Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Nach dem Entleeren festgepreßter Substanzen reichte es natürlich nicht, nur die Spülung zu betätigen. Man stieg vom Podest herunter und mußte beim Spülen gleichzeitig an einer Kurbel drehen. Das war dann aber auch alles. Onkels Mixmaschine nutzte das natürliche Gefälle und litt nicht an Rückstauproblemen — ihr Mechanismus war absolut zuverlässig. Die verfeinerte Jauche wurde mit sanfter Gewalt der rotierenden Schnecke einfach in das alte dünne Abflußrohr geleitet. Es handelte sich tatsächlich um eine innovative Leistung ersten Ranges — industriell gefertigte Anlagen für den Hausgebrauch gab es damals noch nicht. Für den Geruchskünstler brachte die Einquartierung einer Toilette zwar unangenehme Gestanksattacken mit sich, trotzdem aber eine ungeheuere Steigerung seiner Lebensqualität.Heute tragen solche Geräte die euphemistische und vollkommen sach-entfremdete Bezeichnung» Hebeanlage«. Jeder, der seine gemixten Exkremente heben lassen will, kann diesen Akt der Erhebung an die elektrisch angetriebenen Innereien eines Plastikgehäuses delegieren. Diese setzen sich bei Bedarf zwar automatisch in Gang, verarbeiten die Ausscheidungen aber nur so lange, bis der ohne jegliche Sensibilität arbeitende Mixer sich selbst zugekotet hat. Früher oder später beginnt das Gehäuse sowieso zu suppen. Allerdings ist die Hebeanlage tatsächlich in der Lage, die angerührte Suppe auch in die Höhe zu pumpen. Die stehende Hydrokacksäule steht dann allerdings unter suppenstatischem Dauerdruck und kehrt daher logischerweise auch gern zurück.
Onkel ONKEL und der Geruchskünstler wurden Freunde. Wegen dem Geruchsstau, der in dem ebenfalls vom Onkel zusammengezimmerten Toilettenverschlag zu befürchten war, bekam der Geruchskünstler nachträglich auch eine Luftabzugsanlage verpaßt. Es war ein baugleiches Modell, wie es Onkel oben auch besaß.
— Er muß seine Nasenschleimhäute unbedingt schützen. Deswegen raucht er auch nicht und benutzt keine scharfen Gewürze. Alkohol trinkt er natürlich auch nicht.
Die beiden saßen oft zusammen in dem kleinen Wohnzimmer des Mannes im ersten Stock, und Onkel rauchte seine Pfeifen oft eben dort — und grundsätzlich bei offenem Fenster. Wenn einer von den beiden auf die Toilette ging, konnte ihm der andere kurbelnd behilflich sein. Die dichten Rauchwolken, die bei Onkels Paff-Orgien oft dicht an der Hauswand aufstiegen, krochen wenig später in die Fenster der höher gelegenen Wohnungen, also auch in unsere Wohnung. Anfangs hatte man den Onkel verdächtigt, er hätte mit seiner angezündeten Pfeife zwischendurch — trotz des strikten Verbots — andere Räume unserer Wohnung betreten. Dabei rauchte er einfach die ganze Zeit zwei Stockwerke tiefer am Fenster seines neuen Freundes, lachte dort laut und leerte behutsam seine Likörfläschchen.
Sonst passierte bei uns zu Hause nichts aufregend Neues. Wie mir gelegentlich über den alltäglichen Stillstand berichtet wurde, fand ich etwas erschreckend. Aber es half mir eines Tages wenigstens zu verstehen, warum bei uns alle am glücklichsten waren, wenn sich im Leben überhaupt nichts änderte oder zumindest wenig tat. Auch früher war es nicht anders gewesen: Wenn ich manchmal vorgeschlagen hatte, in unserem Wohnbereich eine Kleinigkeit zu verschönern, war mein Wunsch als ungehörig abgetan und ich womöglich als Spießer verhöhnt worden. Alle üppigeren Veränderungsträume waren bei uns sowieso verpönt, galten als unvernünftige und nicht ungefährliche Phantasmen; und rebellische Ansätze, sie trotzdem zu realisieren, stufte man gleich als kriminell ein. War doch jeder Veränderer nur dabei, das Bestehende und immer noch einigermaßen Funktionierende aus REINER WILLKÜR durcheinanderzubringen — also ohne jede existentielle Bedrohung und objektive Not. So gesehen konnten solche dazugehörigen Impulse nur in einem beinahe geistesverwirrten Seeleninneren geboren worden sein und würden sowieso nur ungesunde Verschwendung bedeuten. Solange draußen keine Pogromstimmung aufkam, solange man nicht tatsächlich gezwungen wurde, sich zu rühren, schien es ratsam, sich ruhig zu verhalten. Man sollte sich offenbar in Zufriedenheit üben und es vermeiden, mit störender Agilität seine Umwelt zu provozieren.
