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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Braun ließ seinen Blick durch die Halle schweifen. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er Malchow entdeckte. Der Agent stand unweit des Eingangs und war offensichtlich in einen heftigen Streit mit zwei Männern verwickelt, wie sie unterschiedlicher kaum noch sein konnten: Der eine war ein wahrer Riese, noch einen Kopf größer als Braun und breitschultrig. Seltsam: Als er Nördlinger das letztemal gesehen hatte, war er ihm nicht annähernd so groß vorgekommen; aber da hatte er auch hinter seinem Schreibtisch im Polizeipräsidium gesessen, und es war immer schwer, die Größe eines sitzenden Menschen zu schätzen. Der andere war ein gutes Stück kleiner als er, von unmöglich zu schätzendem Alter und trug die schwarze Kleidung eines Priesters. Das mußte dieser Vater Thomas sein, von dem Bremer gesprochen hatte. Braun hatte einen Mann zu seiner Kirche geschickt, bisher aber noch nichts von ihm gehört. Kein Wunder.

Nördlinger unterbrach seine wütende Debatte mit Malchow, als er Braun erblickte, und wollte ihm entgegeneilen. Braun hob nur kurz die Hand, und Malchow und ein zweiter Agent vertraten dem Kriminalrat den Weg. Nördlingers Gesicht verfinsterte sich vor Zorn, aber er war zumindest klug genug, die beiden Agenten nicht gewaltsam aus dem Weg schieben zu wollen. Braun erkannte jedoch an der Reaktion der beiden Männer hinter Nördlinger, daß er mindestens diese beiden als Verstärkung mitgebracht hatte. Er hoffte nur, daß es nicht wesentlich mehr waren. Das letzte, was er jetzt gebrauchen konnte, war eine Kraftprobe mit einem dahergelaufenen Polizeitrottel.

Vor allem, weil er nicht mehr hundertprozentig davon überzeugt war, sie auch zu bestehen.

Seinem Gesicht war jedoch nichts von seinen wahren Gefühlen anzumerken, als er Nördlinger und dem Geistlichen entgegentrat. »Herr Nördlinger«, sagte er freundlich. »Was führt Sie hierher, noch dazu so früh? Sie sind doch nicht etwa krank?«

»Der einzige kranke Mistkerl hier sind Sie, Braun!« antwortete Nördlinger. »Aber das wird sich ändern. Ich bin hier, um Ihnen das Handwerk zu legen!« Brauns Lächeln erlosch wie abgeschnitten.

»Anscheinend habe ich mich gestern abend nicht deutlich genug ausgedrückt, Herr Nördlinger«, sagte er kalt.

»Gestern abend«, antwortete Nördlinger, »wußte ich noch nicht, was hier wirklich gespielt wird.«

»Was wird denn hier gespielt?« fragte Braun betont.

»Sie wissen es selbst nicht, nicht wahr?« mischte sich der Mann in der Priesterkleidung ein. »Nicht wirklich.«

»Wer sind Sie?« schnappte Braun. »Was haben Sie überhaupt hier zu suchen? Verschwinden Sie! Und Sie auch!« Er funkelte Nördlinger an. »Auf der Stelle! Schieben Sie Ihren pensionsberechtigten Beamtenarsch hier raus, bevor ich endgültig die Geduld verliere! Sie wissen ja nicht, mit wem Sie sich hier einlassen!«

»O doch«, antwortete Nördlinger. Plötzlich wurde er wieder ganz ruhig, und aus irgendeinem Grunde verunsicherte Braun das mehr als die brodelnde Wut, die noch vor ein paar Sekunden in seiner Stimme gewesen war. »Mit einem Mann, der zu weit gegangen ist. Und mit einem Verbrecher. Haben Sie Professor Mecklenburg erschossen, oder war das einer Ihrer Männer?«

»Und wenn?« fragte Braun. »Das können Sie nie beweisen!«

»Ich denke doch«, erwiderte Nördlinger. »Ich habe eine ziemlich gute Beschreibung von einem Mann, der mit einem Gewehr in der Hand aus der Wohnung des Professors gekommen ist. Und einen Zeugen, der ziemlich sicher ist, diesen Mann wiederzuerkennen - wissen Sie, daß Sie dem armen Kerl zwei Rippen gebrochen haben?« Braun glaubte einen Schrei zu hören, dann ein Geräusch, das fast wie ein Schuß klang. Es war sehr leise. Weit entfernt.

Auch Nördlinger schien etwas gehört zu haben, denn er legte für einen Moment den Kopf schräg und lauschte, schien sich seiner Sache aber ebenso wenig sicher zu sein.

»Schieben Sie sich Ihren Zeugen sonstwohin, Nördlinger«, sagte Braun. »Selbst wenn Sie eine Videoaufnahme von mir hätten, wie ich Mecklenburg eine Kugel in den Kopf schieße, würde Ihnen das nicht nutzen. Begreifen Sie endlich, daß mich Ihre kleinkarierten Gesetze nicht interessieren!« Wieder hörte er etwas wie einen Schuß, Schreie. Diesmal hörte es nicht auf. Der Lärm wurde nicht lauter, nahm aber zu und hielt an.

