Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Przebyszewski hörte, die Hand hinters Ohr gelegt, Weyrother mit ehrerbietiger, würdiger Höflichkeit an und machte den Eindruck eines Menschen, der ganz Auge und Ohr ist. Der kleine Dochturow saß mit diensteifriger, bescheidener Miene Weyrother gerade gegenüber, beugte sich über die ausgebreitete Karte vor und studierte gewissenhaft die Disposition und das ihm unbekannte Gelände. Mehrmals bat er Weyrother, ein paar Worte, die er nicht recht verstanden hatte, sowie die schwierigen Namen der Ortschaften zu wiederholen. Weyrother kam diesem Wunsche nach, und Dochturow notierte sich diese Namen.
Als die Verlesung der Disposition, die länger als eine Stunde gedauert hatte, zu Ende war, hielt Langeron abermals mit dem Drehen seiner Tabaksdose inne und fing, ohne Weyrother oder irgendeinen anderen dabei anzusehen, darüber zu reden an, wie schwierig es doch sei, eine solche Disposition zu erfüllen, in der die Stellung des Feindes als bekannt angenommen sei, während dies doch gar nicht der Fall sein könne, da sich der Feind ja in Bewegung befinde. Die Entgegnungen Langerons waren begründet, aber es war klar ersichtlich, daß der Zweck dieser Entgegnungen vornehmlich der Wunsch war, den General Weyrother, der seine Disposition den anderen so selbstbewußt wie Schuljungen gegenüber vorgelesen hatte, fühlen zu lassen, daß er es hier nicht nur mit Dummköpfen, sondern mit Leuten zu tun hatte, von denen selbst er in strategischer Beziehung noch etwas lernen könne.
Als Weyrothers eintönige Stimme verstummt war, hatte Kutusow die Augen aufgeschlagen wie ein Müller, der aufwacht, wenn das einschläfernde Geräusch der Mühlräder einmal aussetzt. Als er aber hörte, was Langeron sagte, ließ er den Kopf wieder sinken und machte schnell das Auge wieder zu, als wolle er sagen: Ach, ihr seid immer noch bei diesem dummen Zeug!
Bemüht, Weyrother als Urheber des Schlachtenplanes in seiner Eigenliebe so tief wie möglich zu verletzen, fing Langeron an zu beweisen, daß Bonaparte, statt sich angreifen zu lassen, sehr leicht selber die Offensive ergreifen und infolgedessen diese ganze Disposition hinfällig machen könne. Weyrother antwortete auf alle diese Einwände mit einem unerschütterlichen verächtlichen Lächeln, mit dem er sich offenbar schon im voraus gegen jeden Einwand gewappnet hatte, ganz gleich, was man ihm sagen würde.
»Wenn er uns angreifen könnte, so hätte er es heute getan«, sagte er.
»Sie sind also der Ansicht, daß seine Kräfte nicht bedeutend sind?« fragte Langeron.
»Wenn er viel hat, so sind es vierzigtausend Mann«, erwiderte Weyrother mit dem Lächeln eines Arztes, den ein Kurpfuscher auf ein Heilmittel hinweist.
»Dann wird er also seinem Verderben entgegengehen, wenn er auf unseren Angriff wartet«, sagte Langeron mit fein ironischem Lächeln und blickte, Zustimmung heischend, wieder den neben ihm sitzenden Miloradowitsch an.
Aber Miloradowitsch dachte in diesem Augenblick anscheinend an etwas ganz anderes als an das, worüber sich die Generäle stritten,
»Ma foi«, sagte er, »das werden wir ja morgen auf dem Schlachtfeld sehen.«
Weyrother lächelte wieder jenes geringschätzige Lächeln, das besagte, wie lächerlich und merkwürdig es ihm vorkomme, daß er solchen Einwänden von seiten russischer Generäle begegne und ihnen etwas erst noch beweisen müsse, wovon er nicht nur selber felsenfest überzeugt sei, sondern auch beide Kaiser bereits überzeugt habe.
»Der Feind hat seine Feuer ausgelöscht und man hört ein ununterbrochenes Getöse aus seinem Lager herüber«, sagte er. »Was bedeutet das? Entweder zieht er sich zurück – und das wäre das einzige, was wir zu fürchten hätten – oder er wechselt seine Stellung.« Er lächelte. »Aber selbst wenn er bei Turas Aufstellung nähme, würde er uns nur eine große Mühe ersparen, und alle Anordnungen würden, bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, genau dieselben bleiben …«
»Wie ist das möglich?« fragte Fürst Andrej, der schon lange auf eine Gelegenheit gewartet hatte, seine Bedenken auszusprechen.
Doch da wachte Kutusow auf, hustete vernehmlich und sah die Generäle der Reihe nach an.