So gesehen war Onkel ONKEL tatsächlich nie einer vor uns. Politisch — also in einem Punkt — war er es aber zum Glück doch. Politisch konnte man auf ihn zählen, obwohl er, um seine verantwortungsvolle Arbeit zu behalten, nach dem Einmarsch als einziger aus der Familie in der Partei geblieben war — also die Säuberungen heil überstanden hatte.Meine Mutter und Tante Eva hatten sich selbstverständlich geweigert, die militärische Okkupation als Befreiung zu sehen und für die brüderliche Hilfe gegen die Konterrevolution dankbar zu sein. Onkels Scham über die parteiliche Erniedrigung wurde taktvoll respektiert, und seine Parteimitgliedschaft bekam mit der Zeit den schlimmen Geheimnisses. Tante Bombe war schon immer parteilos, staatenlos
egal, was man ruft, unten hören die leute immer nur» hilfe!«
Im Winter kamen vor allem solche Bergsteiger auf die Hütte, die unbedingt die mit Eis und Schnee bedeckten Nordwände besteigen wollten. Die Tage waren kurz, oft mußten die Burschen mitten in der Wand biwakieren und kamen erst am nächsten Tag mit abgefrorenen Fingerspitzen oder gefährlich unempfindlichen Zehen zurück. Das wollte ich ihnen nicht unbedingt nachmachen, ich wartete lieber auf den Frühling. Eins lernte ich aber dabei: Wenn niemand schrie, mußte und sollte man sich auch keine Sorgen machen, man ging einfach schlafen. Es hätte keinen Sinn gehabt, an irgendwelche Unbekannten, über deren Qualitäten und Standorte man nichts wußte, seine Gedanken zu verschwenden — helfen konnte man ihnen sowieso nicht. Wenn also im Tal kein Gebrülle zu hören war, wurde die jeweilige Absenz beim Rettungsdienst nicht gemeldet. Die Leute kamen in der Regel alle zurück — und waren trotz ihrer Lädierungen immer glücklich. Blutende Wunden hatten sie nur selten.
Mit meinem eigenen Bergsteigerleben ging es im Frühjahr dann tatsächlich aufwärts, wortwörtlich bergauf. Als im Frühsommer ein begabter, aber auch gefährlich ehrgeiziger Bergsteiger im Tal auftauchte, wurde die Lage sogar dramatisch. Dieser Mensch wollte unbedingt in die Nationalmannschaft aufgenommen werden, um mit dieser im übernächsten Jahr auf eine Expedition in den Himalaja gehen zu können. So brach auf meiner kleinen Hütte die Hölle los, und auch ohne die vereisten Nordwände ging es plötzlich um Leben und Tod. Dieser besessene Kletterer — eigentlich war er ein Sandsteinspezialist — brauchte für seine Extremstrecken einen zweiten Mann und mußte, um sich für die Nationalauswahl zu qualifizieren, hintereinander alle gefährlichen Wände besteigen und möglichst alle hochgradig schwierigen Routen absolvieren. Anfangs suchte er sich wahllos begeisterungsfähige Freizeitsportler aus. Diese waren meistens aber nur einmal zu gebrauchen. Nach der Rückkehr standen sie unter Schock und sahen extrem blaß aus. Sie wollten möglichst nie wieder glatte Felsen sehen, wollten sich nie wieder wundern müssen, wie man überhängende Felsdecken überhaupt lebend verlassen kann.
Der Bergwandextremist hieß ausgerechnet Petr — genauso wie mein alter Freund Skopka — , und seine Anziehungskraft blieb trotz seines düsteren Leumunds ungebrochen. Petr war einfach pausenlos voller Gelassenheit und Freude. Wenn er auftauchte, konnte man sich nicht vorstellen, ihm könnte jemals etwas zustoßen. Abends schien er nie abgekämpft und müde zu sein, erzählte Anekdoten aus dem Leben in seiner Kleinstadt und machte sich über seine vaterlose Familie lustig, das heißt besonders über seine eigene Mutter. Nebenbei zog er irgendwelche Touristen auf, tat es aber so gutmütig, daß er niemals Ärger bekam. Und er freute sich den ganzen Abend auf den kommenden, das heißt den nächsten gefährlichen Tag.
— Jungs, kann man mit der Lastenschlepperei ganz gut verdienen?
— Klar! antwortete er für uns alle. Jeder hat sich davon schon ein Haus gebaut.
Petr hatte einen schmalen, alles andere als tierischen Schädel, dafür hatte aber seine Figur eindeutig etwas Affenartiges. Seine Arme waren extrem lang, seine riesigen Hände baumelten, wenn er sich nur ein bißchen bückte, neben seinen Knien; so breite Schultern wie seine hatte ich bis dahin noch nie gesehen. Und er war dauernd beim Üben — er kletterte zwischendurch an den Wänden und Ecken meiner Schutzhütte herum. Die Wände bestanden aus relativglatten Granitsteinen, und niemand außer ihm konnte sich an den kleinen Unebenheiten der Granitquader lange halten. Petr schaffte es dagegen, um die ganze Hütte herumzuklettern. Dabei ist das seitliche Traversieren viel schwerer als jedes vertikale Aufsteigen. Abends machte er im Vorraum der Hütte bei unseren Klimmzug-Wettbewerben mit und gewann sie meistens. Nebenbei sah er sich wie auf einem Sklavenmarkt nach neuen Kletterpartnern um.