Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Niemand machte diese stinkende Arbeit gern, niemand bückte sich mit Begeisterung dem Dreck entgegen, den die Idioten von Touristen neben die überfüllten Abfallkörbe geworfen hatten. Wir fuhren los, waren grimmig, arbeiteten möglichst schnell und waren — wenn es sein mußte und wir aufgehalten oder gestört wurden — auch etwas unhöflich. An die unverfälschte Wut unserer Großstadtkollegen aus Prag kamen wir aber nie heran. Darüber hinaus fehlten uns die rollbaren Mülltonnen.
In der Freizeit ging ich konsequent klettern oder machte lange Blitztouren über alle erreichbaren Pässe. Ich mußtetrainieren und überholte die lahmen Touristen mit einem Tempo, von dem sie nur träumen konnten. Vor der Arbeit als Lastträger hatte mich eines Tages ein älterer Bekannter aus Prag, als wir uns bei einer Tour zufällig trafen, allerdings nachdrücklich gewarnt.
— Das stehst du niemals durch, Georg. Man trägt sechzig, siebzig Kilo auf den Schultern. Was das nur für den Rücken bedeutet, kannst du dir vielleicht vorstellen. Und die Strecken bis zu den Hütten sind furchtbar lang — an die sieben Kilometer. Bei einem Höhenunterschied von achthundert Metern.
— Ich freue mich drauf.
— Nein, nein, Georg, hör zu. Du gehst dabei wirklich ein. Ich habe es vor Jahren mal versucht, und da bin ich noch dauernd klettern gegangen. Ich habe einen der Träger gebeten, mich sein Gestell abwechselnd tragen zu lassen, lauter Kisten mit Konserven.
— Hab ich auch schon probiert, ich kenne dort jemanden. Es ging.
— Glaub ich nicht! Nach dreißig Metern wünscht sich ein Normalsterblicher bei jedem einzelnen Schritt nur, daß er nicht umfällt. Daß man in dieser Verfassung noch die Moränen überwinden könnte, ist längst reine Illusion. Falls man es bis zu den steilen Hängen aber doch geschafft hat, steht man irgendwann vor einer Stufe von zwanzig Zentimetern und weiß, daß man nicht in der Lage sein wird, sich mit einem einzigen Bein hochzustemmen. Weder mit dem linken noch mit dem rechten. Und du bist so dünn! Wieviel wiegst du, Georg?
— Sechzig Kilo.
— Man hat sich noch einmal auf dem Rücken, vergiß das nicht. Wenn man gut sein will, und das wollen dann sowieso alle, trägt man sogar noch mehr. Der Aufstieg dauert drei, vier Stunden, es sind Tausende von Schritten, Tausende von Stufen! Stell dir vor, du müßtest — deine Körpermasse mitgerechnet — hundertdreißig Kilo nach oben bringen. Man betet vor jeder Stufe, bis zum nächsten Halt bei Bewußtsein zu bleiben — und zwischendurch kann man die Kraxe gar nicht absetzen, stolpern darf man sowieso nie.
— Das weiß ich doch alles. Man muß das Gewicht einfach gut verteilen. Die schweren Dinge müssen oben sein, möglichst oberhalb der Schultern. Und Pausen kann man nur auf den größeren flachen Steinen einlegen, klar.
— Kluges Köpfchen. Oft ist man im Tal wirklich ganz allein, man sitzt auf seinem Stein und ist mit den Gurten an die Kraxe wie festgekettet. Und dann? So naiv darfst du doch nicht rangehen. Ich war damals nach einem halben Kilometer vollkommen erledigt.
Die Natur um mich herum war von der Politik unbelastet und von der Rücksichtslosigkeit der volkseigenen Industrie noch nicht gezeichnet. Kaputtgefahrene Prager Fersen und geplättete Zehen, tote Tauben auf dem Altstädter Ring oder Behinderte auf Kollisionskurs gingen mich nichts mehr an. Mitten in dieser Natur zu sein tat mir so gut, daß ich mir sicher war, als Lastenträger nicht zu versagen. Ob mein Kreislauf leistungsfähig genug war und meine Muskeln auf Dauer wirklich durchhalten würden, wußte ich nicht, mental war ich aber in Höchstform. Ich wollte auf keinen Fall unten im Tal bleiben — zwischen den fetten Urlaubern und faulen Kurgästen. Auch das Interhotel» GRAND «lockte mich nicht mehr, ich kannte es jetzt als ein unerschrockener Entsorger einiger Abfallkörbe vor seiner Straßenfront. Ich wollte unbedingt oben in einer Hütte aus Felssteinen leben, oberhalb der alltäglichen Eile, oberhalb aller Dächer, aller Kurparks und ihres Mülls.
