Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Bis zum Mittag des 19. November beschränkte sich diese Bewegung, die erregten Verhandlungen, das Hin- und Herrennen, das Botschaftenbringen der Adjutanten, nur auf das Hauptquartier des Kaisers, am Nachmittag pflanzte sich dieselbe Bewegung auf Kutusows Hauptquartier und die Stäbe bei den Kolonnen fort, um dann am Abend von den Adjutanten bis in alle Ecken und Enden des Heeres hinausgetragen zu werden, und in der Nacht vom 19. zum 20. November brach die achtzigtausend Mann starke verbündete Armee aus ihren Nachtquartieren auf und setzte sich, mit dumpfem Getöse auf und nieder wogend, wie ein gewaltiges, neun Werst langes Band, in Bewegung.
Die auf einen Punkt konzentrierte Bewegung, die am Morgen im Innern des Hauptquartiers der beiden Kaiser angefangen und den Anstoß zu allen weiteren Bewegungen gegeben hatte, glich dem ersten Umdrehen des Mittelrades einer großen Turmuhr. Langsam fängt dieses eine Rad an sich zu drehen, setzt dabei ein zweites, dann ein drittes in Bewegung, immer schneller und schneller drehen sich die Räder, Spulen und Walzen; das Glockenspiel ertönt; die Figuren springen heraus, und gemessen fangen die Zeiger an vorzurücken, um das Ergebnis der Bewegung anzuzeigen.
Wie bei dem Räderwerk der Uhr, so setzt sich auch bei dem Getriebe des Krieges die einmal in Schwung gekommene Bewegung unaufhaltsam bis zu den letzten Ergebnissen fort, und auch hier stehen diejenigen Teile des Mechanismus, bis zu denen die allgemeine Bewegung noch nicht gelangt ist, bis zu dem Augenblick, wo ihnen die Bewegung mitgeteilt wird, ebenso teilnahmslos still. Pfeifend drehen sich die Räder um ihre Achsen, die Zähne greifen ineinander, vom schnellen Drehen fangen die Walzen an zu kreischen, aber das Rad nebenan bleibt ruhig und starr stehen, als wollte es noch jahrhundertelang so unbeweglich verharren, bis der Augenblick kommt, wo auch hier der Hebel eingreift, das Rad sich dem Anstoß fügt, sich ächzend zu drehen anfängt und so in die allgemeine Bewegung mit hineingezogen wird, deren Ergebnis und Ziel ihm unbekannt sind.
Wie bei der Uhr das Endergebnis der ganzen komplizierten Bewegung dieser unzähligen verschiedenen Räder und Walzen einzig und allein die langsame, gleichmäßige Vorwärtsbewegung der Zeiger ist, um die Zeit zu bestimmen, so war hier das Endergebnis der ganzen komplizierten Menschenbewegung dieser hundertsechzigtausend Russen und Franzosen mit all ihrem Räderwerk an Leidenschaften, Wünschen, Reuebezeigungen, Demütigungen, Leiden, Ausbrüchen von Stolz, Furcht und Begeisterung – einzig und allein der Verlust der Schlacht bei Austerlitz, der sogenannten Dreikaiserschlacht, das heißt das langsame Vorrücken des weltgeschichtlichen Zeigers auf dem Zifferblatt der Geschichte der Menschheit.
Fürst Andrej hatte an diesem Tag Dienst und befand sich ständig beim Oberkommandierenden.
Gegen sechs Uhr abends langte Kutusow im Hauptquartier der beiden Kaiser an, verweilte kurze Zeit bei Kaiser Alexander und begab sich dann zum Oberhofmarschall Grafen Tolstoi.
Bolkonskij benutzte diese Zeit und suchte Dolgorukow auf, um Näheres über die Schlacht zu erfahren. Fürst Andrej fühlte, daß Kutusow über irgend etwas verstimmt und verdrießlich war, und daß auch er im Hauptquartier Unzufriedenheit erregt hatte. Auch schien es ihm, als schlügen alle Leute im Hauptquartier ihm gegenüber einen Ton an, als wüßten sie etwas, was anderen noch nicht bekannt sei, und deshalb wollte er mit Dolgorukow sprechen.
