Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Von der höchsten Zinne des Turms spülte das Wasser in breiten Fäden herab. Wie flüssiges Glas glänzte der Regen rings um die Turmspitze, als das Licht einer Fackel heranirrte. Der König stieg die Treppenstufen hoch und stand eine Weile reglos in der Dunkelheit. Rings um ihn gähnte meilenweite Tiefe. Er hörte den Regen fallen, aber nicht das Aufklatschen des Wassers auf dem Boden. Zitternd atmete er aus, obwohl er in seinem Fellumhang nicht fror. Dann legte er die Fackel auf den Boden. Und daneben die Krone Elrysjar.
Es dauerte eine Weile, in der der König nur dem Rauschen des fallenden Regens lauschte, ehe er seinen Namen aussprechen konnte. Der Klang bereitete ihm eine Gänsehaut.
»I – If – Ifredes«, hauchte er in die Nacht. Seine Stimme war rau. »... Ifredes. Ifre ... Ifredes!«
Tränen schossen ihm in die Augen. Was war alles mit diesem Namen verbunden! Alle schrecklichen Erinnerungen an eine Zeit lange vor seinem Leben als König von Korr! Eine Kindheit zog vor dem König in der Dunkelheit auf ... Ifredes war es, der seinen Vater und Bruder hatte töten wollen. Ifredes war es, den man hatte verstoßen müssen. Ifredes war es, der den König der Moorelfen erdolcht hatte. Blut, Schande, Hass klebte an diesem Namen.
»Ifredes«, schluchzte der König. »Oh Götter ... ihr Götter!«
Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich. Er fuhr herum.
Am Treppenabsatz stand das blonde Mädchen aus Kesselstadt. Der schwache Schein der Fackel glomm in ihren erschrockenen Augen. In der rechten Hand hielt sie ein Schlachtbeil.
Der König verengte die Augen. »Du!«, zischte er, fuhr die Hände zu Klauen aus und wollte nach der Krone auf dem Boden greifen.
»Ifredes!«, schrie das Mädchen. Der König taumelte, wie von einem Peitschenhieb getroffen, zurück. Arane kam einen Schritt näher, das Beil vorgestreckt. Ein Donnerschlag schallte durch die Nacht.
»Ifredes! Dein Name ist Ifredes! IFREDES!«
»Nein, NEIN! Arane! Du heißt Arane!« Ein klirrendes Lachen drang aus seiner Kehle. »Dein Name ist Arane!«
Der Flammenschein tanzte auf ihrem Gesicht. »Ich ... habe keinen Namen.«
Sie hob das Beil. Schritt um Schritt kam sie näher.
Der König stolperte zurück.
»Ifredes«, zischte sie. »Du bist verflucht, IFREDES!«
Seine Füße rutschten über den nassen Steinboden.
Seine Arme ruderten in der Luft. Er riss den Mund zu einem lang gezogenen Schrei auf, als er fiel ...
Dann schwand seine Stimme, schwand seine Gestalt in der schwarzen Tiefe. Nur das Rauschen des Regens blieb zurück.
Das Beil sank Arane aus der Hand. Sie kniete nieder. Ihre Finger umschlossen den kühlen, glatten Stein Elrysjars. Als sie die Krone zum ersten Mal aufsetzte, war es, als fiele ein unsichtbares Gewicht über sie. Etwas Schweres, Zähes schien von ihrer Stirn über ihren Kopf bis in ihr Herz zu sinken. Es war die Macht der Krone, die sie durchströmte und erfüllte, mit solcher Heftigkeit, dass kein Menschenkörper sie lange in sich halten konnte. Irgendwann würde auch Arane, das spürte sie in diesem kurzen, schrecklichen Augenblick, zerspringen wie ein Glas, wenn der schwarze Druck in ihrem Inneren zu stark geworden war ...
Sie fuhr herum, als sie ein Geräusch hörte. Ein Grauer Krieger war auf den Stufen erschienen. Starr blickte er Arane an.
»Weißes Kind ...«, hauchte er.
»Was?«
»Ihr Weißes Kind! Ihr besiegen König mit List.«
»Wieso sprichst du die Menschensprache?«
Der Krieger verneigte sich vor ihr. »Befehl des alten Königs, dass kein Elf mehr sprechen seine Sprache je wieder.«
Arane schluckte schwer. »Gut«, murmelte sie.
»Das ist ... das ist gut so. Weiter so. Sprecht alle weiter in der Menschensprache.«
Sie reckte den Rücken, obgleich ihr noch schwindelte angesichts dessen, was soeben geschehen war.
