Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Er hatte zwar eigentlich keine Augenbrauen, doch seine prominente Stirn hob sich sacht, wenn er belustigt war.
»Und wem schadet das, Madonna? Dem Verkäufer gewiss nicht. Dem Käufer genauso wenig – er bekommt vermutlich mehr Vergnügen für sein Geld als der Käufer der unverfälschten Ware. Nicht einmal die Jungfernhaut selbst nimmt Schaden! Gewiss ein höchst moralisches und hippokratisches Unterfangen, bei welchem jeder Arzt mit Freuden Beistand leisten würde?«
Ich lachte. »Und vermutlich kennt Ihr nicht wenige, die genau das tun?«, sagte ich. »Ich werde das Thema vor der nächsten medizinischen Kommission anschneiden, die mir über den Weg läuft. Bis dahin jedoch, was können wir, abgesehen von einem künstlichen Wunder, im gegenwärtigen Fall tun?«
»Mm.« Er legte ein Stück Gaze auf die Ladentheke und schüttete eine Handvoll fein zerkleinerter getrockneter Blätter in die Mitte. Ein angenehm scharfer Duft erhob sich von dem kleinen Häufchen gräulich grüner Vegetation.
»Senecio Saracenicus«, sagte er und faltete die Gaze gekonnt zu einem kleinen Quadrat zusammen, indem er die Enden feststeckte. »Gut zur Linderung von Hautreizungen, kleinen Rissen und Verletzungen der Schleimhäute. Nützlich, denke ich?«
»In der Tat«, sagte ich mit leisem Grimm. »Als Umschlag oder Tee?«
»Umschlag. Unter den Umständen wohl am besten warm.« Er wandte sich einem anderen Regal zu und holte eines der großen weißen Porzellangefäße heraus, das mit CHELIDONIUM beschriftet war.
»Als Schlafmittel«, erklärte er. Sein lippenloser Mund zog sich in die Breite. »Vermutlich verzichtet Ihr besser auf Opium-Mohn-Zubereitungen; diese spezielle Patientin scheint etwas unvorhersehbar darauf zu reagieren.«
»Ihr habt also schon alles darüber gehört, ja?«, sagte ich resigniert. Ich konnte ja auch kaum hoffen, dass es anders sein würde. Mir war wohl bewusst, dass Information eine seiner wichtigsten Handelswaren war; demzufolge war der kleine Laden ein Knotenpunkt für Gerüchte jeder Genese, von Straßenhändlern bis hin zu den königlichen Leibdienern.
»Aus drei verschiedenen Quellen«, erwiderte Raymond. Er blickte zum Fenster hinaus und reckte den Hals, um die große Uhr an der Wand des Eckhauses sehen zu können. »Und es ist gerade einmal zwei Uhr. Ich gehe davon aus, dass ich bis heute Abend noch einige weitere Versionen der Ereignisse an Eurer Dinnertafel hören werde.« Sein breiter, zahnloser Mund öffnete sich, und ein leises Glucksen kam heraus. »Mir hat die Version besonders gut gefallen, in der Euer Mann General d’Arbanville auf der Straße zum Duell herausgefordert hat, während Ihr pragmatischer vorgegangen seid und Monsieur le Comte angeboten habt, sich mit dem bewusstlosen Mädchen zu vergnügen, wenn er davon absähe, die königliche Garde zu rufen.«
»Mmphm«, sagte ich in schüchternem Schottisch. »Interessiert Ihr Euch auch irgendwie dafür zu erfahren, was tatsächlich geschehen ist?«
Das Schöllkrauttonikum glitzerte blassgelb in der Nachmittagssonne, als er es in eine kleine Flasche goss.
»Die Wahrheit ist stets von Nutzen, Madonna«, antwortete er, den Blick auf den dünnen Strom geheftet. »Sie besitzt schließlich Seltenheitswert.« Er stellte das Porzellangefäß mit einem leisen Pochen auf die Ladentheke. »Und ist daher einen anständigen Preis wert«, fügte er hinzu. Das Geld für die Arzneien, die ich gekauft hatte, lag auf der Theke, und die Münzen glänzten in der Sonne. Ich sah ihn scharf an, doch er lächelte einfach nur ungerührt.
Die Wanduhr draußen schlug zwei. Ich rechnete mir aus, wie weit es bis zum Hause Hawkins an der Rue Malory war. Keine halbe Stunde, wenn ich eine Kutsche bekommen konnte. Zeit genug.
»Wenn das so ist«, sagte ich, »wollen wir einen Moment in Euer privates Zimmer gehen?«
»Und das ist alles«, sagte ich und nippte ausgiebig an meinem Kirschbrandy. Die Dämpfe in der kleinen Werkstatt waren beinahe so kräftig wie das Aroma, das meinem Glas entstieg, und ich konnte spüren, wie sich mein Kopf unter ihrem Einfluss ausdehnte wie ein großer, fröhlicher, roter Ballon. »Sie haben Jamie gehen lassen, doch wir stehen noch unter Verdacht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das noch lange dauern wird – Ihr?«
Raymond schüttelte den Kopf.
