Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Halten Sie doch diese elenden Kerle auf!« schrie Kutusow, vor Wut fast erstickend, den Regimentskommandeur an und zeigte auf die Fliehenden. Aber in diesem Augenblick schwirrten pfeifend wie zur Strafe für diese Worte eine Unmenge Kugeln wie ein Vogelschwarm auf das Regiment und Kutusows Gefolge zu.
Die Franzosen hatten beim Ansturm gegen die Batterie Kutusow gesehen und schossen nun auf ihn. Durch diese Salve wurde der Regimentskommandeur am Fuß verwundet, einige Soldaten fielen, und der Fähnrich, der die Fahne hielt, ließ diese aus den Händen gleiten, die Fahne schwankte, fiel und verfing sich in den Flinten der zunächststehenden Soldaten. Die Mannschaften fingen ohne Kommando an zu schießen.
»Oooh!« stieß Kutusow mit verzweifeltem Ausdruck hervor und sah sich um.
»Bolkonskij«, flüsterte er und seine Stimme zitterte im Bewußtsein seiner durch das Alter bedingten Schwäche, »Bolkonskij«, flüsterte er und zeigte auf das aufgelöste Bataillon und auf den Feind, »was ist das?«
Aber ehe er noch diese Worte zu Ende gesprochen hatte, war Fürst Andrej, Tränen der Scham und des Zornes, die ihm die Kehle zuzuschnüren drohten, in den Augen, vom Pferde gesprungen und auf die Fahne zugestürzt.
»Vorwärts, Kinder!« schrie er mit kindlich heller Stimme.
Der Augenblick ist da! dachte Fürst Andrej, ergriff die Fahnenstange und lauschte mit Wonne dem Pfeifen der Kugeln, die alle nur auf ihn gerichtet zu sein schienen. Einige Soldaten fielen.
»Hurra!« schrie Fürst Andrej, der kaum die schwere Fahne in der Hand halten konnte, aber er stürmte vorwärts in der festen Zuversicht, daß das ganze Bataillon ihm folgen werde.
Tatsächlich stürmte er nur wenige Schritte allein voran. Dann folgte ihm einer nach, dann ein anderer, und schließlich stürzte das ganze Bataillon mit Hurrarufen hinter ihm her und holte ihn ein.
Ein Unteroffizier des Bataillons eilte herbei und ergriff die Fahne, die infolge ihres Gewichtes in Fürst Andrejs Händen zu schwanken anfing, aber er wurde sogleich von einer Kugel getroffen. Da faßte Fürst Andrej wieder die Fahne, ließ die schwere Stange hinten nachschleifen und stürmte dem Bataillon nach. Vor sich sah er unsere Artilleristen, von denen die einen kämpften, die anderen ihre Kanonen im Stich ließen und ihm entgegenliefen, und die französischen Infanteristen, die die Artilleriepferde ergriffen und die Kanonen umdrehten. Fürst Andrej war mit seinem Bataillon nur noch zwanzig Schritte von den Geschützen entfernt. Er hörte über sich das ununterbrochene Pfeifen der Kugeln und fortwährend sanken rechts und links von ihm stöhnend Soldaten zu Boden. Aber er sah nicht nach ihnen hin, er sah nur auf das, was sich vorn bei der Batterie abspielte. Ganz deutlich unterschied er die Gestalt eines rothaarigen Artilleristen, der mit zur Seite gerutschtem Tschako an der einen Seite eines Wischers zog, während ein französischer Soldat den Wischer von der anderen Seite an sich heranzuziehen suchte. Fürst Andrej erkannte ganz genau den wirren und gleichzeitig wütenden Gesichtsausdruck dieser beiden Menschen, die anscheinend nicht wußten, was sie taten.
Was machen die? dachte Fürst Andrej und sah nach ihnen hin. Warum reißt der rothaarige Artillerist nicht aus, wenn er keine Waffe hat? Warum sticht ihn der Franzose nicht einfach tot? Wenn es dem einfällt, daß er eine Waffe bei sich hat, wird der andere keine Zeit mehr haben zu fliehen, dann wird ihn der Franzose niederstrecken.
Wirklich stürzte ein anderer Franzose mit gefälltem Bajonett auf die Ringenden zu, und das Schicksal des rothaarigen Artilleristen, der immer noch nicht begriffen hatte, was ihm bevorstand, und triumphierend den Wischer in der Hand hielt, mußte sich jetzt entscheiden. Aber Fürst Andrej sah nicht mehr, wie es endete. Ihm war, als schlüge ihn ein Soldat mit aller Gewalt mit einem dicken Knüttel auf den Kopf. Das tat nicht allzu weh, aber es war doch unangenehm, weil ihn dieser Schmerz ablenkte und ihn hinderte, das weiterzuverfolgen, was er gerade beobachtete.