Angesichts dessen, was noch kommen würde. »Ich bin das Weiße Kind, ja. Und ich bin eure neue Königin. Die Königin aller Moorelfen, hast du das verstanden? Gut. Nun, und dies ist der Beginn einer neuen Zeit. Unter meiner Herrschaft wird eine Ära der Erneuerung und Verbesserung anbrechen. Du wirst sehen.«
Sie deutete ein Nicken an und befahl mit zitternder Stimme: »Geh jetzt. Aber verrate niemandem, was du hier gesehen hast. Sonst – sonst wirst du geköpft.«
Der Krieger schien die Drohung tatsächlich ernst zu nehmen. Er entfernte sich rückwärts mit einer Verbeugung.
In dieser Nacht stand Arane lange in der Finsternis, im Rauschen des Regens, den sie nur fallen hörte, nicht aufschlagen, und fühlte nichts als das Gewicht der Steinkrone.
»Eine neue Welt«, flüsterte sie in die Schwärze.
Der König von Dhrana
Sie ritten, bis die Morgendämmerung aufzog. Im Schutz der grauen Nebeldecken krochen sie ins Gras und schliefen ein. Doch auch in ihren Träumen jagten die Grauen Krieger sie, und so brachen sie nach wenigen Stunden wieder auf und ritten weiter, immer weiter in die tiefen Sümpfe hinein, südwestlich in Richtung Dunkle Wälder.
Gegen Abend bebte der Boden vom Hufgetrappel der Grauen Reiterscharen. Hinter fadem Dunst sah Nill Trosse von Reitern durch das Land preschen, hörte Peitschen knallen und Pferdegewieher; nur die Männer blieben stumm wie Tote. Es war, als wimmelten die Marschen von Geistern. Hinter jedem knotigen Baum konnte ein Schütze lauern. Durch alle Dunstschwaden konnte ein Pfeilhagel dringen. Der Tod saß den Gefährten im Nacken. Die Augen der Marschen waren kalt und wässrig auf sie gerichtet – und wo sie auch ihr Lager aufschlugen, schienen die Gräser verräterisch zu rauschen und die Tümpel lauter zu glucksen. Sie schliefen kaum. Nur wenn Bruno erschöpft war, der neben den Pferden mitgaloppieren musste, legten sie eine Pause ein. Tagsüber, wenn die Sonne am höchsten stand und bleiches Licht durch die Wolken flimmerte, machten sie Rast und verbargen sich im Schilf, in Gräben und zwischen Bäumen, deren Äste aus dem Stamm griffen wie Krallen. Wenn die Dämmerung aufzog und die Sümpfe im Dunst verschwammen, brachen sie wieder auf und ritten meist die ganze Nacht durch.
Hunger und Durst begannen, an ihnen zu zehren.
Einmal gelang es Kaveh und Arjas, einen Hasen zu erlegen. Ansonsten führte Bruno sie zu Stellen, wo es Wurzelknollen und muffige Nüsse gab. Sie kratzten alles Essbare aus der feuchten schwarzen Erde und tranken aus den brackigen Tümpeln. Keiner von ihnen klagte darüber. Nur die Blicke der Gefährten wurden stumpf. Wenn die Furcht sie nicht lähmte, hingen sie Gedanken nach, die keine Worte fanden.
Nur manchmal murmelte Kaveh in die Stille: »Bald sind wir da. Erst einmal in die Dunklen Wälder. Und dann zu den Freien Elfen ...« Ein Glanz wanderte dabei durch sein Gesicht, als sehe er seine Heimat schon vor sich auftauchen wie Tageslicht am nächtlichen Himmel.
Mit den Pferden erreichten sie bald das Gebirge.
Die Berggipfel traten am Horizont hervor wie Greise, die sich verwundert zu ihnen herabbeugten. Sie wirkten viel freundlicher und kleiner als die Berge, in denen sie Maferis begegnet waren. Die Erleichterung gab ihnen neue Kraft. Sie legten das letzte Stück in den Mooren zurück, ohne länger als ein paar Stunden zu ruhen, und erreichten die Ausläufer der Berge. Als sich die Tümpel in Flüsse verwandelten, die Nebel vor den Sonnenstrahlen wichen und hohe, grüne Pinien sie empfingen, blieben die Marschen von Korr hinter den Gefährten zurück wie ein lang durchlittener Alptraum.
Drei Tage brauchten sie, um die Berge zu überqueren. Sie ritten durch sanfte Täler und hatten einen leichten Weg bergauf, obgleich sie die verwilderten Straßen und Pfade mieden.