Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Petr hatte den Sturz als eine völlige Lappalie abgehakt, das systematische Absolvieren der Extremrouten ging weiter. Da wir gleichzeitig auch arbeiten, also Proviant, Brennholz und Baumaterial aus dem Tal schleppen mußten, waren wir manchmal etwas erschöpft — bereits vor dem Aufstieg. Viele Enttäuschungen bereiteten mir in den Extremabschnitten ausgerechnet meine Arme. Mit ihnen mußte ich oft lange oberhalb meines Kopfes ausharren, mit Karabinern und Strickleitern hantieren — und irgendwann nahte der Punkt, an dem ich mich nur noch als eine tickende Fallbirne empfand. Ich sah es im voraus kommen, konnte aber nichts mehr tun — die Oberarme waren leergelaufen, meine Finger rutschten ab, die Hände öffneten sich. Meine kurzen Stürze waren zwar relativ risikolos — Petr hielt das Seil grundsätzlich kurz — , ich baumelte aber oft unglücklich in der Luft oder inmitten einer vollkommen glatten Felsplatte. Petr war geduldig und gab mir gute Tips, helfen mußte ich mir dann selbst.
Manchmal wußte ich nicht gleich, wie ich mich aus meinen verknoteten Schlingen befreien sollte, und schnürte mich ab. Ein ruhiger Profi war ich immer noch nicht. Was ich praktizierte, war teilweise einfach» learning by falling«. Da wir keine Walkie-talkies hatten, brach unsere Kommunikation, wenn Petr hinter einer massiven Wandkante verschwunden war, manchmal vollkommen zusammen. Und das war fatal, wenn beispielsweise das Seil irgendwoklemmte oder ich an einer Stelle unbedingt mehr Bewegungsfreiheit gebraucht hätte. Wenn ich nicht weiterwußte, schrie ich lange in den Wind, mußte mich schließlich einfach totstellen. Irgendwann seilte sich der neugierige Petr wie eine Spinne am Hilfsseil herab. Manchmal machte man sich unten im Tal Sorgen um uns, und irgendwelche unterbeschäftigten Kletterer, die die Lust überkam, Menschenleben zu retten, riefen uns lauthals zu. In der Regel dann, wenn wir uns zu lange an einer schwierigen Stelle aufgehalten hatten. Petr prägte mir aber streng ein:
— Bleib immer ganz still. Egal, was man ruft — unten hören die Leute immer nur» Hilfe!«Mehrmals handelten wir uns böse Komplikationen dadurch ein, daß wir keine Stirnleuchten hatten. Petrs gute Laune und sein Optimismus waren unerschöpflich — und er machte in seinem Aktionismus auch fatale Fehler. Er verschätzte sich zum Beispiel in der Zeit, überredete mich, nachmittags — nach dem Lastenschleppen vom Vormittag wohlgemerkt — doch noch schnell aufzubrechen. Zum Biwakieren nahmen wir natürlich nichts mit. Einmal wurde es wirklich knapp, ein anderes Mal rettete uns der Mond. Zuletzt blieben wir aber tatsächlich in der Dämmerung — und dann eben über Nacht — einfach in den Seilen hängen. Und ohne Licht am Helm waren wir zur Bewegungslosigkeit verurteilt. In dieser Nacht verriet mir Petr seinen Traum, den er eigentlich für sich behalten, also geheimhalten wollte.
— In Kalifornien gibt es eine senkrechte und vollkommen glatte Granitwand, tausend Meter hoch, stell dir das vor, Georg. Das Tal heißt Yosemite, da gehöre ich hin.
Ich erzählte ihm endlich auch einiges über mich und meine Mutter. Und später schlief ich in meinen Schlingen sogar mehrmals ein. Als es heller wurde, ging es weiter. Vom letzten Sims der Wand sahen wir den Sonnenaufgang, und unsere kalt gewordenen roten Nasen glühten dabei wie Alarmleuchten.Ich hatte diese Balanceakte an den Abgrundkanten nicht nur gesund überlebt, ich wurde ähnlich sorglos wie Petr. Als er abgereist war und mich zurückgelassen hatte, ging ich allein in die Wände. Petrs Benimmregeln für die Extremrouten hatte ich übernommen: Solange man an drei Punkten einen Halt hat, verschwendet man keine Vorstellungskraft darauf, daß es den freien Fall gibt. Was zählt, ist die entspannte Gegenwart. An irgendwelche Tanten, zerfallende Städte, alternde Mütter, häßliche Paragraphen oder Schlafplätze in den Betrieben zu denken wäre gefährliche Zeitverschwendung. Vor Augen hat man den sichtbaren Abschnitt des Aufstiegs, in den nächsten Sekunden gibt es einige Griffe zu bedenken und hinter sich zu bringen. Wenn sich meine vielen Tanten unterhalb der Felswand versammelt hätten, hätte es sicher ein herrliches Stimmenkonzert gegeben.
