Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Ich war immer schon ein Leichtgewicht und hatte seit der Schulzeit keine Probleme, mich an Stangen oder Seilen freihändig — also ohne Beine — bis zur Decke hochzuhangeln. Jetzt kam noch mein seelisches Leichtgefühl hinzu. Bei den abendlichen Wettkämpfen schaffte ich manchmal mehr als zwanzig Klimmzüge, und eines Tages konnte ich zu Petrs verlockendem Angebot nicht mehr nein sagen. Es herrschte sowieso Not am Mann. Petr hatte vor, den ganzen Sommer zu bleiben.
Schon bei unserem ersten gemeinsamen Aufstieg erfuhr ich relativ viel über sein Mutterleiden. In seiner dauerhaften Heiterkeit hatte er keine Hemmungen, seine familiären Probleme preiszugeben — egal, wie intim diese waren. Wie im Lande üblich lebte er noch zu Hause, seine Mutter hing an ihm wie eine Klette und hatte um ihn fürchterliche Angst. Sie zitterte angeblich dauernd — egal, ob er, wie sie meinte, zu gedankenlos die Straßen überquerte, egal, ob er, wie sie meinte, viel zu schnell mit seinem Rennrad unterwegs war oder viel zu laut politische Witze erzählte. Ihr zuliebe hätte er sich vor allem aber niemals in der Nähe von irgendwelchen Felsen herumtreiben dürfen. Dabei war Petr, was das Klettern anging, absolut nicht zu bremsen. Er war maßlos — schon auf den Geröllhängen unterhalb der eigentlichen Felswände kletterte er da und dort an vorgelagerten kleinen Felsvorsprüngen und trainierte an passenden wie unpassenden Felsbrocken irgendwelche Griffe. Petr ertrug seine Mutter einigermaßen geduldig — offenbar auch dank seinesHumors. Er flüchtete vor ihr allerdings so oft, wie er nur konnte.
— Auf zum Gipfel, bis der Mami schwindlig wird, sagte er immer wieder.
Zur Illustration der Beziehung paßte, daß ihm seine Mutter einmal ein Glas selbstgemachter Mehlschwitze geschickt hatte. Er sollte sich aus dem Zeug Soßen kochen.
Petr brachte mich in der Folgezeit mehrmals beinah um. Wir hingen manchmal stundenlang in unseren Strickleitern an Haken, die Petr in nicht ganz vertrauenswürdige Spalten eingeschlagen hatte. Manche Abschnitte der Routen waren vollkommen senkrecht, manche waren noch schlimmer und ragten wie Dächer über uns. Das Hauptrisiko hatte zwar Petr zu tragen — er ging immer als erster — , mein Risikoanteil war mir aber hoch genug.
— Toller Überhang, freute sich Petr jedesmal wie ein Kind. An glatten Wänden rutschte er immer wieder kurz ab, blieb aber wie ein Gecko an kleinsten Unebenheiten kleben und setzte sich bald wieder in Bewegung.
— So darf man nicht klettern, Georg, das weißt du. Drei sichere Punkte, nach Möglichkeit reversibel…
Irgendwann schlug er einen Haken ein und erzählte, wenn ich nah genug war, amüsante Gruselerlebnisse aus der Vergangenheit.
— In vielen Wänden gibt es wegen der Überhänge kein Zurück mehr, beruhigte er mich gern. Abends bat er in der Hütte regelmäßig darum, den großen Abendabwasch machen zu dürfen. Im Abwaschwasser würden die vielen Schürfwunden an seinen Händen am schnellsten heilen, meinte er. Um zu trainieren, hatte er sich sowieso auch als Träger einstellen lassen und schleppte zwischendurch Lasten wie alle anderen. Und weil unsere Hütte formell zu den Interhotels gehörte und Petr uns manchmal — zusätzlich zu seinen Abwaschdiensten — dabei half, die Konserven zu öffnen und deren erhitzte Inhalte zu servieren, nannte er sich bei Nachfragen einfach Interhotelkoch.
Ein solcher war ich natürlich auch und wohnte im Grunde die ganze Zeit schon unter dem Dach unseres egal wie winzigen Interhotels.
