Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
»Ach, Paul. Was für eine wunderbare Idee!«
»Wenn wir es bloß könnten, nicht?«
»Ja, wenn.« Sie ergriff seine Hand und drückte sie kurz und flüchtig, dann zog sie die Hand wieder rasch weg, als wäre das bereits zu gewagt gewesen.
Carpenter erkannte, dass er im Grunde gar nichts über diese Frau wusste. Sie war warm und gut und freundlich, doch sie hatte sich die ganze Zeit wie hinter Glas abgeschirmt: eine Freundin, ein guter Kamerad, aber immer von einer Mauer gegen die Welt umgeben. Und nun war er innerhalb dieser Abschirmung.
Sie redeten stundenlang wie in den alten Zeiten in St. Louis; schwatzten über alte Freunde und über Firmengerüchte und allgemein über Weltereignisse. Er begriff, dass sie damit beabsichtigte, dass er sich entspannte – und vielleicht sie selbst sich ebenfalls. Es war leicht, die unterschwellige Nervosität in ihr zu spüren. Er begriff, dass er ganz schön viel von ihr forderte – indem er einfach so aus dem Nichts bei ihr antanzte, sich bei ihr einnistete und ihr die Trümmer seines kaputten Lebens vor die Füße warf und noch nicht einmal genau sagen konnte, was er nun von ihr erwartete. Und das konnte er nicht, weil er es nicht wusste.
Gegen halb elf sagte sie: »Paul, du musst doch todmüde sein nach der langen Fahrt praktisch ohne Stopp von Kalifornien herauf.«
»Ja. Ich such mir besser ein Zimmer in 'nem Hotel.«
Ihr Augen weiteten sich kurz. Wieder huschte ein rätselhafter Ausdruck über ihr Gesicht, wieder diese beklemmende Mischung aus Wärme und Unsicherheit.
»Du kannst meinetwegen gern hierbleiben«, sagte sie.
»Aber du hast doch so wenig Platz.«
»Wir kommen schon zurecht. Bitte. Ich würde mir gemein vorkommen, dich so in die Nacht rauszujagen.«
»Also …«
»Ich möchte, dass du bleibst.«
»Also«, wiederholte er und lächelte. »In diesem Fall …«
Sie ging ins Bad und blieb ziemlich lange dort. Carpenter stand neben dem schmalen Bett und wusste nicht, ob er sich ausziehen sollte. Als sie wiederkam, trug sie einen langen Bademantel. Dann ging Carpenter ins Bad, um sich zu waschen, und als er herauskam, lag sie im Bett und hatte das Licht gelöscht.
Er zog sich bis auf die Unterhose nackt aus und legte sich im Wohnzimmer auf den Boden.
»Nicht«, sagte Jeanne nach einer Weile. »Dummer.«
Dankbarkeit und Erregung und etwas, das man fast als Gewissensbiss hätte bezeichnen können, strömten gleichzeitig durch ihn. Er stolperte in der Dunkelheit zwischen den Möbeln durch und legte sich behutsam neben sie ins Bett, bemüht, sie dabei nicht zu berühren. Es war wirklich kaum Platz für beide.
Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sah er, dass ihr Nachtgewand offen und sie darunter nackt war und dass sie zitterte. Carpenter streifte seine Shorts ab und schleuderte sie fort. Dann legte er ihr behutsam die Hand auf die Schulter.
Sie schauderte. »Kalt«, sagte sie.
»Wird gleich wärmer.«
»Ja, bestimmt.«
Er ließ die Hand tiefer gleiten. Ihre Brust war klein und fest, die Brustwarze ganz steif. Er fühlten ihr Herz darunter schlagen, so heftig, dass es ihn erschreckte.
Ein seltsames Zaudern kam über ihn. Mit fremden Frauen ins Bett zu gehen, das war für ihn eigentlich nichts Ungewöhnliches, aber Jeanne Gabel war eigentlich keine Fremde für ihn, aber trotzdem kannte er sie nicht. Gekannt hatte er sie so lange Zeit – und sie überhaupt nicht gekannt, und sie waren so gute Freunde und dabei doch nie intim geworden. Und nun lag er hier neben ihr im Bett, und seine Hand streichelte ihre Brust. Und sie wartete. Aber sie hatte unverkennbar Furcht. Und sie schien ebenso wenig zu wissen, was tun, wie er. Ihm war bange, dass sie sich nur aus Mitleid mit ihm dazu bereitfand, und das wäre ihm gar nicht recht gewesen. Außerdem schoss ihm der absurde Gedanke durch den Kopf, dass sie vielleicht noch Jungfrau sein könnte; aber nein, nein, sowas war unmöglich. Sie war mindestens fünfunddreißig. Frauen, die so lange jungfräulich blieben – jedenfalls falls es so etwas außerhalb von Klostermauern überhaupt noch gab –, wollten wahrscheinlich diesen Zustand bis an ihr Ende beibehalten.
