Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Es war die Beiläufigkeit, mit der es geschehen war; fast, als hätte sich das Ungeheuer ganz genau überlegt, auf welche Weise es Vater Thomas töten würde, um Bremer ein möglichst beeindruckendes Schauspiel zu bieten. Als sich die Kreatur wieder zu ihm herumdrehte, war ihr Gesicht vollkommen starr, und anders konnte es ja auch nicht sein, aber Bremer glaubte ein böses, höhnisches Glühen in seinen Augen zu sehen.
»Er hat auf dich gezielt«, stammelte Angela. »Nördlinger! Er ... mein Gott, er ... er wollte dich erschießen!«
»Ich weiß«, murmelte Bremer. Seine Gedanken hatten sich in einen klebrigen Sumpf verwandelt, in dem jeder Versuch, eine logische Erklärung zu finden, hoffnungslos versank. Er starrte die Bestie an, und das Ungeheuer starrte ihn an, und etwas außerhalb von Bremers Begreifen schien in diesem Moment miteinander zu kommunizieren.
Ein Schuß fiel. Chitinsplitter und Blut eruptierten aus dem Schädel des Dämonen. Der Koloß wankte, drehte sich mit einer blitzartigen Bewegung herum und stieß ein zorniges Kreischen aus, auf das zwei oder drei weitere Schüsse antworteten. In den weit gespreizten Schwingen des Titanen prangten plötzlich zwei gewaltige Löcher.
Die flüchtenden Menschen hatten mittlerweile die Halle verlassen, aber in der zerborstenen Glastür waren andere Männer aufgetaucht, Männer in Kleidung und mit Waffen, die Bremer sofort erkannte: Nördlinger war nicht allein gekommen, sondern hatte eine komplette Abteilung des SEK mitgebracht. Für ihn selbst kam diese Hilfe zu spät, aber Angela und ihm rettete es vielleicht noch einmal das Leben. Nur zwei oder drei der Männer schossen auf das Ungeheuer. Einige weitere waren damit beschäftigt, Verwundete aus dem Haus zu zerren, aber die meisten waren einfach wie vom Donner gerührt stehengeblieben und starrten die Alptraumkreatur an. Selbst für die hartgesottenen Burschen war der Anblick des Dämonen offensichtlich zu viel, um ihn so einfach wegzustecken.
Angela riß sich los - und tat etwas, was Bremer vor Entsetzen aufstöhnen ließ. Sie rannte nicht davon und nutzte die Chance, die ihnen das Schicksal noch einmal geschenkt hatte, sondern lief auf den Dämon zu, schlug im letzten Moment einen Haken und näherte sich Nördlinger! In vollem Lauf fiel sie auf die Knie, schlitterte die letzten zwei Meter wie eine Eiskunstläuferin am Ende eines Kunstsprunges auf den Knien über den Boden und prallte gegen den Kriminalrat. Sie nutzte den Schwung ihrer eigenen Bewegung, um Nördlinger auf den Rücken zu drehen, und begann sich mit fliegenden Fingern an seinen Armstümpfen zu schaffen zu machen. Bremer konnte nicht genau erkennen, was sie tat, aber es dauerte nur wenige Sekunden, dann sprang sie wieder in die Höhe und rannte zu ihm zurück. Ihre ehemals weiße Schwesterntracht glänzte jetzt in einem dunklen, nassen Rot. Sie war quer durch die gewaltige Blutlache geschlittert, die sich dort gebildet hatte, wo Nördlinger und Vater Thomas lagen.
»Braun!« schrie sie. »Er entkommt!« Bremer sah in die Richtung, in die ihr ausgestreckter Arm wies. Braun und die Handvoll Männer, die ihm geblieben waren, verschwanden in diesem Moment in einer Tür am anderen Ende der Halle.
Aber auch der Dämon hatte auf Angelas Worte reagiert. Die Männer des SEK schossen noch immer auf ihn. Er wankte unter den Kugeln, die ihn in immer rascherer Folge trafen, aber Bremer wußte, daß sie ihn nicht wirklich verletzen konnten. Sein Kopf drehte sich unablässig, und sein Blick irrte zwischen Angela und den Männern an der Tür hin und her, als überlege er, ob sie es überhaupt wert waren, sie anzugreifen. Dann drehte er sich behäbig herum und machte einen schwerfälligen Schritt in Angelas Richtung.
Zwei Geschosse gleichzeitig trafen seinen Schädel und rissen die Hälfte davon weg. Diesmal konnte Bremer sehen, wie sich die grauenhafte Wunde schloß. Die Bestie wankte, drehte sich erneut zu den Männern unter der Tür herum - und stieß sich mit einem wütenden Kreischen ab. Mit weit gespannten Flügeln landete sie inmitten der Männer. Ihre Krallen und Kiefer schnappten zu. Die riesigen Schwingen schleuderten die Männer gleich Spielzeugen durch die Luft und zertrümmerten auch noch das, was von der Glastür bisher übriggeblieben war. Trotzdem hatte Bremer den Eindruck, daß die Kreatur längst nicht mit der gnadenlosen Wildheit kämpfte, die er bisher beobachtet hatte. Es war, als wolle sie die Männer nicht töten, sondern begnügte sich damit, sie zurückzutreiben.
