Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Saint-Exupery sagt irgendwo, die Technik sei dazu da, um zu verschwinden.
— Wie hat er das gemeint?
— In ihrer Perfektion unsichtbar zu werden, vielleicht. Ich weiß es nicht genau. Auf alle Fälle hat er sich wunderbar geirrt. Ich muß trotzdem oft an den Satz denken.
Danas weitere Quader wurden nur noch mit einfachen Ordnungszahlen bezeichnet. Sie bestanden größtenteils nur aus dem Material, das sich in der Umgebung auftreiben ließ. Ein Kubrick wurde im großen und ganzen von einer Holzkonstruktion aus gespaltenem Hartholz zusammengehalten. Zum Bau brauchte man außerdem etliche Steine und viel Lehm, der aus einer stillgelegten Lehmgrube kam. Bevor es mit dem eigentlichen Bau losging, waren noch einige Vorarbeiten nötig. Dana wühlte mit einem handbetriebenen Erdbohrer Löcher in die Erde und versenkte lange Schaumwürste darin, die Feuchtigkeit hochziehen und die Kubricks mit etwas Wasser versorgen sollten. Wie sie ihre späteren Kubricks genau baute, erzählte sie niemandem gern. Die Wände wurden jedenfalls mit Weidenruten ausgeflochten und die Oberfläche so dornig präpariert, daß sich daran ganze Grasbüschel halten konnten. Kubricks, besonders die Frischlinge, mußten in trockeneren Sommerzeiten gepflegt, ab und zu auch repariert werden — vor Gewittern wurden sie anfangs abgedeckt. Aber normalerweise standen sie still und bedürfnislos da. Sie atmeten vor sich hin und waren sich selbst genug.
Urvater Kubrick und Kubrick zwei trockneten zu oft aus, die Nummer eins wurde irgendwann aufgegeben und derNatur überlassen. Die späten Exemplare bekamen noch eine andere Art Bewässerung. Außer der Saugvorrichtung hatten sie in ihrem Bauch einen kleinen, mit Folie ausgelegten Tümpel und konnten durch eine Öffnung betankt werden. Ich hatte seit dem Physik-und Sportunterricht in der Schule von der kapillaren Elevation eine ganz hohe Meinung und fühlte mich mit den sich selbst befeuchtenden Kuben gewissermaßen verwandt.
Ich wurde kurz vor dem Sommer endlich als Träger eingestellt, man brauchte unbedingt Verstärkung. Daß ich oben auf der Hütte auch wohnen konnte, war ganz wichtig — und genau das richtige für mich. Einen viel besseren Fluchtort hätte ich damals kaum finden können. Die Schutzhütte lag weit oberhalb der Baumgrenze. Auf diese Weise lebte ich weit weg von allem, was hinter mir lag. Und ich wohnte so hoch über der Meeresoberfläche, wie es in der kleinen Tschechoslowakei nur ging. Meine Mutter und die ganze Tantenherde verlor ich dort vollkommen aus den Augen, und folgerichtig vergaß ich bald, Briefe an meine sogenannten Nächsten zu schreiben. Meine Mutter hat mir diesen Verrat nie verziehen. Noch schwerer betroffen war allerdings meine stille Großmutter Lizzy — in ihrem Fall tat es mir auch aufrichtig leid. Lizzy verzieh mir aber grundsätzlich alles.
Ich hatte gar keinen Grund, mit jemandem böse zu sein. Mein neues Leben machte mich nur glücklich, und meine Mutter war mir einfach egal. Und ich war so im Reinen mit mir, daß ich beim Schleppen der Lasten — trotz der Skepsis meines neuen Chefs — tatsächlich nicht zusammenbrach. Ich hatte mit dreißig Kilo Gewicht angefangen, nach einem Monat war ich schon bei sechzig. Beim Aufstieg mit einer turmartigen Gasflasche, die über siebzig Kilo wog — zehn Kilo mehr als ich — , kam ich mir wie ein Übermensch vor. Die einfachen alten Tragkraxen aus Holz schienen einemEnergien unbekannter Vorgänger einzuflößen. Außerdem brach die Klettersaison an, und ich bestieg nach und nach alle wichtigen Gipfel. Auf wirklich schwere Routen traute ich mich zwar noch nicht, ich hatte aber Zeit. Die tschechoslowakische Armee hatte an mir allerdings, das wurde in den Bergen deutlich, einen durchaus brauchbaren Verteidiger des Sozialismus verloren.
