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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Sansa wich vor ihm zurück. »Ihr seid schrecklich.«

»Ich bin lediglich ehrlich. Die Welt ist es, die schrecklich ist. Und jetzt flieg davon, kleiner Vogel, ich bin dein Piepen leid.«

Wortlos floh sie. Sie fürchtete sich vor Sandor Clegane … und doch wünschte sie sich insgeheim, Ser Dontos besäße ein wenig von der Grimmigkeit des Bluthundes. Es gibt doch Götter, redete sie sich ein, und wahre Ritter auch. Die ganzen Geschichten können nicht erlogen sein.

In dieser Nacht träumte Sansa abermals von dem Aufruhr. Der Pöbel drängte sich um sie und brüllte wie eine wahnsinnige Bestie mit tausend Gesichtern. Überall, wohin sie sah, erblickte sie Gesichter, die sich zu monströsen unmenschlichen Fratzen verzerrten. Sie weinte und sagte ihnen, sie habe niemals jemandem von ihnen ein Leid getan, und trotzdem zogen sie Sansa vom Pferd. »Nein«, schrie sie, »nein, bitte nicht, nicht«, doch niemand hörte auf sie. Sie rief nach Ser Dontos, nach ihren Brüdern, nach ihrem toten Vater und ihrem toten Wolf, nach dem galanten Ser Loras, der ihr einst eine rote Rose geschenkt hatte, doch keiner von ihnen kam. Sie rief nach den Helden aus den Liedern, nach Florian und Ser Ryam Rothweyn und Prinz Aemon dem Drachenritter, doch keiner hörte sie. Frauen fielen wie Frettchen über sie her, kniffen ihr in die Beine und traten ihr in den Bauch, und dann schlug ihr jemand ins Gesicht, und sie spürte, wie ihre Zähne zerbrachen. Plötzlich sah sie das helle Funkeln von Stahl. Das Messer bohrte sich in ihren Bauch und riss und riss und riss daran, bis untenherum nichts mehr außer feuchten roten Fetzen übrig war.

Als sie erwachte, fiel das bleiche Licht des Morgens durch das Fenster herein, und dennoch fühlte sie sich schwach und zerschlagen, als habe sie überhaupt nicht geschlafen. Zwischen ihren Schenkeln war es feucht. Sie warf die Decke zurück und entdeckte das Blut, und alles, was sie denken konnte, war, dass ihr Traum irgendwie wahr geworden sein musste. Voller Schrecken wich sie zurück, stieß die Laken fort und fiel keuchend zu Boden, nackt, blutig und verängstigt.

Doch als sie dort auf Händen und Knien hockte, begriff sie langsam. »Nein, bitte«, wimmerte sie, »bitte, nein.« Sie wollte nicht, dass ihr das passierte, nicht jetzt, nicht hier, nicht jetzt, nicht jetzt, nicht jetzt, nicht jetzt.

Der Wahnsinn übermannte sie. Sie zog sich am Bettpfosten hoch, ging zum Becken, wusch sich zwischen den Beinen und scheuerte die rote Feuchtigkeit fort. Als sie damit fertig war, war das Wasser rosa gefärbt. Wenn die Dienstmädchen das sahen, würden sie Bescheid wissen. Dann erinnerte sie sich an die Bettwäsche. Sie lief zum Bett und starrte entsetzt auf den dunkelroten Fleck, der die ganze Geschichte verriet. In ihrem Kopf kreiste nur ein einziger Gedanke: Sie musste den Fleck verschwinden lassen, sonst würden sie ihn sehen. Und das durften sie nicht, sonst würde man sie mit Joffrey verheiraten, und dann müsste sie das Bett mit ihm teilen.

Also holte sie ihr Messer hervor und schnitt den Flecken aus dem Laken. Und was sage ich, wenn sie mich nach dem Loch fragen? Tränen rannen ihr über das Gesicht. Sie riss das beschädigte Laken und auch die beschmutzte Decke vom Bett. Ich muss sie verbrennen. Sie ballte die Beweisstücke zusammen, stopfte sie in den Kamin, goss Öl aus der Lampe neben dem Bett darüber und zündete sie an. Dann entdeckte sie, dass das Blut durch das Laken in die Federmatratze gesickert war, und so knüllte sie diese ebenfalls zusammen, doch sie war groß und sperrig und schwer zu bewegen. Sansa bekam nur die Hälfte ins Feuer. Sie hockte sich auf die Knie und schob die Matratze weiter in die Flammen. Dicker grauer Rauch hüllte sie ein und füllte das Zimmer, als die Tür aufging und sie hörte, wie ihre Zofe vor Schreck nach Luft schnappte.

Am Ende waren drei Dienstmädchen notwendig, um sie vom Kamin fortzuzerren. Und alles war vergeblich. Zwar waren die Bettsachen verbrannt, doch als man sie wegzog, waren ihre Schenkel bereits wieder blutig. Ihr eigener Körper hatte sie an Joffrey verraten, hatte ein Banner im Scharlachrot der Lennisters, gehisst vor aller Augen.

