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Krieg und Frieden

Электронная книга - «Krieg und Frieden». Краткое содержание книги:

Die spannenden Schilderungen vom Leben auf den russischen Landgütern und in der Stadt, mit seinen Familienfesten, Bällen, Jagden und Schlittenfahrten, wechseln mit Kampfhandlungen, Märschen oder Lagebesprechungen der Schicksalsschlachten von Schöngraben, Austerlitz oder Borodino.
Der atemberaubende Monumentalroman über die schicksalhafte Epoche der Napoleonischen Kriege. Das vielleicht bedeutendste Meisterwerk russischer Erzählkunst in meisterhafter Übersetzung. Über 1600 Seiten voll dramatischer historischer Schilderung.
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Als die Besichtigung vorüber war, traten die Offiziere, sowohl die neuangekommenen als auch die der Kutusowschen Armee, zu Gruppen zusammen und unterhielten sich über Auszeichnungen, über die Österreicher, ihre Uniformen und ihre Front, über Bonaparte und darüber, wie schlecht es ihm nun ergehen werde, hauptsächlich, wenn noch das Korps von Essen ankomme und Preußen auf unsere Seite trete.

Vor allen Dingen aber sprach man überall von Kaiser Alexander, wiederholte jedes seiner Worte und jede seiner Gesten und war von ihm entzückt.

Und alle beseelte nur der eine Wunsch: unter dem Oberbefehl des Kaisers so bald wie möglich gegen den Feind loszuziehen. Unter dem persönlichen Kommando eines solchen Kaisers war ja gar nichts anderes möglich als zu siegen, gegen wen sie auch immer zu Felde ziehen mochten. So dachten Rostow und der größte Teil der Offiziere.

Nach dieser Besichtigung waren alle von einem künftigen Sieg mehr überzeugt, als sie es nach zwei gewonnenen Schlachten hätten sein können.

9

Am Tag nach der Besichtigung zog Boris seine beste Uniform an, ließ sich von seinem Kameraden Berg guten Erfolg auf den Weg wünschen und ritt nach Olmütz zu Bolkonskij, um von seiner Liebenswürdigkeit Gebrauch zu machen und sich einen besseren Posten zu verschaffen, am liebsten die Stellung eines Adjutanten bei irgendeiner wichtigen Persönlichkeit, denn das erschien ihm als das Verlockendste in der ganzen Armee. Rostow hat gut reden, dachte er, daß er vor keinem dienern und keines Menschen Lakai sein will, wenn ihm sein Vater immer gleich zehntausend Rubel schickt. Ich aber, der ich nichts weiter habe als meinen Kopf, darf, wenn ich Karriere machen will, keine Hilfe ausschlagen und muß jede Gelegenheit beim Schopfe packen.

In Olmütz traf er Fürst Andrej an diesem Tag nicht an. Doch allein der Anblick der Stadt, wo das Hauptquartier war, das diplomatische Korps sich befand und die beiden Kaiser mit ihrem Gefolge, dem Hofstaat und Hoftroß einquartiert lagen, bestärkte nur noch mehr seinen Wunsch, zu dieser höheren Welt zu gehören.

Er kannte hier keinen Menschen, und trotz seiner schmucken Gardeuniform schienen alle diese hochstehenden Persönlichkeiten, teils Zivilpersonen, teils Offiziere, die mit Federbüschen, Bändern und Orden in ihren eleganten Equipagen durch die Straßen hasteten, doch so unermeßlich hoch über ihm, dem armen, kleinen Gardeoffizier, zu stehen, daß sie von seiner Existenz nicht nur keine Notiz nehmen wollten, sondern es auch gar nicht konnten. In dem Quartier des Oberkommandierenden Kutusow, wo er nach Bolkonskij fragte, sahen ihn alle diese Adjutanten und sogar die Burschen so an, als wollten sie ihm klarmachen, daß solch kleine Offiziere wie er hier in Unmassen herumschlenderten und ihnen bereits zum Halse heraushingen. Nichtsdestoweniger, oder vielmehr infolgedessen, ritt er am nächsten Tag, also am 15. November, nach dem Mittagessen abermals nach Olmütz, suchte das Haus, das Kutusow innehatte, auf und fragte nach Bolkonskij. Fürst Andrej war zu Hause, und Boris wurde in einen großen Saal geführt, in dem früher wahrscheinlich getanzt worden war, wo jetzt aber fünf Betten und verschiedene andere Möbelstücke standen: ein Tisch, ein paar Stühle und ein Klavier. Der eine der Adjutanten, der der Tür am nächsten war, saß in einem persischen Schlafrock am Tisch und schrieb. Ein anderer, der dicke, rotbäckige Neswizkij, lag auf dem Bett, hatte die Arme unter dem Kopf verschränkt und unterhielt sich lachend mit einem Offizier, der neben ihm saß. Ein dritter spielte auf dem Pianoforte einen Wiener Walzer, und ein vierter lag oben auf dem Klavier und sang dazu. Bolkonskij war nicht im Zimmer. Obgleich alle diese Herren Boris bemerkt hatten, änderte doch keiner von ihnen seine augenblickliche Stellung. Der, welcher schrieb, an den sich Boris gewandt hatte, drehte sich unwirsch nach ihm um und erwiderte, Bolkonskij habe Dienst, und er müsse durch die Türe links, ins Empfangszimmer gehen, wenn er ihn sehen wolle. Boris dankte und begab sich ins Empfangszimmer. Dort befanden sich etwa zehn Offiziere und Generäle.

