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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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«HALLO! Betrieb XXX hat eine ältere, aber voll funktionsfähige EXZENTERREVOLVERPRESSE RP-T 42 zu bieten und braucht dringend diverse Alu-Profile aller Arten und Stärken — es können auch Reste sein. Bitte melden unter der Telefonnummer…«

Oder:»Wir haben mehrere Kompressortypen für Kohlehydrierung im Einsatz — außerdem einige ausrangierte; suchen Partner zwecks Austausch von Ersatzteilen.«

Oder:»Brauchen unbedingt 8-Loch-Flansche Norm-III 70/150mm für unsere Salzsäure-Fernleitung. DRINGEND!! Die Leckgefahr ist akut!!!«

Die ganze Wirtschaft wurde zwar zentral gelenkt, was die überschüssigen Betriebsgrundstücke betraf, hatten die Werksleitungen aber viel unternehmerische Freiheit behalten. Bei der Aufrechterhaltung des allgemeinen Notstandes war fast alles erlaubt. Und weil es so viel war, was unbedingt getan werden mußte, blieb das, was nicht den Status einer Katastrophe besaß, unerledigt. Gammeln und gammeln lassen schien am Ende die vernünftigste Devise zu sein. Schon die Sicherung des jeweiligen nackten Produktionsablaufs verlangte von allen Beteiligten oft das Äußerste an Kraft, überall bewegte man sich an den Grenzen der Leistungsfähigkeit. Die Verantwortlichen waren oft herzkrankoder aufgrund der Vernachlässigung ihrer Zähne schmerztablettenabhängig. Zum Aufräumen oder Verschönern von Tausenden von lästigen Ecken oder ganzer Areale hatte man absolut keine Zeit, keine Manneskapazitäten mehr übrig. Jeder Leiter klagte Tag für Tag, ihm würden» Leute fehlen«.

Bei meinen Wanderungen lernte ich, daß man auch vor jeder Art architektonischer Vorzeigeobjekte Angst haben mußte. In ihnen offenbarte sich der noch nicht ganz erstickte gesellschaftliche Ehrgeiz, gleichzeitig steckten dabei alle — der Staat, seine Architekten und Baubetriebe — in unzähligen Hemmschuhen. Meine Angst betraf nicht nur die mangelhafte Ausführungsqualität dieser Prachtbauten, nicht nur die finale Doch-Häßlichkeit ihres Möchtegern-Modernismus. In der Regel haperte es einfach schon grundsätzlich an ihrer Gesamtkonzeption. Meistens handelte es sich um Einkaufs- und Dienstleistungszentren. Auf den zweiten Blick entdeckte ich an den Gebäuden immer irgendwelche störenden — weil funktionslosen — Elemente, irgendwelche mangelhaft-logischen Vorsprünge, kaum frequentierte Aufgänge oder Ecken, die nur infolge machtvoller Schachzüge von Parteisekretären dekoriert oder nach fiesen Interventionen der Geschäftsleitung freudlos genutzt wurden. Manche Plattformen wurden vom Volk trotzdem dauerhaft gemieden, weil sie nach jedem kleinen Regenfall unter Wasser standen — und auch unter Wasser blieben. Überproportionale Galerien schrien vor Langeweile, weil die Menschen einen viel günstigeren Zugang ins Gebäudeinnere gefunden hatten. Und wenn diese Abkürzung durch eine Textilabteilung führte, wurden dabei eben einige Kleiderständer umgerannt. In manchen viel zu engen Eingängen bedrängten sich die Menschen gegenseitig mit ihren Einkaufstaschen, kamen sich dort sozialistisch näher. Der besorgungsorientierte Drang der Körpertrauben drückte die Eingangstüren wiederholt gegen die Türstopper, und die entstandenenHebelkräfte waren auch für die robustesten Türscharniere auf Dauer tödlich, auch der beste slowakische Stahl schlaffte eines Tages ab. Die nicht genutzten Ecken und Winkel der Einzelhandelsparadiese wurden nach und nach vollgepißt und vollgedreckt, und man gab es irgendwann auf, sie sauberzuhalten. Der Urin fraß sich ins Mauerwerk und blieb mit ihm chemisch auf immer und ewig verbunden. Aber die unglücklichen Ecken waren sowieso für nichts und wieder nichts auf der Welt, waren von Anfang an zum Verdrecken und Verrecken verurteilt.