Nachdem das Feuer gelöscht war, trug man die versengte Federmatratze fort, lüftete, bis der ärgste Rauch abgezogen war, und holte eine Wanne. Frauen kamen und gingen, murmelten etwas und schauten sie seltsam an. Sie füllten die Wanne mit brühheißem Wasser, badeten sie, wuschen ihr das Haar und gaben ihr ein Tuch, das sie zwischen den Beinen tragen sollte. Inzwischen hatte sich Sansa wieder beruhigt und schämte sich für ihre Einfalt. Der Rauch hatte die meisten ihrer Kleider verdorben. Eine der Frauen ging hinaus und kehrte mit einem grünen Wollkleid zurück, das ungefähr ihre Größe hatte. »Es ist nicht so schön wie Eure eigenen, aber es wird genügen«, sagte sie, während sie es Sansa über den Kopf streifte. »Eure Schuhe sind nicht verbrannt, daher braucht Ihr der Königin wenigstens nicht barfuß gegenüberzutreten. «

Cersei Lennister saß beim Frühstück, als Sansa in ihr Solar geführt wurde. »Du darfst dich setzen«, sagte die Königin huldvoll. »Bist du hungrig?« Sie wies mit einer Geste auf den Tisch. Es gab Haferbrei, Honig, Milch, gekochte Eier und knusprig gebratenen Fisch.

Beim Anblick der Speisen wurde Sansa übel. Ihr Bauch hatte sich zu einem schmerzhaften Knoten verkrampft. »Nein danke, Euer Gnaden.«

»Ich kann dir keinen Vorwurf machen. Bei dem, was Tyrion und Lord Stannis treiben, schmeckt alles, was ich esse, nach Asche. Und jetzt legst du auch noch Feuer. Was wolltest du denn damit erreichen?«

Sansa senkte den Kopf. »Das Blut hat mich erschreckt.«

»Das Blut ist das Siegel unserer Weiblichkeit. Lady Catelyn hätte dich darauf vorbereiten sollen. Du erblühst zum ersten Mal, mehr nicht.«

Selten hatte sich Sansa weniger blühend gefühlt. »Meine Hohe Mutter hat es mir erklärt, aber ich … ich hatte es mir ganz anders vorgestellt.«

»Anders? Inwiefern?«

»Ich weiß nicht. Weniger … weniger schmutzig und eher magisch.«

Königin Cersei lachte. »Warte, bis du dein erstes Kind zur Welt bringst, Sansa. Das Leben einer Frau besteht zu neun Teilen aus Schmutz und zu einem Teil aus Magie, das wirst du noch früh genug lernen … und die Dinge, die wie Magie aussehen, enden oft im größten Schmutz.« Sie trank einen Schluck Milch. »Also bist du jetzt eine Frau. Hast du eine Vorstellung davon, was das bedeutet?«

»Es bedeutet, dass ich nun reif bin, die Ehe zu schließen und zu vollziehen«, erwiderte Sansa, »und dem König Kinder zu gebären.«

Die Königin lächelte sie schief an. »Diese Aussicht scheint dir lange nicht mehr so gut zu gefallen wie noch vor einiger Zeit, das sehe ich wohl. Aber ich will dir das nicht übel nehmen. Joffrey war schon immer schwierig. Sogar bei seiner Geburt … Ich habe anderthalb Tage in den Wehen gelegen, um ihn zur Welt zu bringen. Du kannst dir den Schmerz nicht vorstellen, Sansa. Ich habe so laut geschrien, dass ich dachte, selbst Robert im Königswald müsse mich hören.«

»Seine Gnaden war nicht bei Euch?«

»Robert? Robert war auf der Jagd. So hat er es immer gehalten. Wann immer meine Zeit nahte, ist mein königlicher Gemahl mit seinen Jägern und Hunden zu den Bäumen geflohen. Wenn er zurückkehrte, präsentierte er mir ein paar Pelze oder den Kopf eines Hirsches, und ich präsentierte ihm einen Säugling.

Nicht, dass ich ihn gern dabei gehabt hätte. Schließlich hatte ich Großmaester Pycelle und eine Armee von Hebammen und außerdem meinen Bruder. Als sie Jaime sagten, ihm sei die Anwesenheit im Entbindungsgemach nicht gestattet, hat er nur gelächelt und gefragt, wer von ihnen vorhabe, ihn davon abzuhalten.

Joffrey wird solche Hingabe wohl kaum zeigen, fürchte ich. Du könntest deiner Schwester dafür danken, wenn sie nicht tot wäre. Den Tag am Trident, als du mit angesehen hast, wie sie ihn beschämt hat, wird er wohl nie vergessen, also beschämt er im Gegenzug dich. Aber du bist viel stärker, als du aussiehst. Ein wenig Demütigung wirst du schon ertragen. Das habe ich auch getan. Vielleicht wirst du den König niemals lieben, aber bestimmt seine Kinder.«

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