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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Seine Hand erstarrte. »Ein Mädchen.«

»Eine Wächterin«, erwiderte Steinschlange. »Ein Wildling. Töte sie.«

Jon sah die Furcht und das Feuer in ihren Augen. Blut rann dort, wo sein Dolch ihre Haut verletzt hatte, die Kehle hinunter. Einmal zustoßen, und es ist erledigt, sagte er sich. Er war ihr so nah, dass er die Zwiebeln in ihrem Atem riechen konnte. Sie ist nicht älter als ich. Irgendetwas an ihr erinnerte ihn an Arya, obwohl sie seiner Halbschwester nicht im Geringsten ähnelte. »Ergibst du dich?«, fragte er und drehte den Dolch ein wenig herum. Und wenn nicht?

»Ich ergebe mich.« Ihre Worte dampften in der kalten Luft.

»Dann bist du jetzt unsere Gefangene.« Er zog den Dolch von der weichen Haut ihres Halses zurück.

»Qhorin hat nichts davon gesagt, Gefangene zu machen«, meinte Steinschlange.

»Und auch nichts davon, es nicht zu tun.« Jon ließ das Haar des Mädchens los, und sie wich rückwärts vor ihm zurück.

»Sie ist eine Speerfrau.« Steinschlange deutete auf die lange Axt, die neben den Fellen lag. »Sie hat gerade danach gegriffen, als du sie gepackt hast. Gib ihr den Hauch einer Chance, und sie rammt dir die Axt zwischen die Augen.«

»Ich werde ihr keine Gelegenheit dazu geben.« Jon stieß die Axt mit dem Fuß außer Reichweite des Mädchens. »Hast du einen Namen?«

»Ygritte.« Sie rieb sich den Hals und starrte auf das Blut an ihrer Hand.

Jon steckte den Dolch in die Scheide und zog Langklaue mit einem Ruck aus dem Leichnam des Mannes, den er getötet hatte. »Du bist meine Gefangene, Ygritte.«

»Ich habe dir meinen Namen genannt.«

»Ich heiße Jon Schnee.«

Sie zuckte zusammen. »Ein schlimmer Name.«

»Der Name eines Bastards«, antwortete er. »Mein Vater war Lord Eddard Stark von Winterfell.«

Das Mädchen beäugte ihn wachsam, doch Steinschlange lachte grimmig. »Es ist immer der Gefangene, der reden soll, vergessen?« Der Grenzer hielt einen langen Zweig ins Feuer. »Nicht dass sie reden wird. Ich habe Wildlinge gesehen, die sich eher die Zunge abbissen, als nur eine einzige Frage zu beantworten.« Das Ende des Zweigs brannte, und Steinschlange machte zwei Schritte und warf ihn weit hinaus in den Pass. Wirbelnd fiel er durch die Nacht, bis er außer Sicht war.

»Ihr solltet die verbrennen, die ihr getötet habt«, sagte Ygritte.

»Dazu bräuchten wir ein größeres Feuer, und große Feuer leuchten hell.« Steinschlange drehte sich um und suchte in der schwarzen Ferne nach weiteren Feuern. »Sind noch mehr Wildlinge in der Nähe, ist es deshalb?«

»Verbrennt sie«, beharrte das Mädchen, »oder ihr braucht vielleicht bald wieder eure Schwerter.«

Jon erinnerte sich an den toten Othor und seine kalten schwarzen Hände. »Vielleicht sollten wir lieber tun, was sie sagt.«

»Es gibt noch andere Möglichkeiten.« Steinschlange kniete neben dem Mann nieder, den er erschlagen hatte und zog ihm Mantel, Stiefel, Gürtel und Weste aus, dann hievte er sich den Leichnam über die Schulter und trug ihn zur Kante. Grunzend warf er ihn hinunter. Einen Augenblick später hörten sie ein dumpfes Klatschen aus der Tiefe. Inzwischen hatte der Grenzer bereits die zweite Leiche bis auf die Haut ausgezogen und zog sie an den Armen zum Rand. Jon nahm die Füße, und gemeinsam schleuderten sie den Toten hinaus in die schwarze Nacht.

Ygritte beobachtete sie und sagte nichts. Sie war älter, als er zunächst gedacht hatte, erkannte Jon, vielleicht zwanzig, doch sehr klein für ihr Alter. Sie hatte O-Beine, ein rundes Gesicht, kleine Hände und eine Stupsnase. Ihr struppiger Rotschopf stand in alle Richtungen ab. Sie wirkte mollig, wie sie so dahockte, doch vermutlich lag das an den Fellen, der Wolle und dem Leder. Unter all dem könnte sie genauso dünn sein wie Arya.

»Wurdet ihr geschickt, um nach uns Ausschau zu halten?«, fragte Jon sie.

»Nach euch und nach anderen.«

Steinschlange wärmte sich die Hände am Feuer. »Was erwartet uns jenseits des Passes?«

»Das freie Volk.«

»Wie viele?«

»Hunderte und Tausende. Mehr als du je gesehen hast, Krähe.« Sie lächelte. Ihre Zähne waren schief, aber sehr weiß.