— Ist das etwa DAS KIND? Ist dieses zarte Wesen unser Georg? Nein, das kann nicht sein! Solche Qualen würde er uns niemals bereiten. Wie hält er sich dort fest? Was macht er so weit oben überhaupt, warum klettert er immer höher? Dabei geht es da überhaupt nicht weiter!
— Ruhe da unten! Natürlich geht es hier weiter.
— NEiiiiN! würden sie stöhnen und schließlich in die Knie gehen. Nicht doch, komm zurück! Das alles kann nur böse enden! Aber WIE kommt der Unglücksrabe überhaupt herunter? Hast du etwas zu trinken dabei? Hast du eine Wollstrickjacke im Rucksack? Auf dem Gipfel wird es viel kälter sein als hier — und du bist so dünn angezogen.
Heute denke ich an meine Solotouren alles andere als schweiß- und schwindelfrei. Ich kletterte oft völlig ungesichert, außerdem wußte auf meiner Hütte niemand, wohin ich aufgebrochen war. Ich fühlte mich genauso unzerstörbar wie mein Meister. Petrs lange Arme, seine am Sandstein trainierten Finger und seinen Traum vom Yosemite Valley hatte ich trotzdem nicht. Eines Tages verliebte ich mich indie Schwester eines Bergsteigers, die als Versorgungsmamsell mitgekommen war und auf der Hütte ebenfalls übernachtete. Als abends Wein getrunken wurde, hatten wir beide das am Tisch laufende Gespräch irgendwann ausgeblendet und begannen uns spontan und vor aller Augen zu küssen. Um die anvisierten Lippen des anderen zu erreichen, mußten wir, da wir nicht nebeneinandersaßen, einer Weinflasche und zwei Kerzen ausweichen und unsere verdrehten Hälse leicht strecken. Ihre glatten Haare reichten, wenn sie sich im Sitzen etwas bückte, fast bis zum Fußboden. Wir kannten uns erst seit zwei Tagen, hatten uns zwischendurch höchstens dreimal kurz unterhalten und uns beim Begrüßen nicht einmal die Hand gegeben. Unser Kuß war die erste körperliche Berührung zwischen uns — und alle wußten das. Alle am Tisch schauten uns zu, die ganze Tischrunde wurde still und freute sich über die frisch geschlüpfte Liebe, die die erste Schallmauer durchbrochen hatte. Auch der sehnige und mädchenlose Bruder freute sich über das Glück seiner Schwester. Mein Leben war auf bestem Wege, noch besser und heller zu werden. Meine glückliche Zukunft schien 2015 Meter oberhalb des Meeresspiegels möglich zu sein.
Eines Tages kam über Funk die Nachricht, daß für mich ein Telegramm aus der Hauptstadt gekommen war — meine Mutter hätte einen Schlaganfall bekommen. Ich mußte nach Hause. So kehrte ich nach knapp zwei Jahren in die Gegenwart zurück.
Ich wurde praktisch über Nacht wieder zum behüteten Kind der Familie und konnte dagegen wenig ausrichten. Wie derartige Rückschaltungen in der Seele verschachtelt werden, ist mir bis heute nicht ganz klar. Mein aktueller Absturz war schlimmer als das halbe Sterben für Jochen Rindt. Mutters Schlaganfall war zum Glück relativ harmlos. Sie erholte sich schnell, kam aus dem Krankenhauslächelnd wieder heim und sah vollkommen unverändert aus. Sie sollte sich schonen. Eines Abends kamen mehrere Ärzte unseres Vertrauens zu uns, riefen die ganze Familie zusammen und hielten uns abwechselnd kleine Vorträge. Das Fazit: Meine geschwächte Mutter brauche liebevolle Zuwendung, Aufregungen aller Art seien zu vermeiden. Und sie müsse das Rauchen aufgeben. Da meine Mutter das Rauchen aber auf keinen Fall aufgeben wollte, brach sie seit dieser» kleinen Episode «ihre Zigaretten in zwei Hälften und rauchte immer nur halb so viel — die vordere Zigarettenhälfte genoß sie allerdings teerreich ohne Filter.
Meine ganze Energie war wie verflogen, ich war schwach und lustlos, fühlte mich wie eine zerbrechliche Tonfigur — oder wie ein Reagenzglas vor einer drohenden Implosion. Zum Sporttreiben fehlte mir jede Motivation, und ich trainierte aus Ahnungslosigkeit auch nicht ab. Das hatte vor allem für meine Beinmuskeln verheerende Folgen. Bald konnte ich kaum stehen, meine aufgegeilten Beine, die in den Bergen an schwere Belastungen gewöhnt waren, taten Tag und Nacht weh. Ich fühlte mich wie ein Invalide, in den Straßenbahnen litt ich wie ein mißachteter Greis. Wahrscheinlich um meine innere Verfassung sichtbar zu machen, begann ich sogar plötzlich, etwas gebückt zu laufen. Einen Sitzplatz bot man mir in den Verkehrsmitteln trotzdem nicht an.