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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Mühsam stemmte sich Bremer in die Höhe und drehte den Kopf.

Die Halle war voller Menschen, und natürlich hatte das Auftauchen des geflügelten Dämons auch hier augenblicklich für Panik gesorgt. Männer und Frauen rannten schreiend und kopflos davon - ganz gleich in welche Richtung, nur weg von diesem lebendig gewordenem Alptraum, der so plötzlich unter ihnen aufgetaucht war! - und natürlich entstand auch hier vor dem Ausgang ein regelrechter Tumult. Die Glastüren waren breit genug, um ein Dutzend Menschen zugleich durchzulassen, aber Bremer hatte den Eindruck, als ob draußen andere Männer standen, die sie daran hinderten, das Gebäude zu verlassen, obwohl er sich einfach nicht vorstellen konnte, warum.

Dann sah er, worauf sich der Blick des Ungeheuers gerichtet hatte.

Unweit des Ausganges befand sich eine kleine Gruppe von Männern, die nicht in Panik geraten waren. Bremer erkannte Braun als einen von ihnen, Vater Thomas und zu seiner maßlosen Überraschung auch Nördlingers Sumoringer-Gestalt, Vürfels und zwei oder drei weitere Männer, die ihrem Aufzug nach zu Brauns Schlägertrupp gehören mußten. Nördlinger hatte fassungslos die Augen aufgerissen und sah so aus, als würde er in der nächsten Sekunde in Ohnmacht fallen, während auf Brauns Gesicht plötzlich ein triumphierendes, böses Lächeln erschien. Vater Thomas schließlich bot einen fast grotesken Anblick: Er hatte sich eine violette Schärpe umgehängt und trug ein wuchtiges, dreißig Zentimeter hohes Silberkreuz in der linken Hand. In der Rechten hielt er eine jener absurden Metallkugeln an einem Stiel, mit denen man Weihwasser verspritzen konnte und die Bremer stets an altmodische Babyrasseln erinnerten, und um das absurde Bild komplett zu machen, hatte er sich noch eine gewaltige, in geprägtes Leder gebundene Bibel unter den Arm geklemmt, die aussah, als wöge sie mindestens einen halben Zentner. Seine Augen waren weit aufgerissen und starr vor Entsetzen, und seine Lippen bewegten sich ununterbrochen. Wahrscheinlich murmelte er ein Gebet.

Dann schrie das Ungeheuer erneut, und in die scheinbar mitten in der Bewegung erstarrte Gruppe kam wieder Leben. Nördlinger riß eine Pistole aus der Manteltasche und legte auf den Dämon an, zwei von Brauns Agenten schwenkten ihre Maschinenpistolen herum und zielten ebenfalls in seine Richtung, aber Braun hielt sie mit einer hastigen Geste zurück. Vater Thomas hob das Kreuz und die Babyrassel und streckte sie der Bestie entgegen, und Vürfels zog seine Pistole aus dem Schulterhalfter und fiel in Ohnmacht.

Bremer hörte, wie das Ungeheuer hinter ihm erneut diesen krächzenden Vogelschrei ausstieß und sich dann in Bewegung setzte. Blitzschnell warf er sich auf die Seite, und Nördlinger schoß. Er hatte zu hastig gezielt: Die Kugel hätte um ein Haar Bremer getroffen statt des Ungeheuers, und die Bestie stürzte unbeeindruckt weiter. Bremer sprang hastig auf die Füße, duckte sich im buchstäblich allerletzten Moment unter einem gewaltigen schwarzen Flügel hindurch und lief zu Angela hinüber, und Nördlinger feuerte erneut.

Er war wirklich ein miserabler Schütze. Seine nächste Kugel verfehlte Bremer buchstäblich nur um Haaresbreite. Bremer duckte sich erschrocken, zerrte Angela auf die Füße und drehte sich erst dann herum, um Nördlinger zuzuschreien, daß er auf das falsche Ziel schoß.

Mittlerweile hatte die Kreatur die Gruppe um Braun fast erreicht. Braun und seine Agenten brachten sich mit verzweifelten Sprüngen in Sicherheit, während Vater Thomas offenbar närrisch genug war, sich auf den Schutz seines Silberkreuzes und der wassergefüllten Kinderrasseln zu verlassen. Der Tumult vor der Tür explodierte regelrecht, als zuerst eine und dann eine zweite der großen Scheiben unter dem Druck der Menge zerbarst und sich gellende Schmerzensschreie in den ohnehin schon ohrenbetäubenden Chor der Menschenmenge mischten. Trotzdem drängte der Mob sofort nach draußen, und nun sah Bremer genau die Szenen, die er vorhin befürchtet hatte: Männer und Frauen kämpften rücksichtslos darum, die Tür zu erreichen, nahmen Arme, Beine, Ellbogen und Knie zu Hilfe, um die vor ihnen Stehenden beiseite zu stoßen oder trampelten rücksichtslos über Gestürzte hinweg. Die verzweifelte Schlacht um die Tür forderte vermutlich mehr Opfer, als es ein Angriff der Bestie getan hätte.

