Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Braun klappte das Telefon zu und steckte es wieder ein. Also gut. Was vorbei war, war vorbei. Es brachte nichts, mit dem Schicksal zu hadern. Er mußte Schadensbegrenzung betreiben.
Er trat an seinen Schreibtisch, drückte einen verborgenen Knopf unter der Platte, zählte lautlos bis drei und drückte ihn noch einmal. Zwei Meter neben ihm begann sich ein Stück des Fußbodens zu heben. Darunter kam ein kleiner, aber äußerst massiv aussehender Tresor zum Vorschein. Braun ließ sich auf die Knie sinken, stellte rasch die Kombination ein und öffnete die Tür. Dahinter kam nicht das Innere des Tresors zum Vorschein, sondern eine in mattem Lindgrün schimmernde Glasplatte. Braun legte die gespreizten Finger der linken Hand darauf und wartete, daß der Scanner seine Fingerabdrücke und seine Handlinien abtastete. Es war kein normaler Fingerabdruckscanner, wie er schon in manchen Banken oder besonders sensiblen Militäreinrichtungen üblich war. Das Gerät wäre weder auf einen Kautschukabdruck seiner Hand hereingefallen noch auf irgendeinen anderen Versuch, es zu überlisten. Selbst wenn jemand seine Hand abgeschnitten und gegen das Glas gepreßt hätte, hätte der Computer festgestellt, daß diese Hand nicht mehr zu einem lebenden Körper gehörte und den Zugriff verweigert.
Die Kehrseite der Medaille war, daß er fast zwei Minuten warten mußte, bis das grüne Leuchten der Glasscheibe erlosch und der Safe endgültig aufsprang. Eine Ewigkeit. Das Fach, das dahinter zum Vorschein kam, war nur gut doppelt so groß wie eine Zigarrenkiste und enthielt nichts anderes als einen flachen, schwarzen Kunststoffkasten. Braun nahm ihn heraus und öffnete ihn. Auf dem schwarzen Samt, mit dem er ausgekleidet war, lagen drei zigarettengroße, durchsichtige Phiolen mit einer wasserklaren Flüssigkeit. Die Ausbeute von fünf Jahren Arbeit und eines Projektes, das mittlerweile eine dreistellige Millionensumme verschlungen hatte.
Und das Schöne daran war: Niemand außer ihm wußte, daß es diese drei Phiolen gab. Niemand außer ihm und Mecklenburg - was wiederum bedeutete: Niemand außer ihm.
Braun hatte sich vorgestellt, daß seine Hände zitterten, während er das kleine Kunststoffkästchen wieder zuklappte und einsteckte, aber er war vollkommen ruhig. Was er in den Händen hielt, das bedeutete die absolute Macht - viel, viel mehr, als sie sich alle hätten träumen lassen, selbst noch in der Endphase des Projekts. Azrael war nicht einfach nur eine Droge, die dem stärksten aus einer Gruppe, die sie gemeinsam nahm, Macht über alle anderen verlieh, wie sie geglaubt hatten. Das allein wäre schon ein Werkzeug unvorstellbarer Macht gewesen. Aber was es wirklich bedeutete, das war mehr.
Mehr. Unendlich viel mehr.
Braun dachte an das ... Ding zurück, das sie durch das Appartementhaus gehetzt und die Hälfte seiner Männer getötet hatte, und ein Gefühl unvorstellbarer Stärke durchströmte ihn. Es war grauenhaft gewesen, eine Kreatur, die dem tiefsten nur denkbaren Abgrund der Hölle entsprungen war, dem Unterbewußtsein eines Menschen, der seit fünf Jahren sterben wollte und es nicht konnte, aber zugleich auch ein Geschöpf von unendlicher Schönheit und Größe, denn Braun hatte in ihm nicht nur gesehen, wonach es aussah und was es tat, sondern auch das, was es war. Leben, das von der bloßen Macht menschlichen Willens erschaffen worden war.
Und er hielt nun die gleiche Macht in den Händen. Er hatte verloren, und zugleich gewonnen. Alles, was er in den letzten Jahren geschaffen hatte, zerbrach, aber ganz plötzlich wurde ihm klar, wie unwichtig das war. Die drei Phiolen in der Innenseite seines Jacketts änderten alles. Ganz plötzlich wurde ihm klar, daß es das war, was er die ganze Zeit über gewollt hatte. Er hätte es nicht im Traum zugegeben, aber das war es:
Leben erschaffen.
Gott sein.
Wenn ein krankes, zerfressenes Gehirn wie das Haymars schon in der Lage war, so etwas zu erschaffen, wozu mußte dann ein so hochtrainierter, scharfer Intellekt wie der seine erst in der Lage sein?
