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Georgs Sorggen um die Vergangenheit

Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:

Georg wächst in einer der schönsten Wohngegenden Prags in einem summenden Frauenhaushalt auf. Leider zur Zeit des politischen Terrors, der überirdischen Atomtest und später des brutal unterdrückten Reformversuchs von '68. Umstellt von seinen vielen Tanten mit Kriegstraumata, dem tyrannischen Onkel ONKEL und der überstrahlend-schönen Mutter hält er an seiner Überzeugung fest, unter der Schirmherrschaft eines gewissen Heiligen eine helle Zukunft zu finden — trotz der totalitären Verhältnisse, der zerfallenden Prager Bausubstanz und der familiären Zwänge.
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Das katzengoldige Prag hatte an den Peripherien unglaubliche städtische Grausamkeiten hervorgebracht oder sie dorthin abgesondert. Fast das Schlimmste waren die riesigen und architektonisch unterschiedlich verbrecherischen Plattenbaugebiete. Sie standen lange nach dem Verschwinden der Bauarbeiterhorden immer noch inmitten zerwühlter Wiesen, die später einmal zu Grünanlagen sterilisiert werden sollten. Da und dort konnte man noch einigen vereinzelten und schwerverletzten Obstbäumen beim Sterben zusehen — und sich im Blickfeld dieser Bäume die ruhigen alten Obstgärten vorstellen, die es dort einmal gegeben hatte.

Die länglichen oder turmartigen Wohnbunker waren billig und schlecht gebaut. Schon nach kurzer Zeit gebaren die virulenten Betonplatten — vor allem an den Ecken — breite Risse. Diese mußten von LANGSAMEN EINGREIFTRUPPEN auf gefährlich hängenden Plattformen provisorisch mit einer klebrig-grünlichen Masse zugeschmiert werden. Manche dieser Außenwände wurden so großzügig undicht, daß die Bewohner auf die Straße sehen konnten; etwas Regenwasser wurde ihnen gelegentlich auch noch hineingeblasen. Irgendwann verschwanden diese exponierten Seitenwände und Ecken doch hinter massiven Gerüsten und wurden monatelang bearbeitet. Nebenbei kamen dort auchHinrichtungskommandos zum Einsatz — so hörte sich das jedenfalls an. Wie ich durch Nachforschungen feststellte, hing das pausenlose Schießen aber nicht mit Tötungen von Pfuschern oder Verantwortungsträgern zusammen. Die Arbeiter schossen lediglich mit mir bislang vollkommen unbekannten Bolzenschußgeräten und belegten die Betonwände mit Dämmplatten, die daraufhin unter häßlich grauer Verkleidung verschwinden sollten. Einer der Arbeiter meinte allerdings, dieser ganze Aktionismus wäre grundverkehrt.

— Die Dämmung ist Schrott — wie unsere Ingenieurklasse. Im nächsten Frühjahr wird alles anfangen zu bröckeln. Und dahinter wird sich nur Kondenswasser sammeln, das Regenwasser und die Schimmelpilze sowieso.

Daß ich mich in den Neubaugebieten von allen Seiten beschossen fühlte, war nicht der Grund dafür, daß ich versuchte, sie zu meiden. Mich zog sowieso eher die ursprüngliche Bausubstanz der Stadt an. In diesen Vierteln konnte man an ruhigere Zeiten denken, in denen die Alltagsrealität noch in der Gesellschaft wurzeln durfte und nicht an irgendwelchen Schreibtischen von Neuzeit-Demiurgen entworfen — also nicht umgeworfen und bei Blasmusik vergewaltigt wurde, um zum dauerprovisorischen Richtfest gepeitscht zu werden. Ich suchte gierig nach diesen Rudimenten, wollte mir vorstellen, wie es sich an den Rändern meiner Stadt früher vielleicht gelebt hatte. Die Häuser der billig gebauten alten Arbeiterviertel waren niedrig, sie hatten kleine Höfe, in denen noch leere Hundehütten standen. Manche Straßenzüge wirkten eher kleinstädtisch, fast dörflich. Nur anhand der Ausdehnung dieser schlecht durchbluteten Vernachlässigungszonen konnte man noch erkennen, daß man sich in einer Großstadt befand. Die Nekrose war hier aber eindeutig auf Siegeskurs. Viele Dächer und Dachrinnen waren seit Jahren undicht, das Regenwasser floß breitflächig an den Wänden herunter. Und weil die Fallrohre unten in der Regel verstopft waren, verbreitete sich die Feuchtigkeitauch von unten nach oben. Die feuchten Stellen setzten Moos an, auf den Dächern vegetierten schon die Birken, der Putz fiel ab und die Wände zeigten rohes Fleisch. Und weil es sich nicht lohnte, diese ärmlichen Behausungen für die sozialistische Zukunft zu erhalten, wurde in sie auch nicht investiert. An ihrer Stelle sollten später sowieso Plattenbauten der nächsten Generation, des nächsten oder übernächsten Fünfjahrplanes — wenn es die Ressourcen eben erlaubten — zu stehen kommen. Aber den wenigen rekonstruierten Häusern sah man den zeitgeistgerechten Trend zum Niedergang auch schon an. Die sozialistischen Verschönerungsmaßnahmen hatten gegen die Witterung wenig Chancen, manche der frisch aufgetragenen Farben blätterten trotz ihrer Jungfräulichkeit großschuppig ab, oft hatten sich ihre wasserlöslichen Anteile schon längst über die Bürgersteige ergossen; und an den neu verputzten Stellen quoll der Mörtel auch schon wieder zu beeindruckenden Beulenlandschaften auf. So konnte man im Zeitraffertempo sehen, wie die Fehlgeburten der geleisteten Arbeit Runzeln bekamen, wie die Früchte der geopferten Begabung und der ausgequetschten Restenergie lediglich darum kämpften, im Verrottungswettbewerb möglichst nicht zu gewinnen.

