Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
Für die Allgemeinheit wäre es — taktisch gesehen — sicher gut gewesen, wenn wir alle einigermaßen laut applaudiert hätten. Und ich hätte gern allen Anwesenden die Vorteile einer egal wie unaufrichtigen Würdigung nahegebracht, wenn es möglich gewesen wäre. Ich befürchtete inzwischen schwere Endkampf-Komplikationen — unspezifisch, aber deutlich. Es schien sich etwas Schlimmes zusammenzubrauen. Kurz phantasierte ich über eine Bombe, die man in der Nähe des Hotels hätte hochgehen lassen können. Eine gutdosierte Ablenkungsexplosion hätte uns — die Zuhörer und den Pianisten — voneinander sicher am saubersten getrennt.
Der Mann verbeugte sich herausfordernd und mit glühenden Augen inzwischen auch in die Richtung derer, die NICHT klatschten. Er wackelte und wackelte mit dem Oberkörper immer heftiger, und weil einige mitleidige Damen seine gymnastische Einlage — wenigstens leise — weiter klatschend begleiteten, ging es eine Weile so weiter. Ich schwitzte vor Scham inzwischen fast so intensiv wie unser Vorturner in der Anfangsphase seines Klavierspiels. Als es im Raum wieder still wurde, blieb der Mensch trotzdem neben seinem Flügel stehen und begann anschließend zum Schrecken aller, sich in diese Stille abermals zu verbeugen. Es handelte sich eindeutig um eine Anklage. Ihn wurmte aber sicher nicht nur die fehlende Intensität unseres gerade abgelieferten Applauses, mit seinen feinen Ohren hatte er sicher auch dessen Widersprüchlichkeit erkannt oder sogar einige konkrete Mißtöne herausgehört.
Als Lohn für sein nachbebenartiges Wiederwackeln bekam der Mensch trotz des allgemeinen Widerwillens doch noch etwas Beifall gespendet. Sogar einige Männer ließen sich dazu herab — wahrscheinlich aber nur, um das Drama schnell beenden zu helfen. Danach begab sich der Mann tatsächlich auf den Rückzug, setzte dabei aber seine Verbeugeübungen fort. Dieses kindische Anbiedern während der inzwischen stillen, also applauslosen Endphase wirkte überraschenderweise sogar passend — wie eine nach einem Rollenwechsel bewußt angesetzte Kommentar-Darbietung. Man konnte meinen, dieser Mensch würde sich gerade selbst parodieren. Der eigentliche Zweck des langsamen Krebsganges war allerdings klar: In der Rolle des abgehenden Clowns konnte uns der Mann noch gut im Blick behalten, konnte sich selektiv in die Augen derer hineinbohren, die ihn besonders enttäuscht hatten. Gerade diese Individuen sollten jetzt vielleicht Mut beweisen — sie sollten aufrichtig zum Ausdruck bringen, daß sie ihn, auch als Menschen, tatsächlich nicht mochten. Eventuell hatte er aber irrigerweise doch noch gehofft, man würde ihn von seinem Rückzug abhalten wollen. Er verschwand dann endlich.
Als ich nach einer kleinen Entspannungspause den durchnäßten Menschen wieder neben seinem Flügel stehen sah, konnte ich es kaum glauben. Das, was er sich gerade antat, war abgründiger Masochismus. Er wollte es offenbar wirklich wissen — und nahm die Gefahr in Kauf, mit Gläsern oder Aschenbechern beworfen zu werden. Für den aktuellen Anerkennungsanlauf wandelte der Verbeugungsdesperado seine Taktik leicht ab. Er sah nach und nach bettelnd und regungslos in die Augen aller Willigen und Dankbaren von vorhin, also besonders in die Augen der Damen, die ihm in der ersten Abschiedsphase zugetan gewesen waren. Und nachdem ihm Geräusche, die man als Klatschen gelten lassen konnte, zu Ohren kamen, begann er in die betreffende Richtung — und demonstrativ nur in diese — zu wackeln. Etwas war jetzt tatsächlich neu und anders. Dem Mann war es dank seiner Beharrlichkeit und seines Einfühlungsvermögens gelungen, eine einigermaßen rhythmische Harmonie zwischen seinen Bewegungen und einem Teil der Applauskulisse herzustellen. Aber es stellte sich noch etwas ganz Besonderes ein: Man konnte den Mann inzwischen fernsteuern, hatte ich den Eindruck. Als eine Dame — sicher nur, um uns allen ein Applaus-Ejakulat zu entlocken — etwas verschnellert zu klatschen begann, verbeugte sich der Mann tatsächlich etwas zügiger. Dabei traute er sich sogar, die Nichtklatschenden mit seinen strengen Augen wieder unter Blickbeschuß zu nehmen.