Sie weiß nicht, wie viele. »Warum seid ihr hergekommen?«

Ygritte verfiel in Schweigen.

»Was ist in den Frostfängen, das euer König haben will? Ihr könnt nicht lange hierbleiben, es gibt nichts zu essen.«

Sie wandte das Gesicht von ihm ab.

»Wollt ihr zur Mauer marschieren? Wann?«

Sie starrte in die Flammen und schien ihn nicht zu hören.

»Weißt du irgendetwas über meinen Onkel, Benjen Stark?«

Ygritte beachtete ihn nicht. Steinschlange lachte. »Wenn sie ihre Zunge ausspuckt, sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt. «

Von den Felsen hallte ein tiefes Grollen wider. Eine Schattenkatze, wurde Jon sofort klar. Er erhob sich und hörte eine zweite, die noch näher war. Er zog sein Schwert, drehte sich um und lauschte.

»Sie werden uns nicht belästigen«, sagte Ygritte. »Sie sind wegen der Toten gekommen. Katzen riechen Blut auf sechs Meilen Entfernung. Sie werden bei den Leichen bleiben, bis sie das letzte Fleisch abgenagt und die Knochen geknackt und ausgesaugt haben.«

Jon konnte die Geräusche von unten hören. Ihm war unbehaglich dabei zu Mute. Die Wärme des Feuers machte ihm plötzlich bewusst, wie müde er war, doch er wagte nicht zu schlafen. Er hatte die Frau gefangen genommen, und es war an ihm, sie zu bewachen. »Waren sie mit dir verwandt?«, fragte er leise. »Die beiden, die wir getötet haben?«

»Nicht mehr als du.«

»Ich?« Er legte die Stirn in Falten. »Was meinst du damit? «

»Du hast gesagt, du seist der Bastard von Winterfell.«

»Das bin ich.«

»Wer war deine Mutter?«

»Irgendeine Frau. Wie bei den meisten anderen Menschen. « Das hatte einmal jemand zu ihm gesagt. Wer, daran konnte er sich nicht erinnern.

Sie lächelte abermals, und ihre weißen Zähne leuchteten. »Hat sie dir nie das Lied der Winterrose vorgesungen?«

»Ich habe meine Mutter nie kennengelernt. Und dieses Lied kenne ich auch nicht.«

»Bael der Barde hat es gedichtet«, erklärte Ygritte. »Vor langer Zeit war er König-jenseits-der-Mauer. Das ganze freie Volk kennt seine Lieder, aber im Süden werden sie vielleicht nicht gesungen.«

»Winterfell liegt nicht im Süden«, widersprach Jon.

»Oh, doch. Alles jenseits der Mauer ist für uns der Süden. «

So hatte er das noch nie betrachtet. »Ich nehme an, das hängt vom Standpunkt ab.«

»Ja«, stimmte Ygritte zu, »wie immer.«

»Erzähl schon«, drängte Jon. Es würde Stunden dauern, bis Qhorin eintraf, und eine Geschichte würde ihn wachhalten. »Ich möchte die Geschichte hören.«

»Vielleicht würde sie dir nicht gefallen.«

»Trotzdem möchte ich sie hören.«

»Tapfere schwarze Krähe«, spottete sie. »Nun, lange, lange Zeit, ehe Bael König des freien Volkes wurde, war er ein mächtiger Bandit.«

Steinschlange schnaubte. »Ein Mörder, Räuber und Schänder, wolltest du sagen.«

»Das hängt auch vom Standpunkt ab«, sagte Ygritte. »Der Stark in Winterfell wollte Baels Kopf, bekam ihn aber nicht zu fassen, und dieser Misserfolg ärgerte ihn. Eines Tages nannte er Bael in seiner Verbitterung einen Feigling, der immer nur über die Schwachen herfiele. Als Bael davon erfuhr, schwor er, dem Lord eine Lektion zu erteilen. Er kletterte also über die Mauer, lief den Königsweg hinunter, und marschierte eines Winterabends mit der Harfe in der Hand nach Winterfell hinein und nannte sich Sygerrik von Skagos. Sygerrik bedeutet ›Täuscher‹ in der Alten Sprache, die von den Ersten Menschen gesprochen wurde und von den Riesen noch immer gesprochen wird.

Ob Norden oder Süden, Sänger werden überall gern willkommen geheißen, daher saß Bael am Tisch von Lord Stark und spielte die halbe Nacht lang für den Lord auf seinem hohen Stuhl. Er sang die alten Lieder und die neuen, die er selbst verfasst hatte, und er spielte und sang so schön, dass der Lord ihm, nachdem er geendet hatte, anbot, er möge sich selbst eine Belohnung aussuchen. ›Ich bitte nur um eine Blume‹, antwortete Bael, ›die schönste Blume, die in den Gärten von Winterfell blüht.‹

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