»Meine Herren, an der Disposition für morgen, oder vielmehr für heute, denn es ist ja schon bald ein Uhr, kann nichts mehr geändert werden«, sagte er. »Sie haben sie gehört, und wir alle werden unsere Pflicht tun. Vor einer Schlacht aber ist nichts wichtiger«, er machte eine Pause, »… als ordentlich auszuschlafen.«
Er traf Anstalten, sich zu erheben. Die Generäle verbeugten sich und zogen sich zurück. Es war schon nach Mitternacht. Auch Fürst Andrej verließ das Zimmer.
Der Kriegsrat, bei dem es Fürst Andrej nicht gelungen war, seine Meinung, wie er gehofft hatte, auszusprechen, hatte in ihm einen Eindruck der Unklarheit und Unruhe hinterlassen. Wer hatte recht: Dolgorukow und Weyrother oder Kutusow und Langeron und alle die anderen, die nicht mit der Offensive einverstanden waren? Er wußte es nicht. Hatte Kutusow dem Kaiser wirklich nicht seine Ansicht persönlich darlegen dürfen? War es wirklich nicht anders zu machen gewesen? Dürfen sie aus höfischen und persönlichen Interessen das Leben so vieler Tausende und auch mein eignes Leben aufs Spiel setzen? fragte er sich.
Ja, es ist sehr leicht möglich, daß ich morgen falle, dachte er. Und bei diesem Gedanken an den Tod stieg plötzlich eine ganze Kette von Erinnerungen, fernster, liebster Erinnerungen, vor seinem Geiste auf: er dachte an seinen letzten Abschied von seinem Vater und von seiner Frau, dachte an die erste Zeit seiner Liebe zu ihr, dachte an ihre Schwangerschaft, und es war ihm leid um sie und um sich. Und in einem nervös erregten Zustand der Rührung verließ er das Quartier, in dem er mit Neswizkij zusammen lag, und ging vor dem Hause auf und ab.
Die Nacht war neblig, aber durch den Nebel brach geheimnisvoll das Licht des Mondes. Ja, morgen, morgen, dachte er. Morgen wird vielleicht alles für mich ein Ende haben, alle diese Erinnerungen werden nicht mehr sein, werden für mich keinen Sinn mehr haben. Morgen vielleicht, nein, morgen ganz sicherlich – das fühle ich im voraus – werde ich endlich zum erstenmal in meinem Leben das zeigen können, was ich zu leisten vermag. Und er sah im Geiste die Schlacht, sah, wie sie verloren wurde, wie sich alles auf den einen Punkt konzentrierte und die Anführer die Köpfe verloren. Und da ist für ihn endlich der glückliche Augenblick gekommen, jenes Toulon, auf das er so lange gewartet hat. Fest und klar setzt er Kutusow seine Meinung auseinander und dann auch Weyrother und dem Kaiser. Alle sind von der Richtigkeit seiner Berechnungen überrascht, aber keiner wagt es, die Ausführung zu übernehmen. Und da tritt er vor, nimmt ein Regiment, eine Division, unter der Bedingung, daß ihm niemand in seine Anordnungen hineinredet, führt seine Division an die entscheidende Stelle und erringt den Sieg, er ganz allein. Aber der Tod und die Leichen? mahnt eine andere Stimme in ihm. Doch Fürst Andrej antwortet nicht auf diese Stimme und spinnt seine Träumereien von Sieg und Erfolg weiter. Die Disposition für die nächste Schlacht entwirft er ganz allein. Obgleich er noch Dienstadjutant bei Kutusow ist, liegt doch alles in seiner Hand. Er gewinnt auch die folgende Schlacht. Kutusow wird abgesetzt, er an seiner Statt ernannt … Nun, und dann? fragt wieder die andere Stimme. Was dann, wenn du nicht vorher zehnmal verwundet wirst, fällst oder betrogen wirst, nun, was dann? – Dann, gibt sich Fürst Andrej selber zur Antwort, was dann sein wird, das will und kann ich nicht wissen. Aber wenn ich danach strebe, strebe ich nach Ruhm, will von den Menschen gekannt und geliebt werden, und das ist doch kein Unrecht, wenn ich danach strebe, wenn ich nur das allein will, nur darum allein lebe. Ja, einzig und allein nur darum. Ich werde das niemals einem Menschen sagen, aber, mein Gott, was soll ich nur tun, wenn ich nun einmal nichts so sehr liebe wie den Ruhm und die Anerkennung der Menschen? Tod, Verwundung, Verlust meiner Angehörigen, nichts fürchte ich. Und wie lieb und wert mir auch viele Menschen sind, mein Vater, meine Schwester, meine Frau und alle, die mir am nächsten stehen, sie alle gäbe ich hin – und wenn es auch noch so entsetzlich und unnatürlich klingen mag – für einen Augenblick des Ruhmes, des Triumphes und der Liebe von Menschen, die ich nicht kenne und nie kennen werde, für die Liebe von Menschen wie jenen da, dachte er und horchte nach den Soldatenstimmen hin, die draußen auf dem Hof vor Kutusows Haus laut wurden.