Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Die Mitbewohner meines Freundes waren drei ältere Männer, die sich schon seit Urzeiten kannten. Ein vierter Mann dieser Brüderschaft war ein Jahr zuvor zu einer Frau gezogen und von ihr angeblich mit Rattengift umgebracht worden — möglicherweise wegen seiner Briefmarkensammlung. So etwas gab es bei uns zu Hause auch nicht.
Die Diele der Wohnung war geräumig und diente allen Bewohnern als Gemeinschaftsraum. Ein Horror für mich. Die Küche bewirtschafteten die Männer gemeinsam. Ich durfte als ein illegaler Untermieter in einer verkramtenKammer auf einer Matratze schlafen und dafür etwas in die gemeinsame Kasse einzahlen. Die Männer rauchten viel und spielten andauernd Karten, ihre nichtssagenden Gespräche waren endlos. Ich war aus der einigermaßen heilen Bergwelt praktisch über Nacht in einer Beziehungs- und Wohneinöde gelandet. Ich tröstete mich damit, daß ich mir früher eigentlich derartige — oder noch viel üblere — Erfahrungen gewünscht hatte. In meinen vorvergangenen Phantasien hatte sich diese Wirklichkeit allerdings viel aufregender angefühlt. Die Abkoppelung von meinem mütterlichen und tantenhaften Zuhause war darin ein angenehmer, wenn nicht sogar amüsanter Schritt in Richtung Autonomie, ein äußerlich zwar düsteres, trotzdem von zuverlässigen Strahlenquellen durchflutetes Intermezzo gewesen — eine Horizonterweiterung für höhere Söhne sozusagen. Das aktuell erreichte Vorstadium meiner Zukunft war leider nur unappetitlich und sauerstoffarm, und ich ließ alle Gedanken darüber, wie ich mein Leben konkret gestalten sollte, erst einmal lieber unberührt. In der Küche faulten hinter dem Abfalleimer haufenweise Essenreste, in einer Ecke der Diele wuchs ein Berg dreckiger Wäsche. Mir war dank des unausrottbaren Geruchs der Wohnung dauernd übel, und in einer hellen Sekunde fragte ich mich doch, wie mein erwachsenes Leben nach dem Wegfall aller mich schützenden Träumereien später aussehen könnte. Und mir schwante, daß mein Dasein unter Umständen einmal auch die Anziehungskraft stinkender Füße und bakteriellseuchiger Achselhöhlen annehmen könnte.
Auf Umwegen über einen anderen Freund erfuhr ich, daß meine mich fernumschlingende Mutter furchtbar litt. Das war aber logisch — Trennungen sind eben schmerzhaft. Und alle Schmerzen haben auch ihr Gutes. Mir ging es auch nicht besonders. Mein Hauptproblem war, daß ich unter einem starken und nicht benennbaren Druck stand. Die Spannung in mir war so überbordend, daß ich zu gar nichtszu gebrauchen war. Ich konnte nicht klar denken und keine Beschlüsse fassen, konnte mich auf überhaupt nichts konzentrieren, natürlich auch nicht lesen. Meine Seele rotierte in mir intensiv in einer Art Leerlauf, gleichzeitig schäumte und blubberte sie dumpf vor sich hin. Dieses Rotieren, Blubbern, Schäumen — oder was es war — blieb dabei wie unter einem schweren Deckel stecken.
Auf der Straße steigerte sich dafür meine Vorliebe zum maßlos unkontrollierten Herumglotzen. An sich — wie berichtet — nichts Neues bei mir, meine Glotzleidenschaft wurde aber zu einem ernsten Problem. Ich betrieb sie wie unter Zwang und nahm alles mit so krankhafter Neugier wahr, daß ich manchmal Angst bekam, mich übergeben oder anders erleichtern zu müssen. Unerfüllte Menschenleben auf lustlosen Beinen, wissende Tiere, Tausende von Details in Vitrinen und auf Bürgersteigen, viel zu viele plötzliche Standortverlagerungen von beräderten Vehikeln. Alle diese Straßenbilder hätten für mich nicht weiter überraschend sein müssen — nicht das üble DINGVERHALTEN, nicht das kindliche Tummeln der Sachwerte oder die ruhigen Geheimzeichen auf den Bordsteinen. Auch die eingezwängten und viel zu selten aktivierten Pimmel der Männer waren meine alten Phantasieziele. Und plötzlich beherrscht das Straßenbild ein Ehepaar — und ihr zusammengerollter Teppich auf Schultern, die aus dem Takt geraten sind, oder ein Kinderwagen mit unterschiedlich schräg eingeknickten Achsen. ETWAS WAR NEU. Niemand entschuldigt sich bei mir, mich so gnadenlos mit Eindrücken zu überfrachten. Zwar war ich mit den meisten Straßenorganismen — wie gewohnt — nur auf Distanz und nur imaginär verbunden, vollständig okkupiert fühlte ich mich durch die von ihnen verursachte Bilderflut jetzt aber trotzdem. Persönliche Bekanntschaften hätten sicher einiges gemildert.
— Wohin des Weges? hätte ich am liebsten jeden einzelnen gefragt, oder:- Heißen Sie nicht… Sie wissen schon… ich bin hier vollkommen fremd in der Stadt.
