Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Ich setzte mich unaufgefordert hin.
»Rambeau?«, sagte ich und versuchte, ein Gesicht mit dem Namen in Verbindung zu bringen. Dann lichtete sich der Nebel in meinem Gedächtnis und gab einen modisch gekleideten Körper und ein rundes Gesicht preis, beides über und über mit Schnupftabak besprenkelt.
»Rambeau!«, rief ich aus. »Oh, ja, ich bin ihm begegnet, aber eigentlich habe ich ihn nur mit meinem Fächer geohrfeigt, als er mich in die Zehen gebissen hat.«
»Je nach Stimmung würde der Vicomtesse das schon reichen«, stellte Meister Raymond fest. »Und wenn das zutrifft, gehe ich davon aus, dass Ihr vor weiteren Übergriffen sicher seid.«
»Danke«, sagte ich trocken. »Und wenn es nicht die Vicomtesse war?«
Der kleine Apotheker zögerte einen Moment und blinzelte in die gleißende Morgensonne, die durch die rautenförmigen Scheiben in meinem Rücken fiel. Dann kam er zu einem Entschluss und wandte sich der Steinplatte zu, auf der seine Destilliergefäße simmerten. Mit einem Ruck seines Kopfes wies er mich an, ihm zu folgen.
»Kommt mit mir, Madonna. Ich habe etwas für Euch.«
Zu meiner Überraschung duckte er sich unter den Tisch und verschwand. Da er nicht zurückkam, bückte ich mich und warf einen Blick unter den Tisch. In der Feuerstelle glomm die Holzkohle, doch rechts und links davon war Platz. Und in der Wand befand sich dort unten eine finstere, verborgene Öffnung.
Ich zögerte nur kurz, dann raffte ich meine Röcke und folgte ihm im Watschelgang unter den Tisch.
Auf der anderen Seite der Wand war Platz, um sich aufzurichten, doch die Kammer war nur klein. Ihre Existenz war der äußeren Struktur des Hauses nicht anzusehen.
Zwei Wände der geheimen Kammer waren mit einer Wabe von Wandborden überzogen, die in jeder ihrer makellos staubfreien Zellen einen Tierschädel beherbergte. Die Wirkung dieser Wand war so beeindruckend, dass ich einen Schritt rückwärtsging; die leeren Augen schienen alle auf mich gerichtet zu sein, während mir die entblößten Zähne zur Begrüßung entgegenglänzten.
Ich musste mehrmals blinzeln, ehe ich Raymond ausmachen konnte. Er kauerte argwöhnisch am Fuß dieses Beinhauses wie der diensthabende Ministrant. Mit nervös ausgestreckten Armen betrachtete er mich, als rechnete er damit, dass ich entweder losschrie oder mich ihm an den Hals warf. Doch ich hatte schon Grauenvolleres gesehen als eine bloße Ansammlung polierter Gebeine, und ich trat in aller Ruhe vor, um sie genauer zu betrachten.
Er schien alles zu haben. Winzige Schädel, Fledermaus und Maus, die Knochen transparent, die Zähnchen zu fleischfressendem Grimm gespitzt. Pferde, von den gewaltigen Percherons, deren säbelförmige Kiefer absolut geeignet schienen, ganze Regimenter von Philistinern zu zermalmen, bis hin zu Eselsschädeln, deren kleinere Rundungen ihre Hartnäckigkeit nicht minder dauerhaft konservierten als die der riesigen Zugpferde.
Sie besaßen ihre eigene Faszination, so still und so schön, als bewahrte ein jedes Objekt die Essenz seines Besitzers, als wohnte den Konturen der Knochen noch der Geist der Muskeln und des Fells inne, das sie einst getragen hatten.
Ich streckte die Hand aus und berührte einen der Schädel. Der Knochen war nicht kalt, wie ich es vielleicht erwartet hatte, sondern seltsam abwartend, als weilte die längst verschwundene Wärme nicht weit entfernt.
Ich hatte schon menschliche Überreste gesehen, die nicht so ehrfürchtig behandelt wurden; die Schädel der christlichen Märtyrer, die dicht an dicht in den Katakomben aufgestapelt lagen, darunter ein Durcheinander aus Oberschenkelknochen, das an Mikadostäbchen erinnerte.
»Ein Bär?«, sagte ich mit leiser Stimme – ein großer Schädel mit geschwungenen Reißzähnen, aber seltsam abgeflachten Backenzähnen.
»Ja, Madonna.« Da er sah, dass ich keine Angst hatte, entspannte sich Raymond. Seine Hand kam angeschwebt, doch sie berührte die Flächen des rundlichen, massiven Schädels kaum. »Seht Ihr die Zähne? Sie fressen Fische und Fleisch«, sein kleiner Finger zeichnete die lange, gefährliche Rundung eines Reißzahns nach, die geriffelte Kante eines Backenzahns, »aber sie zermalmen auch Beeren oder Larven. Sie hungern nur selten, weil sie alles fressen.«
Ich drehte mich langsam hin und her, um die Schädel zu bewundern und hier und da einen zu berühren.
