Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
- Автор: Гэблдон Диана
- Серия: Die Outlander #2
- Год: 2015
- Язык: немецкий
- Год: Knaur eBook
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)». Краткое содержание книги:
Voller Fragen folgte ich ihm zu einem hohen Schrank am Ende der Kammer.
Er war weder ein Naturalist noch ein Wissenschaftler, so wie ich den Begriff verstand. Er fertigte weder Notizen noch Skizzen an, keine Dokumente, welche von anderen zu Rate gezogen werden konnten, sie etwas lehren konnten. Und doch war ich von der merkwürdigen Überzeugung erfüllt, dass er sich wünschte, mich die Dinge zu lehren, die er wusste – Mitgefühl für Knochen vielleicht?
Der Schrank war mit einer Reihe seltsamer Zeichen bemalt, Fünfecke und Kreise mit Ausläufern und Wirbeln; kabbalistische Symbole. Ein oder zwei davon erkannte ich aus Onkel Lambs historischen Referenzen wieder.
»Interessiert Ihr Euch für die Kabbala?«, fragte ich und betrachtete die Symbole nicht ohne Belustigung. Das hätte den verborgenen Arbeitsraum erklärt. Unter gewissen französischen Literaten und Aristokraten herrschte zwar großes Interesse am Okkulten, doch aus Angst vor dem reinigenden Zorn der Kirche hielt man dieses Interesse streng verborgen.
Zu meiner Überraschung lachte Raymond. Seine stumpfen Finger mit den kurzen Nägeln drückten auf ein paar Stellen an der Vorderseite des Schranks, berührten hier das Zentrum eines Symbols und dort den Ausläufer eines anderen.
»Nein, Madonna. Die meisten Kabbalisten sind bettelarm, deshalb suche ich ihre Gesellschaft nicht. Doch die Symbole halten neugierige Seelen von meinem Schrank fern. Was, wenn man es recht überlegt, nicht schlecht für ein bisschen Farbe ist. Vielleicht haben die Kabbalisten am Ende doch recht, wenn sie sagen, dass diese Symbole Macht besitzen?«
Er lächelte mich schelmisch an, und die Schranktür schwang auf. Ich konnte sehen, dass es ein doppelter Schrank war; wenn eine neugierige Person die warnenden Symbole ignorierte und einfach die Tür öffnete, würde er oder sie zweifelsohne nur den harmlosen Inhalt eines Apothekerschranks sehen. Doch wenn man die verborgenen Federn in der richtigen Reihenfolge drückte, schwangen auch die inneren Etagen heraus und gaben eine tiefe Höhlung frei.
Er zog eine der kleinen Schubladen heraus, die diese Höhlung säumten, und schüttete sich den Inhalt auf die Hand. Er zog einen einzelnen weißen Kristallstein heraus und reichte ihn mir.
»Für Euch«, sagte er. »Zum Schutz.«
»Was? Magie?«, fragte ich zynisch und drehte den Kristall auf meiner Handfläche hin und her.
Raymond lachte. Er hielt die Hand über den Tisch und ließ sich ein Häufchen kleiner farbiger Steine durch die Finger rinnen, so dass sie auf die fleckige Schreibunterlage aus Filz prallten.
»So kann man es vermutlich nennen, Madonna. Ich kann auf jeden Fall mehr Geld dafür nehmen, wenn ich es tue.« Seine Fingerspitze stupste einen blassgrünen Kristall aus dem Häufchen hervor.
»Ihnen wohnt auch nicht mehr – und gewiss nicht weniger – Magie inne als den Schädeln. Sie beinhalten die Essenz der Matrix, in der sie gewachsen sind, und deren Kräfte könnt Ihr hier wiederfinden.« Er schnippte ein gelbes Körnchen in meine Richtung.
»Sulfur. Schwefel. Zermahlt ihn zusammen mit einigen anderen Kleinigkeiten, haltet eine Lunte daran, und er explodiert. Schießpulver. Ist das Magie? Oder ist das nur des Sulfurs Natur?«
»Das kommt vermutlich darauf an, wen man fragt«, stellte ich fest, und ein entzücktes Grinsen zerteilte sein Gesicht.
»Wenn Ihr je Euren Mann verlassen möchtet, Madonna«, sagte er und gluckste, »seid versichert, dass Ihr nicht verhungern werdet. Ich sagte doch, Ihr seid eine Professionelle, nicht wahr?«
»Mein Mann!«, rief ich erschrocken aus. Plötzlich begriff mein Verstand, woher die gedämpften Geräusche rührten, die aus dem Laden kamen. Es rumste laut, als prallte eine große Faust mit beträchtlicher Wucht auf die Ladentheke, und das tiefe Brummen einer Stimme, die keinen Widerspruch duldete, verschaffte sich in einem Durcheinander anderer Geräusche Gehör.