Die sich wild überlagernden Aktivitäten der Menschen mit ihren Handwagen, Goldkettchen oder sichtbaren Halsgeschwülsten waren vielleicht dazu bestimmt, mich bis in meine Zukunft zu begleiten, mich ähnlich intensiv zu belästigen wie jetzt — jedenfalls ähnlich hochpräsent zu sein, vergleichbar saugnäpfig. Und wenn sie mich irgendwann doch zermürben und besiegen sollten, würden sie die Reste meines Glücks sicherlich auch noch mit irgendwelchen kulturlosen Abfällen verrühren wollen. Häßliche Zukunftsvisionen malt man sich wesentlich konturschärfer, weil konkreter aus als die schönen in ihrer Diffusität, merkte ich nebenbei. Das alltägliche Grauen rückte unterdessen immer näher an mich heran — die Seele dieses Grauens, nicht unbedingt ihre materiellen Devastate von den Bürgersteigen oder ihr angegammelter Abrieb aus der Nähe von Kücheneimern. Die Schritt für Schritt sich vor dem Umfallen rettenden Menschenkörper um mich herum wirkten nur teilweise lächerlich. Ich dachte beim Anblick der tapfer wackelnden Gleichgewichtskünstler eher darüber nach, wie ähnlich wir uns alle sind, wie gleichförmig unsere ständig mutierende Gattung immerhin noch ist. Trotz der um sich greifenden Mißachtung der Normen und des guten Geschmacks. Ich war voller Respekt: Die Spannungen und Zuckungen der an die fünfzig in allen Gesichtern vorhandenen Muskeln — läuft dort drüben etwa Dana? — konnten Unmengen an Nuancen ausdrücken, und jeder egal wie verwirrte Straßenidiot war in der Lage, den Großteil der mimischen Signale an den anderen zu dekodieren. Lauter kleine Genies, keine Frage. Gleichzeitig ging ich davon aus, daß das Ausmaß der das eigene Leben betreffenden Ahnungslosigkeit überall erschreckend hoch sein mußte. Ob diese Ahnungslosigkeit in den eigenen vier Wänden anschwoll, ob sie im Winter schrumpfte — dazu hätte ich den einen oder anderen Experten gern befragt. Und ob es ihr, der Ahnungslosigkeit — UND MIR — guttat, wenn wir Menschen ungehemmt straßenläufig blieben, mußte auch ungeklärt bleiben. Auf der Straße vergrub sie sich, die Ahnungslosigkeit, wenigstens nicht, blieb nicht mimik-neutral, schlaffte nicht ab, konnte sich den Blicken der Forscher und ihrer Adlaten nicht ganz entziehen — würde man mich etwa fremde Wohnungen inspizieren lassen? Oder wenigstens die Höfe? Hinter die aktuellen Zusammenhänge zu blicken war auf alle Fälle nur über Umwege möglich.
— Was wollen Sie hier? Ich hole gleich die Polizei.
— Der hat hier letzte Woche doch unsere Bettwäsche von der Leine geklaut. Den kenne ich!
Die Masse der offenen Fragen blieb natürlich unbeantwortet, schwoll im Minutentakt unaufhaltsam an, es war mehr als deutlich, daß ich gequält wurde. Hatte beispielsweise der gerade geschleppte Teppich die richtigen Maße? Daß er häßlich war und farblich mit irgendwelchen Vorhängen nicht harmonieren würde, stand für mich dagegen fest. Und die Qualitätsprobleme, mit denen alle sozialistischen Bruderländer zu kämpfen hatten! Die gesamte sozialistische Familie basierte inzwischen auf Tauschgeschäften, viele Teppiche kamen von sonstwo aus der Welt — als Entgelt für etwas, was die Staatsbanken der jeweiligen Bruderländer IM HALBSOZIALISTISCHEN AUFBAU mit Geld nie hätten bezahlen können. Sollte ich mich lächerlich machen und mir das aktuelle statistische Jahrbuch besorgen? Meine Informiertheit tendierte faktisch gegen null. Genauso unmöglich war es, mich selbst irgendwohin einzuordnen. Mich gab es hier gar nicht — und sollte es auch nicht geben. Ich konnte die Stadt nur aushalten, wenn ich mich ständig in Bewegung hielt, wenn ich die Frequenz der Eindrücke steigerte und die Schichtung meiner Erlebnisse so hoch auftürmte, bis kein Schimmer mehr hindurchkam. Ich wollte nichts anderes als laufen — ich wollte laufen, laufen,immer weiter laufen, so lange laufen, bis ich vor Müdigkeit umfiel. Ich lief in Prag immer schon gern umher. Allerdings bewegte ich mich jetzt in einer ganz anderen Manier als früher. Ich mußte meine Anwesenheit verheimlichen, hatte unendlich viel Zeit und wohnte nicht in der Nähe der königlichen Burg. Auf diese Weise bekam die unantastbare Beziehung, die ich zu Dreck und Abfall, zum Ausgestoßenen und Abgeschäumten unterhielt, ein frisches Fundament. Früher näherte ich mich den Abgründen nur des Studiums wegen und blieb dabei möglichst in sicherer Entfernung — jetzt begann ich endlich, ein ehrlicher Teil des Stadt- und Universumsdrecks zu werden.