Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Ein Soldat auf dem Marsche wird von seinem Regiment ebenso umgeben, umgrenzt und weitergetragen wie der Seemann von dem Schiff, auf dem er fährt. Wie weit er auch ausrücken, in welch fremde, unerforschte und gefährliche Breiten er auch vordringen mag, immer nur sieht er um sich herum – wie der Seemann stets und überall nur immer das gleiche Verdeck, die gleichen Masten und Taue seines Schiffes sieht – dieselben Kameraden, die gleichen Reihen, denselben Feldwebel Iwan Mitritsch, denselben Kompaniehund Schutschka, die gleichen Vorgesetzten. Ein Soldat empfindet selten das Bedürfnis, die Breiten, in denen das ganze Schiff segelt, kennenzulernen. Doch am Tage der Schlacht schwingt, Gott mag wissen wie und woher, ein gemeinsamer, ernster Ton durch die Sinneswelt der Truppen, der das Herannahen von etwas Entscheidendem und Feierlichem ankündigt, und ruft in ihnen eine Wißbegierde hervor, die ihnen sonst niemals zu eigen ist. Am Tage einer Schlacht sucht der Soldat erregt aus der Interessensphäre seines Regimentes herauszukommen, er horcht auf, sieht sich um und fragt begierig danach, was um ihn herum vorgeht.
Der Nebel war so dicht, daß man, obgleich es nach und nach heller wurde, keine zehn Schritt vor sich etwas sehen konnte. Die Büsche sahen aus wie gewaltige Bäume, ebene Flächen wie Abhänge und Schluchten. Überall, auf allen Seiten, konnte man auf den Feind stoßen, der auf zehn Schritt Entfernung nicht sichtbar war. Doch lange bewegten sich die Kolonnen immer im gleichen Nebel vorwärts, marschierten bergauf und bergab, an Gärten und Feldern vorbei, durch neue, unbekannte Gegenden, stießen aber nirgends auf den Feind. Im Gegenteil, vorn, hinten und auf allen Seiten erkannten die Soldaten, daß nur russische Kolonnen in dieser Richtung marschierten. Und jeder Soldat empfand ein angenehmes Gefühl bei dem Bewußtsein, daß dorthin, wohin er ging, das heißt in die unbekannte Ferne, noch viele, viele der Unsrigen ebenfalls zogen.
»Siehst du, die Kursker sind auch schon vorüber«, hieß es in den Reihen.
»Was für eine Unmasse von Truppen hier zusammengezogen sind, Bruder! Ich habe das gestern abend gemerkt, als die Feuer brannten: es war kein Ende abzusehen. Ganz Moskau scheint hier zu sein.«
Obgleich keiner der Kommandeure an die Reihen heranritt und mit den Soldaten sprach – die obersten Truppenführer waren, wie bereits beim Kriegsrat zu sehen war, mißgelaunt und mit dem geplanten Angriff nicht einverstanden und führten deshalb nur ihre Befehle aus, ohne es sich angelegen sein zu lassen, die Soldaten aufzumuntern –, so marschierten sie doch frisch drauflos, wie sie es immer taten, wenn es zum Treffen kam, und besonders wenn es sich um einen Angriff handelte. Aber nachdem sie ungefähr eine Stunde immer in dichtem Nebel vorgerückt waren, mußte ein großer Teil der Truppen plötzlich haltmachen. Die Reihen beschlich das unangenehme Gefühl, daß irgend etwas nicht in Ordnung war und nicht klappte. Auf welche Weise sich ein solches Gefühl von Reihe zu Reihe fortpflanzt, ist schwer mit Bestimmtheit zu sagen, aber es besteht kein Zweifel, daß es mit ungewöhnlicher Sicherheit und Schnelligkeit unbemerkt und unaufhaltsam weiterrinnt, wie das Wasser den Berg hinunter. Wären die russischen Truppen allein gewesen, ohne Verbündete, so hätte es möglicherweise noch lange gedauert, bis das Gefühl einer Unordnung zur allgemeinen Überzeugung geworden wäre, so aber hielt man mit besonderem Vergnügen und großer Selbstverständlichkeit die verrückten Deutschen für den Grund dieses ganzen Wirrwarrs, und alle waren davon überzeugt, daß eine unheilvolle Konfusion entstanden sei, die sie nur den »Wurstfressern« zu verdanken hätten.
