Mathias Sandorf
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Mathias Sandorf». Краткое содержание книги:
Dieser befindet sich in einem Haus, das dem Grafen Ladislaus Zathmar, einem ungarischen Adligen, gehört. Graf Zathmar plant, mit seinen Freunden, dem Professor Stefan Bathory und dem Grafen Mathias Sandorf in Ungarn, ihrer Heimat, einen Volksaufstand anzuzetteln ...
Um zehn Uhr Morgens warf der »Ferrato« im Hafen oder vielmehr zwei Ankerlängen vor dem Landungsquai, den die Wogen in ihrer vollen Breite und mit ihrem ganzen Ungestüm peitschen, die Anker aus. Ceuta besitzt nur eine forensische Rhede, welche der Brandung des Mittelländischen Meeres ausgesetzt ist. Glücklicherweise finden die Schiffe, da sie westlich nicht ankern können, einen zweiten Ankerplatz auf der anderen Seite des Felsens, der ihnen vor den Landwinden Schutz gewährt.
Sobald die Sanitätsbehörde an Bord gewesen, die Papiere oberflächlich eingesehen worden waren, ließ sich der Doctor, begleitet von Peter, in der ersten Mittagsstunde auf das Festland bringen; er landete an einem kleinen Quai, am Fuße der Stadtmauer. Daß das Ziel dieser Reise darauf hinauslief, sich Carpena’s zu bemächtigen, unterlag keinem Zweifel. Doch wie wollte der Doctor es erreichen? Er wußte es vorläufig selbst nicht, darüber wollte er sich erst nach Inspicirung der Oertlichkeit entscheiden und es schließlich den Umständen anheimgeben, ob der Spanier mit Gewalt entführt oder ihm die Entweichung aus dem Präsidio von Ceuta erleichtert werden sollte.
Diesmal bemühte sich der Doctor keineswegs, sein Incognito zu bewahren – im Gegentheil. Die Beamten, die an Bord gekommen waren, hatten sofort das Gerücht von der Ankunft der berühmten Persönlichkeit ausgesprengt. Wer im ganzen arabischen Lande, von Suez bis zum Kap Spartel, kannte nicht, wenigstens vom Hörensagen, den gelehrten Taleb, der jetzt zurückgezogen auf seiner Insel Antekirtta im Meere der Syrten lebte? Auch die Spanier bereiteten ihm, ebenso wie die Marokkaner, einen lauten Empfang. Da auch der Besuch des »Ferrato« nichts weniger als untersagt war, so zögerten viele Boote nicht, bei ihm anzulegen.
Dieses geräuschvolle Wesen, das seine Ankunft hervorbrachte, paßte ersichtlich in den Kram des Doctors. Seine Berühmtheit sollte diesmal seinem Vorhaben zu Hilfe kommen. Peter und er bemühten sich also durchaus nicht, sich der Neugierde des Publicums zu entziehen.
In einem offenen Wagen, den das erste Hotel in Ceuta gestellt hatte, wurde zuerst die Stadt besichtigt mit ihren engen, von traurigen Häusern eingerahmten Straßen, Häusern, denen weder Farbe noch irgend eine in die Augen fallende Eigenthümlichkeit zu Eigen war; hier und dort zeigten sich kleine Plätze, auf denen staubbedeckte, magere Bäume sproßten, welche verdächtig aussehende Wirthshäuser beschatteten, ein oder zwei Regierungsgebäude, welche wie Kasernen aussahen – mit einem Worte, Originelles gab es hier nicht zu sehen, vielleicht mit Ausnahme des maurischen Stadtviertels, aus welchem die Farbentöne noch nicht ganz entschwunden waren
Gegen drei Uhr gab der Doctor Befehl, ihn zu dem Gouverneur zu fahren, dem er einen Besuch abstatten wollte – ein Act ganz natürlicher Aufmerksamkeit von Seiten eines so distinguirten Fremden.
Der Gouverneur war natürlich keine Civilperson. Ceuta ist vor allen Dingen eine Militärkolonie, sie zählt ungefähr zehntausend Seelen, Officiere und Soldaten, Kaufleute, Fischer oder Matrosen für die Küstenfahrzeuge; in der Stadt selbst wohnen fast ebenso viele Leute wie auf dem Streifen Landes, dessen Verlängerung nach Osten hin den ganzen Besitz Spaniens ausmacht.
Ceuta wurde damals vom Oberst Guyarre regiert. Dieser höhere Officier hatte unter seinem Befehle drei Bataillone Infanterie, die zur Continentalarmee gehörten und ihre afrikanische Zeit durchzumachen hatten, ein Strafregiment, das ständig in der kleinen Kolonie stationirt war, zwei Batterien Artillerie, eine Compagnie Geniesoldaten, ferner eine Compagnie Mohren, deren Familien ein besonderes Viertel bewohnen. Die Zahl der Sträflinge beläuft sich auf fast zweitausend.
