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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04

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Die Saat des goldenen Löwen. Das Lied von Eis und Feuer 04 von George RR Martin.
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Lange Zeit blieben sie auf dem Weg und folgten seinen Windungen entlang der Steilhänge. Aufwärts, immer nur aufwärts ging es. Manchmal schoben sich die Berge vor, und sie verloren das Feuer aus den Augen, doch früher oder später tauchte es wieder auf. Der Pfad, den Steinschlange wählte, wäre für Pferde nicht begehbar gewesen. An manchen Stellen musste Jon den Rücken an den kalten Stein drücken und seitlich wie eine Krabbe Zoll um Zoll vorrücken. Selbst an den Stellen, wo der Pfad breiter war, war er verräterisch; es gab Risse, die so breit waren, dass das Bein eines Mannes darin verschwinden konnte, Geröll, über das man stolpern konnte, Hohlräume, in denen am Tag Wasser stand, die nachts jedoch mit Eis gefüllt waren. Ein Schritt nach dem anderen, machte er sich Mut. Ein Schritt nach dem anderen, dann stürze ich nicht ab.

Seit ihrem Aufbruch von der Faust der Ersten Menschen hatte er sich nicht mehr rasiert, und die Haare auf seiner Oberlippe waren bald steifgefroren. Nach zwei Stunden Kletterei nahm der Wind plötzlich so stark zu, dass Jon sich nur niederkauern, an den Felsen klammern und hoffen konnte, er würde nicht davongeweht. Ein Schritt nach dem anderen, redete er sich ein, nachdem die Sturmböe nachgelassen hatte. Ein Schritt nach dem anderen, dann stürze ich nicht ab.

Bald waren sie so hoch, dass es besser war, nicht hinunterzuschauen. Unter ihnen gähnte doch nur Schwärze, über ihnen gab es nur Mond und Sterne. »Der Berg ist deine Mutter«, hatte Steinschlange ihm während einer leichteren Kletterpartie vor ein paar Tagen erklärt. »Klammere dich an sie, drück dein Gesicht an ihre Brust, dann wird sie dich nicht fallen lassen.« Jon hatte scherzhaft gesagt, er habe sich schon immer gefragt, wer seine Mutter sei, doch er hätte niemals gedacht, sie in den Frostfängen zu finden. Inzwischen fand er es nicht mehr so lustig. Ein Schritt nach dem anderen, mahnte er sich abermals und klammerte sich fest.

Plötzlich endete der schmale Pfad an einem dunklen Granitvorsprung, der aus der Bergseite ragte. Nach dem hellen Mondschein wirkte der Schatten des Vorsprungs so schwarz, dass er das Gefühl hatte, er betrete eine Höhle. »Hier hoch«, sagte der Grenzer leise. »Wir wollen höher als sie kommen.« Er zog seine Handschuhe aus, schob sie in den Gürtel und band sich ein Ende seines Seils um die Hüften und das andere um Jon. »Komm nach, wenn das Seil straff ist.« Der Grenzer wartete keine Antwort ab, sondern kletterte sofort los; er bewegte sich mit Fingern und Zehen schneller aufwärts, als Jon glauben mochte. Das lange Seil wickelte sich langsam ab. Jon beobachtete Steinschlange genau und merkte sich, wo der Mann Halt fand. Nachdem das Seil straff geworden war, zog er ebenfalls die Handschuhe aus und folgte, wenngleich wesentlich langsamer.

Steinschlange hatte das Seil um eine glatte Felsspitze geschlungen, auf der er saß und wartete, doch sobald Jon ihn erreichte, löste er die Schlinge und machte sich abermals auf den Weg. Diesmal fand er keinen so geeigneten Platz, als das Seil zu Ende war, daher holte er seinen mit Filz umhüllten Hammer hervor und trieb einen Nagel in einen Riss. Obwohl die Schläge sehr leise waren, hallten sie vom Stein wider, und Jon zuckte bei jedem Einzelnen zusammen. Bestimmt mussten die Wildlinge sie ebenfalls hören. Schließlich war der Nagel eingeschlagen, und Steinschlange befestigte das Seil daran. Jetzt folgte Jon ihm. Saug an der Brust des Berges, rief er sich in Erinnerung. Nicht nach unten schauen. Halte dein Gewicht über den Füßen. Nicht nach unten schauen. Schau auf den Fels vor dir. Dort kannst du dich gut festhalten, ja. Nicht nach unten schauen. Auf dem Vorsprung da kann ich ausruhen, ich muss ihn nur erreichen. Bloß nicht nach unten schauen.