»Warum geht’s nicht weiter? Wohl gesperrt? Oder sind wir schon auf die Franzosen gestoßen?«
»Nein, nichts zu hören. Dann müßte doch geschossen werden.«
»Da mußten wir nun in aller Eile losmarschieren und losmarschieren, und nun stehen wir hier wie die Blödsinnigen mitten auf freiem Feld. Diese verfluchten Deutschen richten doch immer nur Konfusion an! Diese verwünschte Teufelsbrut!«
»Die würde ich aber alle an die Front schicken. Doch da brauchst du keine Angst zu haben, die drücken sich sämtlich nach hinten! Da steht man nun hier, ohne einen Bissen gegessen zu haben.«
»Was soll denn das? Dauert das noch lange? Die Kavallerie soll uns den Weg versperrt haben«, sagte ein Offizier zu einem anderen.
»Ach, diese verdammten Deutschen, kennen ihr eignes Land nicht einmal«, erwiderte der andere.
»Heda, was für eine Division seid ihr?« schrie ein heransprengender Adjutant.
»Die achtzehnte.«
»Warum seid ihr denn immer noch hier? Ihr müßtet doch schon lange vorn sein. Jetzt kommt ihr vor Abend nicht mehr durch.«
»Das kommt von diesen törichten Anordnungen. Die wissen ja selber nicht, was sie wollen«, sagte der eine Offizier und ritt weg.
Da kam ein General herangesprengt und schrie ärgerlich irgend etwas auf deutsch.
»Tafa-lafa, was schimpft der da? Da versteht man doch kein Wort«, sagte ein Soldat und äffte den fortreitenden General nach. »Erschießen müßte man sie alle, diese Hunde!«
»Um neun Uhr sollen wir laut Befehl an Ort und Stelle sein, und jetzt haben wir noch nicht einmal die Hälfte. Schöne Anordnungen das!« wurde von verschiedenen Seiten laut.
Und das Gefühl der Kraft, mit dem die Truppen in den Kampf ausgezogen waren, fing an, sich in Ärger zu verwandeln und in Wut gegen diese sinnlosen Anordnungen und die »verrückten Deutschen« überzugehen.
Die Ursache des Wirrwarrs aber bestand darin, daß das Oberkommando, als die österreichische Kavallerie auf der äußersten Linken bereits vorgerückt war, gefunden hatte, unser Zentrum sei vom rechten Flügel doch zu weit entfernt, und deshalb der ganzen Kavallerie befohlen hatte, auf die rechte Seite hinüberzuschwenken. Und so zogen nun Tausende von Kavalleristen vor der Infanterie vorbei, und diese mußte inzwischen warten.
An der Spitze der Truppen war es zu einem unliebsamen Zusammenstoß zwischen einem österreichischen Offizier und einen russischen General gekommen. Der russische General schrie und verlangte, die Reiterei solle augenblicklich anhalten, aber der Österreicher machte ihm klar, daß nicht er, sondern das Oberkommando schuld sei. Inzwischen standen die Truppen gelangweilt da und verloren den Mut. Endlich, nach stundenlangem Aufenthalt, setzten sie sich wieder in Marsch und zogen bergabwärts weiter. Der Nebel, der sich auf dem Berge schon fast verteilt hatte, ballte sich im Tal, wohin die Truppen marschierten, nur noch fester zusammen. Vor sich im Nebel hörten sie ab und zu Schüsse, anfänglich vereinzelt und in verschiedenen Zwischenräumen: »Tratta … tat«, dann aber immer regelmäßiger und öfter: das Gefecht am Goldbach setzte ein.