Der Medicus
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1990
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus». Краткое содержание книги:
Der Medicus
Roman
Titel der Originalausgabe »The Physician«
Copyright © 1986 by Noah Gordon
Aus dem Amerikanische übersetzt
Von Willy Thaler
»Wenn auch ihr beiden nicht überleben solltet, muß dies vom letzten so zurückgelassen werden, daß man es finden und an Ibn Sina schicken kann.« »Ja, Jesse«, versprach Karim.
Rob war ruhig. Eine Last war von seinen Schultern genommen worden; das Schlimmste war eingetreten, aber er war auch von dem schrecklichen Gefängnis der Angst befreit.
»Einer von uns wird bei dir bleiben«, tröstete ihn der bekümmerte Mirdin.
»Nein, es gibt so viele hier, die euch brauchen.« Aber er spürte, daß sie in der Nähe waren und ihn beobachteten.
Er beschloß, jedes einzelne Stadium der Krankheit zu beobachten und es gut im Gedächtnis zu behalten. Doch schon als das hohe Fieber einsetzte und er so ungeheure Kopfschmerzen verspürte, daß die Haut seines ganzen Körpers empfindlich wurde, überwältigte ihn der Schlaf.
Am Morgen wurde er vom Lärm der Soldaten geweckt, die ihre schaurige Last vom Pesthaus zum Leichenwagen schleppten. Für ihn als Medizinstudenten war dies ein vertrauter Anblick, aber aus der Sicht eines Betroffenen sah es etwas anders aus. Sein Herz hämmerte, in seinen Ohren summte es. Die Schwere in all seinen Gliedern war schlimmer geworden, und in ihm tobte ein Feuerbrand.
»Wasser!«
Mirdin holte es eilig herbei, als Rob sich jedoch aufrichtete, um zu trinken, hielt er erschrocken den Atem an. Er zögerte, bevor er die Stelle betrachtete, wo er Schmerzen verspürte. Schließlich deckte er sie auf, und er und Mirdin wechselten einen angstvollen Blick. In seiner linken Armbeuge befand sich eine scheußliche, fahlpurpurfarbene Beule.
Er packte Mirdin am Handgelenk. »Ihr werdet sie nicht aufschneiden! Und ihr dürft sie nicht mit Ätzmitteln verbrennen. Versprichst du es mir?«
Mirdin riß seine Hand los und drückte Rob auf den Strohsack zurück. »Ich verspreche es dir, Jesse«, antwortete er sanft und eilte davon, um Karim zu holen.
Mirdin und Karim zogen seine Hand hinter seinen Kopf und banden sie an einen Pfosten1, so daß die Beule freilag. Sie erhitzten Rosenwasser und tränkten Lappen damit, um Kompressen aufzulegen, und sie wechselten die Umschläge gewissenhaft, wenn sie ausgekühlt waren.
Das Fieber stieg höher, als Rob es je, sei es als Erwachsener oder als Kind, erlebt hatte, und der ganze Schmerz in seinem Körper lief in der Beule zusammen, bis sein Geist der pausenlosen Qual nicht mehr gewachsen war und er phantasierte. Er suchte Kühle im Schatten eines Weizenfeldes und küßte Mary. Er berührte ihren Mund und liebkoste ihr Gesicht. Ihr rotes Haar fiel über ihn wie dunkler Nebel.
Er hörte Karim persisch und Mirdin hebräisch beten. Als Mirdin das »Schema Jisrael« sprach, betete Rob mit:
»Höre, o Israel, der Herr, unser Gott, der Herr ist einzig. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen lieben...«
Er wollte nicht mit den heiligen Worten der Juden auf den Lippen sterben und suchte nach einem christlichen Gebet. Das einzige, das ihm einfiel, war ein Kirchengesang der Priester aus seiner Kindheit.
Jesus Christus natus est. Jesus Christus crucifixus est. Jesus Christus sepultus est. Amen.
Irgendwann hörte der Schmerz in seinem Arm so plötzlich auf, daß er die Erleichterung wie einen neuen Schmerz empfand. Er konnte sich keine falschen Hoffnungen erlauben und zwang sich, geduldig zu warten, bis jemand kam. Nach, wie ihm schien, übermäßig langer Zeit beugte sich Kanm über ihn.
»Mirdin! Mirdin! Allah sei gepriesen! Die Beule ist aufgegangen!« Zwei lächelnde Gesichter schwebten über ihm. Das eine war schön und dunkel, das andere schlicht und gütig wie das eines Heiligen. »Ich werde einen Docht anlegen, damit sich der Eiter entleert«, sagte Mirdin, und eine Zeitlang waren die beiden zu beschäftigt, um ein Dankgebet sprechen zu können.
Es war, als hätte Rob das stürmische Meer durchquert und treibe jetzt in einem ruhigen, friedlichen Gewässer.
