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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Glauben Sie mir«, fing Fürst Dolgorukow zu Bagration gewandt an, »das ist weiter nichts als eine List: er zieht sich zurück und hat seiner Nachhut befohlen, Feuer anzuzünden und Lärm zu machen, um uns irrezuführen.«

»Wohl kaum«, entgegnete Bagration, »am Abend noch habe ich sie auf dem Hügel dort drüben gesehen. Wenn sie sich zurückgezogen hätten, so wären sie auch von dort verschwunden. Herr Offizier«, wandte sich Fürst Bagration an Rostow, »stehen dort noch feindliche Vorposten?«

»Abends standen sie noch dort, jetzt kann ich es freilich nicht mit Sicherheit sagen, Durchlaucht. Wenn Sie aber befehlen, reite ich mit ein paar Husaren hin«, erwiderte Rostow.

Bagration hielt an und suchte, ohne eine Antwort zu geben, Rostows Gesicht im Nebel zu erforschen.

»Gut, sehen Sie einmal nach«, sagte er dann, nachdem er eine Weile geschwiegen hatte.

»Zu Befehl.«

Rostow gab seinem Pferd die Sporen, rief den Unteroffizier Fedtschenko und noch zwei andere Husaren heran, befahl ihnen, ihm zu folgen, und ritt im Trabe den Berg hinunter in der Richtung, woher das immer noch fortdauernde Geschrei kam. Er empfand ein banges und zugleich freudiges Gefühl, so allein mit seinen drei Husaren dahinzureiten, in jene geheimnisvolle und gefährliche neblige Ferne, wo niemand vor ihm noch gewesen war. Bagration rief ihm noch von oben nach, er solle nicht weiter reiten als bis an den Fluß, aber Rostow hielt, als hätte er diese Worte nicht mehr gehört, nicht an und ritt immer weiter und weiter. Dabei irrte er sich beständig, hielt bald einen Busch für einen Baum, bald eine Wassergrube für lagernde Menschen, wurde sich aber dann immer wieder gleich seines Irrtums bewußt.

Als er den Berg im Trabe hinuntergeritten war, sah er überhaupt keine Feuer mehr, weder die unsrigen noch die feindlichen, hörte aber das Schreien der Franzosen immer lauter und deutlicher. Vor sich im Tal erblickte er etwas, das wie ein Fluß aussah, als er aber bis dicht herangeritten war, erkannte er, daß er die Landstraße vor sich hatte. Auf der Straße angelangt, hielt er sein Pferd unschlüssig an: sollte er den Weg entlang oder, über die Straße hinweg, das schwarze Feld den Berg hinaufreiten? Auf dieser hell aus dem Nebel hervortretenden Straße entlang zu reiten, wäre gefahrloser gewesen, weil man da den Feind eher hätte erkennen können. »Mir nach!« rief er, kreuzte den Weg und sprengte im Galopp den Berg hinauf, gerade auf die Stelle zu, wo am Abend die französischen Vorposten gestanden hatten.

»Euer Wohlgeboren, da sind sie«, sagte hinter ihm einer der Husaren. Und Rostow konnte gerade noch etwas Schwarzes, das plötzlich im Nebel vor ihm stand, erkennen, als auch schon ein Feuerschein aufblitzte, ein Schuß knallte und eine Kugel mit klagendem Pfeifen hoch in den Nebel hineinschwirrte und sich in weite Fernen verlor. Bei einem zweiten Gewehr ging der Schuß nicht los, sondern es blitzte nur das Pulver in der Pfanne auf. Rostow riß sein Pferd herum und sprengte im Galopp zurück. Noch vier Schüsse flogen in kurzen Abständen hinter ihm her, und die Kugeln pfiffen in den verschiedensten Tonarten irgendwohin in den Nebel. Rostow hielt sein Pferd zurück, das, wie er selber auch, durch die Schüsse munter und aufgeregt geworden war, und ritt im Schritt weiter.

Na, immer zu! Schießt nur! Immer zu! rief eine fröhliche Stimme in ihm. Aber die Schüsse verstummten.

Erst als er in Bagrations Nähe kam, setzte Rostow sein Pferd wieder in Galopp und ritt, die Hand an die Mütze gelegt, auf den General zu.

Dolgorukow hatte immer noch auf seiner Ansicht bestanden, daß die Franzosen sich zurückgezogen und nur, um uns irrezuführen, die Feuer angezündet hätten.

»Was beweist das?« sagte er, gerade als Rostow angeritten kam. »Sie können abgezogen sein und doch ein paar Vorposten zurückgelassen haben.«

»Anscheinend sind sie aber doch noch nicht alle fort, Fürst«, erwiderte Bagration. »Morgen, morgen früh werden wir alles erfahren.«

»Die feindlichen Vorposten stehen noch auf dem Berg, Euer Durchlaucht, genau an derselben Stelle, wo sie am Abend gestanden haben«, meldete Rostow in ehrerbietig vorgebeugter Haltung, die Hand am Mützenschirm, und konnte das fröhliche Lächeln, das dieser Erkundungsritt und hauptsächlich das Pfeifen der Kugeln bei ihm hervorgerufen hatte, nicht unterdrücken.

