Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Es waren Kutusows Diener und Burschen, die die Sachen packten. Der eine, wahrscheinlich ein Kutscher, neckte Kutusows alten Koch, Tit genannt, den Fürst Andrej kannte, und rief: »Tit, he, Tit!«
»Was willst du?« antwortete der Alte.
»Tit, Tit, Tit, komm drisch dich mit!« rief der Spaßvogel.
»Pfui, scher dich zum Teufel!« klang es zurück, übertönt vom Gelächter der Burschen und Diener.
Und doch liebe und schätze ich nichts mehr als die Herrschaft über diese Leute und strebe nach dem Ruhm und der geheimnisvollen Kraft, die jetzt wie dieser Nebel über meinem Haupt schwebt.
13
Rostow befand sich in dieser Nacht mit seiner Schwadron bei der Vorpostenkette vor dem Korps Bagrations. Seine Husaren waren paarweise auf diese Kettenlinie verteilt, er selber aber ritt diese Linie entlang, bemüht, den Schlaf zu verscheuchen, der ihn unwiderstehlich überkam. Hinter sich erblickte er die weit ausgedehnten, schwach durch den Nebel schimmernden Lagerfeuer unserer Armee, vor ihm lag dichter Nebel. So angestrengt auch Rostow in diese neblige Ferne spähte, er konnte nichts erkennen: bald schien etwas Graues, bald etwas Schwarzes aufzutauchen, bald blitzte anscheinend dort, wo der Feind stehen mußte, ein Licht auf, und bald kam es ihm wieder vor, als sei das soeben nur ein Flimmern vor seinen Augen gewesen. Die Augen fielen ihm zu. Vor seinem Geiste erschienen bald der Kaiser, bald Denissow, bald Moskauer Erinnerungen, hastig riß er dann die Augen wieder auf und sah nun wieder vor sich den Kopf und die Ohren des Pferdes, auf dem er saß, und ab und zu die schwarze Gestalt eines Husaren, wenn er bis auf sechs Schritt an ihn herangeritten war. In der Ferne aber zeigte sich immer nur der finstere Nebel.
Warum nicht? Es wäre doch sehr leicht möglich, dachte Rostow, daß der Kaiser, wenn er mich zufällig träfe, mir wie jedem anderen Offizier auch einen Befehl erteilen und zum Beispiel sagen würde: Reit mal dorthin und sieh nach, was dort ist! Wie oft ist schon erzählt worden, daß er auf diese Weise irgendeinen Offizier kennen gelernt und dann in seine Nähe gezogen hat. Wenn er nun auch mich in seine Nähe zöge! Oh, wie würde ich ihn schützen, ihm immer die Wahrheit sagen, ihn von allen Schmeichlern befreien! Und um sich seine Liebe und Ergebenheit für den Kaiser recht lebhaft auszumalen, stellte sich Rostow einen Feind oder deutschen Betrüger vor, den er nicht nur mit Hochgenuß tötete, sondern auch vor den Augen des Kaisers ohrfeigte. Plötzlich weckte ihn ein fernes Schreien aus seinen Träumen. Er fuhr zusammen und riß die Augen auf.
Wo bin ich? Ach, auf Vorposten. Losung und Parole: Deichsel und Olmütz. Wie ärgerlich, daß unsere Schwadron morgen in Reserve bleibt … dachte er. Aber ich werde darum bitten, doch an dem Gefecht teilnehmen zu dürfen. Das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, den Kaiser zu sehen. Jetzt werden wir ja bald abgelöst werden. Ich werde noch einmal die Runde machen und, wenn ich zurückkomme, zum General gehen und darum bitten. Und er setzte sich im Sattel zurecht und trieb das Pferd an, um bei seinen Husaren noch einmal die Runde zu machen. Es kam ihm vor, als sei der Nebel durchsichtiger geworden. Zur Linken war eine mondbeschienene sanfte Berglehne zu sehen und ihr gegenüber ein dunkler Hügel, der senkrecht wie eine Wand abfiel. An diesem Hügel war ein weißer Fleck, über den sich Rostow nicht recht klar werden konnte: war das eine vom Mond beschienene Waldblöße oder ein bißchen Schnee, der noch nicht geschmolzen war, oder ein weißes Haus? Es wollte ihm sogar scheinen, als ob sich in diesem weißen Fleck irgend etwas bewege. Muß doch wohl Schnee sein, dieser Fleck; ein Fleck … une tache … tasche … Natascha … Natascha, Schwesterlein mit den schwarzen Augen. Nataschka! Die wird gucken, wenn ich ihr erzähle, wie ich den Kaiser gesehen habe! Nataschka … nimm die Tasche …
»Mehr nach rechts, Euer Wohlgeboren, dort sind Büsche«, rief die Stimme eines Husaren, an dem Rostow, der am Einschlafen war, vorbeiritt.
Rostow riß den Kopf, der ihm schon bis auf die Mähne des Pferdes herabgesunken war, hoch und machte neben dem Husaren halt. Aber der gesunde Schlaf der Jugend überwältigte ihn immer mehr.