— Schade, schade, hatte einer der Offiziere nach meiner Ausmusterung zu mir gesagt. Wir brauchen doch jeden Mann!
Irgendwann kam der Herbst, der Schnee fiel sehr früh. Die anderen Träger, die nur über Sommer arbeiten wollten, verabschiedeten sich, und auf der Hütte blieben außer mir nur der Leiter und mein einheimischer Freund, der allerdings auch im Tal bei den Eltern wohnen konnte. Nach größeren Schneefällen schaffte es manchmal tagelang kein Trampeltourist, sich bis nach oben durchzukämpfen. Und weil mein Chef und mein Freund den ganzen Winter dauernd nur Ski fahren wollten — und möglichst dort, wo es Skilifte gab — , blieb ich auf der Hütte oft ganz allein. Drum herum nur Berggipfel und unberührte weiße Flächen. So viel Einsamkeit würde ich im Leben nie wieder geschenkt bekommen, das war mehr als deutlich. Der Winter war endlos, und ich hätte ihn gern noch viel länger gehabt, nur für mich allein.
onkel ONKEL
Wie ich aus einigen flehenden Briefen aus Prag und gelegentlichen münzenverschlingenden Telefonaten erfahren hatte, gab es bei uns im Haus einige Veränderungen. In einen getrennt vermieteten Teil einer Wohnung im ersten Stock zog ein Geruchsmagier ein. Der Mann war angeblich sehr umgänglich und verwickelte bald einen nach dem anderen in lange Gespräche. Seine gewinnende Distanzlosigkeit war für alle ein Novum. Der Mann wußte bald über viele private Angelegenheiten gut Bescheid, beriet den einen oder anderen bei persönlichen Entscheidungen, war trotz alledem aber nicht indiskret. Das Besondere an ihm war, daß er alle Bewohner des Hauses bald auch dem Geruch nach unterscheiden konnte. Ich persönlich bildete mir ein, ein sensibles Medium für Gerüche zu sein, und ich kannte viele schockartige Geruchserlebnisse — mit diesem Mann, der sich zu Demonstrationszwecken sogar auf Tests und Blindversuche einließ, hätte ich mich aber auf keinen Fall messen können. Zum Erkennen einer Person reichte ihm — wie einem Hund — nur ein Kleidungsstück, und angeblich bekam er beim Schnuppern sogar einen hündischen Gesichtsausdruck. Onkel ONKEL wurde zu seinem vertrautesten Mitbewohner und zum wichtigsten Berichterstatter über seine Riechkunst. Onkel war mehrmals dabei, als dieser Mensch im Treppenhaus erriet, wer kurz vor ihm hochgestiegen war. Er benäselte kurz das Geländer und die Treppe, segelte mit seinen Nüstern auch in den höheren Luftschichten — und nannte den Namen.
Sein großer Kummer war, daß er keine eigene Toilette hatte und sie weder in sein Zimmer noch in seine kleine Abstellkammer einbauen lassen konnte. Er hatte nur eine Waschnische im Flur, seine Toilette war auf der anderen Seite des Treppenabsatzes und wurde auch von einer anderen Partei genutzt. Der handwerklich unterbeschäftigte Onkel ONKEL empfahl sich ihm als der richtige Mann für derartige Spezialaufträge.
— Ich werde mir schon etwas einfallen lassen.
— In meinem Strang gibt es aber nur ein dünnes Abflußrohr, und das würde verstopfen.
— Das Problem kenne ich natürlich.
Diesmal machte Onkel ONKEL alles richtig. Er konstruierte für den Mann einen handbetriebenen Kack- & Toilettenpapiermixer mit Schneckenbeförderung. Das angeschaffte Klosettbecken wurde nach einigen unumgänglichen Vorarbeiten auf ein erhöhtes Podest gestellt und wirkte dort — auch dank eines auffälligen Aufklebers — angeblich wie ein Kunstobjekt. Auf dem Aufkleber stand» SERVICE«, und ich konnte mir lange nicht vorstellen, daß es ausgerechnet mein Onkel war, der sich diesen Scherz erlaubt hatte.»SER VICE «heißt auf Tschechisch nämlich» scheiß mehr«.