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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Die Zugbrücke zu Maegors Feste war nicht bewacht. Der Gnom hatte die meisten Goldröcke auf die Stadtmauern versetzt, und die weißen Ritter der Königsgarde hatten Wichtigeres zu tun, als ihr auf Schritt und Tritt zu folgen. Sansa konnte gehen, wohin sie wollte, solange sie die Burg nicht verließ, allerdings gab es hier keinen Ort, nach dem es sie verlangte.

Sie überquerte den trockenen Burggraben mit den grausigen Eisenstacheln und stieg die schmale Wendeltreppe hinauf, doch als sie die Tür ihres Zimmers erreichte, konnte sie sich nicht überwinden einzutreten. Innerhalb der Wände des Gemachs fühlte sie sich gefangen; selbst wenn das Fenster weit offen stand, fehlte ihr die Luft zum Atmen.

Sie wandte sich wieder zur Treppe um und stieg weiter hinauf. Der Rauch verdunkelte die Sterne und die dünne Mondsichel, daher war es auf dem Dach dunkel. Dennoch konnte sie alles von hier aus sehen: die hohen Türme und großen Plätze des Roten Bergfrieds, das Labyrinth der Straßen darunter, im Süden und Westen den schwarzen Lauf des Flusses, die Bucht im Osten, die Rauchsäulen und die Glut und Feuer, überall Feuer. Soldaten wimmelten über die Stadtmauern wie Ameisen mit Fackeln. Unten am Schlammtor konnte sie gegen den dahintreibenden Rauch die riesigen Schemen der drei Katapulte ausmachen, die größten, die man je gesehen hatte; sie überragten die Mauern um gute sieben Meter. Trotzdem besänftigten sie ihre Angst nicht. Ein heftiger Stich durchfuhr Sansa, sodass sie aufschluchzte und sich den Bauch hielt. Beinahe wäre sie gestürzt, doch plötzlich bewegte sich im Dunkeln ein Schatten, packte sie mit kräftigen Händen und hielt sie aufrecht.

Sie stützte sich auf eine Zinne, und ihre Finger kratzten über den rauen Stein. »Lasst mich los«, rief sie. »Lasst los.«

»Der kleine Vogel glaubt, er hätte Flügel, wie? Oder willst du so verkrüppelt enden wie dein Bruder?«

Sansa wand sich in seinem Griff. »Ich wäre nicht hinuntergefallen. Es war nur … Ihr habt mich erschreckt, mehr nicht.«

»Du willst sagen, ich hätte dir Angst eingejagt. Und tue es noch immer.«

Sie holte tief Luft und beruhigte sich wieder. »Ich habe geglaubt, ich wäre allein, ich …« Sie blickte zur Seite.

»Der kleine Vogel kann mir immer noch nicht ins Gesicht schauen, was?« Der Bluthund ließ sie los. »Trotzdem hast du dich gefreut, mich zu sehen, als der Pöbel über dich herfiel. Erinnerst du dich?«

Sansa erinnerte sich nur zu gut daran. Sie erinnerte sich an das Heulen des Mobs, daran, wie Blut über ihre Wange gelaufen war, weil sie ein Stein getroffen hatte, an den Knoblauchgestank des Mannes, der sie vom Pferd zerren wollte. Sie spürte noch immer das grausame Zwicken seiner Finger, während sie das Gleichgewicht verlor und langsam aus dem Sattel rutschte.

Sie hatte geglaubt, sterben zu müssen, doch die Finger hatten gezuckt, alle fünf auf einmal, und der Mann hatte so laut gebrüllt wie ein Stier. Nachdem seine Hand verschwunden war, hatte eine andere stärkere Hand Sansa zurück in den Sattel gestoßen. Der Mann mit dem Knoblauchatem lag auf dem Boden, und Blut spritzte aus dem Stumpf seines Arms, doch er war nicht der Einzige, der sie umzingelte, und manche hatten Knüppel in der Hand. Der Bluthund war auf sie losgegangen, seine Klinge war hin und her gesaust und hatte roten Dunst durch die Luft gezogen. Als der Pöbel endlich vor ihm davongelaufen war, hatte er gelacht, und sein schreckliches, verbranntes Gesicht hatte sich für einen Augenblick verwandelt.