Als Boris eintrat, hörte Fürst Andrej gerade mit geringschätzig zusammengekniffenen Augen – mit jenem ganz besonderen Ausdruck artiger Höflichkeit, der deutlich sagt: Wenn es nicht meine Pflicht wäre, würde ich mich keinen Augenblick länger mit Ihnen unterhalten – einen alten russischen General mit vielen Orden an, der in strammer Haltung, fast auf den Zehen stehend, mit dem unterwürfigen Ausdruck eines gewöhnlichen Soldaten auf dem blauroten Gesicht ihm irgend etwas meldete.

»Sehr wohl. Wollen Sie, bitte, etwas warten«, sagte Fürst Andrej zu dem General auf russisch, aber mit jener französischen Aussprache, deren er sich zu bedienen pflegte, wenn er seine Verachtung zum Ausdruck bringen wollte. Als er Boris bemerkte, schenkte er dem General, der hinter ihm herlief und ihn bat, ihn noch weiter anzuhören, überhaupt keine Beachtung mehr und ging Boris lächelnd und mit freundlichem Kopfnicken entgegen.

In diesem Augenblick wurde es Boris klar, daß es im Heer, wie er schon früher vermutet hatte, außer jener Subordination und Disziplin, die im Reglement vorgeschrieben und im Regiment und auch ihm selber bekannt war, noch eine andere, wesentlichere Subordination gab, jene, die diesen General mit der geschnürten Taille und dem blauroten Gesicht veranlaßte, ehrerbietigst so lange zu warten, wie es dem Hauptmann und Fürsten Andrej Vergnügen machte, sich mit dem Fähnrich Drubezkoj zu unterhalten. Und fester als jemals wurde in Boris der Entschluß, nicht nach jener im Reglement vorgeschriebenen Subordination, sondern nach dieser ungeschriebenen zu dienen. Er fühlte jetzt, daß er nur deshalb, weil er dem Fürsten Andrej empfohlen worden war, mit einem Schlag höher stand als dieser General, der bei anderen Gelegenheiten, an der Front, ihn, den kleinen Gardefähnrich, in Grund und Boden schmettern konnte.

Fürst Andrej schritt auf ihn zu und reichte ihm die Hand.

»Tut mir riesig leid, daß Sie mich gestern nicht angetroffen haben. Ich habe mich den ganzen Tag mit diesen Deutschen rumgeplagt. Bin mit Weyrother zur Dispositionsprüfung geritten. Wenn die Deutschen erst einmal mit ihrer Gründlichkeit kommen, dann ist kein Ende abzusehen.«

Boris lächelte, als verstünde er, worauf Fürst Andrej als auf etwas allgemein Bekanntes anspielte. Aber er hörte sowohl den Namen Weyrother wie das Wort Disposition zum erstenmal.

»Nun, mein Lieber, Sie möchten also immer noch gern Adjutant werden? Ich habe mir seit der Zeit Ihre Angelegenheit durch den Kopf gehen lassen.«

»Ja, ich dachte«, sagte Boris und wurde aus irgendeinem Grund unwillkürlich rot dabei, »den Oberkommandierenden darum zu bitten. Ich habe ein Empfehlungsschreiben vom Grafen Kuragin an ihn. Ich möchte ihn nur deshalb darum bitten«, fügte er wie zur Entschuldigung hinzu, »weil ich fürchte, die Garde wird nicht ins Gefecht kommen.«

»Schön, schön, wir reden noch darüber«, erwiderte Fürst Andrej. »Lassen Sie mich nur erst jenen Herrn da melden, dann gehöre ich Ihnen ganz.«

Während Fürst Andrej den General mit dem blauroten Gesicht anmeldete, heftete dieser, der sichtlich Boris’ Auffassung von den Vorteilen der ungeschriebenen Subordination nicht teilte, seine Augen hartnäckig auf den kecken Fähnrich, der ihn daran gehindert hatte, sein Gespräch mit dem Adjutanten zu beenden, daß es Boris unbehaglich zumute wurde. Er wandte sich ab und wartete voller Ungeduld darauf, daß Fürst Andrej aus dem Arbeitszimmer des Oberkommandierenden wieder herauskomme.

»Sehen Sie, mein Lieber, ich habe über Sie nachgedacht«, sagte Fürst Andrej, als sie sich dann zusammen in den großen Saal, wo das Klavier stand, begaben. »Sie brauchen gar nicht zum Oberkommandierenden zu gehen; er würde Ihnen nur eine Menge Liebenswürdigkeiten sagen, würde Sie zum Mittagessen einladen« – das wäre gar nicht so übel für den Dienst nach jener Subordination, dachte Boris –, »doch das alles führt zu nichts; wir Adjutanten und Ordonnanzen werden bald ein ganzes Bataillon sein. Aber wissen Sie, was wir machen? Ich habe einen guten Freund, den Fürsten Dolgorukow, der Generaladjutant und überdies ein prächtiger Mensch ist. Sie können das nicht so wissen, aber die Sache ist die, daß jetzt Kutusow und sein Stab und wir alle überhaupt nichts mehr bedeuten: alles konzentriert sich jetzt um den Kaiser. Wir gehen also zu Dolgorukow, ich muß sowieso zu ihm hin und habe ihm auch bereits von Ihnen erzählt. Und dort werden wir ja sehen, ob es ihm nicht möglich sein wird, Sie irgendwo bei sich unterzubringen oder sonst wo in der Nähe der Sonne.«

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