Was ist das? Ich falle? Die Beine knicken mir ein? dachte er und fiel rücklings auf den Boden. Er riß wieder die Augen auf, in der Hoffnung, noch sehen zu können, wie der Kampf des Franzosen mit dem Artilleristen ausginge, und noch zu erfahren, ob der rothaarige Artillerist erstochen worden sei oder nicht, und ob die Kanonen genommen oder gerettet wären. Aber er sah nichts. Über ihm war nichts als der Himmel, der hohe Himmel, der zwar nicht klar, aber trotzdem unermeßlich hoch schien. Graue Wolken glitten ruhig dahin. Wie still, wie ruhig, wie feierlich, dachte Fürst Andrej, gar nicht so, wie ich eben dahergestürmt bin, gar nicht so, wie wir rennen und schreien und kämpfen, und wie sich der Franzose und der Artillerist mit wütenden, entsetzten Gesichtern den Wischer zu entwinden suchten – ganz anders ziehen die Wolken über diesen hohen, unendlichen Himmel dahin. Wie kommt es, daß ich früher niemals diesen Himmel gesehen habe? Wie glücklich bin ich, daß ich ihn endlich sehe. Ja! Alles ist eitel, alles ist Lug und Trug, außer diesem unendlichen Himmel. Es gibt nichts, nichts außer ihm … Und auch er ist wohl nicht … nichts ist … außer der Stille … der Ruhe … Gott sei Dank!
17
Am rechten Flügel, den Bagration führte, hatte die Schlacht um neun Uhr noch nicht begonnen. Da Bagration dem Drängen Dolgorukows, in Aktion zu treten, nicht nachgeben, aber auch alle Verantwortung von sich abwälzen wollte, schlug er Dolgorukow vor, einen Boten zum Oberkommandierenden zu schicken und anfragen zu lassen. Bagration wußte, daß bei einer Entfernung von nahezu zehn Werst der beiden Flügel voneinander dieser Bote, wenn er nicht unterwegs erschossen wurde, was sehr wahrscheinlich war, und wenn er auch wirklich den Oberkommandierenden fand, was äußerst schwierig schien, dann wohl kaum vor Abend zurückkommen könne.
Bagration sah sich mit seinen großen, ausdruckslosen, halbverschlafenen Augen in seinem Gefolge um und unwillkürlich fiel ihm Rostows vor Aufregung und Hoffnung fast vergehendes Kindergesicht zuerst in die Augen. Er schickte ihn.
»Wenn ich nun Seine Majestät früher als den Oberkommandierenden treffen sollte?« fragte Rostow, die Hand am Mützenschirm.
»Dann können Sie auch Seiner Majestät den Rapport abstatten«, sagte Dolgorukow, indem er Bagration hastig unterbrach.
Nachdem Rostow von seinem Vorpostendienste abgelöst worden war, hatte er gegen Morgen ein paar Stunden schlafen können und fühlte sich jetzt munter, frisch und entschlossen, mit jener Spannkraft der Glieder, jenem Vertrauen auf das eigne Glück und in jener Gemütsverfassung, in der alles leicht, lustig und möglich erscheint.
Alle seine Wünsche waren an diesem Morgen in Erfüllung gegangen: es kam zu einer Entscheidungsschlacht, er durfte daran teilnehmen, außerdem war er als Ordonnanzoffizier zu dem tapfersten General abkommandiert, und überdies ritt er nun mit einem Auftrag zu Kutusow und möglicherweise gar zum Kaiser selber. Der Morgen war klar, er ritt ein gutes Pferd. Glück und Freude erfüllten sein Herz. Nachdem er den Befehl erhalten hatte, spornte er sein Pferd an und sprengte die Front entlang. Anfänglich ritt er an Bagrations Truppen entlang, die noch nicht in Aktion getreten waren und noch in Ruhe lagen, dann kam er auf die weite Fläche, die Uwarows Kavallerie besetzt hatte, und bemerkte hier schon Verschiebungen, Anzeichen und Vorbereitungen zum Kampf, und als er Uwarows Kavallerie hinter sich hatte, hörte er den Donner der Kanonen und das Gewehrfeuer schon ganz deutlich vor sich. Das Schießen wurde immer stärker.
Man hörte in der frischen Morgenluft nicht mehr als erst nur ein, zwei Schüsse in ungleichen Abständen und dann den Donner von ein oder zwei Kanonenschüssen: von den Hängen bei Pratzen ertönte ein fortwährendes Knattern der Gewehre, unterbrochen von so häufigen Kanonenschüssen, daß man die Schüsse der einzelnen Geschütze gar nicht mehr auseinanderhalten konnte und alles in ein allgemeines Dröhnen zusammenfloß.