Um von der Stadt zur Residenz des Gouverneurs zu gelangen, mußte der Wagen außerhalb der Umwallung eine chaussirte Straße einschlagen, welche die spanische Enclave bis zu ihrem östlichen Ende begleitet.
Der schmale Streifen Landes zu beiden Seiten dieser Straße, der von dem Fuße der Gebirge und den Sümpfen, die das Meer zurückgelassen, eingeschlossen wird, ist, Dank der Thätigkeit der Bewohner, gut unterhalten, die tapfer gegen die schlechte Beschaffenheit des Bodens angekämpft haben. Weder Feldfrüchte jeglicher Gattung noch Obstbäume fehlen dort; man muß allerdings berücksichtigen, daß es dort auch Arbeitskräfte im Ueberflusse gibt.
Die Deportirten werden nämlich nicht nur vom Staate beschäftigt, sei es in den speciellen Werkstätten, sei es bei den Befestigungen oder auf den Landstraßen, deren Unterhaltung fortgesetzte Pflege erfordert, oder selbst bei der städtischen Polizei, wenn sie es durch ihre gute Führung dahin bringen, Beamte zu werden, welche überwachen und zugleich überwacht werden. Auch Private können diese Sträflinge, welche in Ceuta zwanzig Jahre oder mehr abzumachen haben, unter gewissen, vom Gouvernement erlassenen Bestimmungen für sich anstellen.
Während seiner Besichtigung von Ceuta hatte der Doctor bereits Sträflinge gesehen, welche sich ohne Aufsicht durch die Straßen bewegten, namentlich solche, welche häusliche Arbeiten auszuführen hatten; in einer viel größeren Anzahl mußte man sie außerhalb der Wälle, auf den Chausseen und Feldern zu Gesicht bekommen.
Es war vor allen Dingen wichtig, zu erfahren, zu welcher Kategorie des Sträflingspersonals in Ceuta Carpena gehörte. Der Plan des Doctors mußte eine wesentlich einfachere Form annehmen, wenn der Spanier ohne Aufsicht bei Privatleuten zu arbeiten hatte, als wenn er als Gefangener für Rechnung des Staates thätig war.
»Da seine Verurtheilung erst aus der jüngsten Zeit datirt, sagte der Doctor zu Peter, so ist es leider wahrscheinlich, daß er sich noch nicht der Vortheile erfreut, die älteren Gefangenen in Folge ihrer guten Führung zugestanden werden.
– Und wenn er angeschlossen worden ist? fragte Peter.
– So wird seine Entführung um so schwieriger werden, antwortete der Doctor. Und doch muß sie geschehen, sie soll auch geschehen!«
Inzwischen rollte der Wagen, gezogen von den kurz trabenden Pferden, sanft auf der Landstraße einher. In der Entfernung von zweihundert Metern außerhalb der Befestigungen arbeitete eine größere Zahl von Sträflingen unter der Leitung von Aufsehern des Präsidio an der Betonirung der Straße. Es waren an fünfzig Leute, die Einen zerklopften die Steine, die Anderen breiteten sie über die Straße aus, wieder Andere drückten sie mittelst Walzen in den Erdboden hinein. Der Wagen des Doctors hatte, um den Theil des Weges, der ausgebessert wurde, zu umgehen, einen kleinen Nebenweg eingeschlagen.
Plötzlich ergriff der Doctor den Arm Peter’s.
»Er!« sagte er leise.
Ein Mann stand da, einige zwanzig Schritt vor seinen Gefährten auf den Griff seiner Spitzhacke gelehnt.
Es war Carpena.
Der Doctor hatte den Salzarbeiter aus Istrien nach fünfzehn Jahren in seinem Sträflingsanzuge eben so schnell erkannt, wie Maria Ferrato ihn in seiner maltesischen Kleidung in den Gassen des Manderaggio erkannt hatte. Dieser Sträfling, zu faul und ungeschickt zu jeder Arbeit, war selbst in den Arsenalen des Präsidio nicht zu verwerthen gewesen. Auf der Landstraße Steine zerklopfen, zu dieser rauhen Arbeit paßte er noch gerade.
Das Wiedererkennen war trotzdem nur einseitig, denn Carpena erkannte in dem Doctor schwerlich den Grafen Sandorf wieder. Er hatte diesen nur flüchtig gesehen im Hause des Fischers Andrea Ferrato, in dem Augenblick, als er die Polizisten herbeiführte. Aber auch er hatte wie Jedermann von der Ankunft des Doctors vernommen. Dieser weitberühmte Doctor – Carpena wußte es wohl – war die Persönlichkeit, über welche Zirone während ihrer Unterhaltung bei den Polyphemosklippen an der sicilischen Küste mit ihm gesprochen hatte, dieses der Mann, dem vor Allen zu mißtrauen Sarcany anempfahl, dieses der Millionär, um dessen willen Zirone’s Bande den mißlungenen Handstreich auf die Casa Inglese unternahm.