»Schön, schön«, erwiderte Bagration. »Ich danke Ihnen, Herr Offizier.«

»Euer Durchlaucht«, sagte Rostow, »darf ich mir eine Bitte erlauben?«

»Was wünschen Sie?«

»Unsere Schwadron ist morgen für die Reserve bestimmt; darf ich um Abkommandierung zur ersten Schwadron bitten?«

»Wie heißen Sie?«

»Graf Rostow.«

»Schön. Bleiben Sie als Ordonnanz bei mir.«

»Sind Sie ein Sohn von Ilja Andrejewitsch?« fragte Dolgorukow.

Aber Rostow antwortete ihm nicht.

»So darf ich hoffen, Euer Durchlaucht?«

»Ich werde Befehl geben.«

Vielleicht werde ich dann morgen mit irgendeiner Meldung zum Kaiser geschickt. Gott sei Dank! dachte Rostow.

Das Geschrei und die Feuer im feindlichen Lager rührten aber daher, daß Napoleon selber durch die Biwaks hindurchritt, gerade zu einer Zeit, als sein Tagesbefehl den Truppen verlesen wurde. Als die Soldaten den Kaiser sahen, zündeten sie Strohwische an und liefen mit dem Ruf: »Vive l’empereur!« hinter ihm her. Napoleons Tagesbefehl lautete:

»Soldaten! Die russische Armee rückt gegen uns vor, um die Niederlage des österreichischen Heeres bei Ulm zu rächen. Das sind dieselben Bataillone, die ihr bei Hollabrunn geschlagen und ohne Unterlaß bis hierher verfolgt habt. Die Stellungen, die wir innehaben, sind gut, und wenn sie kommen sollten, um uns von rechts zu umgehen, so werden sie mir ihre Flanke zum Angreifen darbieten. Soldaten! Ich selbst werde eure Bataillone führen. Ich werde mich vom Feuer fernhalten, wenn ihr mit eurer gewohnten Tapferkeit Unordnung und Verwirrung in die feindlichen Reihen hineintragen werdet; wenn aber der Sieg auch nur einen Augenblick zweifelhaft werden sollte, so werdet ihr sehen, daß euer Kaiser der erste sein wird, der sich den Hieben des Feindes aussetzt, denn unser Sieg muß ein zweifelloser sein, zumal an einem Tag, wo es sich um die Ehre der französischen Infanterie handelt, die für den Ruhm der gesamten Nation so unentbehrlich ist.

Keiner darf seinen Platz verlassen, auch nicht unter dem Vorwand, Verwundete abzutransportieren. Jeder einzelne soll von dem Gedanken durchdrungen sein, daß wir siegen müssen, siegen über diese Mietlinge Englands, die von einem solchen Haß gegen unsere Nation beseelt sind. Dieser Sieg wird unseren Feldzug beenden, und wir können dann in die Winterquartiere zurückkehren, wo die neue französische Armee, die ich jetzt in Frankreich zusammenstellen lasse, zu uns stoßen wird. Und der Friede, den ich dann schließen werde, wird meiner Völker, euer und meiner würdig sein.

Napoleon«

14

Um fünf Uhr morgens war es noch vollständig finster. Die Truppen des Zentrums, die Reserven und Bagrations rechter Flügel lagen noch still. Aber auf dem linken Flügel fingen die Infanterie-, Kavallerieund Artilleriekolonnen schon an, sich zu regen und von ihrem Nachtlager aufzubrechen, weil sie als die ersten von der Höhe hinabzusteigen, den rechten Flügel der Franzosen anzugreifen und ihn der Disposition gemäß in die böhmischen Berge zurückzuwerfen hatten. Der Rauch der Lagerfeuer, in das man alles, was man nicht mehr brauchen konnte, hineingeworfen hatte, brannte in den Augen. Es war kalt und finster. Die Offiziere tranken in aller Eile Tee und frühstückten, die Soldaten kauten ihren Zwieback, trampelten mit den Beinen, um warm zu werden, und drängten sich um die Feuer, in die sie Zeltreste, Tische, Stühle, Räder, Fässer, kurz alles das hineingeworfen hatten, was sie nicht mitnehmen konnten, österreichische Kolonnenführer tauchten als Vorboten des Aufbruchs zwischen den russischen Truppen auf. Sowie ein solcher österreichischer Offizier sich nur vor dem Standquartier eines Regimentskommandeurs gezeigt hatte, setzte sogleich ein reges Leben im ganzen Regiment ein: die Soldaten rannten von den Feuern weg, steckten die Tabakspfeifen in die Stiefelschäfte, luden ihre Brotbeutel auf die Fuhrwerke, sahen die Flinten noch einmal nach und stellten sich auf. Die Offiziere knöpften die Uniformröcke zu, legten den Degen und den Feldranzen um und gingen, hier und da einen ihrer Leute anschnauzend, die Reihen ab. Die Fuhrleute und Burschen spannten an, luden die Bagage auf und banden sie fest. Die Adjutanten, Bataillons- und Regimentskommandeure bestiegen ihre Pferde, bekreuzigten sich, erteilten den zurückbleibenden Fuhrleuten die letzten Befehle und Aufträge, und dann hörte man nur noch das eintönige Stampfen von Tausenden von Füßen. Die Kolonnen setzten sich in Bewegung, ohne zu wissen wohin, und sahen vor Menschen, vor Rauch und vor Nebel, der immer stärker und stärker wurde, weder den Ort, den sie verließen, noch den, auf den sie losmarschierten.

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