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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»… und dann hat sich Castellotti mit der fetten Rothaarigen und der kleinen Blondine in die Ecke begeben und …«

»Und was hast du die ganze Zeit getan?«, unterbrach ich seine faszinierende Schilderung.

»Zugesehen«, sagte er anscheinend überrascht. »Es kam mir zwar unanständig vor, aber unter den Umständen blieb mir nicht viel anderes übrig.«

Ich hatte in seinem Sporran gekramt, während er erzählte, und fischte jetzt nicht nur eine kleine Börse heraus, sondern auch einen breiten Metallring, der mit einem Wappen verziert war. Ich steckte ihn mir neugierig an den Finger; er war viel größer als jeder normale Ring und blieb an mir hängen wie ein Wurfring an einem Stöckchen.

»Wem gehört denn der?«, fragte ich und hielt ihn hoch. »Sieht aus wie das Wappen des Duc di Castellotti, aber sein Besitzer muss ja Finger wie Würste haben.« Castellotti war ein ausgemergelter italienischer Hungerhaken mit dem verkniffenen Gesicht eines chronisch Magenkranken – was Jamies Erzählung nach kein Wunder war. Quittengelee, also wirklich!

Als ich den Blick wieder hob, war Jamie vom Nabel bis zum Haaransatz rot geworden.

»Äh«, sagte er und interessierte sich plötzlich ausgiebig für einen Schlammspritzer an seinem Knie, »es ist … kein Fingerring.«

»Was ist es denn … oh.« Ich betrachtete den Metallring mit frischem Interesse. »Du liebe Güte. Ich habe ja schon davon gehört …«

»Tatsächlich?«, sagte Jamie durch und durch schockiert.

»Aber ich habe noch nie einen gesehen. Passt er dir?« Ich streckte die Hand aus, um es auszuprobieren. Automatisch hielt er schützend die Hände vor sich.

Marguerite, die jetzt mit der nächsten Ladung Wasser kam, versicherte ihm: »Ne faites pas, Monsieur. J’en ai déjà vu un.« Keine Sorge, Monsieur, ich habe schon einmal einen gesehen.

Er funkelte mich und das Dienstmädchen gleichermaßen an und zog sich die Bettdecke über den Schoß.

»Schlimm genug, dass ich die Nacht damit verbracht habe, meine Unschuld zu verteidigen«, sagte er etwas schroff, »ohne mir am Morgen auch noch kritische Bemerkungen anhören zu müssen.«

»Deine Unschuld verteidigt, hm?« Ich warf den Ring müßig von einer Hand zur anderen und fing ihn jeweils mit dem Zeigefinger auf. »Ist das ein Geschenk?«, fragte ich. »Oder eine Leihgabe?«

»Ein Geschenk. Tu das nicht, Sassenach«, sagte er und zuckte zusammen. »Es weckt Erinnerungen …«

»Ah, ja.« Ich warf ihm einen vielsagenden Blick zu. »Nun, was diese Erinnerungen angeht …«

»Ich doch nicht«, protestierte er. »Du glaubst doch nicht, dass ich so etwas tun würde? Ich bin verheiratet!«

»Und Monsieur Millefleurs ist nicht verheiratet?«

»Er ist nicht nur verheiratet, er hat zwei Mätressen«, sagte Jamie. »Aber er ist Franzose – das ist etwas anderes.«

»Der Duc di Castellotti ist aber kein Franzose – er ist Italiener.«

»Aber er ist Herzog. Das ist auch etwas anderes.«

»Ach ja? Ich frage mich, ob die Herzogin das auch denkt.«

»Wenn man einige der Dinge betrachtet, die der Duc angeblich von ihr gelernt hat, würde ich sagen, ja. Ist das Bad denn immer noch nicht fertig?«

Er klammerte die Bettdecke an sich, stapfte vom Bett zu der dampfenden Wanne und stieg hinein. Er beeilte sich zwar damit, die Decke abzulegen und sich zu setzen, doch er war nicht schnell genug.

»Enorme!«, sagte das Dienstmädchen und bekreuzigte sich.

»C’est tout«, schnitt ich ihr jedes weitere Wort ab. »Merci bien.« Sie senkte den Blick, errötete und huschte hinaus.

Als sich die Tür hinter dem Dienstmädchen schloss, ließ sich Jamie entspannt in die Wanne sinken. Diese hatte einen hohen Rücken, damit man es sich bequem machen konnte; anscheinend herrschte die Ansicht vor, dass man das Bad auch genauso gut auskosten konnte, wenn man sich einmal die Mühe machte, die Wanne zu füllen. Sein mit Bartstoppeln übersätes Gesicht nahm einen seligen Ausdruck an, als er allmählich tiefer in das Wasser sank, und seine helle Haut rötete sich von der Hitze. Er hatte die Augen geschlossen, und ein feiner Film aus Feuchtigkeit schimmerte auf seinen hohen, breiten Wangenknochen und in den Vertiefungen unter seinen Augen.

