt, wenn sein Verstand mit eisiger Ruhe arbeitete, losgelöst von den Emotionen, die sein Urteilsvermögen trüben konnten. Schon deswegen würde er sich gewiss an die Formalitäten halten. Er würde nach den strengen Vorschriften handeln, den Formeln zur Gewährung von Satisfaktion. Sie würden ihm Zuflucht sein – etwas, woran er sich klammern konnte in der Flut, die ihn umherwirbelte, in seinem alles durchdringenden Durst nach Blut und Rache.

Im Flur blieb ich stehen, um mechanisch meinen Umhang abzulegen und vor dem Spiegel innezuhalten, wo ich mir das Haar ordnete. Denk nach, Beauchamp, drängte ich mein bleiches Spiegelbild stumm. Wenn er ein Duell ausfechten will, was braucht er als Erstes?

Ein Schwert? Nein, das war nicht möglich. Sein eigenes Schwert hing immer noch am Schrank. Er konnte sich zwar problemlos eines leihen, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass er mit irgendeiner anderen Waffe als seiner eigenen zum wichtigsten Zweikampf seines Lebens antreten würde. Sein Onkel Dougal MacKenzie hatte ihm das Schwert geschenkt, als er siebzehn war, hatte ihn in der Handhabung der Waffe unterwiesen und ihn mit diesem Schwert die Kniffe und die Stärken eines linkshändigen Schwertkämpfers gelehrt. Dougal hatte stundenlang mit ihm geübt, links gegen links, bis er, wie er sagte, spüren konnte, wie das spanische Metall lebendig wurde, sein verlängerter Arm, und der Griff mit seiner Handfläche verschmolz. Jamie hatte gesagt, ohne dieses Schwert fühle er sich nackt. Und dies war ein Kampf, den er niemals nackt antreten würde.

Nein, wenn er das Schwert sofort gebraucht hätte, wäre er heimgekommen, um es zu holen. Ich fuhr mir ungeduldig mit der Hand durch das Haar und versuchte zu überlegen. Verdammt, wie lautete das Protokoll eines Duells? Ehe die Schwerter klirrten, was geschah vorher? Eine Herausforderung natürlich. Konnten Jamies Worte im Korridor als eine solche gelten? Ich hatte zwar vage Vorstellungen von Ohrfeigen mit Handschuhen, hatte aber keine Ahnung, ob das tatsächlich Sitte war oder nur eine Erinnerung, die ich der Fantasie eines Filmemachers verdankte.

Dann fiel es mir ein. Erst die Herausforderung, dann musste ein Ort vereinbart werden – ein hinreichend unauffälliger Ort, von dem man annehmen konnte, dass er der Aufmerksamkeit der Polizei oder der Garde entgehen würde. Und zum Überbringen der Herausforderung und zur Absprache des Ortes brauchte man einen Sekundanten. Ah. Dorthin war er also gegangen; er suchte seinen Sekundanten. Murtagh.

Selbst wenn Jamie Murtagh eher fand als Fergus, blieben immer noch die Formalitäten zu arrangieren. Ich begann, ein wenig ungehinderter zu atmen, obwohl ich nach wie vor Herzklopfen hatte und mir mein Mieder zu eng erschien. Es war keiner der Dienstboten in Sicht; ich riss die Schnüre auf und holte tief und herzhaft Luft.

»Ich wusste nicht, dass du die Angewohnheit hast, dich im Flur zu entkleiden, sonst wäre ich im Wohnzimmer geblieben«, sagte eine schottische Stimme ironisch hinter mir.

Ich fuhr herum, und mein Herz tat einen Satz. Der Mann, der mit ausgestreckten Armen gelassen im Rahmen der Wohnzimmertür stand, war hochgewachsen, fast so groß wie Jamie; er besaß dieselbe kontrollierte Anmut und strahlte dieselbe kühle Selbstsicherheit aus. Doch sein Haar war dunkel, und seine tiefliegenden Augen haselgrün. Dougal MacKenzie erschien plötzlich in meinem Haus, als hätten meine Gedanken ihn herbeigerufen. Wenn man vom Teufel spricht.

»Was in Gottes Namen machst du hier?« Der Schock seines Anblicks ließ allmählich nach, obwohl mein Herz immer noch hämmerte. Ich hatte seit dem Frühstück nichts mehr gegessen, und plötzlich überspülte mich eine Welle der Übelkeit. Er trat vor und nahm mich beim Arm, um mich in das Zimmer und zu einem Stuhl zu ziehen.

»Setz dich, Kleine«, sagte er. »Du siehst aus, als wäre dir nicht gut.«

»Gut beobachtet«, sagte ich. Am Rand meines Gesichtsfeldes trieben schwarze Flecken umher, und vor meinen Augen tanzten kleine Blitze. »Entschuldige«, sagte ich höflich und steckte den Kopf zwischen meine Knie.

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