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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Ihr gehört ins Bett, Madame!«, schimpfte Marguerite. »Es ist nicht gut für das Kind, wenn Ihr so in der Kälte steht. Ich hole Euch sofort eine Wärmflasche; wo ist Euer Morgenrock? Sofort hinein mit Euch, ja, so ist es gut …« Ich zog das schwere Wollgewand über mein dünnes Seidennachthemd, ignorierte aber Marguerites tadelnde Laute und ging zum Fenster, um die Läden zu öffnen.

Draußen begann die Straße zu leuchten, weil die aufgehende Sonne auf die oberen Stockwerke der Fassaden an der Rue Tremoulins traf. Trotz der frühen Stunde herrschte schon geschäftiges Treiben auf der Straße; Mägde und Dienstboten schrubbten die Eingangsstufen oder polierten die Messingklinken der Pforten; Straßenhändler verkauften Obst, Gemüse und frische Meeresfrüchte aus Handkarren und priesen mit lauten Rufen ihre Waren an, und die Köche der großen Häuser fuhren aus ihren Kellertüren wie Flaschengeister, heraufbeschworen von den Rufen der Händler. Ein Lieferkarren voll Kohl klapperte langsam über die Straße, gezogen von einem älteren Pferd, das aussah, als wäre es viel lieber in seinem Stall. Aber keine Spur von Jamie.

Schließlich ließ ich mich von der nervösen Marguerite überreden, die Wärme des Betts zu suchen, doch ich konnte nicht wieder einschlafen. Jedes Geräusch von unten versetzte mich in Alarmbereitschaft, bei jedem Schritt auf dem Bürgersteig hoffte ich, dass ihm Jamies Stimme unten in der Eingangshalle folgen würde. Das Gesicht des Comte St. Germain schob sich immer wieder zwischen mich und den Schlaf. Er war der einzige französische Adelige, der Verbindung zu Charles Stuart hatte. Er war es höchstwahrscheinlich gewesen, der hinter dem Anschlag auf Jamies Leben steckte … und auf das meine. Es war bekannt, dass er zwielichtige Kontakte pflegte. War es möglich, dass er es eingefädelt hatte, Charles und Jamie beseitigen zu lassen? Dabei war es kaum von Bedeutung, ob seine Motive politischer oder persönlicher Natur waren.

Als am Ende unten tatsächlich Schritte erklangen, war ich so mit meinen Visionen von Jamie beschäftigt, der mit durchgeschnittener Kehle in der Gosse lag, dass ich erst beim Öffnen der Schlafzimmertür begriff, dass er zu Hause war.

»Jamie!« Mit einem Freudenschrei setzte ich mich im Bett auf.

Er lächelte mich an, dann gähnte er herzhaft und versuchte erst gar nicht, sich die Hand vor den Mund zu halten. Ich konnte ein ganzes Stück weit in seine Kehle blicken und stellte erleichtert fest, dass sie nicht durchgeschnitten war. Andererseits sah er ziemlich mitgenommen aus. Er legte sich neben mir auf das Bett und rekelte sich ausgiebig, dann kam er mit einem leisen, zufriedenen Stöhnen zur Ruhe.

»Was«, wollte ich wissen, »ist denn mit dir passiert?«

Er öffnete ein rotgerändertes Auge.

»Ich brauche ein Bad«, sagte er und schloss es wieder.

Ich lehnte mich zu ihm hinüber und schnupperte vorsichtig. Meine Nase registrierte den üblichen verrauchten Geruch geschlossener Räume und feuchter Wolle, dazu eine wahrhaft bemerkenswerte Kombination alkoholischer Getränke – Ale, Wein, Whisky und Brandy –, die zu den diversen Flecken auf seinem Hemd passten. Und als Oberton der Mixtur ein furchtbares, billiges Toilettenwasser von ganz besonders beißender Penetranz.

»Das stimmt«, pflichtete ich ihm bei. Ich kletterte aus dem Bett, lehnte mich in den Flur hinaus und rief nach Marguerite. Als sie kam, bestellte ich ein Sitzbad und genügend Wasser, um es zu füllen. Als Abschiedsgeschenk von Bruder Ambrose besaß ich mehrere Stücke feiner Rosenölseife, und ich trug ihr auf, auch diese mitzubringen.

Während sich die Dienstmagd an die monotone Aufgabe machte, die großen Kupferkrüge für das Bad nach oben zu schleppen, wandte ich meine Aufmerksamkeit dem Koloss auf dem Bett zu.

Ich zog ihm die Schuhe und Strümpfe aus, öffnete die Schnalle, die seinen Kilt zusammenhielt, und klappte ihn auf. Seine Hände fuhren automatisch an seinen Schritt, doch meine Augen konzentrierten sich auf etwas anderes.