»Nun, guten Abend, mon cher«, sagte Dolgorukow, der mit Bilibin beim Tee saß. »Morgen ist ein großer Tag. Was hat denn Ihr Alter? Wohl schlechte Laune?«
»Ich will nicht sagen, daß er gerade schlechte Laune hat, aber er möchte anscheinend gern, daß man auf ihn hörte.«
»Man hat ja im Kriegsrat auf ihn gehört und man wird auch immer auf ihn hören, wenn er sachlich redet; aber jetzt zu zaudern und noch auf irgend etwas zu warten, wo Bonaparte nichts mehr fürchtet als eine Entscheidungsschlacht – das ist doch wirklich ein Ding der Unmöglichkeit.«
»Sie haben ihn ja doch gesehen?« sagte Fürst Andrej. »Nun, wie ist dieser Bonaparte? Was für einen Eindruck hat er auf Sie gemacht?«
»Ja, ich habe ihn gesehen und mich davon überzeugt, daß er eine Entscheidungsschlacht mehr als alles in der Welt fürchtet«, wiederholte Dolgorukow, indem er sichtlich auf diese Schlußfolgerung, die er aus seiner Zusammenkunft mit Napoleon gezogen hatte, großen Wert legte. »Wenn er nicht Angst vor einer Schlacht hätte, warum hätte er dann diese Zusammenkunft gefordert, Unterhandlungen geführt und, was die Hauptsache ist, warum wäre er da zurückgewichen, wo doch ein Zurückweichen der ganzen Methode seiner Kriegführung so zuwiderläuft? Glauben Sie mir, er hat Angst, hat Angst vor einer Entscheidungsschlacht. Seine Stunde hat geschlagen – das sage ich Ihnen.«
»Aber erzählen Sie doch, wie ist er denn!« fragte Fürst Andrej noch einmal.
»Ein Mann in grauem Überrock, der es furchtbar gern gesehen hätte, wenn ich ihn mit ›Euer Majestät‹ angeredet hätte. Aber zu seinem großen Kummer habe ich ihn mit keinerlei Titel beehrt. Solch ein Mensch ist das und weiter nichts«, erwiderte Dolgorukow und sah Bilibin dabei lächelnd an.
»Trotz meiner Hochachtung vor dem alten Kutusow«, fuhr er fort, »bin ich doch der Ansicht, daß wir schön dumm wären, wenn wir jetzt noch auf irgend etwas warten wollten und ihm dadurch Gelegenheit gäben, den Rückzug anzutreten oder uns zu täuschen, wo wir ihn jetzt so sicher in der Hand haben. Nein, wir dürfen Suworow und seinen Grundsatz niemals vergessen:
Man soll sich nie einer Offensive aussetzen, sondern selber die Offensive ergreifen. Glauben Sie mir, im Krieg bringt uns die Tatkraft der jungen Leute oft sicherer auf den richtigen Weg als alle Erfahrungen der alten Kunktatoren[75].«
»In welcher Stellung wollen wir ihn denn angreifen? Ich war heute bei den Vorposten, es ist unmöglich, daraus klug zu werden, wo eigentlich seine Hauptstreitkräfte stehen«, sagte Fürst Andrej. Er wollte Dolgorukow seinen eigenen, selbst entworfenen Angriffsplan entwickeln.
»Ach, das ist ja ganz einerlei«, fiel Dolgorukow schnell ein, stand auf und breitete seine Karte auf dem Tisch aus. »Alle Möglichkeiten sind vorausgesehen, wenn er bei Brünn steht …« Und Fürst Dolgorukow erklärte hastig und unklar den Plan der Weyrotherschen Flankenbewegung.
Fürst Andrej fing an, dagegen zu reden und seinen eignen Plan zu entwickeln, der vielleicht ebenso gut gewesen wäre wie der Weyrothers, wenn er nicht den einen Fehler gehabt hätte, daß er zu spät kam und Weyrothers Plan nun schon angenommen war. Aber als Fürst Andrej nur anfing, die Nachteile jenes und die Vorteile seines eignen Plans darzulegen, hörte Dolgorukow schon auf zuzuhören und sah bereits nicht mehr auf die Karte, sondern zerstreut in Fürst Andrejs Gesicht.
»Übrigens wird ja heute noch ein Kriegsrat bei Kutusow stattfinden, da können Sie ja das alles vorbringen«, sagte Dolgorukow.
»Das werde ich auch tun«, erwiderte Fürst Andrej und trat von der Karte zurück.
»Worüber beunruhigen Sie sich eigentlich, meine Herren?« mischte sich Bilibin ein, der bisher mit vergnügtem Lächeln ihrem Streit gefolgt war und sich jetzt offenbar zu einem Scherz anschickte. »Ob wir nun morgen einen Sieg oder eine Niederlage erleben – der Ruhm der russischen Waffen wird nicht gefährdet: außer unserem Kutusow ist nicht ein einziger russischer Kommandeur dabei. Die Truppen werden geführt von General Wimpffen, le comte de Langeron, le prince de Liechtenstein, le prince de Hohenlohe et enfin Prschprsch[76] … et ainsi de suite comme tous les noms polonais.«
»Taisez-vous, mauvaise langue«, sagte Dolgorukow. »Das ist gar nicht wahr, wir haben jetzt schon zwei russische Heerführer, Miloradowitsch und Dochturow, und wir hätten noch einen dritten, den Grafen Araktschejew
75
Kunktator: Zauderer, Spitzname von M. I. Kutusow.
76
Prschprsch: Spott über die Schwierigkeiten der polnischen Aussprache, gemeint ist General Przebyszewski (sprich Pschebischewski), der als Pole in der russischen Armee diente.