Zu diesen Bauten gehörten natürlich noch einige falsch konzipierte Fenster, die nachträglich mit billigen Ziegeln zugemauert und danach nicht verputzt wurden. Nach und nach wurden einige nicht zuzumauernde Schwachstellen an den Flanken der Gebäude mit schlecht angestrichenen Gittern abgesichert, die Außenwände zierten bald rostige Tränenspuren, und die mit Gittern besonders reichlich bedachten Schnapsläden verwandelten sich in kleine Festungen und glichen primitiven Bankfilialen, wie man sie aus gesetzesfernen Provinznestern kannte. Irgendwann kamen die Zimmerleute und errichteten endlich an der passenden Stelle des Gebäudes eine provisorische Zusatztreppe aus Holz, die dort noch viele Jahre — also dauerhaft — zu bleiben und zu dienen hatte. Nebenbei stützten sie mit ihren Balken die experimentell zarten Stufen der disharmonisch breiten Aufgänge, weil diese inzwischen viel zu viele Risse gebildet hatten. So sahen die neuzeitlichen Prachtbauten bald wie vergammelte, zum Abriß vorbestimmte Ruinen aus, die sich als halboffizielle Toiletten und öffentliche Kotzanstalten regelrecht anboten.

Ich hielt es in der Männergemeinschaft nicht lange aus — und mußte es letzten Endes auch nicht. Nachdem ich, der auserwählte Glückspilz, in einer Telefonzelle ein Notizbuch mit meinen gesamten Adressen und Telefonnummern hatteliegenlassen, rief mich eines Tages ein slowakischer Gebirgsträger an. Er hatte mein Notizbuch gefunden, kurz bevor er in die Tatra zurückfahren mußte. Und wollte nun wissen, wie er mir meine wertvollen Adressen und Nummern am besten übergeben könnte. Ich mußte also zurück in die Berge — genau dorthin, wo ich vor kurzem gewesen war. Die Zeit drängte sowieso — ich hätte eigentlich arbeiten gehen, das heißt ein Arbeitsverhältnis nachweisen müssen. Arbeitslosigkeit gab es im Lande nicht, es herrschte im Gegenteil die strengste Arbeitspflicht. Und weil der Stempel des Betriebes — mit Datum — direkt in den Ausweis gedrückt wurde, konnte jeder Polizist an jeder Ecke feststellen, ob man aktuell beschäftigt war oder nicht — also ein Gammler oder kein Gammler war. Für die Menschen mit einem jungfräulichen Einstellungsstempel war das Alltagsmanagement dagegen ganz einfach. In der Arbeitszeit sozialistisch einkaufen, sozialistisch auf dem Betriebsgelände entspannen — das durfte man ohne Ende. Man mußte sich das nur entsprechend einrichten. Die besonders Pfiffigen richteten sich in verborgenen Nischen ihrer Betriebe sogar bequeme Schlafplätze ein.

Ich hätte dagegen — dank des gefürchteten Paragraphen 203, mit dessen Hilfe» die Organe «aus einem einmaligen Vergehen problemlos ein Verbrechen fabrizieren konnten — bald verhaftet werden können. Theoretisch war man bereits nach sechs Wochen ein Verbrecher, und die Gefängnisse waren voll von Gammlern und Parasiten wie mir. Die Polizei wußte, wo diese Leute am besten zu finden waren und an welchen Merkmalen man sie erkennen konnte. Oft hatten diese Leute nur versucht, sich eine Weile außerhalb der Zugriffsmöglichkeiten von Kaderabteilungen durchzuschlagen, manche wollten sich einfach eine kurze Pause gönnen. Meine Haare waren noch nicht allzu lang, und ich wirkte bei meinen Spaziergängen vielleicht sogar wie ein produktiv irrender Verantwortungsträger. Trotzdem — ich lebteschon länger von geliehenem Geld und war im Grunde ein klassisches Exemplar eines Parasiten. Ein Fahnenflüchtiger war ich zum Glück nicht. Ich war kurz vor meiner Flucht in die Berge überraschenderweise ausgemustert worden — wegen einiger Knochenbrüche aus der Kindheit und aufgrund späterer, zum Teil aktueller Verletzungen, die ich mir bei Stürzen von Sandsteintürmen zugezogen hatte.

Wieder in die Natur einzutauchen war heilsam. Und daß ich dort jemanden persönlich kannte, in diesem Menschen einen Verbündeten hatte, änderte meine Situation grundsätzlich. Ich fühlte mich in den Bergen auf einen Schlag unvergleichlich besser. Auf der Schutzhütte meines Notizbuchretters nahm man mich zwar nicht gleich auf, ich durfte mir zwischenzeitlich aber einen anderen Traum erfüllen. Ich wurde endlich zu einem FAST-MÜLLMANN; mein Arbeitgeber war ein relativ harmloser Gartenbaubetrieb. Wir pflegten Parks, Wege, Straßen und Plätze, wir leerten aber regelmäßig auch Abfallkörbe und mußten manchmal auch fallengelassenen Dreck einsammeln gehen. Meine Mitarbeiter waren wilde, zum Glück aber abstinente Roma und zahme, dafür stark verwahrloste Alkoholiker. Ich befand mich tatsächlich ziemlich weit unten. Am Tag der turnusmäßigen Leerung der Abfallkörbe war die Stimmung unserer Truppe etwas verdüstert.

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