Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Eben deswegen fange ich nicht an, Majestät«, erwiderte Kutusow mit lauter Stimme, um jeder Möglichkeit, abermals nicht verstanden zu werden, vorzubeugen, und wieder zuckte es über sein Gesicht. »Eben deshalb fange ich nicht an, Majestät, weil wir hier nicht zur Parade auf der Zarizynwiese sind.« Klar und deutlich sprach er jedes Wort aus.
Im Gefolge des Kaisers sah einer den anderen an, und auf allen Gesichtern war Mißbilligung und Tadel zu lesen. Wenn er auch ein alter Mann ist, so darf er doch, darf er doch unter keinen Umständen so mit dem Kaiser reden, drückten alle Mienen aus.
Der Kaiser sah Kutusow starr und gespannt ins Auge und wartete, ob er noch etwas sagen würde. Aber der Oberkommandierende senkte nur ehrerbietig den Kopf und schien ebenfalls zu warten. Das Schweigen dauerte etwa eine Minute lang.
»Übrigens, wenn Majestät befehlen«, sagte dann Kutusow, hob den Kopf und verfiel wieder in den Ton eines abgestumpften, sich unterordnenden Generals, der sich kein eignes Urteil erlauben darf. Er wandte sein Pferd um, rief den Gruppenkommandeur Miloradowitsch heran und erteilte ihm den Befehl zum Angriff.
Wieder setzten sich die Truppen in Bewegung. Zwei Bataillone des Nowgoroder Regimentes und ein Bataillon des Apscheroner Regimentes rückten vor und zogen am Kaiser vorüber.
Während dieses Apscheroner Regiment vorbeizog, sprengte Miloradowitsch mit seinem roten Gesicht, ohne Mantel, im bloßen Uniformrock mit vielen Orden, den Hut mit der aufgeschlagenen Krempe und gewaltigen Feder seitlich auf den Kopf gedrückt, in vollem Galopp vor, salutierte schneidig und brachte sein Pferd vor dem Kaiser zum Stehen.
»Mit Gott, General!« sagte der Kaiser zu ihm.
»Ma foi, Sire, nous ferons ce que sera dans notre possibilité, Sire«, erwiderte er heiter, rief aber trotzdem durch seine schlechte Aussprache des Französischen ein spöttisches Lächeln auf den Lippen der Herren des kaiserlichen Gefolges hervor.
Miloradowitsch wandte sein Pferd kurz um und nahm etwas hinter dem Kaiser Aufstellung. Durch die Gegenwart des Zaren aufgemuntert, marschierten die Apscheroner mit festen, kräftigen Schritten an den beiden Kaisern und ihrem Gefolge vorbei.
»Kinder!« rief Miloradowitsch mit lauter, munterer und selbstbewußter Stimme. Er war sichtlich durch das Geknatter der Schüsse, durch die Nähe des Kampfes und durch den Anblick der tapferen Apscheroner, die schon unter Suworow seine Kameraden gewesen waren und jetzt so stramm an den Kaisern vorbeimarschierten, so in Begeisterung geraten, daß er sogar die Anwesenheit des Zaren vergaß. »Kinder, das ist doch nicht das erste Dorf, das ihr stürmt!« schrie er ihnen zu.
»Hurra! Hurra! Hurra!« riefen die Soldaten zurück.
Das Pferd des Zaren scheute bei dem plötzlichen Geschrei. Dieses Pferd, das den Kaiser schon bei seinen Besichtigungen in Rußland getragen hatte, trug ihn auch heute auf dem Schlachtfeld bei Austerlitz. Ruhig duldete es, wenn sein Reiter es mit dem linken Fuß zerstreut in die Seite stieß, und spitzte bei dem Geknatter der Schüsse die Ohren, ganz so, wie es dies schon auf der Zarizynwiese[78] getan hatte, ohne zu wissen, was diese Schüsse zu bedeuten hatten, und warum der schwarze Hengst von Kaiser Franz neben ihm stand, und ohne zu verstehen, was der, welcher auf ihm ritt, an diesem Tag fühlte, dachte und sprach.
Lächelnd wandte sich der Kaiser an einen, der neben ihm stand, zeigte auf die strammen Apscheroner und sagte irgend etwas zu ihm.
16
Begleitet von seinen Adjutanten ritt Kutusow im Schritt hinter der Reiterei her.
Nachdem er so gegen eine halbe Werst am Schluß der Kolonne geritten war, hielt er bei einem einsamen, baufälligen Hause, wahrscheinlich einer früheren Schenke, an, weil sich der Weg hier teilte. Beide Wege führten bergab und auf beiden zogen Truppen dahin.
Der Nebel fing an sich zu lichten, und auf den gegenüberliegenden Anhöhen sah man schon in einer Entfernung von etwa zwei Werst verschwommen die feindlichen Truppen. Von links unten wurde das Schießen vernehmbar.