Mittlerweile hätte man diesem Ausdauerkämpfer sogar Bewunderung entgegenbringen können — und schon deswegen applaudieren müssen. Ich tat es mit einer gewissen Intensität und bekam von ihm einen langen, überaus dankbaren Blick zugespielt. Zum Glück bewegte sich der Menschwährend seines Wackel-Endkrampfs gleichzeitig aus dem Saal hinaus — natürlich bis zum Schluß konsequent rückwärts. Er verschwand aber nur, um NOCHMALS zu kommen! Man beachtete ihn diesmal aber wirklich nicht mehr, manche wandten sich ganz ab, andere sahen mit voller Absicht durch ihn durch. Alle waren gründlich angeekelt, tauschten sich intensiv aus, viele lachten.
Der Interpret, der nicht mehr gebraucht wurde, verfolgte aufmerksam die Atomisierung seiner Zuhörergemeinde, zog die Ignoranz der Menschen mit seinen breiten Nüstern tief ein und sah auch deutlich, daß man seine körperlichen Eigenarten an manchen Tischen nachmachte. Kurz saß er noch zusammengesackt auf seinem Drehstuhl und bekam aus Mitleid ein Glas Weißwein von einem der Kellner gereicht. Ich versuchte, nicht mehr hinzusehen. Irgendwann war der Mann weg. Nach diesem Erlebnis prägte ich mir für immer ein: So tief darfst du nie im Leben sinken.
Nach vier Tagen des Hotelaufenthalts war leider mein Geld verbraucht, und ich war vollkommen demoralisiert. Wegen meiner sich steigernden Schüchternheit hatte ich auch keine Arbeit gefunden. Dabei gab es Arbeit überall. Ich schaffte es zwar, in einige ansässige Betriebe vorzudringen, in den Personalbüros erzählte ich aber nur Dinge, die gegen meine Eignung sprachen.
— Nein, ich habe noch nie ein Schloß von innen gesehen. Oder ich flüchtete wortlos, wenn ich in dem Personalbüro mehr als drei Augenpaare auf mich gerichtet sah.
— Pardon, sagte ich, verbeugte mich wie der Konzertpianist und ging.
In der Gegend hielten sich dauerhaft viele bekannte Bergsteiger auf. Man sah sie während der Woche in der Arbeitskluft herumlaufen oder in irgendwelchen Firmenfahrzeugen vorbeifahren. Manche dieser luftgegerbten Gesichter kannte ich aus der Zeitschrift» Der Bergsteiger«, die ich mir in Prag ab und zu gekauft hatte. Es waren meine Idole.sie hatten manche Extremrouten als erste bestiegen — und diese trugen ihre Namen. Sie lebten in den Bergen, um in ihrer Freizeit nichts anderes tun zu können, als wieder und wieder in die senkrechtesten Wände zu steigen und ihre sehnige Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Ich konnte leider nichts mehr aufs Spiel setzen, ich war zu nichts zu gebrauchen. Infolge meiner Depression wurden meine Muskeln ohnehin so schlaff, daß ans Klettern gar nicht zu denken war. Ich wäre sicher schon beim Aufstieg in eine glitschige Spalte gerutscht. Ich meldete mich in Prag bei einem Freund an und verschwand mit dem erstbesten Nachtzug.
die quader standen ruhig, atmeten vor sich hin und waren sich selbst genug
In Prag plötzlich wie ein Tourist herumzulaufen, wie ein Unbehauster dazustehen, war für mich vollkommen neu. Berauschend war es leider überhaupt nicht. Mein Freund wohnte in einer in vier Wohneinheiten zerteilten Höhle. Die Straßen des Arbeiterviertels Zizkov waren abschüssig und trotz ihrer Baumlosigkeit düster. Ihre Düsterkeit verursachte vor allem die Enge, den Rest besorgte ihr Dreck, der — auf der Straßenebene reichlich vorhanden — an den Fassaden problemlos vier Stockwerke hochkriechen konnte. Für Bäume hätte es in dem Straßengedränge gar keinen Platz gegeben. Für mich war es eine Gegend voller städtischer Kulturlosigkeiten, und an so etwas war ich von früher überhaupt nicht gewöhnt. Mehr noch — diese häßliche Seite meiner goldigen Stadt war mir aus nächster Nähe vollkommen unbekannt. Ich bekam das Gefühl, in ein chemiedampf-geplagtes Industriegebiet irgendwo im Braunkohlerevier des Nordwestens versetzt worden zu sein — in eine ähnlich chlorophylfreie Untergangswüste, wie ich sie von meinen Rennrad-Erkundungsfahrten kannte.