Seine Genesung erfolgte ebenso rasch und problemlos wie bei anderen Überlebenden. Er war schwach und zittrig, was eine natürliche Folge des hohen Fiebers war. Rob wurde unruhig, weil er sich nützlich machen wollte, doch seine Pfleger zwangen ihn, müßig auf dem Strohsack liegenzubleiben. »Die Medizin bedeutet dir alles«, bemerkte Karim eines Morgens scharfsinnig. »Ich weiß es, und deshalb habe ich keinen Einwand erhoben, als du die Führung unserer kleinen Gruppe in die Hand nahmst.«
Rob öffnete den Mund, um zu widersprechen, schloß ihn aber rasch, denn er merkte, daß es der Wahrheit entsprach. »Ich war wütend, als Fadil ibn Parviz zum Anführer ernannt wurde«, gestand Karim. »Er schneidet bei Prüfungen stets gut ab und wird von
den Lehrern geschätzt, aber als praktizierender Medicus ist er nichts wert. Außerdem hat er das Studium zwei Jahre nach mir begonnen und ist bereits hakim, während ich noch Student bin.« »Wie konntest du dann mich anerkennen, obwohl ich noch nicht einmal ein volles Jahr studiere?«
»Du bist etwas anderes, du stehst unter einer Art Zwang zu heilen und bist deshalb außerhalb des Wettbewerbs.«
Rob lächelte. »Ich habe dich in diesen schweren Wochen beobachtet. Bist du nicht aus dem gleichen Holz?«
»Nein«, antwortete Karim ruhig. »Mißverstehe mich aber nicht! Ich möchte der beste aller Ärzte werden aber zumindest ebenso gern möchte ich reich werden. Reich zu werden ist aber nicht dein großes Ziel, oder, Jesse?«
Rob schüttelte den Kopf.
»Als ich im Dorf Carsh in der Provinz Hamadhän lebte und noch ein Kind war, führte Abdallah Scha, Alä
Sbahanshas Vater, eine große Armee gegen Seldschukenbanden durch unser Gebiet. Wo immer Abdallahs Armee haltmachte, kehrte Elend ein: die Heimsuchung durch die Soldaten. Sie raubten Feldfrüchte und Tiere, Nahrung, die für das Volk Überleben oder Untergang bedeutete. Als die Armee weiterzog, hungerten wir. Ich war fünf Jahre alt. Zuerst starb mein Vater, dann meine Mutter. Ein Jahr lang lebte ich auf den Straßen mit Bettlern; ich war ein Betteljunge. Schließlich wurde ich von Zaki-Omar, einem Freund meines Vaters, aufgenommen. Er war ein bekannter Athlet. Er zog mich auf und lehrte mich zu laufen — und neun Jahre lang fickte er mich in den Arsch.«
Karim verstummte einen Augenblick, die Stille wurde nur vom leisen Stöhnen eines Patienten am anderen Ende des Raumes unterbrochen. »Als er starb, war ich fünfzehn. Seine Familie warf mich hinaus, aber er hatte dafür gesorgt, daß ich in die madrassa eintreten konnte. So kam ich nach Isfahan, zum erstenmal ein freier Mensch.
Wenn ich einmal Söhne bekomme, bin ich fest entschlossen, ihnen eine gesicherte Zukunft zu bieten, und diese Sicherheit gibt nur der Reichtum.« Als Kinder haben wir, eine halbe Welt voneinander entfernt, die gleichen Schicksalsschläge erlebt, dachte Rob. Wenn er etwas weniger Glück gehabt hätte oder der Bader ein weniger guter Mensch gewesen wäre...
Ihr Gespräch wurde durch die Ankunft Mirdins unterbrochen, der sich auf der anderen Seite des Strohsacks auf den Boden setzte. »Gestern ist in Schiras niemand gestorben.« »Allah!« staunte Karim. »Niemand ist gestorben!«
Rob reichte beiden die Hand. Auch Karim und Mirdin faßten einander an der Hand. Sie waren über Lachen und über Tränen hinaus wie alte Männer, die ein ganzes Leben miteinander geteilt haben. Sie blickten einander an und genossen das Bewußtsein, überlebt zu haben.
Es dauerte noch zehn Tage, bis Rob stark genug war, um heimzureisen. Die Kunde, daß die Pest zu Ende war, hatte sich verbreitet. Es würde zwar Jahre dauern, bis wieder Bäume in Schiras wuchsen, aber die Menschen begannen zurückzukommen, und einige brachten Holz mit. Sie kamen an einem Gebäude vorbei, an dessen Fenster Tischler Fensterläden befestigten, und an anderen Häusern, wo Männer Türen einsetzten. Es tat ihnen gut, die Stadt zu verlassen und nach Norden zu reiten.
Sie reisten ohne Hast. Als sie das Haus des Kaufmanns Ishmael erreichten, stiegen sie ab und klopften an. Aber niemand öffnete. Mirdin rümpfte die Nase. »In der Nähe liegen Tote«, erklärte er leise. Als sie das Haus betraten, fanden sie die verwesten Leichen des Kaufmanns und des hakim Fadil. Von Abbas Sefi war keine Spur zu entdecken. Er war zweifellos aus dem »sicheren Zufluchtsort« geflohen, als er sah, daß die beiden anderen von der Seuche befallen waren. So mußten sie noch eine letzte Pflicht erfüllen, ehe sie das Pestgebiet verlassen konnten. Sie sprachen Gebete, entzündeten mit der wertvollen Einrichtung des Kaufmanns ein großes Feuer und verbrannten die beiden Leichen.