»Sie sind wahnsinnig«, sagte Nördlinger. »Vürfels, nehmen Sie ihn fest.« Er deutete in die Richtung, aus der der Lärm kam. »Was geht da vor?« Einer der beiden Männer war tatsächlich verrückt genug, einen Schritt in Brauns Richtung zu machen, blieb aber dann sofort wieder stehen, als der Agent neben Malchow seine MP hob.

»Verschwinden Sie, Nördlinger«, sagte Braun. Seine Stimme zitterte. Er stand ganz kurz davor, die Beherrschung zu verlieren, zumal der Lärm und das Geräusch von Schüssen immer lauter wurden. Seine Leute hatten Bremer offenbar endlich gestellt - aber natürlich im unpassendsten aller Momente. Außerdem bemerkte er aus den Augenwinkeln noch etwas, was ihm nicht nur ein wenig seltsam vorkam: Vater Thomas hatte seine Jacke abgestreift und war gerade dabei, sich eine violette Schärpe mit einem verschlungenen goldenen Kreuzsymbol umzuhängen. Was hatte dieser Narr vor? Wollte er hier etwa einen Exorzismus abhalten?

»Nein, ich werde nicht verschwinden«, sagte Nördlinger. »Ich nehme Sie fest, ob Ihnen das paßt oder nicht.«

»Sind Sie verrückt?« fragte Braun. »Wie wollen Sie das bewerkstelligen, wenn ich fragen darf?«

»Sehen Sie nach draußen«, sagte Nördlinger ruhig.

Braun starrte ihn an, trat mit zwei raschen Schritten an ihm vorbei, warf einen Blick durch die großen Glastüren nach draußen - und keuchte vor Überraschung.

Vor dem Eingang war ein halbes Dutzend Kleinbusse aufgefahren, aus denen zahlreiche Männer in schwarzen Panzerwesten sprangen. Sie trugen klobige Helme mit Nackenschützern und große Brillen, deren Glas nicht splittern konnte, und waren mit Präzisionsgewehren bewaffnet.

»Sie ... Sie wahnsinniger Spinner!« keuchte er. »Sie haben ein SEK gerufen?«

»Zwei«, korrigierte ihn Nördlinger. »Das andere steht auf der Rückseite und wartet darauf, daß ich den Angriffsbefehl gebe. Ich räuchere den Laden aus, Braun! Ich nehme Sie und Ihre ganze verdammte Bande hoch!«

»Das kostet Sie den Kopf«, sagte Braun. »Sie haben gerade Ihre Karriere das Klo runtergespült, Sie Arschloch!«

»Das glaube ich nicht«, antwortete Nördlinger. »Sie sind zu weit gegangen. Niemand kommt in diesem Land mit dem durch, was Sie getan haben. Sie gehen für den Rest Ihres Lebens in den Bau, ganz egal, was für einflußreiche Freunde Sie auch haben!«

»Das werden wir sehen«, sagte Braun.

Nördlinger wollte antworten, aber in diesem Moment flog eine Tür im hinteren Teil der Halle auf, und ein halbes Dutzend Männer und Frauen in weißen Kitteln und Kochmützen stürmte schreiend herein.

Eine Sekunde später folgten ihnen Bremer und die Kleine. Und sie kamen nicht allein.

33

Die Küche war zwar riesig, trotzdem aber ein geschlossener Raum, in dem die Schreie des Ungeheuers noch lauter und unerträglicher widerzuhallen schienen, als sie ohnehin schon waren. Die Bestie tobte. Während Bremer halb wahnsinnig vor Angst und Angela einfach hinter sich herzerrend, mit gewaltigen Sätzen auf die Tür zuraste, schien sich das Ungeheuer in einen regelrechten Tobsuchtsanfall hineinzusteigern. Seine dürren Gliedmaßen zerrissen und zerfetzten alles, was in seine Reichweite kam, und was den rasiermesserscharfen Klauen und den schnappenden Kiefern entging, das zertrümmerten seine wild schlagenden Flügel. Der Agent, der auf das Ungeheuer geschossen hatte, war längst tot, aber selbst dieses zweite Opfer schien den Blutdurst der Bestie nicht gestillt zu haben. Ihre gewaltigen Flügel schlugen, schleuderten ein zwei Meter hohes und dreimal so langes Regal voller Teller beiseite wie Papier und fegten einen Topf mit kochendem Wasser vom Herd. Einer der flüchtenden Küchenhelfer wurde von der gewaltigen Schwinge gestreift und unmittelbar vor die Füße der Kreatur geschleudert, wo er stöhnend liegenblieb. Die Bestie beachtete ihn nicht einmal. Ihr Kopf ruckte mit rasend schnellen, vogelartigen Bewegungen hin und her. Der Blick ihrer schrecklichen Augen tastete durch den Raum. Sie suchte etwas.

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