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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Man hatte nicht erwartet, unten am Fluß den Feind zu treffen, und war im Nebel ganz unvermutet auf ihn gestoßen. Ohne ein Wort der Aufmunterung von den höchsten Vorgesetzten, in dem Bewußtsein, bereits zu spät gekommen zu sein, und, was die Hauptsache war, durch den dichten Nebel behindert, der sie weder vor sich noch im Umkreis irgend etwas erkennen ließ, beschossen die russischen Truppen langsam und träge den Feind, rückten dann wieder ein Stück vor und machten dann von neuem halt, da sie nicht rechtzeitig die Befehle von den Kommandeuren durch die Adjutanten erhielten, die im Nebel durch das unbekannte Gelände irrten und ihre Truppenteile nicht fanden. So fing der Kampf für die erste, zweite und dritte Kolonne an, die bereits ins Tal hinabgestiegen waren. Die vierte Kolonne, bei der sich Kutusow selber befand, stand noch auf den Höhen von Pratzen.

Unten, wo das Gefecht einsetzte, lag immer noch dichter Nebel, während es sich oben etwas aufgeklärt hatte, doch konnte man auch hier nichts von dem sehen, was weiter vorn vor sich ging. Waren die Hauptstreitkräfte des Feindes, wie wir annahmen, zehn Werst von uns entfernt oder stand der Feind dort in jenem Nebelstreifen? Das wußte bis jetzt kein Mensch.

Es war neun Uhr morgens. Wie ein dichtes Meer breitete sich der Nebel in den Tälern aus, aber oben auf der Höhe unweit des Dorfes Schlapanitz, wo Napoleon mit seinen Marschällen stand, war es ganz hell. Über ihm wölbte sich ein klarer blauer Himmel, und der riesige Sonnenball schaukelte wie ein gewaltiger, hohler, purpurner Schwimmkork auf dem milchweißen Nebelmeer. Nicht nur das ganze französische Heer, sondern auch Napoleon selber mit seinem Stabe befand sich nicht jenseits der Bäche und Niederungen der Dörfer Sokolnitz und Schlapanitz, wo wir sie aus den Stellungen vertreiben und die Schlacht zu eröffnen beabsichtigten, sondern diesseits, und zwar in so nächster Nähe unserer Truppen, daß Napoleon mit bloßem Auge unsere Kavallerie von der Infanterie unterscheiden konnte. Napoleon hielt auf seinem kleinen Araberschimmel ein paar Schritte vor seinen Marschällen; er war mit demselben blauen Mantel bekleidet, den er schon während seines Feldzuges durch Italien getragen hatte. Schweigend blickte er nach den Hügeln hinüber, die hier und dort aus dem Nebelmeer auftauchten und auf denen sich in der Ferne russische Truppen bewegten, und lauschte auf das Geknatter der Schüsse im Tal. In seinem damals noch hageren Gesicht rührte sich nicht ein Muskel, seine leuchtenden Augen waren starr auf eine bestimmte Stelle gerichtet. Seine Annahmen erwiesen sich als richtig. Die russischen Truppen waren teils schon ins Tal zu den Seen und Teichen hinabgestiegen, teils hatten sie die Pratzener Höhen geräumt, die er anzugreifen beabsichtigte, weil er sie für den Schlüssel der ganzen Stellung hielt. Er sah durch den Nebel, wie in einem Einschnitt zwischen zwei Bergen in der Nähe des Dorfes Pratzen die russischen Kolonnen mit blitzenden Bajonetten immer in derselben Richtung ins Tal hinabzogen und wie eine Kolonne nach der anderen dann wieder im Nebelmeer verschwand. Aus Nachrichten, die er am Abend erhalten hatte, aus dem Geräusch der Räder und Schritte, das seine Vorposten in der Nacht vernahmen, aus dem wirren Vormarsch der russischen Kolonnen, aus alledem hatte er klar und deutlich erkannt, daß die Verbündeten ihn viel weiter entfernt glaubten, daß die Kolonnen, die jetzt bei Pratzen in Bewegung waren, das Zentrum der russischen Armee bildeten, und daß dieses Zentrum bereits genügend geschwächt war, um es mit Erfolg angreifen zu können. Aber trotzdem eröffnete er die Schlacht nicht.

Es war heute ein Festtag für ihn: der Jahrestag seiner Krönung. Gegen Morgen hatte er ein paar Stunden geschlafen und sich dann in jener glücklichen Gemütsverfassung, in der alles möglich scheint und alles glückt, gesund, frisch und heiter aufs Pferd geschwungen und war ins Feld geritten. Jetzt blickte er starr auf die aus dem Nebel hervortretenden Höhen, und auf seinem kalten Gesicht lag jener besondere Ausdruck von Selbstvertrauen und wohlverdientem Glück, wie er sich auf dem Antlitz eines glücklich verliebten Burschen zu zeigen pflegt. Die Marschälle hielten etwas hinter ihm und wagten nicht, seine Aufmerksamkeit abzulenken. So schaute er sinnend bald auf die Höhen von Pratzen, bald auf die aus dem Nebelmeer auftauchende Sonne.