Sie rückte enger zu ihm her, gab ihm ungeschickt zu verstehen, dass er weitermachen solle. Seine Hand glitt an die Stelle, wo ihre Schenkel sich trafen.
»Paul – ah, ja, Paul … ja …«
Die Theatralik, das bühnenreife irgendwie künstliche Seufzen störte ihn ein bisschen. Aber was sonst hätte sie schließlich sagen sollen? Was konnte sie in dieser spannungsgeladenen neuen Situation schon anderes sagen als ›Paul‹ und ›ja‹?
Er streichelte sie ausgiebig und zart und konnte es immer noch irgendwie nicht recht glauben, dass es wirklich geschah, dass Jeanne und er nach all dieser langen Zeit wahrhaftig miteinander im Bett waren. Und er war auch keineswegs völlig sicher, dass es richtig war, wenn es jetzt so geschah.
»Ich liebe dich«, flüsterte er. Worte, die er früher oft und oft zu ihr gesagt hatte, leichthin und spielerisch-neckend, und etwas schwang auch jetzt davon mit. Aber auch noch etwas anderes – ein Schuldgefühl vielleicht, dass er einfach so in Jeannes geordnetes Single-Leben geplatzt war, in seiner hirnlosen, panisch verzweifelten Flucht aus dem Chaos, in das er nach der Rückkehr nach San Francisco geraten war. Und dazu kam noch diese Komponente von Dankbarkeit, die er ihr gegenüber empfand, dass sie sich ihm hingab. Verspieltheit, Schuldgefühl, Dankbarkeit: keine besonders guten Gründe, jemandem zu sagen, dass man ihn liebt, dachte Carpenter.
»Ich liebe dich, Paul«, flüsterte sie mit kaum vernehmbarer Stimme, während seine Hände über die geheimen Orte ihres Körpers irrten. »Ich lieb dich wirklich.«
Und dann war in ihr.
Keine Jungfrau, nein, soviel war ziemlich sicher. Doch er vermutete, dass es lange her war, dass sie so mit einem Mann zusammen gewesen war. Eine sehr lange Zeit.
Ihre langen muskulösen Arme umschlangen ihn fest. Ihre Hüften bewegten sich in scheinbar eifriger Rhythmik, auch wenn es eine andere war als die seine, und das machte die Sache ein wenig schwierig. Sie schien aus der Übung zu sein. Carpenter setzte sein Gewicht ein und versuchte, alles besser zu koordinieren. Das schien zu klappen – sie beugte sich seiner erfahreneren Technik. Doch dann, ganz plötzlich, schwamm ihm alles, was er im Lauf der Jahre an diesbezüglichen Techniken gelernt hatte, auf einem tosenden Strom von Emotionen davon, der brüllend tief aus ihm heraufschoss, ein verzweifelter Ansturm von Entsetzen und Verlorenheit und des Bewusstseins, in was für einen Absturz in bodenloses Chaos sein Leben auf einmal geraten war, ohne Fallschirm, ungesichert. Durch seinen Kopf tosten wilde Stürme, heiße Howling Diablos jagten ihm Glutstöße durch die Seele, während ohne Ende durch Regionen von Giftgasen wirbelte. Er klammerte sich an diese Frau, er jammerte und stöhnte wie ein kleiner Junge in den Armen seiner Mutter.
»Ja, Paul, jaaa!«, flüsterte sie. »Ich liebe dich. Ich liebe dich. Ich liebe dich.«
Als er ejakulierte, war das wie ein Hammer, der aus ihm heraus zuschlug. Er schrie keuchend auf und vergrub seinen Kopf an Jeannes Hals, und die Tränen strömten ihm aus den Augen wie schon seit vielen, seit mehr Jahren, als er sich noch erinnern konnte, nicht mehr. Danach lagen sie lange wortlos da, fast ohne sich zu regen. Dann küsste sie ihn flüchtig auf die Schulter und glitt aus dem Bett und verschwand im Bad. Dort blieb sie sehr lange. Er hörte Wasser laufen und vielleicht auch, dachte er, ein Schluchzen, war aber nicht sicher, und er hätte bestimmt nicht nachzufragen gewagt. Wenn schon, dachte er, dann lass es doch wenigstens vor Befriedigung sein.
Danach kam sie zurück, stieg wieder in das schmale Bett und drängte sich ganz dicht an ihn. Sie sagten beide nichts. Er nahm sie in die Arme, und sie kuschelte sich an ihn; und nach einer Weile merkte er, dass sie eingeschlafen war. Und dann schlief auch er irgendwann.