Kutusow machte halt und sprach ein paar Worte mit einem österreichischen General. Fürst Andrej hielt dicht hinter ihm und beobachtete die beiden, dann wandte er sich an einen Adjutanten, um sich dessen Fernrohr auszubitten.
»Sehen Sie bloß, sehen Sie bloß«, sagte dieser Adjutant und blickte nicht auf die Truppen in der Ferne, sondern vor sich den Berg hinunter. »Das sind die Franzosen!«
Die beiden Generäle und die anderen Adjutanten griffen nach dem Glase und entrissen es einer dem anderen. Ihre Gesichter hatten sich plötzlich verfärbt und drückten Entsetzen aus. Sie hatten die Franzosen in zwei Werst Entfernung geglaubt, und jetzt standen sie plötzlich unerwartet vor ihnen.
»Ist das der Feind? … Nein! … Aber sehen Sie doch, das ist er … ganz sicher … Was ist das?« schwirrte es durcheinander.
Fürst Andrej erkannte mit bloßem Auge rechts unten eine dichte Kolonne Franzosen, die den Apscheronern bergaufwärts entgegendrängte und nicht weiter als fünfhundert Schritt von der Stelle entfernt war, wo Kutusow hielt.
Jetzt ist er da, der entscheidende Augenblick. Jetzt ist’s an mir! dachte Fürst Andrej, riß sein Pferd herum und ritt an Kutusow heran.
»Die Apscheroner müssen angehalten werden, Exzellenz«, rief er.
Doch in diesem Augenblick hüllte sich alles in Rauch, man hörte das Schießen in nächster Nähe, und zwei Schritte von Fürst Andrej entfernt schrie plötzlich eine Stimme in naivem Entsetzen: »Zurück, Brüder, zurück!« Und als wäre dies ein Kommando gewesen, fing plötzlich alles an zu fliehen.
Wirre, immer größer werdende Scharen flohen bis zu der Stelle zurück, wo noch vor fünf Minuten die Truppen an den beiden Kaisern vorübergezogen waren. Es war nicht nur schwierig, diese Menschenmassen aufzuhalten, sondern einfach unmöglich, selber stehenzubleiben und nicht von der Menge mit fortgerissen zu werden. Bolkonskij bemühte sich nur, nicht abgetrieben zu werden, sah sich um, traute seinen Augen kaum und war nicht imstande zu begreifen, was sich da vor ihm abspielte. Neswizkij war kaum wiederzuerkennen und rief mit hochrotem, wütendem Gesicht Kutusow zu, wenn er nicht augenblicklich von hier wegritte, würde er unwiderruflich gefangengenommen werden. Doch Kutusow gab keine Antwort, blieb auf demselben Fleck stehen und zog sein Taschentuch hervor. Aus seiner Backe floß Blut. Fürst Andrej drängte sich zu ihm heran.
»Sie sind verwundet?« fragte er, kaum imstande, das Zittern seines Unterkiefers zu verbergen.
»Nicht hier bin ich verwundet, sondern dort!« erwiderte Kutusow, drückte das Taschentuch gegen die verwundete Backe und zeigte auf die Fliehenden.
»Haltet sie auf!« schrie er, gab aber, wahrscheinlich in der Überzeugung, daß dieses Aufhalten ein Ding der Unmöglichkeit sei, seinem Pferde die Sporen und sprengte nach rechts hinüber.
Aber eine neu heranströmende Schar Fliehender erfaßte ihn und riß ihn mit zurück.
Die Truppen hatten sich zu einem so dicken Knäuel zusammengeballt, daß es, wenn man einmal in ihre Mitte geraten war, schwerfiel, sich wieder herauszufitzen. Da schrie einer: »Marsch vorwärts! Was stehst du im Wege?« Ein anderer drehte sich um und schoß in die Luft. Ein dritter versetzte dem Pferde, auf dem Kutusow saß, einen Hieb. Nur mit größter Mühe arbeitete sich Kutusow mit seinem Gefolge, das bis auf die Hälfte zusammengeschmolzen war, durch die Flut der zurückdrängenden Truppen nach links hindurch und ritt dem Donnern eines nahen Geschützfeuers entgegen. Während sich Fürst Andrej, bemüht, nicht von Kutusow getrennt zu werden, ebenfalls durch die Menge der Fliehenden durcharbeitete, sah er, wie am Fuße des Berges in dichten Rauch gehüllt eine russische Batterie noch Feuer gab und von den Franzosen bestürmt wurde. Etwas weiter oben stand russische Infanterie und ging weder vorwärts, um der Batterie zu Hilfe zu kommen, noch rückwärts, auf die Fliehenden zu. Ein General zu Pferde trennte sich von dieser Infanterie und ritt zu dem Oberkommandierenden hin. Von Kutusows Gefolge waren nur noch vier Mann übriggeblieben. Mit bleichen Gesichtern sahen sie einander an.
78
Zarizynwiese: einer der größten Plätze Petersburgs, auf dem die Paraden abgehalten wurden. Seit 1818 heißt er Marsfeld.