Brauns Machtfantasien gingen nicht so weit, daß er davon träumte, die Welt zu beherrschen. Das wollte er nicht. Es gab nichts zu gewinnen, wenn er die ganze Welt unter seine Herrschaft zwang, aber alles zu verlieren - klügere und skrupellosere Männer als er waren schon an dieser Aufgabe gescheitert, und Braun maßte sich nicht an, die Brillanz oder das Format eines Napoleon Bonaparte zu haben, oder Adolf Hitlers. Nein. Braun wollte nicht die Welt. Nur ein kleines Stück davon. Für den Anfang.
Er schloß den Safe, richtete sich wieder auf, ohne die Hände zu Hilfe zu nehmen, und verließ das Büro. Die beiden Agenten, die draußen auf dem Korridor Wache hielten, traten respektvoll zur Seite, als er die Tür öffnete - fast als spürten sie die Veränderung, die mit ihm vorgegangen war, seit er die Tür das letztemal in umgekehrter Richtung durchschritten hatte.
Brauns Euphorie legte sich jedoch mit jedem Schritt, den er sich dem Aufzug näherte, und als er in die Kabine trat, da kam er sich nicht mehr wie ein Gott vor. Es war nur ein kurzer Anflug von Größenwahn gewesen; nicht mehr als ein vergänglicher Rausch, dem allerdings kein Kater folgte sondern nur eine logische Ernüchterung, ohne jegliches Gefühl. Und warum auch nicht? Machtfantasien an sich waren nichts Verwerfliches. Die Welt wäre nicht das, was sie war, hätte es keine Männer und Frauen mit Machtfantasien gegeben. Wichtig war, was man daraus machte.
Natürlich würde er das Mittel nicht nehmen. Es war noch nicht getestet, und Gott allein mochte wissen, was es im Körper eines Menschen anrichtete. Vielleicht platzte ihm der Schädel weg wie eine überreife Tomate in der Sonne. Vielleicht bekam er auch nur den schlimmsten Durchfall seines Lebens. Vielleicht geschah auch gar nichts - Braun verspürte jedenfalls wenig Lust, als sein eigenes Versuchskaninchen zu fungieren. Wichtig war nur, daß er die drei Phiolen hatte. Genug für einen neuen Anfang. Selbst wenn er Bremer töten mußte - was ihm mittlerweile unausweichlich erschien.
Er drückte den Knopf für die Empfangshalle. Während der Aufzug lautlos nach unten summte, zog er sein Handy aus der Tasche und rief im Labor an. Die Stunde, von der Grinner gesprochen hatte, war noch lange nicht vorbei, aber es war vielleicht besser, ihm noch einmal auf die Zehen zu treten.
Das Telefon klingelte zweimal, dreimal, fünfmal. Grinner meldete sich nicht. Braun klappte das Gerät wieder zusammen und steckte es ein. Er war nicht sonderlich beunruhigt. Vermutlich hatte Grinner getan, was er ihm befohlen hatte, und danach in voller Panik das Weite gesucht. Und wenn nicht... Vielleicht war es nicht die schlechteste aller denkbaren Lösungen, wenn er einfach abwartete, bis das Biest, das Haymar erschaffen hatte, Bremer erledigte. Danach konnte er immer noch eines der unzähligen Computerterminals der Klinik benutzen und einen ganz bestimmten Befehl eingeben, der das unterirdische Labor samt allem, was sich darin befand, mit einer Aerosolbombe zerstörte. Die Waffe war besonders wirkungsvolclass="underline" So leistungsstark wie eine vergleichbare kleine Nuklearbombe verursachte sie so gut wie keine harte Strahlung, und ihr Zerstörungsradius war auf einen Bereich von weniger als zwanzig Metern begrenzt. Innerhalb dieser zwanzig Meter jedoch war die Vernichtung total. Braun hatte keinen praktischen Test dieses neuesten Streichs aus den amerikanischen Friedenforschungswerkstätten miterlebt, aber man hatte ihm versichert, daß in ihrem Detonationsbereich Temperaturen herrschten, die denen im Inneren der Sonne um nichts nachstanden. Der Sprengkopf war unter Haymars Sarkophag im Boden der Isolierkammer angebracht. Niemand außer Braun und den zwei Bundeswehringenieuren, die ihn eingebaut hatten, wußte davon. Er konnte nichts verlieren.
Mit diesem beruhigenden Gedanken trat Braun aus dem Lift und in die Eingangshalle hinaus.
Das vollkommene Chaos empfing ihn. Die Halle war voller Menschen, Dutzenden von Männern und Frauen, die heftig gestikulierend und vor allem lautstark miteinander und besonders mit dem halben Dutzend Agenten stritt, das mit vorgehaltenen Maschinenpistolen die Treppe und die Aufzugtüren blockierte und die Belegschaft so daran hinderte, an ihre Arbeitsplätze zu gelangen. Wenigstens versuchten sie es, wenn auch nur mit mäßigem Erfolg.