Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
»Jetzt ist Michail Ilarionowitsch, glaube ich, wiedergekommen«, sagte Fürst Andrej. »Ich wünsche Ihnen viel Glück und guten Erfolg, meine Herren«, fügte er hinzu und ging hinaus, nachdem er Dolgorukow und Bilibin die Hand gedrückt hatte.
Nach Hause zurückgekehrt, konnte Fürst Andrej nicht umhin, den schweigend neben ihm sitzenden Kutusow darüber zu befragen, wie er über die morgige Schlacht denke.
Kutusow sah den Adjutanten streng an, schwieg und sagte dann endlich: »Ich denke, daß wir die Schlacht morgen verlieren werden, und das habe ich auch dem Grafen Tolstoi gesagt mit der Bitte, diese meine Ansicht dem Kaiser zu übermitteln. Und was, glaubst du, daß er mir zur Antwort gegeben hat? ›Eh, mon cher général, je me mêle du riz et des côtelettes, mêlez-vous des affaires de la guerre.‹ Ja, das hat er mir zur Antwort gegeben!«
12
Punkt zehn Uhr abends kam Weyrother mit seinen Plänen in Kutusows Quartier, wo der Kriegsrat abgehalten werden sollte. Alle oberen Befehlshaber waren zum Oberkommandierenden befohlen worden, und mit Ausnahme des Fürsten Bagration, der sich geweigert hatte, zu kommen, erschienen alle zur festgesetzten Stunde.
Weyrother, der der eigentliche Urheber und Leiter der bevorstehenden Schlacht war, bildete in seiner lebhaften, raschen Art einen schroffen Gegensatz zu dem unzufriedenen und schläfrigen Kutusow, der nur widerwillig die Rolle eines Vorsitzenden in diesem Kriegsrat spielte. Sichtlich fühlte sich Weyrother als Haupt der ganzen Bewegung, die schon unaufhaltsam ins Rollen gekommen war. Er glich einem angeschirrten Pferde, das mit seiner Fuhre den Berg hinunterrast. Ob er selber zog oder angetrieben wurde – das wußte er nicht, er raste nur mit größtmöglicher Schnelligkeit voran, ohne auch nur die Zeit zu haben, sich zu überlegen, wohin die Bewegung führen werde. Weyrother hatte an diesem Abend bereits zweimal persönlich die feindlichen Vorpostenketten besichtigt, war zweimal bei den beiden Kaisern, dem russischen und dem österreichischen, gewesen, um seinen Plan darzulegen und Erklärungen abzugeben, und hatte dann in seiner Kanzlei die Disposition in deutscher Sprache diktiert. Ziemlich abgespannt kam er bei Kutusow an.
Er war so beschäftigt, daß er es dem Oberkommandierenden gegenüber sogar an Ehrerbietung fehlen ließ: er unterbrach ihn, redete überstürzt und unklar, sah ihm nicht ins Gesicht, wenn er mit ihm sprach, und antwortete nicht auf seine Fragen. Er war ganz mit Schmutz bespritzt, sah elend, müde und zerstreut, dabei aber selbstbewußt und stolz aus.
Kutusow bewohnte ein kleines, einem österreichischen Adligen gehöriges Schloß bei Ostralitz. In dem großen Empfangsraum, der jetzt dem Oberkommandierenden als Arbeitszimmer diente, versammelten sich Kutusow, Weyrother und die Mitglieder des Kriegsrates. Sie tranken Tee. Man wartete nur noch auf den Fürsten Bagration, um zur Beratung zusammenzutreten. Aber es kam nur ein Ordonnanzoffizier von Bagration mit der Nachricht, daß der Fürst nicht kommen könne. Fürst Andrej ging zum Oberkommandierenden hinein, um dies zu melden, und blieb dann im Zimmer, indem er von der ihm von Kutusow im voraus erteilten Erlaubnis, an dem Kriegsrat teilzunehmen, Gebrauch machte.
»Da Fürst Bagration nicht kommen wird, können wir anfangen«, sagte Weyrother, sprang hastig von seinem Stuhl auf und trat an den Tisch, auf dem eine riesige Karte von Brünn und Umgebung ausgebreitet lag.
Kutusow saß mit aufgeknöpfter Uniform, aus deren Kragen, wie nach Freiheit strebend, sein fetter Hals herausquoll, in einem Armsessel, hatte seine fleischigen alten Hände symmetrisch auf beide Armlehnen gelegt und schlief beinahe. Bei dem Klang von Weyrothers Stimme machte er mühsam sein einziges Auge auf.
»Ja, ja, bitte, es wird sonst so spät«, sagte er, nickte, ließ dann den Kopf wieder hängen und machte das Auge wieder zu.
