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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Danke«, sagte ich trocken. »Glaube ich zumindest. Es war also nicht nur Glengarrys Leichtgläubigkeit?«

Raymond zuckte selbstzufrieden mit den Schultern. »Die Inspiration kam durch Euren Gemahl«, sagte er bescheiden. »Und was für eine exzellente Idee. Doch während man Euren Gemahl aufgrund seiner angeborenen Talente durchaus respektiert, würde man ihn nicht als Autorität auf dem Gebiet übernatürlicher Erscheinungen betrachten.«

»Euch hingegen natürlich schon

Seine massigen Schultern bewegten sich sacht unter der grauen Samtrobe. Er hatte mehrere kleine Löcher in seinem Ärmel, die an den Rändern verkohlt waren, als hätten sich winzige Kohlen durch den Stoff gebrannt. Augen auf beim Zaubern, dachte ich.

»Man hat Euch in meinem Laden gesehen«, führte er an. »Eure Herkunft ist ein Rätsel. Und wie Euer Mann ja festgestellt hat, ist mein eigener Ruf durchaus suspekt. Ich bewege mich in … sagen wir, in Kreisen?«, sein Mund verbreiterte sich zu einem Grinsen, »in welchen Spekulationen über Eure wahre Identität übertrieben ernst genommen werden könnten. Und Ihr wisst ja, wie die Leute reden«, fügte er mit derart tadelndem Ernst hinzu, dass ich schallend auflachte.

Er stellte den Becher ab und beugte sich vor.

»Ihr sagtet, Mademoiselle Hawkins’ Wohlergehen sei eine Eurer Sorgen, Madonna. Habt Ihr noch mehr?«

»So ist es.« Ich trank einen kleinen Schluck Brandy. »Ich vermute, Ihr hört einiges über die Dinge, die in Paris vor sich gehen, oder?«

Er lächelte, und seine schwarzen Augen waren scharf und freundlich zugleich. »Oh ja, Madonna. Was ist es denn, das Ihr wissen möchtet?«

»Habt Ihr irgendetwas über Charles Stuart gehört? Wisst Ihr überhaupt, wer das ist?«

Das überraschte ihn; seine breite Stirn hob sich kurz. Dann ergriff er eine kleine Glasflasche, die vor ihm auf dem Tisch stand, und rollte sie nachdenklich zwischen den Handflächen hin und her.

»Ja, Madonna«, sagte er. »Sein Vater ist König von Schottland – oder er sollte es zumindest sein, nicht wahr?«

»Nun, das kommt ganz darauf an, wie man es betrachtet«, sagte ich und unterdrückte einen kleinen Rülpser. »Für die einen ist er Schottlands König im Exil, für die anderen der Thronprätendent, doch das interessiert mich eigentlich nicht. Was ich wissen will, ist … unternimmt Charles Stuart irgendetwas, was den Eindruck erwecken könnte, dass er eine bewaffnete Invasion Schottlands oder Englands plant?«

Er lachte laut auf.

»Himmel, Madonna! Ihr seid wirklich eine ungewöhnliche Frau. Habt Ihr irgendeine Ahnung, wie selten solche Direktheit ist?«

»Ja«, räumte ich ein, »aber ich kann nichts daran ändern. Es liegt mir nicht, um den heißen Brei herumzureden.« Ich streckte die Hand aus und nahm ihm die Flasche ab. »Habt Ihr etwas gehört?«

»Eine Kleinigkeit, Madonna, nur eine beiläufige Erwähnung in einem Brief eines Freundes – doch die Antwort lautet auf jeden Fall ja.«

Ich konnte ihn zögern sehen, wie viel er mir sagen sollte. Ich hielt den Blick auf die Flasche in meiner Hand gerichtet, um ihm Zeit zum Überlegen zu geben. Der Inhalt rollte angenehm in der kleinen Flasche umher. Diese war merkwürdig schwer für ihre Größe und hatte eine seltsame, fließende Dichte an sich, als wäre sie mit flüssigem Metall gefüllt.

»Es ist Quecksilber«, sagte Meister Raymond als Antwort auf meine unausgesprochene Frage. Anscheinend führte ihn das, was er in meinen Gedanken las, zu einem positiven Urteil, denn er nahm mir die Flasche wieder ab, goss den Inhalt in einer schimmernden Silberpfütze vor uns auf den Tisch und lehnte sich zurück, um mir zu erzählen, was er wusste.