Ja, halt, an was dachte ich doch eben? Das darf ich nicht vergessen. Was ich zum Kaiser sagen werde? … Nein, das war es nicht … das ist morgen. Ach ja, ja: über die Taschen … überraschen? … Wen? … Die Husaren … Husaren mit Schnurrbärten … In Moskau, in der Twerskaja, ritt einmal ein Husar mit einem solchen Schnurrbart, ich dachte neulich an ihn, gerade gegenüber von Gurjews Haus … der alte Gurjew … ach, ein prächtiger Mensch … und Denissow … Aber das sind ja alles Nebensachen … die Hauptsache ist … der Kaiser ist hier. Wie er mich anschaute, als wollte er etwas zu mir sagen, wagte es aber nicht … Nein, das war ich, der das nicht wagte. Aber das ist ja dummes Zeug, die Hauptsache ist – nicht vergessen, daß ich an etwas Wichtiges gedacht habe, ja. Une tache … Natascha … die Taschen … uns überraschen? … Schön, schön! Und wieder sank sein Kopf auf den Pferdehals hinunter. Plötzlich schien es ihm, als schösse man auf ihn. »Was ist? Was ist? Schlag los! Was ist?« rief Rostow und riß die Augen auf. Doch in dem Augenblick, als er die Augen aufschlug, hörte er vor sich, dort, wo der Feind stehen mußte, ein langgezogenes Geschrei von Tausenden von Stimmen. Sein Pferd und auch das des Husaren, der neben ihm stand, spitzten bei diesem Schreien die Ohren. An der Stelle, von wo das Geschrei gekommen war, flammte plötzlich ein Feuerschein auf und erlosch gleich wieder, dann ein zweiter, und die ganze Linie der französischen Truppen auf dem Berg entlang pflanzte sich dieser Feuerschein fort, und das Geschrei wurde immer stärker und stärker. Rostow hörte den Klang französischer Worte, konnte sie aber nicht verstehen. Zu viele Stimmen brausten durcheinander. Man hörte nur immer: aaa und rrr!
»Was bedeutet das? Was denkst du?« wandte sich Rostow an den Husaren, der neben ihm stand. »Das ist doch wohl beim Feind?«
Der Husar gab keine Antwort.
»Was, das hörst du wohl gar nicht?« fragte Rostow noch einmal, nachdem er ziemlich lang auf eine Antwort gewartet hatte.
»Wer kann das wissen, Euer Wohlgeboren«, entgegnete der Husar widerwillig.
»Der Lage nach zu urteilen, müßte es wohl der Feind sein?« sagte Rostow noch einmal.
»Kann sein, kann auch nicht sein«, brummte der Husar. »Bei Nacht läßt sich das schwer beurteilen. Holla, halt still!« rief er seinem Pferde zu, das nicht mehr still stehen wollte.
Auch Rostows Pferd wurde unruhig, schlug mit den Hufen auf die gefrorene Erde, spitzte die Ohren bei dem Geschrei und sah nach dem aufflammenden Feuerschein. Der Klang der Stimmen wurde immer stärker und stärker und wuchs schließlich zu einem solch allgemeinen Brausen an, wie es nur eine Armee von vielen tausend Mann hervorbringen konnte. Auch das Feuer pflanzte sich immer weiter und weiter fort, wahrscheinlich die ganze Linie des französischen Lagers entlang. Rostow war die Lust zum Schlafen vergangen. Das begeisterte, jubelnde Geschrei des feindlichen Heeres hatte ihn wachgerüttelt. »Vive l’empereur, l’empereur!« unterschied er jetzt ganz deutlich die Stimmen.
»Aber die sind ja gar nicht weit, die müssen ja gleich jenseits des Baches sein«, sagte er zu dem neben ihm stehenden Husaren.
Der Husar gab wieder keine Antwort, seufzte nur und räusperte sich ärgerlich. An der Linie der Husaren entlang hörte man den Hufschlag eines herantrabenden Reiters, und aus dem Nebel tauchte plötzlich, riesengroß, wie ein Elefant erscheinend, die Gestalt eines Husarenunteroffiziers auf.
»Euer Wohlgeboren, die Generäle!« meldete der Unteroffizier, auf Rostow zureitend.
Rostow ritt, immer noch nach dem Feuer und dem Geschrei hinübersehend, mit dem Unteroffizier zusammen einem Trupp Reiter entgegen, die die Linie entlanggeritten kamen. Der eine von ihnen ritt auf einem Schimmel. Es war Fürst Bagration mit dem Fürsten Dolgorukow und seinen Adjutanten, der gekommen war, sich die merkwürdige Erscheinung von Feuer und Geschrei beim feindlichen Heer anzusehen. Rostow ritt auf Bagration zu, stattete seinen Rapport ab, zog sich dann zu den Adjutanten zurück und hörte zu, was die Generäle sagten.