Dann sah Bremer etwas, das ihm schier das Blut in den Adern gefrieren ließ.

Der Dämon hatte Nördlinger und Vater Thomas fast erreicht und breitete die Flügel aus, um die restliche Distanz mit einem einzigen Satz zurückzulegen. Vater Thomas riß sein Kreuz in die Höhe und begann das Vaterunser oder irgendeinen anderen Unsinn zu schreien, und Nördlinger ergriff die Pistole mit beiden Händen, spreizte die Beine, um festen Stand zu haben, und zielte sorgfältig.

Aber nicht auf das Ungeheuer. Er zielte auf ihn. Für den Bruchteil einer Sekunde kreuzten sich Nördlingers und Bremers Blicke, und was Bremer in diesem unendlich kurzen Moment in den Augen seines Vorgesetzten erkannte, das beseitigte jeden Zweifel. Es war ein Ausdruck unendlicher Qual und gewaltiger Verzweiflung, aber auch wilder Entschlossenheit: Nördlinger würde ihn töten.

Eine halbe Sekunde, bevor er abdrücken konnte, war der Dämon heran. Seine Kiefer schnappten mit einem gräßlichen Laut zu, und die Waffe polterte zu Boden.

Nördlinger erstarrte. Für die Dauer eines schweren Herzschlages stand er einfach da, blickte aus aufgerissenen Augen die Stümpfe seiner Arme und den sprudelnden, roten Strom an, in dem das Leben aus ihm herauslief, dann stieß er einen seltsamen, fast überrascht klingenden Laut aus und brach in die Knie.

Das Ungeheuer fegte ihn mit einem einzigen Flügelschlag zu Boden und wandte sich Vater Thomas zu.

Der Geistliche hatte seine Bibel fallen lassen und bedrohte den Koloß jetzt mit seinen verbliebenen, lächerlichen Waffen. Seine Züge waren vor Angst verzerrt, Schweiß lief ihm in Strömen über das Gesicht, und seine Lippen formten die Worte, die im Geschrei der Menschenmenge untergingen, so schnell, daß wahrscheinlich nur noch ein unverständliches Gestammel herauskam... Der Dämon näherte sich dem Geistlichen mit einem staksenden Schritt, richtete sich zu seiner ganzen Größe von weit über zwei Metern auf und blickte mit schräg gehaltenem Kopf auf ihn herab; Vater Thomas zitterte am ganzen Leib. Bremer konnte sehen, wie alles in ihm danach schrie, herumzufahren und davonzurennen, aber er wich nicht, sondern blieb stehen, jeden Muskel in seinem Körper zum Zerreißen angespannt, und schleuderte der Bestie seine heiligen Bannsprüche entgegen. Selbst in diesem Moment, in dem er es sah, kam es Bremer einfach unglaublich vor - aber es schien tatsächlich zu funktionieren. Das Ungeheuer stand auf weniger als Armeslänge vor Thomas. Er hätte ihn mit einer einzigen, flüchtigen Bewegung packen und töten können, aber irgend etwas ... hinderte es daran. Vielleicht war ja alles, woran er zeit seines Lebens geglaubt - beziehungsweise gerade nicht geglaubt - hatte, falsch. Vielleicht war das alberne Spielzeug in Thomas' Händen doch mehr als eine Kinderrassel, und vielleicht waren seine Worte doch mehr als abergläubisches Gestammel, sondern enthielten einen uralten Zauber, der das Ungeheuer bannte und es in die Welt zurückschicken würde, aus der es gekommen war.

Der Dämon starrte den Geistlichen sekundenlang aus seinen faustgroßen Augen an, dann drehte er sich mit einer auf beunruhigende Weise an ein menschliches Achselzucken erinnernden Bewegung herum und schlug Vater Thomas fast beiläufig den Kopf von den Schultern. Der enthauptete Torso des Geistlichen blieb noch eine geschlagene Sekunde lang stehen, ließ erst den Weihwasserspender und dann das schwere Silberkreuz fallen und brach erst dann zusammen.

Bremer war vollkommen schockiert. Was ihn für Sekunden regelrecht lähmte, das war nicht einmal der Tod des Geistlichen - er hatte gesehen, wie die Bestie mehr Menschen umgebracht hatte, und auf ungleich schrecklichere Weise.

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Главный герой
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