Krieg und Frieden
- Автор: Tolstoi Leo
- Год: 2002
- Язык: немецкий
- Год: Patmos Verlag
- ISBN: 3-491-96054-1
- Переводчик: Marianne Kegel
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
Fürst Andrej wurde immer ganz besonders lebhaft, wenn er einen jungen Menschen auf den rechten Weg bringen und ihm zum Erfolg in der großen Welt verhelfen konnte. Unter dem Vorwand, Hilfe für andere zu erheischen, die er für sich selber aus Stolz niemals angenommen hätte, befand er sich immer in der Nähe jenes Zentrums, das allen Erfolg verbürgte und ihn selber im höchsten Grad anzog. Deshalb nahm er sich auch Boris’ gern an und ging mit ihm zum Fürsten Dolgorukow.
Es war schon spät am Abend, als sie das Olmützer Schloß, wo die beiden Kaiser mit ihrem Gefolge wohnten, erreichten.
An diesem Tag hatte gerade ein Kriegsrat stattgefunden, an dem alle Mitglieder des Hofkriegsrates sowie beide Kaiser teilgenommen hatten. In dieser Beratung war, ganz gegen die Überzeugung zweier bejahrter Feldherren, Kutusows und des Fürsten Schwarzenberg, der Entschluß angenommen worden, unverzüglich die Offensive zu ergreifen und Bonaparte eine Entscheidungsschlacht zu liefern. Dieser Kriegsrat war gerade beendet, als Fürst Andrej, von Boris begleitet, ins Schloß kam, um den Fürsten Dolgorukow aufzusuchen. Noch war jedermann im Hauptquartier von dem heutigen Kriegsrat, der mit einem so glänzenden Sieg der Jugend geendet hatte, vollkommen berauscht.
Die Stimmen der Bedächtigen, die geraten hatten, mit dem Angriff noch etwas zu warten, waren so einmütig erstickt und ihre Gründe durch so sonnenklare Beweise der Vorteile einer Offensive widerlegt worden, daß das, worüber man in der Sitzung beraten hatte, also die künftigen Schlachten und zweifellosen Siege, schon nicht mehr als etwas Zukünftiges, sondern als etwas bereits Geschehenes erschien. Alle Vorteile waren auf unserer Seite: gewaltige Streitkräfte, zweifellos denen Napoleons weit überlegen, waren auf einen Punkt zusammengezogen; die Truppen befanden sich durch die Gegenwart der beiden Kaiser in Begeisterung und brannten geradezu darauf, loszuschlagen; der strategische Punkt, von wo aus die Offensive unternommen werden sollte, war dem österreichischen General Weyrother, der die Truppen kommandierte, bis in die kleinsten Einzelheiten bekannt: es hatte sich wie ein glücklicher Zufall gerade so getroffen, daß die österreichischen Truppen im Vorjahr ihre Manöver auf jenem Gelände abgehalten hatten, wo jetzt die Offensive gegen die Franzosen erfolgen sollte; die geringfügigsten Einzelheiten dieses Geländes waren also auf den Karten verzeichnet, und Bonaparte, sichtlich schwach, wagte nichts zu unternehmen.
Dolgorukow, einer der glühendsten Anhänger der Offensive, kehrte soeben erst müde und abgespannt, aber begeistert und stolz auf den errungenen Sieg, aus dem Kriegsrat zurück. Fürst Andrej stellte ihm seinen Schützling vor. Fürst Dolgorukow drückte ihm zwar höflich und fest die Hand, sagte aber kein Wort zu Boris. Da er augenscheinlich außerstande war, die Gedanken, die ihn in diesem Augenblick stärker als alles andere beschäftigten, nicht auszusprechen, wandte er sich auf französisch an Fürst Andrej: »Ich sage Ihnen, mein Lieber, was für einen Kampf haben wir bestehen müssen! Gebe Gott nur, daß das, was die Folge davon sein wird, mit einem ebensolchen Sieg ende. Übrigens, Fürst«, fügte er in seiner lebhaften, plötzlichen Art hinzu, »ich muß gestehen, ich bin ein Waisenknabe gegen diese Österreicher, ganz besonders gegen Weyrother. Diese Genauigkeit, diese Gründlichkeit, diese Ortskenntnis, dieses Voraussehen aller Möglichkeiten, aller Umstände, der kleinsten Kleinigkeiten! Nein, mein Lieber, etwas Vorteilhafteres als die Umstände, in denen wir uns jetzt befinden, könnte man sich gar nicht ausdenken, österreichische Präzision mit russischer Tapferkeit vereint – was wollen Sie noch mehr?«
»So ist die Offensive also endgültig beschlossen?« fragte Bolkonskij.
»Und wissen Sie, mein Lieber, mir kommt es vor, als wäre Bonaparte tatsächlich mit seinem Latein zu Ende. Sie wissen doch wohl, daß heute ein Brief von ihm beim Kaiser eingelaufen ist?« Dolgorukow lächelte vielsagend.
»Schau, schau! Was schreibt er denn?« fragte Bolkonskij.
