Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04
- Автор: Мартин Джордж Рэймонд Ричард
- Серия: Das Lied von Eis und Feuer #2
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Переводчик: Andreas Helweg
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04». Краткое содержание книги:
Sehr gute Zustand in Karlsruhe Oststadt abzuholen. (oder an der Uni oder Innenstadt) . Kein Versand.
Siehe auch andere Artikel.Beim Kauf mehrere Artikel Rabatt möglich
Jon glaubte nicht, dass er leicht einschlafen würde, doch Halbhand hatte Recht. Er suchte sich eine windgeschützte Stelle unter einem vorstehenden Felsen und benutzte seinen Mantel als Decke. »Geist«, rief er, »hierher. Zu mir.« Er schlief stets besser, wenn der große weiße Wolf neben ihm lag; sein Geruch tröstete ihn, das zottelige helle Fell wärmte. Diesmal jedoch schaute Geist ihn nur an. Dann drehte er sich um, trabte um die Pferde herum und war plötzlich verschwunden. Er will jagen, dachte Jon. Vielleicht gab es hier in den Bergen Ziegen. Die Schattenkatzen mussten doch auch von irgendetwas leben. »Versuch bloß nicht, eine Katze zu fangen«, murmelte er. Selbst für einen Schattenwolf war das gefährlich. Jon zog seinen Mantel über sich und streckte sich unter dem Fels aus.
Nachdem er die Augen geschlossen hatte, träumte er von Schattenwölfen.
Es waren fünf, doch eigentlich hätten es sechs sein sollen, und sie waren weit verteilt, jeder vom anderen getrennt. Er verspürte eine tiefe, schmerzhafte Leere, ein Gefühl der Unvollständigkeit. Der Wald war riesig und kalt, und sie waren so klein, so verloren. Seine Brüder waren irgendwo dort draußen, und seine Schwester auch, doch er hatte ihre Witterung verloren. Er hockte sich auf die Hinterpfoten, hob den Kopf zum Himmel, der gerade dunkel wurde, und ließ seinen Ruf durch den Wald hallen, lang und einsam und traurig. Dann spitzte er die Ohren und lauschte nach einer Antwort, doch er hörte nur das Seufzen des dahintreibenden Schnees.
Jon?
Der Ruf kam von hinten, leiser als ein Flüstern, trotzdem eindringlich. Kann ein Ruf still sein? Er wandte den Kopf und suchte nach seinem Bruder, nach einer schlanken grauen Gestalt unter den Bäumen, bloß war da nichts, nur …
Ein Wehrholzbaum.
Er schien aus dem massiven Fels zu wachsen, seine hellen Wurzeln krochen aus Myriaden von Spalten und haarfeinen Rissen. Im Vergleich mit anderen Wehrbäumen, die er gesehen hatte, war dieser klein, ein junger Baum, doch er wuchs, während Jon zuschaute, und die Äste wurden dicker, derweil sie in den Himmel griffen. Vorsichtig umkreiste Jon den glatten weißen Stamm, bis er zu dem Gesicht kam. Rote Augen blickten ihn an. Wild waren sie, und doch erfreut, ihn zu sehen. Der Wehrholzbaum hatte das Gesicht seines Bruders. Hatte sein Bruder schon immer drei Augen gehabt?
Nicht immer, ertönte der stille Ruf. Nicht, bevor die Krähe kam.
Er schnüffelte an der Rinde, roch den Wolf und den Baum und den Jungen, doch dahinter lagen noch andere Gerüche, der volle, braune Duft warmer Erde und der harte, graue Duft von Stein und noch etwas, etwas Schreckliches. Tod, jetzt wusste er es. Er roch Tod. Mit gesträubten Haaren und gefletschten Reißzähnen wich er zurück.
Hab keine Angst, mir gefällt es im Dunkeln. Niemand kann dich sehen, aber du kannst sie sehen. Zuerst musst du allerdings deine Augen öffnen. Verstehst du? So. Und der Baum griff nach unten und berührte ihn.
Plötzlich war er wieder in den Bergen, seine Pfoten versanken tief in einer Schneewehe, und er stand am Rand eines tiefen Abgrunds. Der Klagende Pass öffnete sich vor ihm in luftige Leere, und ein lang gezogenes, V-förmiges Tal breitete sich unter ihm aus wie eine Flickendecke in den Farben eines Herbstnachmittags.