Wenn die Mitglieder des Kriegsrates zuerst geglaubt hatten, daß Kutusow sich nur schlafend stelle, so bekundeten doch die Töne, die er im Verlauf der nun folgenden Verlesung der Disposition durch die Nase von sich gab, daß es sich für den Oberkommandierenden in diesem Augenblick um etwas bedeutend Wichtigeres handelte als um den Wunsch, der Disposition oder irgend etwas anderem seine Verachtung zu bezeigen: es handelte sich für ihn um die unaufhaltsame Befriedigung eines menschlichen Bedürfnisses – des Schlafes. Er schlief tatsächlich. Mit der Geste eines Menschen, der viel zu beschäftigt ist, um auch nur einen Augenblick Zeit zu verlieren, warf Weyrother einen Blick auf Kutusow, nahm, nachdem er sich überzeugt hatte, daß dieser schlief, ein Blatt Papier zur Hand und fing an, mit lauter, eintöniger Stimme die Disposition der bevorstehenden Schlacht vorzulesen, unter der Überschrift, die er ebenfalls mitlas: »Disposition für die Offensive auf die feindliche Stellung hinter Kobelnitz und Sokolnitz am 20. November 1805.«
Die Disposition war sehr kompliziert und umständlich. Darin hieß es in der deutschen Originalfassung folgendermaßen:
»Da sich der Feind mit seinem linken Flügel an die mit Wald bedeckten Berge lehnt und sich mit seinem rechten Flügel längs Kobelnitz und Sokolnitz hinter die dort befindlichen Teiche zieht, wir im Gegenteil mit unserem linken Flügel seinen rechten sehr debordieren, so ist es vorteilhaft, letzteren Flügel des Feindes zu attackieren, besonders wenn wir die Dörfer Kobelnitz und Sokolnitz im Besitz haben, wodurch wir dem Feind zugleich in die Flanke fallen und ihn auf der Fläche zwischen Schlapanitz und dem Turaser Wald verfolgen können, indem wir den Defileen von Schlapanitz und Bellwitz ausweichen, welche die feindliche Front decken. Zu diesem Endzweck ist nötig: Die erste Kolonne marschiert … die zweite Kolonne marschiert … die dritte Kolonne marschiert … und so weiter, und so weiter«, las Weyrother vor.
Es machte den Eindruck, als ob die Generäle nur widerwillig diese schwerverständliche Disposition mitanhörten. Der große blonde Buxhöwden, der mit dem Rücken an die Wand gelehnt seine Augen auf die brennende Kerze gerichtet hielt, hörte anscheinend überhaupt nicht zu und schien sich nicht einmal den Anschein geben zu wollen, als ob er zuhörte. Weyrother gerade gegenüber, die glänzenden, weitgeöffneten Augen starr auf ihn gerichtet, saß in kriegerischer Pose, beide Arme mit nach außen gekehrten Ellbogen auf die Knie gestützt, Miloradowitsch mit seinem frischen Gesicht, dem nach oben gedrehten Schnurrbart und den hochgezogenen Schultern. Er schwieg hartnäckig, sah Weyrother ins Gesicht und wandte nur die Augen von ihm ab, wenn der österreichische Generalstabschef eine Pause machte. Dann sah Miloradowitsch die anderen Generäle bedeutsam an. Aber die Bedeutung dieses vielsagenden Blickes war nicht zu erkennen: war er einverstanden oder nicht einverstanden, zufrieden oder nicht zufrieden mit dieser Disposition? Dicht neben Weyrother saß Graf Langeron und betrachtete mit einem feinen Lächeln auf seinem südfranzösischen Gesicht, das während der ganzen Zeit der Vorlesung der Disposition nicht von seinen Lippen wich, seine schmalen Finger, die emsig eine goldene Tabaksdose mit einem Bildnis um und um drehten. Mitten in einer dieser weitläufigen Perioden hielt er plötzlich mit dem Drehen der Tabaksdose inne, hob den Kopf, unterbrach Weyrother mit einem unangenehm höflichen Ausdruck in den äußersten Ecken seiner schmalen Lippen und wollte irgend etwas sagen, aber der österreichische General zog finster die Brauen zusammen und machte, ohne seine Vorlesung abzubrechen, nur eine Bewegung mit dem Ellenbogen, als wolle er sagen: Später, später können Sie mir Ihre Ansichten mitteilen, jetzt wollen Sie bitte auf die Karte sehen und zuhören. Langeron hob mit einem Ausdruck des Staunens die Augen auf und sah Miloradowitsch an, als suche er bei ihm eine Erklärung. Als er aber dessen bedeutsamem und doch nichts bedeutendem Blick begegnete, senkte er traurig die Augen und drehte weiter an seiner Tabaksdose. »Une leçon de géographie«, murmelte er wie zu sich selber, aber doch laut genug, daß alle es hören konnten.
77
Graf Araktschejew: A. A. Graf (1769-1834), Generalinspekteur der Artillerie, seit 1808 Kriegsminister, eine der abstoßendsten Persönlichkeiten bei Hofe. Im letzten Lebensjahrzehnt Alexanders dessen allmächtiger Günstling, der mit unbeschreiblicher Brutalität die Militarkolonien (vgl. Anm. 234) entlang der Westgrenze Rußlands einrichtete.