»Einer der Agenten Seiner Hoheit hat Erkundigungen in Holland für ihn eingeholt«, sagte er. »Ein Mann namens O’Brien – und ich hoffe, dass ich nie jemanden beschäftigen werde, der so unfähig ist«, fügte er hinzu. »Ein Geheimagent, der bis zum Exzess säuft?«

»Jeder in Charles Stuarts Umgebung säuft bis zum Exzess«, sagte ich. »Was hat O’Brien denn getan?«

»Er wünschte über eine Lieferung von Breitschwertern zu verhandeln. Zweitausend Breitschwerter, die in Spanien gekauft und über Holland geschickt werden sollten, um ihren Herkunftsort zu verschleiern.«

»Warum sollte er das tun?«, fragte ich. Ich war mir nicht sicher, ob ich einfach nur zu dumm war oder ob mich der Kirschbrandy verwirrte, aber das schien mir doch selbst für Charles Stuart ein sinnloses Unterfangen zu sein.

Raymond zuckte mit den Schultern und stupste die Quecksilberpfütze mit seinem breiten Zeigefinger an.

»Man könnte raten, Madonna. Der spanische König ist doch ein Vetter des schottischen Königs, nicht wahr? Wie auch unseres guten Königs Louis?«

»Ja, aber …«

»Könnte es nicht sein, dass er zwar bereit ist, die Sache der Stuarts zu unterstützen, jedoch nicht offen?«

Der Brandynebel verzog sich aus meinem Hirn.

»Das könnte sein.«

Raymond stieß fest mit dem Finger auf den Tisch, so dass sich die Quecksilberpfütze in mehrere kleine runde Kleckse teilte, die wild über die Tischplatte flitzten.

»Man hört«, sagte er gelassen, ohne den Blick von den Quecksilbertropfen abzuwenden, »dass König Louis einen englischen Herzog in Versailles bewirtet. Auch hört man, dass der Herzog dort ist, um Handelsabsprachen zu treffen. Doch es ist natürlich selten, dass man alles hört, Madonna.«

Ich betrachtete die umherrollenden Quecksilbertropfen, während ich all das zusammenfügte. Auch Jamie hatte bereits gehört, dass es Sandringham um mehr ging als um Handelsrechte. Was, wenn der Besuch des Herzogs in Wirklichkeit auf eine mögliche Einigung zwischen Frankreich und England abzielte – womöglich mit Brüssel im Visier? Und wenn Louis insgeheim mit England über Rückendeckung für seine Invasion Brüssels verhandelte – was würde Philip von Spanien dann wohl tun, wenn ihn ein mittelloser Vetter ansprach, der die Macht besaß, die Engländer nachhaltig von jedweder Aktivität im Ausland abzulenken?

»Drei Vettern aus dem Hause Bourbon«, murmelte Raymond vor sich hin. Er schob einen der Tropfen auf einen anderen zu; als sich die Kügelchen berührten, verschmolzen sie auf der Stelle und wurden wie von Zauberhand zu einem einzigen glänzenden Rund. Der Finger drängte einen weiteren Tropfen in die Mitte, und die Kugel wurde größer. »Dasselbe Blut. Aber auch dieselben Interessen?«

Wieder stach der Finger zu, und glitzernde Fragmente liefen in alle Richtungen über den Tisch.

»Ich denke nicht, Madonna«, sagte Raymond leise.

»Ich verstehe«, sagte ich und holte tief Luft. »Und was haltet Ihr von Charles Stuarts Partnerschaft mit dem Comte St. Germain?«

Das Amphibienlächeln wurde noch breiter.

»Ich habe gehört, dass Seine Hoheit in jüngster Zeit oft den Hafen aufsucht – natürlich, um mit seinem neuen Partner zu sprechen. Und er betrachtet sich die Schiffe, die dort vor Anker liegen – so herrlich und schnell, so … kostspielig. Schottland liegt doch jenseits des Meeres, oder nicht?«

»So ist es«, sagte ich. Ein Lichtstrahl ließ das Quecksilber aufblitzen, und mir wurde klar, dass sich die Sonne senkte. Ich würde gehen müssen.

»Danke«, sagte ich. »Würdet Ihr mir eine Nachricht senden? Wenn Ihr noch etwas hört?«

Anmutig neigte er den massigen Kopf, dessen schwingendes Haar in der Sonne die Farbe von Quecksilber hatte, dann hob er ihn mit einem Ruck.

»Ah! Finger weg vom Quecksilber, Madonna!«, warnte er mich, als ich die Hand nach einem Tropfen ausstreckte, der auf meine Seite der Tischkante zugerollt kam. »Es verbindet sich auf der Stelle mit jedem Metall, mit dem es in Berührung kommt.« Er langte über den Tisch und bugsierte das Kügelchen sacht auf sich zu. »Ihr wollt doch Eure schönen Ringe nicht verderben.«

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