»Seife?«, fragte er hoffnungsvoll und öffnete die Augen.

»Oh, ja.« Ich holte ein Stück und reichte es ihm, dann setzte ich mich neben der Wanne auf einen Hocker. Ich sah ihm eine Weile dabei zu, wie er sich geschäftig abschrubbte, reichte ihm einen Waschlappen und einen Bimsstein, mit dem er sich gründlich über die Fußsohlen und die Ellbogen schabte.

»Jamie«, sagte ich schließlich.

»Aye?«

»Ich möchte ja nicht über deine Methoden diskutieren«, sagte ich, »und wir waren uns natürlich einig, dass du möglicherweise manchmal zu weit gehen musst, aber … war es wirklich nötig, dass du …«

»Dass ich was, Sassenach?« Er hatte beim Waschen innegehalten, legte den Kopf schief und sah mich scharf an.

»Dass du … du …« Zu meinem Ärger wurde ich jetzt genauso rot wie er, jedoch ohne es auf das heiße Wasser schieben zu können.

Eine große Hand hob sich triefend aus dem Wasser und legte sich auf meinen Arm. Die feuchte Hitze brannte sich durch meinen dünnen Ärmel.

»Sassenach«, sagte er, »was meinst du denn, was ich getan habe?«

»Äh, nun ja«, sagte ich und versuchte vergeblich, den Blick nicht auf die Spuren an seinem Oberschenkel zu richten. Er lachte, obwohl er eigentlich nicht belustigt klang.

»Oh, ihr Kleingläubigen!«, sagte er sardonisch.

Ich wich so weit zurück, dass ich mich außerhalb seiner Reichweite befand.

»Also«, sagte ich, »wenn der eigene Ehemann voller Bisse und Kratzer nach Hause kommt, nach Parfum stinkt, und zugibt, dass er die Nacht in einem Freudenhaus verbracht hat und …«

»Und dir ins Gesicht sagt, dass er nur zugesehen und nichts getan hat?«

»Die Kratzer an deinem Bein hast du nicht vom Zusehen!«, fuhr ich ihn plötzlich an, dann presste ich die Lippen fest aufeinander. Ich kam mir vor wie eine eifersüchtige Furie, und das gefiel mir überhaupt nicht. Ich hatte mir geschworen, es mit Ruhe aufzunehmen wie eine Frau von Welt, hatte mir gesagt, dass ich absolutes Vertrauen in Jamie hatte und – für alle Fälle – dass, wo gehobelt wird, nun einmal Späne fallen. Selbst wenn etwas geschehen war …

Ich strich den nassen Fleck an meinem Ärmel glatt, und die Luft drang kalt durch die Seide. Ich rang um meinen ursprünglichen, unbeschwerten Ton.

»Oder sind das die Narben eines ehrenvollen Kampfes, die du dir bei der Verteidigung deiner Unschuld zugezogen hast?« Irgendwie bekam ich den unbeschwerten Ton nicht hin. Ich musste zugeben, dass ich mich eigentlich ziemlich gehässig anhörte. Und es kümmerte mich immer weniger.

Jamie, der ein Meister im Hören von Untertönen war, sah mich mit zusammengekniffenen Augen an, und die Antwort schien ihm schon auf der Zunge zu liegen. Er holte Luft, dann überlegte er es sich offenbar anders und atmete wieder aus.

»Ja«, sagte er ruhig. Er fischte zwischen seinen Beinen in der Wanne und brachte schließlich die Seife zum Vorschein, eine asymmetrisch geformte, glitschig weiße Kugel. Er hielt sie mir auf der Handfläche hin.

»Würdest du mir helfen, mir die Haare zu waschen? Seine Hoheit hat sich auf dem Heimweg in der Kutsche übergeben, und ich stinke wohl ein bisschen.«

Ich zögerte kurz, doch dann nahm ich den Olivenzweig an, zumindest vorerst.

Ich konnte die feste Rundung seines Schädels unter dem dichten, eingeseiften Haar spüren, und die Wulst der verheilten Narbe, die ihm quer über den Hinterkopf lief. Ich grub ihm die Finger fest in die Nackenmuskeln, und er entspannte sich ein wenig unter meinen Händen.

Die Seifenbläschen liefen ihm über die nassen, glänzenden Schultern, und meine Hände folgten ihnen und verteilten den Schaum, so dass meine Finger auf der Oberfläche seiner Haut zu schweben schienen.

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