»Was«, wiederholte ich, »ist mit dir passiert?«

Mehrere lange Kratzer zogen sich über seine Oberschenkel, aggressive rote Furchen auf der hellen Haut. Und hoch oben an der Innenseite des einen Beins befand sich etwas, das nur ein Biss sein konnte; die Zahnabdrücke waren deutlich zu sehen.

Das Dienstmädchen, das gerade heißes Wasser in die Wanne schüttete, warf einen neugierigen Blick auf die Beweislage und hielt es für angebracht, just in diesem kritischen Moment einen Kommentar beizusteuern.

»Un petit chien?«, fragte sie. Ein kleiner Hund? Oder etwas anderes. Ich sprach zwar die Umgangssprache dieser Zeit alles andere als fließend, doch ich hatte gehört, dass les petits chiens oft auf zwei Beinen und mit geschminkten Gesichtern herumliefen.

»Hinaus«, sagte ich im Oberschwesternton auf Französisch. Das Dienstmädchen ergriff die Wasserkannen und ging mit einem kleinen Schmollmund aus dem Zimmer. Ich wandte mich wieder zu Jamie um, der ein Auge öffnete, es aber nach einem Blick in mein Gesicht wieder schloss.

»Also?«, fragte ich.

Statt einer Antwort erschauerte er. Nach einigen Sekunden setzte er sich und rieb sich das Gesicht, so dass das leise Kratzen seiner Bartstoppeln zu hören war. Er zog fragend die eine Augenbraue hoch. »Ich gehe nicht davon aus, dass einer so behütet erzogenen Dame wie dir eine alternative Bedeutung des Begriffs soixante-neuf vertraut wäre?«

»Ich habe schon davon gehört.« Ich verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete ihn voller Argwohn. »Und darf ich fragen, wo du mit dieser außerordentlich interessanten Zahl in Berührung gekommen bist?«

»Sie wurde mir – mit großen Nachdruck – von einer Dame, der ich gestern Abend begegnet bin, als reizvolle Aktivität nahegelegt.«

»War das zufällig dieselbe Dame, die dich in den Oberschenkel gebissen hat?«

Er senkte den Blick und rieb sich nachdenklich über den Abdruck.

»Mm, nein. Diese Dame schien sich nur für deutlich niedrigere Zahlen zu interessieren. Ich glaube, sie hatte vor, sich mit der sechs zu begnügen, und die neun zu lassen, wo der Pfeffer wächst.«

»Jamie«, sagte ich und trat betont mit dem Fuß auf, »wo bist du die ganze Nacht gewesen?«

Er schöpfte eine Handvoll Wasser aus der Schüssel und bespritzte sich das Gesicht, so dass es ihm in Rinnsalen über das dunkelrote Haar auf seiner Brust lief.

»Mm«, sagte er und blinzelte sich die Tropfen von den dichten Wimpern, »nun ja, warte. Erst zum Abendessen in einem Wirtshaus. Dort sind wir Glengarry und Millefleurs begegnet.« Monsieur Millefleurs war ein Pariser Bankier, Glengarry einer der jüngeren Jakobiten, der Anführer einer MacDonell-Sippe. Er war zwar nur zu Besuch in Paris und lebte nicht hier, war aber Jamies Bericht zufolge in letzter Zeit oft in Charles’ Gesellschaft anzutreffen. »Nach dem Abendessen waren wir beim Duc de Castellotti Kartenspielen.«

»Und dann?«

Ein Wirtshaus, wie es schien. Und dann ein weiteres Wirtshaus. Und dann ein Etablissement, das zwar anscheinend einiges mit einem Wirtshaus gemeinsam hatte, darüber hinaus jedoch mit einigen Damen von interessantem Aussehen und noch interessanteren Talenten aufwartete.

»Talente, hm?«, sagte ich mit einem Blick auf den Abdruck an seinem Bein.

»Gott, sie haben es in aller Öffentlichkeit getan«, erinnerte er sich schaudernd. »Zwei von ihnen, auf dem Tisch. Zwischen dem Hammelrücken und den Kartoffeln. Mit dem Quittengelee.«

»Mon Dieu«, sagte das gerade zurückgekehrte Dienstmädchen und stellte hastig die nächste Wasserkanne ab, um sich zu bekreuzigen.

»Ruhe da«, sagte ich und warf ihr einen finsteren Blick zu. Dann wandte ich mich wieder meinem Ehemann zu. »Und dann?«

Dann war es anscheinend ordentlich zur Sache gegangen, wenn auch immer noch recht öffentlich. Mit Rücksicht auf Marguerite wartete Jamie, bis sie wieder Wasser holen gegangen war, ehe er konkreter wurde.

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