»Nein. Eine lästige Bagatelle, mehr nicht. Monsieur Hawkins hat Geld und Freunde, und natürlich ist er bestürzt, aber dennoch. Es ist offensichtlich, dass die einzige Schuld, die Euch und Euren Gemahl trifft, darin besteht, dass Ihr übertrieben gütig wart, indem Ihr versucht habt, das Unglück des Mädchens geheim zu halten.« Er trank seinerseits einen tiefen Schluck.
»Und das ist im Moment natürlich Eure Sorge. Das Mädchen?«
Ich nickte. »Eine meiner Sorgen. Für ihren Ruf kann ich jetzt nichts mehr tun. Alles, was ich tun kann, ist zu versuchen, ihr zur Heilung zu verhelfen.«
Sein schwarzes Auge blinzelte mich über den Rand des Metallkelchs in seiner Hand sardonisch an.
»Die meisten Ärzte in meiner Bekanntschaft würden sagen: ›Alles, was ich tun kann, ist zu versuchen, sie zu heilen.‹ Ihr wollt ihr bei der Heilung helfen? Es ist interessant, dass Euch der Unterschied bewusst ist, Madonna. Ich dachte mir schon, dass es so sein würde.«
Ich stellte den Becher hin, denn ich hatte das Gefühl, genug zu haben. Meine Wangen strahlten Hitze ab, und ich hatte den deutlichen Eindruck, dass meine Nasenspitze rosa war.
»Ich habe Euch doch gesagt, dass ich keine richtige Ärztin bin.« Ich schloss kurz die Augen, beschloss, dass ich oben und unten noch unterscheiden konnte, und öffnete sie wieder. »Außerdem hatte ich … äh, schon einmal mit einer Vergewaltigung zu tun. Es gibt nicht viel, was man äußerlich tun kann. Vielleicht gibt es auch einfach nicht viel, was man tun kann, Punkt«, fügte ich hinzu. Ich überlegte es mir anders und griff noch einmal nach dem Becher.
»Vielleicht«, pflichtete mir Raymond bei. »Aber wenn irgendjemand imstande ist, an die Mitte des Patienten zu rühren, ist es doch gewiss La Dame Blanche?«
Ich setzte den Becher ab und starrte ihn an. Mein Mund stand wenig schmeichelhaft offen, und ich schloss ihn. In meinem Kopf jagte ein Gedanke den nächsten Verdacht und die nächste Erkenntnis, und alles prallte in wilden Knoten aus Schlussfolgerungen aufeinander. Um dem Stau vorerst auszuweichen und Zeit zum Überlegen zu gewinnen, heftete ich mich an den anderen Teil seines Satzes.
»Die Mitte des Patienten?«
Er griff in ein offenes Gefäß auf dem Tisch, holte eine Prise eines weißen Pulvers heraus und ließ sie in seinen Weinkelch fallen. Augenblicklich nahm der tiefe Bernsteinton des Brandys die Farbe von Blut an und begann, Blasen zu werfen.
»Drachenblut«, merkte er an und wies beiläufig auf die blubbernde Flüssigkeit. »Es funktioniert nur in einem Gefäß, das innen versilbert ist. Den Becher ruiniert es natürlich, aber es ist äußerst wirkungsvoll, wenn es unter den richtigen Umständen zur Anwendung kommt.«
Ich stieß ein leises Gurgeln aus.
»Oh, die Mitte des Patienten«, sagte er, als erinnerte er sich an etwas, worüber wir uns vor Tagen unterhalten hatten. »Ja, natürlich. Jede Heilung geht im Grunde vonstatten, indem man die … wie sollten wir es nennen? Die Seele? Die Essenz? Sagen wir, die Mitte. Indem man die Mitte des Patienten anspricht, aus der er sich selbst heilen kann. Gewiss habt Ihr das schon erlebt, Madonna. Fälle, die so krank sind oder so schwer verletzt, dass sie eigentlich sterben müssten – doch sie tun es nicht. Oder jene, deren Beschwerden so simpel sind, dass sie sich bei guter Pflege erholen müssten. Doch sie entgleiten uns, obwohl wir alles für sie tun.«
»Jeder, der Kranke pflegt, hat so etwas schon gesehen«, erwiderte ich vorsichtig.
»Ja«, pflichtete er mir bei. »Und stolz, wie der Arzt gemeinhin ist, gibt er sich oft die Schuld für die, die sterben, und er beglückwünscht sich zum Triumph seines Könnens bei denen, die weiterleben. Doch La Dame Blanche sieht die Essenz eines Menschen und wendet sie zur Heilung – oder zum Tod. Und so tun Missetäter gut daran, ihren Anblick zu fürchten.« Er ergriff den Becher, prostete mir zu und trank die sprudelnde Flüssigkeit. Sie hinterließ eine schwache Rosafärbung auf seinen Lippen.