»Himmel! Ich habe Jamie vergessen!«
»Euer Mann ist hier?« Raymonds Augen wurden noch größer als sonst, und wäre er nicht ohnehin schon so blass gewesen, wäre er vermutlich auch noch erbleicht.
»Ich habe ihn draußen zurückgelassen«, erklärte ich und bückte mich, um die geheime Öffnung wieder zu durchqueren. »Er muss genug vom Warten gehabt haben.«
»Wartet, Madonna!« Raymonds Hand packte meinen Ellbogen und hielt mich auf. Seine andere Hand, die den weißen Kristall festhielt, legte sich über die meine.
»Der Kristall, Madonna. Ich sagte doch, er ist zu Eurem Schutz.«
»Jaja«, sagte ich ungeduldig, denn ich hörte, wie draußen mit zunehmender Lautstärke mein Name gerufen wurde. »Was macht er denn?«
»Er reagiert auf Gift, Madonna. Er wechselt im Kontakt mit einigen schädlichen Substanzen die Farbe.«
Das ließ mich innehalten. Ich richtete mich auf und starrte ihn an.
»Gift?«, sagte ich langsam. »Dann …«
»Ja, Madonna. Es ist möglich, dass Ihr noch immer in Gefahr seid.« Raymonds Froschgesicht war grimmig. »Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, aus welcher Richtung, denn ich weiß es nicht. Wenn ich es herausfinde, seid versichert, dass ich es Euch sagen werde.« Sein Blick huschte beklommen zu dem verborgenen Durchgang hinüber. An der äußeren Wand donnerten Schläge. »Bitte versichert das auch Eurem Mann, Madonna.«
»Keine Sorge«, sagte ich zu ihm und duckte mich unter dem niedrigen Türsturz hindurch. »Jamie beißt nicht – glaube ich.«
»Ich habe mich auch nicht wegen seiner Zähne gesorgt, Madonna«, erklang es hinter mir, als ich vorsichtig über die Asche der Feuerstelle schritt.
Jamie, der im Begriff war, den Dolchknauf zu heben, um erneut gegen die Holzvertäfelung zu hämmern, sah mich aus der Feuerstelle kommen und ließ die Waffe sinken.
»Och, da bist du ja«, stellte er geduldig fest. Er legte den Kopf schief und sah zu, wie ich mir Ruß und Asche vom Rocksaum strich, dann verzog er das Gesicht, weil Raymond vorsichtig unter dem Tisch hervorlugte.
»Ah, und da ist ja auch das Krötenmännchen. Hat er eine Erklärung, Sassenach, oder soll ich ihn zu den anderen stecken?« Ohne den Blick von Raymond abzuwenden, wies er mit dem Kopf zur Wand, wo eine Reihe getrockneter Kröten und Frösche an einem Stück Filz festgeheftet waren.
»Nein, nein«, sagte ich hastig, weil Raymond Anstalten machte, sich wieder in seine Zuflucht zurückzuziehen. »Er hat mir alles erzählt. Er ist sogar sehr hilfreich gewesen.«
Sichtlich widerstrebend steckte Jamie seinen Dolch ein, und ich streckte die Hand aus, um Raymond aus seinem Versteck zu helfen. Bei Jamies Anblick zuckte er sacht zusammen.
»Dieser Mann ist Euer Gemahl, Madonna?«, sagte er im Ton eines Menschen, der hoffte, dass die Antwort »Nein« lauten würde.
»Ja, natürlich«, antwortete ich. »Mein Mann, James Fraser, Mylord Broch Tuarach«, sagte ich mit einer Geste in Jamies Richtung, obwohl kaum jemand anders gemeint sein konnte. Ich winkte in die andere Richtung. »Meister Raymond.«
»Dachte ich mir«, sagte Jamie trocken. Er verneigte sich und hielt Raymond, dessen Kopf ihm kaum weiter als bis zur Taille reichte, die Hand hin. Raymond berührte die ausgestreckte Hand nur flüchtig und riss die seine dann zurück, wobei er einen leichten Schauder nicht unterdrücken konnte. Ich betrachtete ihn erstaunt.
Jamie zog nur die Augenbraue hoch, dann lehnte er sich rückwärts gegen die Tischkante. Er verschränkte die Arme vor der Brust.
»Also schön«, sagte er. »Was ist es denn?«
Ich übernahm den Großteil der Erklärungen, während Raymond nur hin und wieder einsilbige Bestätigungen beisteuerte. Der kleine Apotheker schien seiner ganzen üblichen Geistesgegenwart beraubt zu sein und saß mit argwöhnisch vornübergebeugten Schultern auf einem Schemel am Feuer. Erst als ich meinen Vortrag mit einer Erklärung des weißen Kristalls – und seiner möglichen Notwendigkeit – beendet hatte, regte er sich und schien wieder zum Leben zu erwachen.