»Sie sind wunderschön«, sagte ich. Wir sprachen leise, als könnten die stummen Schläfer durch laute Worte geweckt werden.
»Ja.« Raymonds Finger folgten meinem Beispiel, strichen über lange Stirnknochen und geschwungene Wangenplatten. »Sie beinhalten den Charakter des Tiers. Man kann viel über das sagen, was einmal war, anhand dessen, was noch da ist.«
Er drehte einen der kleineren Schädel um und wies mich auf die Auswölbungen an der Unterseite hin, wie kleine, dünnwandige Ballons.
»Hier – die Ohrenkanäle laufen hier hinein, so dass Geräusche im Schädelinneren widerhallen. Daher das scharfe Gehör der Ratte, Madonna.«
»Bulla tympanica«, sagte ich und nickte.
»Ah? Ich verstehe nicht viel Latein. Meine Bezeichnungen für solche Dinge … stammen von mir.«
»Diese dort …« Ich zeigte nach oben. »Sie sind etwas Besonderes, nicht wahr?«
»Ah. Ja, Madonna. Es sind Wölfe. Sehr alte Wölfe.« Mit ehrfürchtiger Sorgfalt hob er einen der Schädel herunter. Die Schnauze war lang gezogen wie bei einem Hund, mit kräftigen Reißzähnen. Der Scheitelkamm stieg scharf und alles überragend von der Rückseite des Schädels auf und zeugte von den dicken Muskeln des kräftigen Halses, der ihn einst gestützt hatte.
Diese Schädel besaßen nicht den dumpfen weißen Schimmer der anderen, sondern sie waren mit braunen Spuren überzogen und auf Hochglanz poliert.
»Solche Tiere gibt es nicht mehr, Madonna.«
»Nicht? Ihr meint, sie sind ausgestorben?« Fasziniert strich ich noch einmal über den Schädel. »Woher in aller Welt habt Ihr sie?«
»Nicht in der Welt, Madonna. Darunter. Sie stammen aus einem Torfsumpf und waren metertief vergraben.«
Bei genauerem Hinsehen erkannte ich die Unterschiede zwischen diesen Schädeln und den jüngeren, weißeren Exemplaren an der gegenüberliegenden Wand. Diese Tiere waren größer gewesen als gewöhnliche Wölfe, und ihre Kiefer hätten die Beinknochen eines rennenden Elchs brechen oder einem gefallenen Hirsch die Kehle herausreißen können.
Ich erschauerte leicht bei der Berührung, denn ich musste an den Wolf denken, den ich vor den Gefängnismauern von Wentworth getötet hatte, und an seine Rudelkameraden, die vor wenigen Monaten im eisigen Zwielicht Jagd auf mich gemacht hatten.
»Ihr mögt keine Wölfe, Madonna?«, fragte Raymond. »Und doch machen Euch die Bären und die Füchse nichts aus? Sie sind doch genauso Jäger und Fleischfresser.«
»Ja, aber sie haben es nicht auf mich abgesehen«, sagte ich ironisch und reichte ihm den altersfleckigen Schädel zurück. »Ich empfinde deutlich mehr Mitgefühl mit unserem Freund, dem Elch.« Voll Zuneigung tätschelte ich die hohe, vorspringende Nase.
»Mitgefühl?« Die sanften schwarzen Augen betrachteten mich neugierig. »Das ist eine ungewöhnliche Empfindung angesichts eines Knochens, Madonna.«
»Nun … ja«, sagte ich etwas verlegen, »aber mir kommen sie nicht einfach nur wie Knochen vor. Ich meine, man kann darin lesen und eine Vorstellung davon bekommen, wie das Tier gewesen ist, wenn man sie ansieht. Sie sind mehr als leblose Gegenstände.«
Raymonds zahnloser Mund dehnte sich breit, als hätte ich unwissentlich etwas gesagt, was ihm gefiel, doch er antwortete nicht.
»Wozu habt Ihr sie alle?«, fragte ich abrupt, weil mir plötzlich klarwurde, dass Regale voller Tierschädel wohl kaum zur üblichen Ausstattung einer Apotheke gehörten. Ausgestopfte Krokodile vielleicht, nicht aber das hier.
Er zuckte gutmütig mit den Schultern.
»Nun, auf ihre Weise leisten sie mir bei der Arbeit Gesellschaft.« Er zeigte auf eine vollgestellte Werkbank in der Ecke. »Und sie erzählen mir zwar vieles, doch sie sind nicht so laut, dass die Nachbarn darauf aufmerksam werden. Kommt her«, sagte er und wechselte abrupt das Thema. »Ich habe etwas für Euch.«