Als die Sonne gänzlich aus dem Nebel herausgetreten war und die Felder und nebligen Täler mit blendendem Glanz überflutete, zog Napoleon – als hätte er nur darauf gewartet, um die Schlacht zu beginnen – den Handschuh von seiner schönen weißen Hand, gab dadurch seinen Marschällen das Zeichen und erteilte ihnen den Befehl, den Kampf zu eröffnen. Von ihren Adjutanten begleitet, sprengten die Marschälle nach allen Seiten auseinander, und kurze Zeit darauf bewegte sich die Hauptstreitkraft des französischen Heeres in großer Eile auf jene Pratzener Höhen zu, welche von den russischen Truppen, die nach links ins Tal hinabzogen, immer mehr und mehr entblößt wurden.

15

Um acht Uhr begab sich Kutusow zu Pferd nach Pratzen, an der Spitze von Miloradowitschs vierter Kolonne, welche die Stellung der Kolonnen Przebyszewskis und Langerons, die schon weiter ins Tal gezogen waren, einnehmen sollte. Er begrüßte die Mannschaften des Vorderregimentes, erteilte den Befehl, zu marschieren, und zeigte damit, daß er diese Kolonne selber zu führen beabsichtigte. Beim Dorf Pratzen angelangt, hielt er an. Fürst Andrej, der zu der gewaltigen Schar gehörte, die das Gefolge des Oberkommandierenden bildete, hielt dicht hinter ihm. Er fühlte sich erregt und nervös, gleichzeitig aber auch gelassen und ruhig, wie einem Menschen gewöhnlich zumute ist, wenn ein langersehnter Augenblick endlich herannaht. Er war fest davon überzeugt, daß heute der Tag für sein Toulon oder seine Brücke von Arcole angebrochen war. Wie sich das ereignen werde, wußte er nicht, aber er glaubte fest daran, daß es kommen müsse. Das Gelände und die Stellungen unserer Truppen waren ihm so gut bekannt, wie sie nur irgendeinem aus der ganzen Armee bekannt sein konnten. Seinen eignen strategischen Plan, an dessen Ausführung offenbar augenblicklich nicht mehr zu denken war, hatte er ganz vergessen. Jetzt war er ganz von Weyrothers Plan durchdrungen, dachte sich alle nur möglichen Zwischenfälle, die sich ereignen konnten, aus, stellte neue Kombinationen auf und in der Hauptsache solche, bei denen seine schnelle Auffassungsgabe und seine Entschlossenheit von Nutzen sein konnten.

Links unten, im Nebel, hörte man das Schießen der unsichtbaren Truppen. Dort, so schien es dem Fürsten Andrej, mußte sich die ganze Schlacht konzentrieren. Dort mußte man auf Schwierigkeiten stoßen. Da wird man mich hinschicken, dachte er, mit einer Brigade oder einer Division, und dort werde ich mit der Fahne in der Hand allen voranstürmen und alles kurz und klein schlagen, was sich mir in den Weg stellt. Und Fürst Andrej konnte nicht mehr gleichmütig auf die Fahnen der vorüberziehenden Bataillone blicken, da er bei jeder von ihnen denken mußte: Vielleicht ist es gerade diese Fahne, mit der ich den Truppen voranstürmen werde.

Auf den Höhen hatte der nächtliche Nebel am Morgen nur Reif zurückgelassen, der sich nach und nach in Tau verwandelte, in den Tiefen aber war er wie ein milchweißes Meer stehen geblieben. Nichts war in jenem Tal zu sehen, wohin unsere Truppen abgezogen waren und woher jetzt das Geknatter des Gewehrfeuers kam. Über den Höhen wölbte sich ein tiefblauer, klarer Himmel, zur Rechten erhob sich gigantisch der Sonnenball. Vorn, in weiter Ferne, am jenseitigen Ufer des Nebelmeeres, sah man einige bewaldete Hügel hervortreten, auf denen sich die feindlichen Truppen befinden mußten, und wirklich konnte man auch etwas von ihnen erkennen. Rechts rückte die Garde in den Bereich des Nebels ein, man hörte Pferdegetrappel und das Rollen der Räder, hie und da blitzte ein Bajonett auf; links hinter den Dörfern wälzte sich eine ebenso große Masse Kavallerie vorbei und verschwand ebenfalls in den Nebelschwaden. Vorn und hinten marschierte die Infanterie.

Der Oberkommandierende hatte am Ausgang des Dorfes haltgemacht und ließ die Truppen an sich vorüberziehen. Kutusow schien an diesem Morgen abgespannt und gereizt zu sein. Die an ihm vorbeiziehende Infanterie machte, ohne daß es ihr befohlen war, halt, offenbar weil sie durch irgend etwas aufgehalten wurde.

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