Wie es ist, früh mitten in einer stillen Landschaft zu erwachen, wußte ich unter anderem dank Dana. Eine starke Beziehung zur Natur hatten auch ihre Freunde, die ab und zu bei ihr auftauchten. Darunter war ein bekannter Fotograf. Er kam immer wieder mal, um einsame, das heißt einzeln stehende Bäume in der Umgebung zu fotografieren. Er hatte seit mehreren Jahren bestimmte Bilder im Kopf und vergaß sie nicht. Die Fotos, die er bereits gemacht hatte, waren ihm meistens nicht gut genug, und oft fand er seine Lieblingsbäume wiederholt nicht im richtigen Moment vor. In der Regel lag es am Licht oder an der Luftfeuchtigkeit oder an mehreren Faktoren gleichzeitig. Er kam außerdem aus einem ganz anderen Grund — Dana wusch ihm bei dieser Gelegenheit seine angesammelte Unterwäsche. Wie es zu diesem Brauch gekommen war, fragte ich lieber nicht.
Für das Gelingen der Baumaufnahmen war — von den Licht- und Feuchtigkeitsverhältnissen abgesehen — noch etwas anderes entscheidend: wieviel Kontrast der aktuell vorhandene Hintergrund gerade bot. Der Mann wartete schon mehrere Jahre darauf, daß auf einem bestimmten Feld wieder Gerste gesät werden würde. Im klaren schrägen Abendlicht schillern und leuchten die langen Gerstengrannen ungewöhnlich hell und bestrahlen die Blätter der umstehenden Bäume von unten. Nichts, was dort sonst wuchs, war ihm als Unter- und Hintergrund gut genug. Von allen Bäumen liebte er besonders die Eichen. Die mußte er sowieso im Frühjahr in dem Moment erwischen, wenn sie noch wenig Chlorophyll in den Blättern hatten. Da sie etwas später schlüpfen als der Rest der Landschaft, setze sich ihr Babygrün von der Umgebung besonders gut ab.
— Eichenblätter sehen anfangs bräunlich aus — aber nur kurz. Achte mal drauf, Georg.
Wenn dieser Mensch bei Dana auftauchte, die Luft aber feucht und das Licht deswegen zu diffus war, schlug sie ihm vor, bald wiederzukommen — und nächstes Jahr sowieso.
— Mehr als zehn Unterhosen hast du doch nicht. Und drecksteif solltest du hier besser nicht ankommen.
Für eine bestimmte Baumgruppe brauchte der Mann als Hintergrund ein blühendes Rapsfeld. Raps hatte es dortschon einmal gegeben, und er wollte die damalige Serie gern wiederholen. Bis auf diesem Feld wieder Raps gesät wurde, dauerte es, wie ich später erfuhr, sechs oder sieben Jahre. Aber auch das Warten auf ein einziges Bild konnte eine Ewigkeit dauern. Oft saß er an einer Stelle lange Stunden — oder er ging zwischendurch spazieren und kam erst nach Stunden wieder zurück. Und wenn er sah, daß die Sonne noch nicht weit genug war, um längere Schatten zu werfen und schärfere Konturen in die Baumkronen zu zeichnen, wartete er weiter.
Wahrscheinlich bastelte sich dieser Mensch besonders während dieser Wartestunden eine eigene Erklärung dafür, warum die Menschen menschleere Naturbilder so lieben und es bevorzugen, in der Natur womöglich allein zu sein. Die Liebe zur Natur hinge seiner Meinung nach mit dem — nebenbei sozialismusfremden — Besitzdenken zusammen. In einer verlassenen Landschaft müsse man sich die Natur nicht mit anderen teilen, meinte er. Man hätte die Illusion, diesen Teil der Erde ausschließlich für sich zu haben, nur für sich allein.
In meinen Bergen war ich inzwischen wirklich oft allein, die Sommersaison war noch nicht angebrochen. Ich probierte manchmal verbotene und nicht ausgeschilderte Strecken aus, kämpfte mich durch die Steinwildnis, betrat Nebentäler über vereiste schmale Hangrinnen und traf lange Stunden keinen einzigen Menschen. Sporadisch schrieb ich an Dana kurze Briefe, verriet ihr unter anderem, daß ich einige Wochen in Prag gewesen war, und bat sie, es für sich zu behalten. Nebenbei konnte ich es nicht lassen, sie zu fragen, was sie gerade anhatte und was für Wäsche sie daruntertrug. Aber eigentlich war ich neugierig darauf, wie es ihren Kubricks ging. Vor allem, wie es dem Kubrick Nummer drei ging und der Nummer vier und fünf. An der Entstehung dieser drei hatte ich mitgewirkt.Die KUBRICKS waren Danas puristische Grasquader-Skulpturen, die sie direkt in der Landschaft baute, um sie dort auch stehenzulassen. Sie hatte ihren ersten Quader spontan KUBRICK benannt — warum, konnte man sich ungefähr denken. Sie weigerte sich allerdings hartnäckig, ihre graswüchsigen Erhebungen plattzureden.