»Was kann er groß schreiben? Papperlapapp und so weiter. Das ist alles nur, um Zeit zu gewinnen. Ich sage Ihnen, wir haben ihn vollständig in Händen, das ist mal sicher. Aber was das Ulkigste dabei war«, fuhr er fort und lachte plötzlich gutmütig auf, »niemand war sich darüber klar, wie man die Antwort an ihn adressieren solle. Doch nicht an den Konsul Bonaparte und selbstverständlich auch nicht an den Kaiser, mich dünkte, einfach an den General Bonaparte.«
»Ihn nicht als Kaiser anzuerkennen und ihn schlechtweg nur General zu nennen, ist aber nicht dasselbe«, sagte Bolkonskij.
»Das ist es ja eben«, unterbrach ihn lachend Dolgorukow in seiner lustigen Art. »Sie kennen doch Bilibin, ein sehr kluger Kopf, der schlug folgende Adresse vor: ›An den Usurpator und Feind des Menschengeschlechtes.‹« Dolgorukow lachte belustigt auf.
»Weiter nichts?« bemerkte Bolkonskij.
»Doch im Ernst, Bilibin fand die richtige Anrede für die Adresse. Er ist ein scharfsinniger und kluger Mensch.«
»Nun, und die war?«
»An das Haupt der französischen Regierung, au chef du gouvernement français«, wiederholte Fürst Dolgorukow ernst und mit Genuß. »Nicht wahr, das ist gut?«
»Ausgezeichnet, aber ihm wird es wohl nicht allzu sehr gefallen«, bemerkte Bolkonskij.
»Oh, ganz und gar nicht! Mein Bruder kennt ihn, er hat in Paris mehr als einmal bei ihm, dem jetzigen Kaiser, zu Mittag gegessen und mir erzählt, er habe nie einen feineren und schlaueren Diplomaten gesehen als Bonaparte. Französische Gewandtheit, gepaart mit italienischer Verstellungskunst. Sie kennen doch die nette Geschichte mit dem Grafen Markow? Dieser Graf Markow ist tatsächlich der einzige, der mit ihm umzugehen versteht. Kennen Sie die Geschichte mit dem Taschentuch? Die ist einzig!«
Und der redselige Dolgorukow erzählte bald an Boris, bald an den Fürsten Andrej gewandt, wie Napoleon unserem Gesandten, dem Grafen Markow, habe eine Falle stellen wollen: er habe vor ihm eigens sein Taschentuch zu Boden fallen lassen, sei stehen geblieben und habe ihn angesehen, wahrscheinlich in der Erwartung, daß Markow ihm das Tuch aufheben werde. Markow aber habe unverzüglich sein Taschentuch daneben fallen lassen, habe sich gebückt, um das seinige aufzuheben und das Bonapartes liegen gelassen.
»Charmant«, sagte Bolkonskij. »Aber hören Sie, Graf, ich bin eigentlich als Bittsteller zu Ihnen gekommen, wegen dieses jungen Menschen hier. Sehen Sie …«
Fürst Andrej konnte nicht zu Ende sprechen: ins Zimmer trat plötzlich ein Adjutant, der den Fürsten Dolgorukow zum Kaiser rief.
»Ach, wie ärgerlich!« sagte Dolgorukow, sprang hastig auf und drückte Fürst Andrej und Boris die Hand. »Aber Sie wissen ja, ich bin mit dem größten Vergnügen bereit, alles, was in meiner Macht steht, für Sie und auch für diesen lieben jungen Mann zu tun.« Er drückte Boris noch einmal mit dem Ausdruck lebhafter, herzlicher, etwas oberflächlicher Gutmütigkeit die Hand. »Aber Sie sehen … Auf ein andermal!«
Boris regte der Gedanke nicht wenig auf, daß er sich in diesem Augenblick in nächster Nähe der höchsten Machtkreise befand. Er fühlte, daß er hier mit den Triebfedern in Berührung kam, die die Masse zu allen jenen gewaltigen Bewegungen leitete, an denen er bei seinem Regiment als kleiner, bescheidener und nichtiger Soldat teilgenommen hatte. Sie traten kurz nach dem Fürsten Dolgorukow auf den Korridor hinaus und stießen hier auf einen jüngeren Herrn, der soeben aus der Tür, durch die Fürst Dolgorukow verschwand, heraustrat. Er war nicht sehr groß, trug Zivil, hatte ein kluges Gesicht, das zwar durch den ziemlich vorstehenden Unterkiefer einen etwas strengen Ausdruck zeigte, doch das entstellte ihn keineswegs, sondern verlieh ihm vielmehr ein besonders lebhaftes und gewandtes Aussehen. Dieser kleine Herr nickte Dolgorukow wie einem alten Bekannten zu, warf einen kalten, starren Blick auf den Fürsten Andrej und ging direkt auf ihn zu, augenscheinlich in der Erwartung, daß Fürst Andrej sich vor ihm verbeugen und ihm Platz machen werde. Aber Fürst Andrej tat weder das eine noch das andere, sein Gesicht nahm einen feindseligen Ausdruck an, und der junge Mann wandte sich ab und ging etwas seitlich den Korridor entlang.