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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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»Wer ist das?« fragte Boris.

»Das ist einer der bedeutendsten Menschen, mir persönlich aber einer der unangenehmsten. Der Minister des Auswärtigen, Fürst Adam Czartoryski. Und solche Leute«, fügte Bolkonskij mit einem Seufzer, den er, als sie aus dem Schlosse traten, nicht unterdrücken konnte, hinzu, »und solche Leute entscheiden nun das Schicksal der Völker.«

Am anderen Tag setzten sich die Truppen in Marsch, und da es Boris vor der Schlacht bei Austerlitz nicht gelang, noch einmal mit Bolkonskij oder Dolgorukow zusammenzukommen, so blieb er vorläufig noch beim Ismailer Regiment.

10

Am frühen Morgen des 16. November rückte die Eskadron Denissows, bei der Nikolaj Rostow stand und die zum Korps des Fürsten Bagration gehörte, aus ihrem Quartier aus und, wie es hieß, gegen den Feind vor. Aber sie waren, hinter anderen Kolonnen herziehend, noch keine Werst vorwärtsgekommen, als der Befehl kam, auf der großen Landstraße haltzumachen. Rostow sah, wie die anderen an ihm vorüberzogen: zuerst die Kosaken, dann die erste und zweite Eskadron seines Husarenregiments, dann Infanteriebataillone und Artillerie und zuletzt die Generäle Bagration und Dolgorukow mit ihren Adjutanten. Die ganze Furcht, die er auch jetzt wieder, wie schon früher, vor dieser Schlacht empfunden hatte, der ganze innere Kampf, mit dem er diese Furcht zu überwinden suchte, all seine Träume davon, wie er sich nach Husarenart bei dieser Schlacht hatte auszeichnen wollen – das alles war nun umsonst gewesen. Seine Schwadron war zur Reserve bestimmt, und so verbrachte Nikolaj Rostow gelangweilt und verdrießlich den Tag.

Gegen neun Uhr morgens hörte er vorn Schießen und Hurrarufen, beobachtete, wie die Verwundeten zurückgebracht wurden – es waren zwar nicht viele –, und sah endlich, wie eine Kosakeneskadron eine ganze Abteilung französischer Kavallerie in ihrer Mitte gefangen vorbeiführte. Offenbar war das Treffen bereits zu Ende, es war anscheinend nicht groß, aber glücklich gewesen. Die zurückkommenden und vorübermarschierenden Soldaten und Offiziere erzählten von einem glänzenden Sieg, von der Einnahme der Stadt Wischau und der Gefangennahme einer ganzen Eskadron Franzosen.

Auf den starken Nachtfrost war ein klarer, sonniger Tag gefolgt, und der heitere Glanz dieses Herbsttages stimmte so recht zu der Siegesnachricht, die nicht nur durch die Erzählungen der Teilnehmer, sondern auch durch die strahlenden Gesichter der Soldaten, Offiziere, Generäle und Adjutanten verkündet wurde, die nach allen Richtungen hin an Rostow vorbeisprengten. Um so schmerzlicher krampfte sich Rostows Herz zusammen, hatte er doch all die der Schlacht vorausgehende Furcht nun umsonst erlitten und dabei den ganzen Tag in Untätigkeit verbracht.

»Rostow, komm, wir wollen unsern Kummer vertrinken!« rief Denissow, der es sich am Wegrand mit einer Flasche und seinem Frühstück bequem gemacht hatte.

Die Offiziere bildeten einen Kreis um Denissow, unterhielten sich und ließen es sich aus Denissows Frühstücksvorrat vorzüglich schmecken.

»Da bringen sie noch einen!« sagte einer der Offiziere und zeigte auf einen gefangenen französischen Dragoner, den zwei Kosaken zu Fuß vorbeiführten.

Der eine von ihnen führte ein stämmiges, schönes Franzosenpferd, das sie dem Gefangenen abgenommen hatten, am Zügel.

»Verkauf mir dein Pferd!« schrie Denissow dem Kosaken zu.