Einmal rutschte er mit einem Fuß ab, als er sein Gewicht darauf verlagerte, und das Herz stockte ihm, doch die Götter waren gut zu ihm, und er stürzte nicht ab. Er spürte, wie die Kälte aus dem Stein in seine Finger kroch, doch er wagte es nicht, die Handschuhe anzuziehen; die Handschuhe würden rutschen, gleichgültig, wie eng sie zu sitzen schienen, Stoff und Fell würden sich zwischen Stein und Haut bewegen, und hier oben konnte das seinen Tod bedeuten. Seine verbrannte Hand wurde steif und begann bald zu schmerzen. Dann riss er sich irgendwo den Daumennagel auf und hinterließ auf allem, das er berührte, Blutspuren. Hoffentlich hatte er noch alle Finger, wenn diese Kletterpartie zu Ende war.

Aufwärts ging es, aufwärts und aufwärts, sie waren schwarze Schatten, die über eine mondbeschienene Felswand krochen. Unten vom Pass her hätte man sie leicht entdeckt, doch der Berg verbarg sie vor den Blicken der Wildlinge am Feuer. Inzwischen waren sie ihnen sehr nah, das spürte Jon. Dennoch dachte er nicht an die Feinde, die ihn erwarteten, wenn auch unwissend, sondern an seinen Bruder in Winterfell. Bran ist für sein Leben gern geklettert. Ich wünschte, ich hätte nur ein Zehntel seines Mutes.

Auf zwei Dritteln des Wegs wurde die Wand durch einen schrägen Spalt im eiskalten Stein unterbrochen. Steinschlange streckte Jon die Hand entgegen und half ihm hinauf. Er hatte die Handschuhe wieder angezogen, und so folgte Jon seinem Beispiel. Der Grenzer deutete mit dem Kopf nach links, und die beiden krochen dreihundert Meter oder mehr auf dem Vorsprung entlang, bis sie das gedämpfte orangefarbene Leuchten jenseits der Klippe unter ihnen sehen konnten.

Dort hatten die Wildlinge ihr Wachfeuer in einer seichten Senke oberhalb der schmalsten Stelle des Passes angezündet. Steil ging es vor ihnen hinunter, der Fels hinter ihnen schützte sie vor dem ärgsten Wind. Dieser Windschutz erlaubte es den schwarzen Brüdern jedoch gleichzeitig, bäuchlings bis auf wenige Meter an sie heranzukriechen, bis sie auf die Männer hinunterschauen konnten, die sie töten mussten.

Einer schlief zusammengerollt unter einem großen Haufen Felle. Jon konnte von ihm nur das Haar sehen, das hellrot im Feuerschein glänzte. Der Zweite saß dicht bei den Flammen, legte Zweige nach und beschwerte sich gereizt über den Wind. Der Dritte beobachtete den Pass, obwohl dort wenig zu sehen war, nur Dunkelheit, die von den schneebedeckten Höhen der Berge umringt war. Und dieser Dritte trug das Horn.

Drei. Einen Augenblick lang war Jon verunsichert. Es sollten doch nur zwei sein. Immerhin schlief einer. Und ob es nun zwei oder drei oder zwanzig waren, er musste trotzdem tun, weswegen sie hergekommen waren. Steinschlange berührte ihn am Arm und zeigte auf den Wildling mit dem Horn. Jon deutete mit dem Kopf auf den am Feuer. Es war ein merkwürdiges Gefühl, jemanden auszuwählen, den man töten würde. Sein halbes Leben lang hatte er mit Schwert und Schild verbracht und sich auf diesen Moment vorbereitet. Hat sich Robb so vor seiner ersten Schlacht gefühlt?, fragte er sich, doch ihm blieb keine Zeit, lange darüber nachzudenken. Steinschlange bewegte sich so schnell wie seine Namensvetterin, er erhob sich und sprang in einem Steinhagel hinunter zu den Wildlingen. Jon zog Langklaue aus der Scheide und folgte ihm.

Alles schien nur einen Herzschlag lang zu dauern. Später musste Jon den Mut des Wildlings bewundern, der zuerst nach dem Horn griff statt nach seiner Waffe. Er brachte es noch an die Lippen, doch ehe er hineinstoßen konnte, hatte Steinschlange es ihm mit dem Kurzschwert aus der Hand geschlagen. Jons Mann sprang auf und stieß mit einem brennenden Scheit nach ihm. Jon spürte die Hitze der Flammen, als er zurückzuckte. Aus den Augenwinkeln sah er, dass sich der Schläfer regte, und er wusste, dass er schnell mit seinem Gegenüber fertig werden musste. Als der Mann erneut mit dem Scheit ausholte, warf er sich vor und schwang das Bastardschwert mit beiden Händen. Der valyrische Stahl schnitt durch Leder, Fell, Wolle und Fleisch, doch als der Wildling fiel, riss er ihm das Schwert aus der Hand. Auf dem Boden setzte sich der Schlafende unter den Fellen auf. Jon zog seinen langen Dolch, packte den Mann am Haar und drückte ihm die Messerspitze unter das Kinn, während er nach seinem – nein, ihrem –

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