Er verschwendete allerdings keine Sekunde darauf, sich von dieser aberwitzigen Theorie zu überzeugen, sondern wirbelte herum und rannte los, als Angela ihn erreicht hatte. »Was sollte das gerade?« schrie er. »Wolltest du dich umbringen?!«
»Ich konnte ihn nicht einfach so sterben lassen!« schrie Angela zurück. Ihr Atem ging schnell und pfeifend.
Bremer hatte Mühe, die Worte überhaupt zu verstehen. Er sah ihr an, daß sie ihre unwiderruflich letzten Kraftreserven brauchte, um überhaupt noch mit ihm Schritt zu halten.
»Lauf!« keuchte sie. »Wir müssen ... Braun ... einholen.«
»Wozu denn, um Gottes willen?«
»Weil er der einzige ist, der uns zu Haymar führen kann!« keuchte Angela.
Sie hatten die Halle fast durchquert. Die Männer an der Tür hatten aufgehört zu schießen und krochen in verzweifelter Hast vor dem Ungeheuer davon, das seine Flügel wie Dreschflegel einsetzte und alles von den Füßen riß, was in seine Reichweite kam. Bremer sah, daß seine erste Beobachtung richtig gewesen war, so unglaublich es ihm auch immer noch erschien. Es würde reichlich Knochenbrüche und Prellungen geben, aber keine Toten. Warum auch immer: Die Kreatur schonte die Männer.
Sie hatten das Ende der Halle erreicht. Angela riß im vollen Lauf die Tür auf, stürzte hindurch, und Bremer begriff zu spät, daß sie einem verhängnisvollen Irrtum erlegen waren.
Braun stand auf der anderen Seite der Tür, hielt seine Pistole in der Hand und schoß Angela aus allernächster Nähe ins Gesicht.
Der Knall war ohrenbetäubend. Angela wurde wie von einem Faustschlag zurückgerissen, drehte sich halb um ihre Achse und prallte wuchtig gegen Bremer. Die zweite Kugel, die Braun auf Bremers Kopf abfeuerte, verfehlte ihr Ziel und durchbohrte statt dessen seine Schulter.
Die schiere Wucht des Treffers schleuderte ihn gegen die Wand. Sein Hinterkopf prallte mit solcher Gewalt gegen Stein oder Metall, daß seine Beine unter ihm nachgaben und er benommen zu Boden glitt. Seine Schulter war taub. Er spürte nicht den geringsten Schmerz, aber er konnte fühlen, daß die Wunde heftig blutete.
Als sich das dumpfe Hämmern in seinem Schädel so weit gelegt hatte, daß er wieder sehen konnte, lag Angela ausgestreckt auf dem Boden vor ihm. Sie lag auf dem Bauch, so daß er ihr Gesicht nicht sehen konnte, aber das kurzgeschnittene Haar auf ihrem Hinterkopf begann sich rasch dunkel zu färben, und unter ihrem Gesicht bildete sich eine große, dunkelrote Lache.
Bremer stemmte sich halb in die Höhe, ließ sich dann wieder nach vorne und auf die Knie sinken und streckte die Hände nach ihr aus. Aber er führte die Bewegung nicht zu Ende. Er wagte es nicht, sie herumzudrehen. Er wußte, was die Kugel ihrem Gesicht angetan hatte, und er wollte sie so in Erinnerung behalten, wie sie gewesen war.
Angela war tot. Braun hatte sie umgebracht.
Bremer fühlte keinen Schmerz, keine Verzweiflung, nicht einmal Trauer. Wahrscheinlich war der Schmerz zu gewaltig, um ihn ertragen zu können. Er fühlte sich einfach nur leer.
Angela war tot. Braun hatte sie kaltblütig erschossen. Und dafür würde er ihn töten.
Bremer stand auf, drehte sich langsam in die Richtung, in der Braun und seine Agenten verschwunden waren, und ging los.
Hinter ihm begann die Bestie zu toben.
34
Nördlinger hatte noch niemals zuvor wirkliches Entsetzen in der Stimme eines Arztes gehört, aber für alles gibt es ein erstes Mal, und was er jetzt hörte, das war Entsetzen. Absoluter, vollkommener Terror. Er war allerdings ziemlich sicher, daß es nicht der Anblick der Wunde war, die den Arzt so schockierte. Der Mann mußte Schlimmeres gewohnt sein. Aber der Mann hatte zu denen gehört, die die Mitglieder des SEK aus dem Haus geschafft hatten. Er hatte gesehen, wie es passiert war. Nördlinger selbst fühlte sich ... seltsam. Ihm fiel kein besseres Wort ein, um seinen Zustand zu beschreiben. Er sollte Schmerzen haben.