Das eine Ende des Tals wurde durch eine blauweiße Mauer versperrt, die sich zwischen die Berge drängte, als habe sie diese zur Seite geschoben, und einen Moment lang glaubte er, sein Traum habe ihn zurück zur Schwarzen Festung geführt. Dann begriff er, dass er einen Strom aus Eis betrachtete, der einige Tausend Meter hoch war. Unter dieser glitzernden kalten Steilwand lag ein großer See, in dessen kobaltblauem Wasser sich die schneebedeckten Gipfel spiegelten. Unten im Tal waren Männer, erkannte er jetzt; viele Männer, Tausende, ein riesiges Heer. Einige rissen große Löcher in den halb gefrorenen Boden, während andere für den Krieg übten. Er beobachtete einen Schwarm Reiter, die einen Schildwall angriffen und auf ihren Pferden kaum größer als Ameisen wirkten. Der Lärm ihrer gespielten Schlacht klang wie das Rasseln stählerner Blätter und wurde schwach vom Wind herangetragen. Ihr Lager hatten sie ohne Plan aufgebaut; er sah keine Gräben, keine angespitzten Pfähle, keine ordentlichen Reihen angepflockter Pferde. Überall sprossen einfache Erdhütten und Zelte aus Fell in die Höhe wie Pockennarben auf dem Antlitz der Erde. Er entdeckte unordentliche Heuhaufen, roch Ziegen und Schafe, Pferde und Schweine und Hunde in großer Zahl. Rauchsäulen stiegen von tausend Feuern auf.
Das ist weder eine Armee noch eine Stadt. Hier hat sich ein ganzes Volk versammelt.
Auf der anderen Seite des Sees bewegte sich einer der Heuhaufen. Er sah genau hin; es war gar kein Heuhaufen, sondern es lebte, ein zotteliges schwerfälliges Tier mit einer Schlange als Nase und Stoßzähnen, welche die des riesigsten Keilers übertrafen, der je gelebt hatte. Und das Ding, das darauf ritt, war ebenso riesig, und seine Beine und die Hüften waren viel zu dick, als dass es ein Mensch hätte sein können.
Dann sträubte sich sein Fell in einem plötzlichen kalten Hauch, und er hörte Flügelschlag. Als er den Blick zu den eisweißen Bergen über ihm hob, stürzte ein Schatten aus dem Himmel. Ein schriller Schrei gellte durch die Luft. Blaugraue Schwingen breiteten sich weit aus und verdeckten die Sonne …
»Geist!«, rief Jon und setzte sich auf. Er spürte noch immer die Krallen, den Schmerz. »Geist, zu mir!«
Ebben trat zu ihm, packte ihn, schüttelte ihn. »Still! Willst du die Wildlinge anlocken? Was ist denn los mit dir, mein Junge?«
»Ich habe nur geträumt«, erwiderte Jon schwach. »Ich war Geist, und ich stand am Rand eines Abgrunds und habe auf einen gefrorenen Fluss hinuntergeschaut, und dann hat mich etwas angegriffen. Ein Vogel … ein Adler, glaube ich …«
Knappe Dalbrück lächelte. »In meinen Träumen sehe ich immer hübsche Frauen. Wenn ich nur öfter träumen würde.«
Qhorin kam heran. »Ein gefrorener Fluss, sagst du?«
»Der Milchwasser entspringt einem großen See am Fuße eines Gletschers«, warf Steinschlange ein.
»Außerdem war da ein Baum mit dem Gesicht meines Bruders. Die Wildlinge … es waren Tausende, ich hätte nie gedacht, dass es so viele gibt. Und Riesen, die auf Mammuts ritten.« Dem Licht nach schätzte Jon, dass er etwa vier oder fünf Stunden geschlafen haben musste. Sein Kopf schmerzte, und im Nacken brannte ihm noch die Stelle, wo ihn die Krallen gepackt hatten. Aber das gehörte zu dem Traum.
»Erzähl mir alles, woran du dich erinnerst, von Anfang bis Ende«, sagte Qhorin Halbhand.
Jon war verwirrt. »Es war doch nur ein Traum.«
»Ein Wolfstraum«, erklärte Halbhand. »Craster hat dem Lord Kommandanten erzählt, dass sich die Wildlinge an der Quelle des Milchwasser versammeln. Vielleicht hast du deshalb davon geträumt. Vielleicht hast du aber auch gesehen, was uns ein paar Marschstunden voraus erwartet. Erzähl schon.«
Er kam sich vor wie ein Dummkopf, während er Qhorin und den anderen von diesem Traum berichtete, doch er befolgte den Befehl. Immerhin lachte ihn keiner der schwarzen Brüder aus. Nachdem er geendet hatte, lächelte selbst Knappe Dalbrück nicht mehr.
»Leibwechsler?«, fragte Ebben grimmig und blickte Halbhand an. Meint er den Adler?, fragte sich Jon. Oder mich? Leibwechsler und Warge kamen in den Geschichten von der Alten Nan vor, nicht in der Welt, in der er sein bisheriges Leben verbracht hatte. Dennoch war es in dieser eigenartigen kargen Wildnis aus Fels und Eis nicht schwer, an solche Wesen zu glauben.
»Die kalten Winde erheben sich. Mormont hat das bereits gefürchtet. Benjen Stark hat es ebenfalls gespürt. Tote wandeln umher, und die Bäume haben wieder Augen. Warum sollten wir uns gegen Warge und Riesen sträuben?«
»Heißt das, dass sich meine Träume auch erfüllen?«, fragte Knappe Dalbrück. »Dann kann Lord Schnee seine Mammuts behalten, und ich will meine Frauen.«