Aber das war immer noch nicht das Schlimmste an der Peripherie. Am schlimmsten waren die nicht genutzten Industriegrundstücke, die die sozialistischen Betriebe zum Abstellen oder Zwischenlagern ihrer ausgedienten Maschinen, ihres nicht mehr reparablen Fuhrparks, ihrer unbrauchbar gewordenen Güter nutzten — oder zum Entsorgen ihrer gefährlichen Abfälle mißbrauchen durften. Manche Gegenden sahen vor allem abends apokalyptisch aus. Überall undefinierbare schwarze Berge von Schutt, auf denen man Silhouetten von spielenden Kindern sah. Dort stemmten sich wie in einem Freilichtmuseum technische Ungetüme gegen die Abendsonne und glichen in ihrer Trauer erstarrten Sauriern. Diese funktionsfreudigen Wesen würden fürdas Land nie wieder ruck-zucken dürfen, sie langweilten sich wie eingeschlossene und vergessene Haustiere. In einem unbebaubaren Seitental fand ich eine Art Skansen von neuzeitlichen Pyramiden aus unterschiedlichen und unterschiedlich stark leckenden Industriefässern. Manche dieser Pyramiden blubberten und tickten dabei wie Bomben. Ihre besonders gewichtsgequälten unteren Kaskadenstufen signalisierten mit Morsezeichen, sich demnächst mit Wucht erleichtern zu wollen. Sie drohten ganze Straßenzüge mit zyankalihaltigem oder anders giftigem Brei zu überfluten. An manchen Flächen sah man aber auch interessante Industrieraritäten und begriff, daß in einigen Betrieben offenbar noch vor kurzem mit Maschinen vom Anfang des Jahrhunderts gearbeitet worden war.

Um mich zu beschäftigen, versuchte ich, den tieferen Zweck der besonders interessanten Überraschungen zu begreifen. Auf den ersten Blick sah man oft nur Materialreste, Bauschutt oder diversen Sondermüll, dabei handelte es sich teilweise eher um Restvorräte, die an den freien Flächen für schlechte oder noch schlechtere Zeiten deponiert worden waren. Die gewieften Betriebsleiter wußten genau: Alle möglichen Materialien könnten wieder knapp werden und würden eines Tages schwer aufzutreiben sein. Und was man einmal auf Lager hatte, würde man später als Tauschobjekt für andere Mangelgüter verwenden können.

Zum Wesen der Mangelwirtschaft gehörte seit langem noch etwas ganz anderes: Viele Betriebe produzierten massenhaft Güter, die niemand mehr wollte, jedenfalls so massenhaft nicht gebrauchen konnte. Dabei kam es trotzdem nicht in Frage, aus diesem Grund ganze Produktionsstrecken aufzugeben und die Arbeiter zu entlassen — also produzierte man unverdrossen weiter und füllte mit den Überschüssen irgendwelche Lagerhallen. Wegen der überall drückenden Überschüsse bekamen die Betriebe irgendwann die Erlaubnis, die nicht absetzbaren Lagerhüter im Rundfunk anzupreisen. Diese Idee war wirklich rettend. Und weil der tschechische Mensch an sich schöpferisch ist, wurde diese Art Rette-sich-wer-kann-Werbung auf weitere Gebiete ausgeweitet. So verwandelten sich diese speziellen Werbeeinlagen, diese kurzen Entblößungen plötzlich zu einer Plattform für rege Tauschgeschäfte ganz anderer Art und hatten etwas höchst Ordinär-Verräterisches an sich. Mit der Zeit wirkten sie auf mich — auch dank der drum herum präsenten Kulturlosigkeit — immer pornographischer. Jedermann durfte sich an seinem heimischen Radio bald die absurdesten Trödelblödeleien und Offenbarungseide anhören.

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