Jetzt zwang sie sich, in dieses Gesicht zu schauen, wirklich hinzuschauen. Es war ein Gebot der Höflichkeit, und die Höflichkeit durfte eine Dame niemals missachten. Die Narben sind gar nicht das Schlimmste, nicht einmal die Art, wie sein Mund zuckt. Es sind die Augen. Niemals zuvor hatte sie Augen gesehen, in denen solcher Zorn loderte. »Ich … ich hätte danach zu Euch kommen sollen«, sagte sie zögerlich. »Um Euch zu danken … weil Ihr mich gerettet habt … Ihr wart so tapfer.«

»Tapfer?« Sein Lachen klang wie ein Knurren. »Ein Hund braucht keinen Mut, um Ratten zu vertreiben. Sie waren mir dreißig zu eins überlegen, und trotzdem hat es niemand gewagt, sich mir in den Weg zu stellen.«

Sie hasste es, wie er redete, stets so schroff und wütend. »Macht es Euch Freude, den Menschen Angst einzujagen?«

»Nein, es macht mir Freude, Menschen zu töten.« Sein Mund zuckte. »Verzieh dein Gesicht, so viel du willst, aber erspare mir diese falsche Frömmigkeit. Du bist das Balg eines hohen Lords. Erzähle mir nicht, Lord Eddard Stark von Winterfell habe niemals einen Mann getötet.«

»Das war seine Pflicht. Aber es hat ihm nie gefallen.«

»Hat er dir das erzählt?« Clegane lachte erneut. »Dein Vater hat gelogen. Töten ist das Süßeste der Welt.« Er zog sein Langschwert. »Hier ist deine Wahrheit. Dein werter Vater hat das auf den Stufen von Baelor herausgefunden. Lord von Winterfell, Hand des Königs, Wächter des Nordens, der mächtige Eddard Stark aus einem Geschlecht, das achttausend Jahre alt ist … und trotzdem hat Ilyn Payns Klinge seinen Hals ganz einfach durchtrennt, nicht? Erinnerst du dich an den Tanz, den er vollführt hat, als ihm der Kopf von den Schultern fiel?«

Sansa verschränkte die Arme, weil ihr plötzlich kalt wurde. »Warum seid Ihr immer so hasserfüllt? Ich wollte Euch danken …«

»So wie einem dieser wahren Ritter, die du so sehr liebst, ja. Wozu, denkst du, ist ein Ritter da, Mädchen? Meinst du, es geht dabei bloß um die Gunst einer Dame und eine prächtige goldene Rüstung? Ritter sind dazu da, um zu töten.« Er legte ihr die Klinge des Langschwerts knapp unter dem Ohr an den Hals. Sansa spürte die Schärfe der Klinge. »Ich habe meinen ersten Mann mit zwölf getötet. Inzwischen habe ich zu zählen aufgehört, wie viele es waren. Hohe Lords mit alten Namen, fette Reiche in Samt und Seide, Ritter, die vor lauter Ehre aufgeplustert waren wie Gockel, ja, und auch Frauen und Kinder – alles nur Fleisch, und ich bin der Schlachter. Mögen sie ihre Ländereien und ihre Götter und ihr Gold haben. Mögen sie ihre Sers haben.« Sandor Clegane spuckte ihr vor die Füße, um ihr zu zeigen, was er davon hielt. »Solange ich das hier habe«, sagte er und hob das Schwert von ihrem Hals, »brauche ich keinen Mann der Welt zu fürchten.«

Außer Eurem Bruder, dachte Sansa, hatte jedoch genug Verstand, das nicht laut auszusprechen. Er ist ein Hund, genau wie er sagt. Ein halbwilder, gereizter Hund, der jede Hand beißt, die ihn zu streicheln versucht, und dennoch jeden anfällt, der seinem Herrn zu nahe kommt. »Nicht einmal die Männer jenseits des Flusses?«

Clegane wandte den Blick auf die fernen Brände. »All diese Feuer.« Er schob das Schwert in die Scheide. »Nur Feiglinge kämpfen mit Feuer.«

»Lord Stannis ist kein Feigling.«

»Er ist aber auch nicht der Mann, der sein Bruder war. Robert hat sich niemals von einer Kleinigkeit wie einem Fluss aufhalten lassen.«

»Was werdet Ihr tun, wenn er herüberkommt?«

»Kämpfen. Töten. Vielleicht auch sterben.«

»Habt Ihr keine Angst? Die Götter könnten Euch für all das Böse, das Ihr getan habt, in die Hölle verbannen?«

»Welches Böse?« Er lachte. »Welche Götter?«

»Die Götter, die uns alle erschaffen haben.«

»Uns alle?«, spottete er. »Sag mir, kleiner Vogel, was für ein Gott erschafft ein Ungeheuer wie den Gnom oder eine Schwachsinnige wie Lady Tandas Tochter? Wenn es Götter gibt, haben sie Schafe gemacht, damit Wölfe sie fressen, und sie haben die Schwachen gemacht, damit die Starken mit ihnen spielen können.«

»Wahre Ritter beschützen die Schwachen.«

Er schnaubte. »Wahre Ritter gibt es nicht, genauso wenig wie Götter. Wenn du dich nicht selbst beschützen kannst, stirb und geh jenen aus dem Weg, die es können. Scharfer Stahl und starke Arme regieren diese Welt, und du solltest nichts anderes glauben.«

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