»Meinetwegen, Euer Wohlgeboren …«

Die Offiziere sprangen auf und umringten die Kosaken und den gefangenen Franzosen. Der französische Dragoner war ein junger Bursche, ein Elsässer, der Französisch mit deutscher Klangfarbe sprach. Er war vor Aufregung noch ganz außer Atem, sein Gesicht war feuerrot, und als er die Offiziere Französisch sprechen hörte, redete er hastig auf sie ein, indem er sich bald an den einen, bald an den anderen wandte. Er sagte, er habe sich selber nicht gefangen nehmen lassen, er sei nicht schuld daran, daß man ihn erwischt habe, sondern ›le caporal‹, der ihn noch nach Pferdedecken geschickt habe, obwohl er es ihm gleich gesagt habe, daß die Russen schon da wären. Und nach jedem zweiten Wort sagte er: »Mais qu’on ne fasse pas de mal à mon petit cheval«, und streichelte den Hals seines Pferdes. Es war offensichtlich, daß er noch gar nicht begriffen hatte, wo er sich befand. Bald entschuldigte er sich, daß er gefangengenommen worden war, bald beteuerte er seine militärische Pünktlichkeit und Dienstbeflissenheit, wobei er sich anscheinend einbildete, seine eigenen Vorgesetzten vor sich zu haben. Er brachte dadurch gewissermaßen den französischen Truppengeist, der uns Russen so fremd ist, in seiner ganzen Frische in unsere Nachhut hinein.

Die Kosaken verkauften das Pferd für zwei Dukaten, und da Rostow soeben Geld bekommen hatte und somit augenblicklich der reichste von allen Offizieren war, kaufte er es.

»Mais qu’on ne fasse pas de mal à mon petit cheval«, sagte der Elsässer gutmütig zu Rostow, als das Pferd dem Husaren übergeben wurde.

»Allöh, allöh!« rief der Kosak und zog den Gefangenen am Ärmel, damit er weitergehe.

»Der Kaiser! Der Kaiser!« ertönte es plötzlich unter den Husaren.

Alles stürzte voller Hast herbei, und Rostow sah auf dem Weg von rückwärts ein paar Reiter mit weißen Federbüschen herannahen. Im Nu waren alle auf ihrem Posten und warteten.

Rostow wußte und fühlte nicht mehr, wie er auf seinen Platz gekommen war und sich auf sein Pferd geschwungen hatte. Augenblicklich war der Gram über seine Untätigkeit und seine Alltagsstimmung im Kreis dieser ihm zur Genüge bekannten Gesichter verflogen, im Nu erstarb jeder Gedanke an das eigene Ich: war ganz überwältigt von dem Gefühl des Glücks, das die Nähe seines Kaisers in ihm hervorrief. Schon allein diese Nähe empfand er als Belohnung für den ganzen verlorenen heutigen Tag. Glückselig wie ein Liebhaber, der nach langem Warten vor dem ersehnten Wiedersehen steht, wagte er zwar nicht, den Kopf zu drehen und sich umzusehen, da er ja in Reih und Glied stand, aber er fühlte mit instinktiver Begeisterung das Herannahen seines Kaisers. Das kam ihm nicht allein durch das Getrappel der Pferdehufe der immer näher kommenden Reitergruppe zum Bewußtsein, nein, er fühlte es auch insofern, weil es, je näher sie kamen, um so heller, freudiger, bedeutsamer und feiertäglicher um ihn herum wurde. Immer näher und näher kam ihm diese Sonne, die einen solchen Strahlenkranz sanften und majestätischen Lichtes aussandte, und plötzlich fühlte er sich von diesen Strahlen erfaßt, hörte seine Stimme, diese freundliche, ruhige, majestätische und dabei doch so schlichte Stimme. Wie es nach Rostows Gefühlen auch gar nicht anders sein konnte, trat augenblicklich eine Totenstille ein, und durch diese Totenstille klang die Stimme des Kaisers.

»Les hussards de Pavlograd?« fragte er.

»La réserve, Sire!« antwortete eine nach jenen wie vom Himmel kommenden Lauten, in denen gefragt worden war: ›Les hussards de Pavlograd‹ mehr menschenähnlich klingende Stimme.

Der Kaiser war bis dicht vor Rostow herangekommen und hielt an. Das Gesicht Alexanders erschien heute noch schöner als bei der Besichtigung vor drei Tagen. Es erstrahlte in Frohsinn und Jugendlichkeit, einer solch unschuldigen Jugendlichkeit, die an die Ausgelassenheit eines vierzehnjährigen Knaben erinnerte, und doch war es dabei gleichzeitig das Gesicht eines erhabenen Herrschers. Während der Kaiser die Eskadron musterte, begegneten seine Augen zufällig den Augen Rostows und blieben ein paar Sekunden auf ihnen ruhen. Fühlte der Kaiser, was in Rostows Seele vorging – Rostow wollte es scheinen, als müsse er alles verstehen –, jedenfalls sah er wohl zwei Sekunden lang mit seinen blauen Augen Rostow gerade ins Gesicht. Ein sanftes, weiches Licht strömte aus diesem Blick. Dann zog er plötzlich die Brauen hoch, stieß mit seinem linken Fuß jäh das Pferd an und sprengte im Galopp nach vorn.

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