Wenn Petr, der Spitzenkoch, beim Klettern von der Wand abfiel, blieb er trotzdem immer vollkommen ruhig. Ihm schien grundsätzlich alles lösbar zu sein. Manche Stellen waren leicht überhängend, so daß er zu weit von der Wand baumelte und an die griffigen Stellen nicht herankam — dann zog er sich eben mit seinen dünnen Spezialschlingen wieder hoch. Sein eiserner» Zug aufs Ziel«, sein Bewegungsdrang in Richtung Himmel hatten etwas Besessenes. Er krümmte und streckte sich manchmal stur im Takt wie eine Raupe, wirkte dabei wie ein mechanisch aufgezogener und außer Kontrolle geratener Frankenstein. Wenn er sich durch irgendwelche Spalten hochschob, dabei gutmütig fluchte und witzelte, gleichzeitig aber auch immer schwerer atmen mußte, wußte ich, daß ich allen Grund hatte, mich zu fürchten — im gleichen Abschnitt würde ich mich auch bald hochquälen müssen.
— Hier geht es ordentlich bergauf, wunderbar — kannst dich schon freuen, Georg.
Einen ganz bösen Sturz fabrizierte Petr nur ein einziges Mal. Die Route war extrem bröckelig, und nachdem er einen Stein zu schnell belastet und aus der Wand gezogen hatte, flog er ab — und weil er sich mit den Beinen offenbar leicht gegen die Wand gestemmt hatte, machte er in der Luft als erstes einen eleganten Bogen. Bei seinem Fall riß Petr einen zwischendurch hastig eingeschlagenen Sicherungshaken aus der Wand, außerdem noch einen Holzkeil aus einer breiten Fuge. Die erst kürzlich erstbestiegene Kletterroute, eine saubere Direttissima, war ausgerechnet nach dem Formel-1-Fahrer Jochen Rindt benannt worden — dem größten der vielen Formel-1-Toten, wie ich wenig später erfahren sollte. Petr flog immer weiter, flatterte an mir vorbei.machte sich auf den Weg nach unten. Das alles passierte sehr schnell und in vollkommener Stille. Petr hatte nicht einmal Zeit, den Anfang eines Fluchs anzudeuten.
Die letzten Haken, die übriggeblieben waren, waren diejenigen, mit denen meine Stellung gesichert war. Die Haken waren links und rechts eines im Grunde losen Steins eingeschlagen, der in einem breiten Spalt klemmte. Dank dieser beiden Haken klemmte der Stein wirklich fest, war von beiden Seiten regelrecht eingekeilt. Diese Zwei-Haken-Sicherung, die ich in der Zwischenzeit direkt vor meinen Augen hatte, sah etwas experimentell aus, das heißt nicht ganz vertrauenswürdig — Petr hatte an dieser Stelle aber keine andere Wahl gehabt.
Wie ich aus dem Physikunterricht wußte, fliegt man schon nach drei Sekunden mit der Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern. Irgendwann kam dann der Ruck — und dieser kam, da die oberen Fixpunkte fehlten, aus einer unerwarteten Richtung. Über die nächsten Momente weiß ich leider nichts. Ich wurde nach unten gerissen, mein Körper war nur als ein steifer Bremsklotz gefragt. Als alles vorbei war, hing ich etwas schräg an der Wand und fühlte mich in meiner festgezurrten Seilschlaufe wie gefesselt. Petr baumelte weit unter mir, schien aber nirgendwo aufgeschlagen zu sein. Die beiden Sicherungshaken hielten den nach unten vektorierten Stoß aus — sie hielten den Stein fest, hielten sich gegenseitig fest, hatten die Belastung ertragen, die man zum Abbremsen eines 75-Kilo-Körpers bei einer Geschwindigkeit von etwa 100 km/h eben braucht.
— Jochen Rindt hatte bei seinem Unfall einen solchen Punktevorsprung, daß er die Weltmeisterschaft am Ende trotzdem gewonnen hat — als Toter. Ein Ding, was? sagte Petr, als er wieder bei mir ankam.
Petr kletterte gleich weiter, ihm war tatsächlich nichts passiert. Dafür war ich bald voller Blut. Mir fehlten an den Händen, Armen und am Hals ganze Hautstreifen, die mirunser Seil heruntergeschmirgelt hatte. Anfangs waren die offenen Stellen — vor lauter Schreck, nahm ich an — noch vollkommen trocken gewesen, obwohl darin breitflächig ruhendes Muskelfleisch zu sehen war. Als ich meinen Stand verlassen wollte und seitlich auf die Sicherungshaken einschlug, erlebte ich noch eine weitere Überraschung. Die beiden Haken, die uns das Leben gerettet hatten, ließen sich mit nur zwei erschreckend leichten Schlägen sofort lockern.